Australien 2007 - Tag 24
Erlebt am 16. November 2007 – Von Hyden (Wave Rock)nach Fitzgerald River National Park (Campsite am Hammersley River Inlet)
Über einen hohen Gipfel zu stillen Wassern
Um halb sieben schälen wir uns schon aus den Schlafsäcken. Denn wir wollen nach der Morgentoilette rund ums gemütliche Frühstück Gelegenheit haben, bei verschiedenem Morgenlicht im Waverock zu fotografieren, was sich mit Gegenlicht und Schattenwürfen zwar reizvoll, aber auch schwierig anlässt. Aber die Perspektive, die diese erstarrte Welle bietet, und die Wucht ihrer Grösse, ist einfach atemberaubend.
Wir wollen heute in den Fitzgerald River National Park an den Hammersley River, oder den Hamersley River (es finden sich beide Schreibweisen), aber der Hammer erwischt uns schon bevor wir überhaupt starten – beim Zeltabbau. Da bemerke ich nämlich, dass wir erneut zwei gebrochene Zeltstangen haben. Die eine ist entzwei, wie wir es schon kennen – direkt an der Stelle, an der die Ummantelung des Fiberglas’ mit der Metallhülse des Endstücks beginnt. Die andere aber ist zerspittert. Wir merken es erst jetzt, weil die Stange den äusseren Bogen noch beschreibt und die zersplitterten Fiberenden sich nach unten abspreizen… Dennoch hat das Oberzelt ein neues, in seiner Art altbekanntes Loch bekommen…
Wie wenn das nicht reichen würde, hat mein Schatz immer mehr mit ihrem juckenden (Sandfliegen-?-)Ausschlag am ganzen Oberkörper zu kämpfen. Sie ist wirklich nicht zu beneiden und ich bewundere sie für den noch immer erstaunlichen Gleichmut, mit dem sie alles zu ertragen versucht. Dennoch sind wir die ersten hundert Kilometer beide recht still. Wir kämpfen neben einander mit unseren Nerven und wollen uns den blanken Ärger nicht gegenseitig um die Ohren schlagen. Wir finden einfach, es dürfte doch auch mal etwas normal laufen, einfach so mal, quasi zur Abwechslung; die Reise ist doch auch so schon lang und voller Strapazen. Aber nach dem inneren Durchatmen sprechen wir uns gegenseitig darauf an, können den Frust teilen und ihn damit halbieren.
Die phantastische Landschaft mit salzhaltigen Böden und riesigen Weizenfeldern trägt das Ihre zu grossartigen Ablenkungen bei.
Wir möchten auf einem der wenigen Picknickplätze gerne den neu gefundenen Frieden vertiefen und was essen. Doch es ist uns nicht vergönnt. Ausgerechnet jetzt und hier sticht, wenigstens noch bevor wir ausgestiegen sind, ein Pitbull aus den Büschen hervor und kläfft uns an. Der Kampfhund scheint Lust auf eine Sparringrunde zu haben, aber er ist damit alleine. Wir halten Ausschau nach dem Besitzer, sehen ein Auto zwischen den Bäumen stehen, sicher hundert Meter entfernt, aber kein Herrchen weit und breit. Entnervt verzichten wir auf die Rast und fahren weiter. Es passt heute wirklich alles zusammen…
In Ravensthorpe wollen wir den Besucherpass für den Fitzgerald NP erstehen, doch das Tourismusbüro hat seit halb zehn geschlossen…
Also weiter nach Hopetoun (das schreibt man wirklich so), und Hopetoun, liebe LeserInnen, ist wunderbar. Das Städtchen hat uns die Freude am Tag zurück gegeben. Vor allem das Paar, welches das Restaurant The Desk betreibt. Die Beiden beraten uns mit Kompetenz und Herzlichkeit, haben auch Parkpässe für uns im Angebot, und schaffen es, dass wir uns wieder nach vorn ausrichten und uns auf den weiteren Tag richtig freuen:
Schon kurz nach dem Eintritt in den Fitzgerald fahren wir am Culham Inlet vorbei. Diese Inlets in Südaustralien sind vom Meer abgetrennte Seen, gespiesen meist aus einem Fluss, aber so nah am Meer, dass das Wasser mangrovenartige Vegetation begünstigt, weil es oft doch etwas salzig ist.
Und der Park ist ein Blumenmeer! Thinkabouts Wife kann hier nach Lust und Laune der versprochenen Vielfalt an Blumen nachspüren, und deren Formen und Strategien zur Vermehrung sind tatsächlich äusserst exotisch. Nur schon die Banksien, deren Samenbehälter unter äusserster Hitze im Feuer aufspringen und erst dann ihre Samen ausstossen… Und es gibt davon die unterschiedlichsten Varianten!
Die Wanderung auf den East Mt. Barren verspricht ein echtes Highlight zu werden! Allerdings ist der Weg nach einer ersten kurzen Strecke auf einem Holzsteg, der über ein Feuchtgebiet gelegt ist, sogleich sehr rauh, steinig und steil. Die scharfkantigen Steine erschweren den Tritt. Da ich meiner Liebsten nicht versprechen kann, dass hinter der jeweils neuen nächsten Hügelkante, ausser der nichts weiter zu sehen ist, ganz bestimmt der Gipfel erreicht ist, schickt sie mich schliesslich selbst alleine weiter und will an einem schönen Aussichtspunkt auf mich warten.
Ich stürme los, denn ich weiss ja nicht, wie weit es tatsächlich ist und will Thinkabouts Wife nicht zu lange allein lassen, zumal auch etwas Wind aufkommt. Gleichzeitig muss ich mich dazu anhalten, Vorsicht walten zu lassen. Das Gelände ist wirklich ein wenig tückisch und der Weg nicht immer sogleich auszumachen. Nichts auszudenken, wenn ich mir hier oben allein das Bein breche oder auch nur schon stark den Fuss übertete…
Bis zum Gipfel muss ich denn auch tatsächlich zwei weitere Kreten überqueren, und doch stehe ich nach vierzig Minuten auf dem Gipfel. Dieser Weg wäre etwas für meinen Bergkameraden und besten Freund, mit dem ich jährlich mindestens eine Tour unternehme. Ich habe während des ganzen Aufstiegs ganz intensiv an ihn gedacht, und auch jetzt, während ich den Rundumblick geniesse, ertappe ich mich dabei, wie ich ihm in Gedanken zeige, was ich sehe. Für so was gibt es Fotoapparate! Denn die Aussicht ist phantastisch. Sie erlaubt einen Panoramablick über die ganze Küste, mit dem Culham-Inlet dahinter und einem weit ausladenden hügeligen Hinterland.
Und immer wieder vermag auch hier oben eine blühende Pflanze sich zwischen den Steinen zu behaupten, ja diese gar zu sprengen…
Dann stürme ich wieder talwärts, wo meine Frau in leichter Sorge auf mich wartet. Wieder vereint machen wir uns, nun ganz langsam und ohne Eile, an den Abstieg, uns immer wieder haltend.
Der Weg ist nicht so schwierig, wie es hier tönt, aber er ist auch nicht zu unterschätzen. Und für uns an diesem Tag in dieser Verfassung war er ein kleiner Lehrmeister für das vertiefte Erleben einer Gemeinschaft, die uns so unheimlich wertvoll ist – und er war uns auch Vermittler einer Schönheit, die, muss man sie sich verdienen, noch einmal ein grösseres Geschenk darstellt, und damit endlich auch mit einem wirklichen Staunen vom Herzen aufgenommen wird.
Der nächste Halt, nicht weit entfernt, bringt uns an nach West Beach, und ich erlebe innert kürzester Zeit die Extreme von Berg und Meer in einer ausserordentlichen Intensität. Hier soll es Delphine geben, die wir aber nicht sehen. Das Meer schlägt aber auch mit einer Macht gegen die Felsen, und die klirrend scharf scheinenden Klippen zerschneiden das Wasser, dass man sich diese Superschwimmer nicht einmal in den vorgelagerten Gewässern richtig vorstellen kann. Der Quarz unter den Sohlen aber tönt sehr vertraut…
Campieren können wir am Hammersley Inlet. Der hintere der beiden Campingplätze ist leer, der See nahe, und doch kann ich mich lange nicht entscheiden, wo wir uns hinstellen wollen. Habe die fixe Idee, ich müsste direkt am Wasser “liegen” können, nach diesem Tag, aber der möglicherweise aufziehende Wind könnte auch zum Problem werden… So eine Krux aber auch, wenn man die freie Wahl hat… Schliesslich gebe ich mich mit unserem rückwärtigen Platz zufrieden, und wir erkunden das Ufer zu Fuss. Die ganze Campsite ist leer, und wir sehen bis zum Morgen auch keinen Park-Ranger. Eine Letter- oder Geld-Box gibt es nicht. Wir übernachten also gratis und mutterseelenallein. Am Ufer scheint es allerdings nur eine Stelle zu geben, an der man sich aufhalten kann, ein Weg oder Pfad am See entlang scheint nicht zu existieren, und die Mangrovenbäume stehen meist so dicht zusammen über dem Unterholz, das sich überall zum Wasser hin verdichtet, dass wir lange glauben, es gäbe keine Möglichkeit, das Ufer abzuschreiten. Doch dann findet meine Frau einen ganz schmalen Zugang, und plötzlich öffnet sich ein Trampelpfad, der es uns erlaubt, ein paar hundert Meter entlang des Inlets vorzustossen. Das kann man sehr wohl so nennen, denn die Mangroven wuchern überall, und selten öffnet sich wirklich so was wie ein Weg. Aber die Entdeckungsreise entlang dem Ufer, von der Abendsonne in goldenes Licht getauft, lohnt die kleine Anstrenung sehr!
Das Zelt bleibt unangetastet… Wir bereiten wieder mal ein vegetarisches Chili zu, und verzehren dazu Tacos. Himmlisch ist das Leben doch! Vor allem, nachdem wir angesichts eines sehr stimmungsvollen Sonnenuntergangs sehr still geworden sind. Wir haben diese Augenblicke mit einem grossen Schwarm schwarzer Schwäne geteilt…
Es ist 21h42 – und wir sind wieder einmal bis tief in die Knochen hinein müde.
Der quälende Juckreiz und der Drang, sich zu kratzen, dem meine Liebste immer weniger widerstehen kann, macht mir Sorgen… Und von diesem Springen in meinen Gedanken zwischen Sorge und Staunen erlöst mich schliesslich der Schlaf, den die Müdigkeit gerufen hat und den ich selbst an diesem Abend noch längst nicht gefunden hätte…
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Australien 2007 - Tag 23
Erlebt am 15. November 2007 – Von Southern Cross nach Hyden (Wave Rock)
Erstarrte Urgewalten
Wir gönnen uns einen gemütlichen Start in den neuen Tag und machen uns dann auf der Emu Fence Road auf Richtung Hyden.
Die Strasse ist auf unseren Unterlagen zwar als Track eingetragen, aber es handelt sich dabei viel eher um eine ungeteerte Autobahn. Die Fahrt ist also unproblematisch und wir kommen viel schneller voran, als wir gedacht haben. Die letzten 50 Kilometer sind dann sogar asphaltiert.
Seit der Pannenserie nehmen wir es bewusst etwas gemütlicher und geniessen das sehr. Ein Hindernis sind wir deswegen kaum. Hinten kommt kein einziges Auto nach, ausser wenn wir Pause machen, und den ersten Gegenverkehr verzeichnen wir nach 54 Kilometern…
Stumpy Tails, Tannzapfenechsen, haben wir zwar zuvor schon gesehen, aber nun treffen wir sie mitten auf der Strasse an. Sie bewegen sich in aller Regel sehr langsam vorwärts, und bei Gefahr verharren sie meist unbeweglich. Unter Umständen schaffen sie sich mit einem Fauchen Respekt, aber wir können diese Tiere heute mehrmals in aller Ruhe in Augenschein nehmen.
Dennoch sind wir schon um Zwölf auf dem Zeltplatz, der direkt am Wave Rock liegt.
Die Lobby ist schön schattig und lädt zu einem kurzen Päuschen ein.
Reiseführer wie örtliche Hinweistafeln preisen einen sog. “Wave Rock – Walk an”. Leider ist die Beschilderung nach wenigen hundert Metern vorbei, oder wir übersehen es schlicht, auf jeden Fall ist es uns zu blöd, umzukehren, um vielleicht danach in der anderen Richtung genau so im Salat zu landen. Und überhaupt ist diese in Stein gehauene Welle nicht zu übersehen und so faszinierend, dass uns das vorerst mal herzlich egal ist. Beeindruckend, wie glatt das eigentlich sehr grobkörnige Gestein ist, so dass man die grösste Mühe hat, auch nur ein bisschen in der Welle stehend aufrecht bleiben zu können.
Wir sind ganz “hin” und finden, da können wir ja auch gleich hier weiter gehen, müssen dann aber feststellen, dass sich der Rücken des Wave Rocks gar nicht so leicht begehen lässt und suchen die sichere Variante am rückwärtigen Fuss des Felsens. Und da hat es dann auch auf einem schönen Stück Wiese ein Schild, wie wir aus der Ferne erkennen können. Das wird uns sicher wieder den Weg weisen.
Als wir näher kommen, ist die Pleite total: Das Schild ist kein Wegweiser, sondern die Tafel eines Golfplatz-Greens: Wir befinden uns am Loch 14…
Also das Ganze kehrt und mehr oder weniger so zurück, wie wir gekommen sind…
Eher zufällig finden wir dann auch Hippo’s Yawn.
Der Felsen bildet eine Höhle, die sich wie das Maul eines riesigen Flusspferds öffnet. Thinkabouts Wife versucht, ihm das Maul aufgesperrt festzuhalten, aber das will nicht so recht gelingen, und überhaupt lässt sich das Ungetüm nicht so richtig fotografieren…
Die frühe Nachmittagszeit, also mit die heisseste Zeit des Tages ist so richtig der passende Moment, um in offenem Gelände einen Spaziergang um einen Salzsee zu machen: Unwirklicher könnte einem die Landschaft gar nicht mehr vorkommen, die Farben sind grell, satt und reflektieren das Licht in die Augen blendender Intensität. Ein ganz besonderes Erlebnis. Und hier, an diesem See entsteht ein Edel-Resort für Wochenend-Touristen… Es lässt sich an diesem Ort ganz bestimmt lecker Party feiern – wenn die Sonne untergeht und noch später…
Wir wandern zurück zum Caravan-Park, kommen an einem kleinen Tierpark vorbei, in dem zwei Schwarze Schwäne mit der Schönheit der stillen Melancholie an uns vorbei gleiten. Zu diesem besonderen Ort gehört – natürlich – ein Tourismuszentrum, und das hat ein Selbstbedienungs-Café. Mit, o Wunder, richtigen Stühlen und Tischen aus Holz, viel wildwestmässig angehauchtem Firlefanz in der Deko und im angrenzenden Tourismusladen – und mit einer Auslage im Café selbst, die uns schon ziemlich ratlos bleiben lässt: Die Auslage enthält Dinge, die uns entweder zu lebendig scheinen – oder zu lange tot… Randensalat, der schon auswässert, eingetrockneter Schinken, so faltig wie meine Haut hoffentlich nie wird, und Käsescheiben, die sich längst rollen, obwohl sie niemand darum gebeten hat…
Für besonders Mutige wäre da noch Nudelsalat im Angebot, natürlich mit irgendwann selbstgemachter Mayo…
Das alles gab es offensichtlich auch schon gestern. Vielleicht liegt es daran, dass das “Lokal”, das ja mehr das Businessmodell eines Shops mit angefügtem Kleinsttier-Terrarium zu sein scheint, schon um fünf Uhr, also lange vor der Essenszeit, die Pforten schliesst? Zwischensaison eben. Ich will nicht unken, nur weil ich zur falschen Zeit hier bin.
Wir graben also aus unseren Taschen – Früchtekuchen! Denn endlich haben wir ihn gefunden, beim letzten Einkauf im Supermarkt, das nie austrocknende, süsse, saftige Stück Nervennahrung, das aus Cellophan geschält wie von selbst zwischen unsere Zähne will. Herrlich. Plötzlich sind so viele Erinnerungen wach an unsere Erkundung der Westküste vor zehn Jahren.
In einer Ecke bei der Reception steht eine Internetstation, und so entscheide ich, mal mit der “Redaktion” zu Hause Kontakt aufzunehmen. Es gelingt. Allerdings ist die Gummitastatur sehr ungewohnt für mich, und die einzelnen Tasten haben einen so unterschiedlichen Anschlag, dass es kaum möglich ist, ein einziges Wort auf Anhieb richtig zu schreiben. Am Ende sieht meine Nachricht aus, als würde ich mitten aus einem Vollrausch heraus versuchen, einen Text zu schreiben.
Egal. Danach schauen wir uns noch ein wenig die Auslagen im Zentrum an. Wave Rock auf alle Arten. Tassen, Kalender, Bücher, Karten. Immer die prächtigsten Farben, mit dem Photoshop-Kübel ausgegossen, wie es scheint…
Ich war gespannt, wie der Felsen im Abendlicht wirken würde, aber er liegt sehr früh im Schatten. Zudem vermute ich mal, da war ich auch schon ein wenig durch die Photoshop-Romantik im Touriladen verdorben. Im Nachhinein gefallen mir die Aufnahmen sehr wohl, und sie geben die beeindruckende Dimension des Felsens sehr gut wieder.
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Der Artikel wird in einigen Tagen in die Sektion GEREIST verschoben.
Australien 2007 - Tag 22
Erlebt am 14. November 2007 – Von Kambalda nach Southern Cross
Schöne Grauslichkeiten unter heisser Sonne
Als wir uns um unser Frühstücks-Tischchen müffeln, gesellt sich unser Nachbar zu uns. Da er weiss, dass wir gen Westen ziehen und unser Endziel Perth ist, schenkt er uns einen Stadtplan – sowie einen Ortsplan von Esperance. Alle wollen uns immer wieder in die Küstenstadt Esperance schicken. Es soll dort die schönsten Strände überhaupt geben. Aber wir sind nun mal keine Badenixen und werden über Land fahren. Jawoll. Wir machen uns allerdings nicht auf, ohne dem netten Herrn den nächsten Fund von 10g Gold zu wünschen oder gerne auch mehr, was er mit einem gemütlichen Lächeln beantwortet. Der Mann ist die personifizierte Gelassenheit, und es scheint ihm ganz gelegen zu kommen, dass er sich erst mal um seine defekte Anhängerkupplung kümmern kann. Ihm wird keine Zeit mehr weg laufen.
Als erstes aber tuckern wir auf den Aussichtsberg, von dem man einen weiten Blick über das Schürfgebiet um Kambalda hat. Die Landschaft bietet ein prächtiges Farbenspiel – aber auch ein sprichwörtlich in Stein gehauenes beklemmendes Vermächtnis für die Ausbeutung der Erde durch den Menschen. Riesige Landstriche präsentieren sich wie der Untergrund eines Meeres, das sich zurück gezogen hat – oder verdunstet ist. Dieser Gedanke ist gar nicht so weit her geholt, denn es muss hier brutal heiss werden im Hochsommer, wenn heute schon in den frühen Morgenstunden nichts so munter ist wie die ungezählte Schar dieser schon bekannten aggressiven schwarzen Fliegen, die sich sofort in die Augen- und Mundwinkel setzen, so dass man das Gefühl bekommt, endlich das Schicksal von Schweizer Kühen auf der Sommerweide würdigen zu können… Dagegen wehren wir uns mit Fliegennetz – und baldiger Weiterfahrt.
Unseren ersten Boxenstopp legen wir im pittoresken Städtchen Coolgardie ein. Das Nest besteht aus zwei Häuserzeilen beidseits der Hauptstrasse. Wie an einer Kette aufgereiht wirken die Gebäude ein bisschen wie eine Filmkulisse. Stumm starren sie sich über eine absurd breite Strasse hinweg an. Die Strasse ist wirklich so breit, dass gleich drei Roadtrains problemlos miteinander kreuzen könnten. So breit die Strasse, so klein das “Kaffeehaus”, aber es hat sogar so was wie ein kleines Gärtchen und einen Alternativvorschlag zum nicht vorhandenen Devonshire Tea in Form eines selbstgebackenen Cakes, der so frisch ist, dass er durch das Cellophan hindurch seine Feuchtigkeit beweist. Das Ding schmeckt dann auch ausgezeichnet (ohne Cellophan). Manches Gebäude wirkt so heraus geputzt, dass man sich unwillkürlich fragt: “Und für wen die Mühe?” Andere Einheimische scheinen darauf auch keine Antwort zu finden und lassen dem Charme des langsamen Verfalls durchaus seinen Willen.
Und so ist Coolgardie so was wie eine Relaisstation zwischen zwei Zielen. Hier kommt man hin, um gut und sicher weiter reisen zu können – und doch bleiben hier ganz offensichtlich immer mal wieder Menschen hängen.










Ansonsten ist es heiss auf der Fahrt, auf jeden Fall heiss genug, um ahnen zu lassen, dass das nur ein Vorspiel ist, bevor es in ein paar Wochen einfach mörderisch heiss sein wird. Trocken ist es dabei schon lange. Hier wie auf der ganzen Reise klagen die Menschen über die Trockenheit.
Ich sitze im Roadhouse von Yellowdine vor einem Milchshake mit sehr viel Eis und in einem Raum mit noch mehr Klimaanlage, und denke still über den kleinlichen Frust nach, mit dem wir manchmal zu Beginn der Reise kämpften, wenn wir durch den Regen fuhren. Dass das “bisschen Regen” zudem nirgends wohin reicht und den Menschen mehr wie eine Verhöhnung als wie eine Milderung der Not erscheint, konnten wir immer wieder anhand der Vegetation beobachten.
Auch unser Zeltplatz in Southern Cross hat dieses Jahr schon viele heisse Tage gesehen. Der Boden ist beinhart. Die Zeltschnüre wickeln wir um schwere Steine, die wir heran rollen. Und da steht es dann, unser Zelt, und wärmt sich auf…
Wir sind einmal mehr froh um die Fliegennetze und hoffen, dass die zwei hässlichen Gesellen im Stromkasten sich morgen wo anders wohler fühlen, bevor wir wieder rein langen und den Stecker ziehen müssen… Es soll sich um Mäuse-Spinnen handeln (Mouse-Spider), und ihr Biss sehr schmerzhaft sein… Na, das ist ja mal was Neues in Austalien.
Im Städtchen finden wir in die Schulbibliothek, die auch so was wie eine Dorfbibliothek ist, die Internet-Anschlüsse anbietet. Da werfen wir dann mal einen Blick in unsere Mail-Accounts und auf die Blog-Seite – und freuen uns an den Kommentaren und an der Verbundenheit, von der wir nach drei Wochen gerne eine Prise nehmen. Erklärt wird uns der Service von einer deutschen Studentin, die es ausgerechnet hierher für eine dreimonatiges Praktikum verschlagen hat. Die Welt ist ein Dorf und Southern Cross ist ein Teil davon.
Dazu passt, dass wir, zurück auf dem Zeltplatz, feststellen, dass wir Nachbarn aus dem Aargau gekriegt haben. Vater macht Ferien vom Business und zeigt der Familie vier Wochen lang, wofür Daddy so malocht, das ganze Jahr, oder wohl eher die ganzen letzten Jahre. Immerhin scheint er es zu geniessen und akut nichts zu vermissen vom wirklichen unwirklichen Leben. Und der Caravan für die ganze Familie bietet durchaus einen gewissen Komfort.
Auf einem kleinen Streifzug entlang des Zeltplatzes gelingt es uns dann endlich, die prächtigen Halsband-Sittiche zu fotografieren. Was für prächtige Tiere!
Dann bereiten wir uns einen Reissalat zu und bekommen zur Mahlzeit ein ganz besonderes Schauspiel geliefert: Mit der Abenddämmerung und dem Sonnenuntergang zieht ein Gewitter auf, das sich schliesslich in beinahe stummen Blitzen entlädt. In einem Fall bildet ein Blitz gar einen sich schliessenden Kreis. Ein “Kugelblitz?”.
Wir sehen Regenwolken aufziehen. Der Wind frischt auf, wird richtig aggressiv. Wir spüren auch ein paar Tropfen, sind überzeugt, dass es gleich schütten wird. Doch nichts geschieht. Es scheint, als würde das ganze Nass über dem Boden schon wieder verdunsten. Zwei Stunden später, ja noch am nächsten Morgen haben wir das Gefühl, die Luft wäre noch weitaus trockener als zuvor. Gewitter im Outback – oft eine unerfüllte Hoffnung für die Natur.
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Der Artikel wird in ein paar Tagen in die Sektion GEREIST verschoben.
Australien 2007 - Tag 21
Erlebt am 13. November 2007 – Von Balladonia nach Kambalda (Caravan Park)
Arbeiten in der australischen Hitze
Der Untergrund des Caravan Parks in Balladonia dürfte schon lange nicht mehr aus Gras bestehen, und wenn es windet, wird der Wind wohl durch alle Ritzen dringen… Doch die Nacht ist milde und ruhig. Unsere netten Nachbarn erkundigen sich auch sogleich, wie wir geschlafen haben und so setzen wir uns bereits moralisch gestärkt an unser Frühstücksklapptischchen, die fruchtigen Müsli als wohlschmeckende Energiespeicher vor uns wie das Versprechen auf einen gelungenen Tag. Und kaum beginnen wir zu essen, lösen sich Schatten aus dem nahen Wald, und zwei Kängurus hüpfen recht zielstrebig über den ganzen Platz auf uns zu. Natürlich sind wir nur die Touristen X und Y in einer ungezählten Menge an möglichen Naschgelegenheiten. Aber die paar Rosinen, die wir für sie haben, reichen aus, dass sie uns die ganze Zeit über Gesellschaft leisten, und die zarte Behutsamkeit und offene Zutraulichkeit, mit der sie sich uns widmen, erscheint uns wie eine engelsgleiche Weissagung, dass auch heute alles gut gehen wird.
Unsere Glücksbringer rühren uns ans Herz, und wir nehmen das Glück, das diese den menschlichen Feinsinn berührenden Tiere anbieten, mit auf unsere Reise, für deren Gelingen wir nun überhaupt keine Bedenken mehr haben. Omen, Zeichen, Glücksbringer – wer zwischen zwei Punkten in der Ungewissheit verbleibt, sucht und findet Halt in einer Art Vertrauen, die jenseits aller Technik und jedes Hilfsmittels in sich selbst ruhen soll.
Und für so manchen Road Train ist Technik noch sehr viel entscheidender als für uns…
Die Strecke nach Norseman ist auf sicher achtzig der zweihundert Kilometern eine Baustelle: Die Strasse wird stellenweise verbreitert oder geteert, und die Strassenarbeiter, arbeiten mit schweissgetränkten Hemden oder nackten Oberkörpern, haben alle breitkrempige Hüte auf – und keiner ist zu sehen, der nicht ein engmaschiges Fliegennetz trüge – die aggressiven Viecher sind also auch hier allgegenwärtig… Die Strasse verläuft denn auch durch viel Buschwerk, und wie ich bei meinem ersten Radwechsel erfahren musste, hausen die Mistviecher darin ganz offensichtlich besonders gern.
Auf jeden Fall fahren wir statt auf Teer meistens auf Schotter, was für die Reifen natürlich die viel höhere Belastung darstellt… Dafür wäre bei einer Panne doch einiges schneller jemand zur Stelle, trösten wir uns. Aber die Fahrt verläuft ohne das geringste Problem, so dass wir schon vor elf Uhr in Norseman ankommen, die Werkstatt auch finden und dort feststellen dürfen, dass uns Bruno tatsächlich schon angemeldet hat.
Die Werkstatt scheint gut ausgerüstet, und die Mechaniker arbeiten an drei Aufbock-Stationen ohne Unterlass. Wir müssen etwas warten, und nach kurzer Zeit wische ich mir den Schweiss von der Stirn. Meine Frau deutet auf ein Thermometer: Es ist um halb zwölf Uhr 35 Grad in der Werkstatt, obwohl die Garagentore hoch gefahren sind und der Platz davor im Schatten liegt…
Die Mechaniker scheinen unberührt und arbeiten mit ruhigen Bewegungen sehr konzentriert. Die aufgebockten Vehikel sind dabei in sehr unterschiedlicher Form… Ein kleiner Geländewagen hat eine von Rost grossflächig angefressene Karosserie, und als der Fahrer die Tür öffnet, sehe ich, dass die ganze Innenverkleidung der Türen fehlt und unzählige Kabel aus dem Armaturenbrett ragen – BEVOR die Mechaniker die Arbeit angefangen haben… Doch auch dieser Besitzer hat in erster Linie nur Sorge um das Fahrgestell des Wagens, Achsen und Räder. Der Rest ist wie die Beilage auf dem Teller – so unwichtig wie das Gemüse zum Fleisch.
Der Werkstattchef persönlich kümmert sich dann um unseren Patienten. Der Schlauch vom Picknick-Platz ist tatsächlich “Shit”, wie er trocken meint. Die restlichen zwei Schläuche, die wir auch austauschen lassen, wären scheinbar dann in Ordnung gewesen – aber sicher ist sicher. Am Getriebekasten ist eine Mutter lose und eine zweite fehlt. Das wird behoben und neues Öl in den Block gepresst.
Als wir um halb zwei losfahren können, ist es noch deutlich heisser geworden, und ich muss an die Strassenarbeiter vor Norseman denken, während die schwitzenden Mechaniker uns knapp nachwinken.
Wir haben just für diesen Zeitpunkt einen möglichen Auslasstag eingeplant und ziehen den jetzt auch ein. Gewählte Route und verlorene Zeit lassen uns ohne Hast nach Kambalda fahren, wo wir schon um vier auf dem Camping-Platz eintreffen. Kambalda ist eine Minenstadt, und der Campingplatz beherbergt entsprechend individualistisch geprägte Menschen mit wenig Bedürfnis nach Komfort. Viele Menschen wohnen hier für eine ganze Saison, Wanderarbeiter also, oder Menschen wie unser Nachbar an diesem Tag, ein frühpensionierter Australier, der sich nun dem Goldschürfen widmet, die Tage wie das Wasser durch sein Goldsieb rinnen lässt und dabei ganz vergnügt zu sein scheint. Er hat auch schon was gefunden, versichert er mir, und ich weiss nicht warum, aber ich glaube es ihm.
Für einen Gang zum nahen Aussichtsberg ist es uns entschieden zu heiss, also geht Thinkabouts Wife duschen, und ich schlendere über den Platz, halte da und dort einen Schwatz, mache die Bekanntschaft mit Dauermietern, drei Australiern und einem Neuseeländer, wobei letzterer scheinbar stoisch seit Monaten die Neckereien der Einheimischen erträgt. Alle Vier pflegen das gleiche Hobby: Sie füttern die Galas hier an und haben ihnen ein abenteuerliches, sehr futuristisches Klettergestell gebaut, auf dessen eine Spitze ein Spielzeugauto aufgespiesst sinnlos in die Luft ragt, dessen Kurbel schon so manchen Schnabelhieb abbekommen haben dürfte. Zur Installation gehören natürlich die australische Flagge (gross) und die neuseeländische (klein) – und das Gala-Kino wird mit Bier und hoch gelagerten Beinen genossen. Wie jeden Tag, da bin ich sicher. Ich zeige die Fotos, die ich schiessen kann, auf dem kleinen Display meiner Kamera, und die lieben Menschen sind ganz aus dem Häuschen.
Weiter wandere ich an pittoresken Vorgärtchen vorbei und staune über so manche Umgebungsgestaltung und gestrandete Zeitzeugen…
Endlich sind auch die Temperaturen angenehm. Der ideale Tag für ein kaltes Couscous mit Salaten, Melonen etc. Uns geht es gut! Noch um halb zehn Uhr abends ist es warm genug für eine kalte Dusche – der Tag endet so friedlich, wie er es am morgen uns in Aussicht gestellt hat!
Australien 2007 - Tag 20
Erlebt am 12. November 2007 – Von Eucla nach Balladonia (Roadhouse / Caravan Park)
Panne zum Dritten in der “geradesten Mitte”
Beim Zubettgehen galt meine Sorge in erster Linie dem nahen Hühnerstall, aus dem mich in der Abenddämmerung schon ein Hahn so herausfordernd gemustert hatte, dass ich mir lebhaft vorstellen konnte, dass sein Krähen ganz bestimmt so kraftvoll sein würde, wie es sein stolzer Kamm vermuten liess… Und ich nahm an, dass australische Gockel bestimmt so früh zum Tagwerk schreiten wie schweizerische…
Nun, geweckt werde ich heute Morgen denn auch von einem Krähen. Allerdings handelt es sich dabei tatsächlich um eine Krähe, die im Gebüsch gleich hinter dem Zelt eine Art Selbstgespräch führt, was sich für mich so anfühlt, als würde sie direkt neben meinem Kopfkissen hocken… Aber in der Nacht haben wir sehr gut geschlafen. Mag sein, dass ich gerade deshalb dann etwas schlapp durch den Vormittag schleiche: Wie wenn der Körper ein erstes Mal wünschte, er könnte mal etwas länger richtig “durchhängen”.
Das Mundrabilla Motel ist eines jener Orte, die in Australien eine Sehenswürdigkeit darstellen, weil es sie überhaupt gibt, zumal in einer Umgebung, in der es sonst gar nichts gibt. Immerhin sind auf einer Tür die Distanzen zu den nächsten grösseren Fluchtpunkten angeschrieben. Dennoch wäre es ungerecht, bei diesem Roadhouse nicht explizit auf dessen besonders ausgefallene Bar hinzuweisen, die allerdings tagsüber nicht geöffnet scheint… Von Hunden bzw. deren Bedürfnissen scheint man wenig zu halten, weshalb auf der zweiten Tür ein bestechendes Argument dafür geliefert wird, mit dem Hund woanders Gassi zu gehen. Wir haben keinen Hund, dafür eigene Bedürfnisse und erstehen hier einen Liter Milch für knapp unter 3 australische Dollars. Hauptsache, der Vorrat ist aufgestockt.
Auf der Weiterfahrt pendeln sich meine Gedanken langsam ein und ich fühle mich wohl in meinem Körper, während wir die Strassenkilometer fressen, wobei wir auf den unterschiedlichsten Gegenverkehr treffen, dazwischen aber jeweils viel Zeit haben, uns wieder in die Einsamkeit hinein zu finden. Die Strasse ist schon hier immer fast ständig gerade, so weit das Auge reicht, so dass sie auch als Lande- und Startpiste für den Medical-Service der Australier dient. Hier wäre eine Ambulanz viel zu lange unterwegs; deshalb wird nicht nur dieses Gebiet, sondern ganz Australien vom R.F.D.S. versorgt (Royal Flying Doctor Service). Und so fahre ich also so manchen Kilometer auf Flugzeuglande- und Startbahnen und ertappe mich dabei, dass ich immer mal wieder einen Blick in den blauen Himmel richte.
Die Vegetation wird kurz vor dem Madura-Pass immer eintöniger, die Stille breitet sich auch im Auto aus.
Der Pass ist eine Anhöhe von vielleicht zweihundert Höhenmetern – dennoch denke ich mit Hochachtung an die Radfahrer, die wir gestern gesehen haben – sie müssen in der beträchtlichen Hitze diesen Pass hochgefahren sein: Mit Gepäck beladen eine Ochsentour. Während ich daran denke, studiere ich die aufgeklappte Menu-Karte der “Madura Oasis”, die mir nochmals verdeutlicht, wie sehr wir uns hier im Nowhere befinden: Sie informiert über die “nächsten” Emergency Phones der umliegenden “Ortschaften”, und ich lese: East of Cocklebiddy (nächster Bestimmungsort) 42km. Ich nehme also zur Kenntnis, dass es in dieser Gegend so alle 50 Kilometer Gelegenheit gibt, von seinem bald zu erwartenden Ableben zu berichten… Nun, selbst ein Quadband-Handy funktioniert hier tatsächlich nicht, auf jeden Fall meins nicht. Aber nach zwanzig Tagen Fahrt und mit der Erfahrung unserer Westküstentour vor einigen Jahren wissen wir eh, dass die wirklich wichtige Hilfe bei einem Notfall erst einmal vom nächsten Fahrzeug kommen würde, das unseren Weg kreuzt. Machst Du nämlich deutlich, dass Du Hilfe brauchst, hält einfach jede(r ) an.
Der Milchshake existiert heute leider nur auf der Karte. Meine Frau genehmigt sich dafür einen Bananendrink, und ich lecke mir die Seele an einem Magnum der Variante Schoko-“Haselnut” selig… Ich kann Ihnen sagen, so was schmeckt einfach göttlich, wenn Sie dabei vor einer Ebene stehen, die sich hier unterhalb des “Passes” ausbreitet. Die Anhöhe bietet einen wunderbaren Ausblick. Das ist nun wirklich Nullarbor-Land!
Na, heute folgen sich die Tankgelegenheiten für Mensch und Auto ja Schlag auf Schlag. Die Orte haben aber auch lauschige Namen: Cocklebiddy zum Beispiel, und etwas weniger urchig: Caiduna, der letzte Halt vor einer Besonderheit dieser Reise. Dem längsten schnurgeraden Strassenstück in ganz Australien (oder der Welt?).
Und dann ist der Punkt erreicht: Der Beginn des längsten schnurgeraden Strassenstücks Australiens, 90 endlos scheinende Meilen lang, 146.6 km geradeaus. Ohne eine einzige Richtungsänderung. Doch auch hier gilt: Wir haben keine Probleme damit. In der heimatlichen Enge allzu oft gefangen, ist es einfach faszinierend, diese Weite so körperlich zu erfahren.
Nach etwa 80km säumt für einmal ein Buschgürtel die Strasse – die ideale Gelegenheit zu einer Pause, für die hier auch ein Parkplatz mit Picnic-Plätzen zur Verfügung steht. Wir steigen aus und hören das scharfe Sirren fast gleichzeitig. Wie wenn wir einen Dampfkochtopf mit hätten, der beginnt Druck abzulassen… Das Geräusch kommt, wir haben es geahnt, von einem Reifen unseres Autos. Hinten rechts entweicht ganz offensichtlich Luft. Dem Reifen ist zwar nichts anzusehen. Ich steige wieder ein und drehe ein Runde auf dem Parkplatz. Das Sirren geht in ein ruckartiges, abbrechendes und wieder startendes Zischen über. Es ist heiss. Ich will einfach glauben, dass es sich nur um eine Art Überdruck der hohen Temperatur wegen handelt, was natürlich lächerlich ist. Trotzdem winken wir einem sich nähernden Auto, und ein freundlicher Herr schaut sich die Bescherung denn auch an. Natürlich sagt er mir, was ich schon weiss: Wir werden einen platten Reifen kriegen.
Was wir dann allerdings auch noch feststellen, als wir zusammen unter dem Auto liegen (warum es überhaupt dazu kam, weiss ich gar nicht mehr): Der Getriebeblock verliert Öl. Er rät mir, das in einer Garage checken zu lassen. Nun, ich werde noch ganz anderes da checken lassen und z.B. den Rest der Schläuche austauschen… Erst einmal ist Reifenwechsel angesagt, jetzt zum ersten Mal hinten und zum dritten Mal innert 50 Stunden. Wirklich ein besonderes Highlight dieser Reise…
Die 110 km, die uns danach noch bis nach Balladonia fehlen, verlaufen ohne Schwierigkeiten. Wir verbringen die Zeit mit dem Erstellen der Checkliste, was wir am Ziel alles vorkehren müssen und wollen, um die Weiterfahrt sicher zu stellen. In Balladonia, hiess es, würde es auf jeden Fall einen Reifenservice geben. Es ist auf einer Strecke von rund 300km der einzige Anlaufpunkt für den Berufsverkehr.
Richtig Bammel will bei mir allerdings nie aufkommen. Es ist mehr Ärger über die vielen kleinen Unzulänglichkeiten und Stressfaktoren, die uns immer wieder heimsuchen. Geplatzte Reifen, defekte Zeltstangen – ich hätte es gerne ein wenig Unaufgeregter, was Reisen und Campieren betrifft.
Nun, den Kalamitäten zum Trotz möchte ich Ihnen gerade an dieser Stelle des Berichtes zeigen, was selbst in dieser Wüstenlandschaft an Zeugen eines unbezwingbar scheinenden Lebensdrangs zu finden ist. Thinkabouts Wife ist nämlich beständig mit dem Makro unterwegs gewesen und hat auch in diesen Landstrichen so allerlei zusammengetragen.
Wir kommen in Balladonia schlussendlich wohlbehalten an. Was es an diesem Ort gibt, dessen Roadhouse einfach ein bisschen grösser ist als die übrigen, die wir heute gesehen haben, ist eine Telefonkabine. Wir rufen also Bruno an, unseren Vermieter, und schildern ihm das Malheur. Bruno ist Schweizer, lebt seit vielen Jahren in Australien, und seine Firma hat – eigentlich – einen guten Ruf. Uns ist auch nicht nach Stunk zumute, aber nach klaren Lösungen und Absprachen.
Da es in Balladonia wider Erwarten keinen Reifenservice gibt, müssen wir rund 200 Kilometer weiter nach Norseman fahren, wo er uns selbst in einer Werkstatt anmelden wird. Wir kommen überein, dass wir die Fahrt trotz angeschlagener Gearbox (?) und fehlendem Ersatzreifen wagen.
Die Alternative wäre, den Reifen in Norseman zu bestellen und her bringen zu lassen. Da ist mir die Lösung schon lieber, dass wir uns, sollte uns der vierte Plattfuss ereilen, auf Brunos Kosten von der Strecke auflesen lassen sollen. Das Getriebe könne eigentlich kein Problem sein, meint er, und auch mir macht das nicht so viele Sorgen. So weit so gut.
Also widmen wir uns der persönlichen Erholung. Meine Frau trifft dabei im Lavabo des Waschraums auf eine Redback-Spinne – eines der giftigsten Exemplare, die es überhaupt gibt… Anscheinend nimmt sie das aber so gelassen wie die anwesenden einheimischen Camper, und so bringt sie stolz ein Foto mit zum Zelt.
Ich schlendere am späteren Abend noch ein wenig allein über das Gelände. Es ist Zeit, mich etwas dem inneren Gleichgewicht zu widmen: Dabei wird mein Ärger über die Kalamitäten in der Ausrüstung bald einmal von der Freude über die Erlebnisse und der Dankbarkeit dafür, dass uns nichts wirklich Schlimmes widerfahren ist, mehr als wettgemacht. Natürlich werden uns die Umstände des Reisens durch die immer wiederkehrenden Anforderungen nach Ersatzausrüstung erschwert, aber es ist auch ein Glück, dass immer sogleich Hilfe zu finden ist – oder sich die Partner, wie Bruno, immerhin verständig zeigen. Das Auto hat er für unsere Reise frisch übernommen. Wie die grossen Vermieter, so ist es auch bei ihm so, dass die Wagen in der Regel aus Regierungsbeständen gekauft werden, so mit 70’000 km auf dem Tacho, und dann das wirklich sehr praktische Innenleben verpasst kriegen. Offensichtlich haben wir ein Fahrzeug erwischt, dessen Benutzer defekte Schläuche mehrmals haben reparieren lassen. Wohl kein Käufer wird das bei Übergabe überprüfen… Und dass der Innenausbau komplett neu ist, das konnten wir leicht feststellen.
Wie neu glänzen auch die Ungetüme, auf die ich vor der Tankstelle stosse: Ein Auto- und ein Tanklastzug stehen in der Abendsonne, und ihre Chromteile blitzen wie neu: Die Fahrer sind äusserst stolz auf Ihre Karossen und pflegen sie mit grösstem Einsatz. Und nicht nur am frühen Morgen, wie diese Bilder beweisen!
Mit einem sehr freundlichen Ehepaar spaziere ich noch ein wenig die Strasse entlang. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die Australier selbst ihr Land entdecken, oft auf einer langen Reise, die ganz fest zu ihrer Lebensplanung gehört und selbst auch als Erfüllung eines lang gehegten Wunsches und als Abenteuer empfunden wird. Und sie freuen sich echt, wenn man erzählt, von wie weit her man selber kommt – und dass wir nicht das erste Mal hier sind, sondern als “Wiederholungstäter”.
Im Zelt ersorgen wir dann doch noch ein wenig den nächsten Tag, wischen die Gedanken aber beiseite. Wir können nur eines tun: Schlafen, den Moment geniessen und den Morgen so annehmen, wie er kommt.
Australien 2007 - Tag 19
Erlebt am 11. November 2007 – Von Ceduna nach Eucla
Neue Panne – Weite Sensationen
Was für ein Gegensatz zur letzten Nacht: Nun liege ich zwar nicht mehr im Auto, sondern im Zelt, dafür bin ich geradezu von anderen Campern belagert, und die Laterne des Camping-Platzes strahlt mir direkt aufs Zeltdach… Obwohl wir nur durch eine schmale Strasse vom Strand getrennt sind, ist kein Luftzug auszumachen. Die Nacht ist sehr warm und bis halb zwei in der Frühe ist an einen tiefen Schlaf nicht zu denken. Um halb Sieben muss Thinkabouts Wife zum Pipi-Stop – da können wir auch gleich aufstehen, denke ich, bleibe aber noch liegen und wälze mich zur Seite.
Als meine Frau zurück kommt, macht sie einen Witz, den ich absolut nicht lustig finden kann. Die helle, mir so vertraute Stimme fragt mich durchs Zelt:
“Weisst Du schon das Neueste?”
Wie sollte ich, wenn ich mich doch fühle wie eine alte Socke, die nicht ausgelüftet wurde?
“Wir haben vorne rechts einen platten Reifen!”
Ich will eigentlich entgegnen, dass ich schon besser über Witze gelacht hätte, und sage wohl auch etwas Ähnliches. Dabei weiss ich aber schon, dass die Bemerkung meiner Liebsten KEIN Witz war. Es passt einfach zu gut zu meiner Verfassung. Also stehe ich nun wirklich auf, was bedeutet, dass ich erst einmal aus dem Zelt krieche. Wenigstens ist die Aussenhaut diese Nacht kaum feucht geworden, denke ich doch tatsächlich einen positiven Gedanken, und dann schaue ich mir die Bescherung an. Platter geht es nicht.
Wenn du eine solche Bescherung präsentiert kriegst, gehen dir tausend Dinge durch den Kopf: Heute ist nicht Samstag, wie gestern, heute ist Sonntag, also Ruhetag. Keine Garage hat offen. Heute ohne Ersatzreifen unterwegs sein? 500km unbewohnte Gegend liegen vor uns im “Nowhere” bis Eucla.
Was soll ich sagen? Das beste gegen solche Trübsal ist die nächste Tat, immer nach der Prämisse: Was ist als erstes zu tun?
Ich wechsle also das Rad. Jetzt weiss ich auch schon, wo der Wagenheber liegt und wie ich ihn ansetzen muss. Quasi vor Publikum und unter dem ehrlichen Bedauern der Nachbarn liege ich im Kies und werkle wie ein Profi, der jeden Tag nichts anderes macht, als Reifen zu wechseln. Dafür war also die gestrige Reifenpanne gut: Um mir das Training zu verschaffen, dass ich mich jetzt nicht blamiere.
Danach gibt’s Frühstück, und Kriegsrat. Mein Copilot hat bei der Verwaltung des Camping-Platzes Informationen über das örtliche Handwerk eingeholt. Und in Ceduna gibt es eine grosse BP-Tankstelle mit angeschlossenem Bridgestone-Reifenservice.
Natürlich tanken wir da voll und bringen dann unser Anliegen, so als guter Kunde, vor. Ich glaube zwar, die Tatsache, dass wir bemitleidenswerte Touristen mit Grünspan hinter den Ohren sind, wirkt überzeugender. Mann ist ja kein Unhold und Touristen-ins-Verderben-laufen-Lassender, und also sperrt der gute Kerl seine Werkstatt auf und ersetzt uns den Schlauch.
Anschliessend sehen wir dem Tag etwas zuversichtlicher entgegen. So viel Pech gibt es ja gar nicht. So viel Glück im Unglück allerdings auch nicht. Übers Wochenende mitten im Nowhere zwei Mal sofort Ersatzreifen bzw. –Schläuche zu bekommen, ist auch nicht schlecht.
Also finden wir, dass wir uns ein Magnum-Glacé mehr als verdient haben. Die Errungenschaften der Zivilisation haben schon auch was für sich.
Die Reise nach Eucla verläuft dann auch ohne grosse Zwischenfälle, und 500 km an einem Tag sind an sich denn auch kein Problem: Die Reisegeschwindigkeit ist zügig, aber nicht stressig, da wenig Verkehr herrscht, und die Strasse ist zwar scheinbar eintönig, weil oft schnurgerade, aber als Schweizer, die wir uns gewohnt sind, dass es nie lange geradeaus oder ebenaus gehen kann, ist das noch immer eine Sensation.
Städte oder Dörfer gibt es nicht. Wir halten an Tankstellen, um die herum sich wenige Gebäude gruppieren, wobei ganz sicher ein Roadhouse dabei ist – mit Übernachtungsmöglichkeiten. An solchen Orten oder auf Park- und Picknick-Plätzen wird dann der Hund Gassi geführt, oder tankt der Motorradfahrer, der auf seiner Maschine im luftigen T-Shirt gegen Westen fährt.
Rund um ein Roadhouse gibt es also ein wenig Betrieb. Es lässt sich nicht sagen, dass hier das Leben brodeln würde vor Dynamik, aber immerhin begegnet man fremden Nasenspitzen. Mit einer Ausnahme: Wie wir schon im Internet lesen konnten oder mussten, ist das Yalata-Roadhouse geschlossen. Es gehört den Aborigines. Genau genommen ist die ganze Nullarbor Area Aborigines-Land. Hier soll der Ort sein, an dem sie auch von den Reisenden profitieren und ihre Einnahmen erwirtschaften können. Doch das Yalata, ältestes Roadhouse an der Strecke überhaupt, ist nicht in Betrieb. Es soll Streit um die verweigerte Alkohollizenz geben – 80% der Ureinwohner haben ein Alkoholproblem – während die weissen Australier der benachbarten Rastplätze nur mit der Schulter zucken und meinen: “They are too lazy.”
Auf den langen oft fast kurvenlosen Strecken hat man genügend Zeit, den eh nur alle paar Minuten vereinzelt auftauchenden Gegenverkehr zu studieren.
Und die Bunda Cliffs werde ich so schnell nicht vergessen! Die höchsten und steilsten Klippen der ganzen Küste bilden hier Aussichtsplattformen (Head of Bight), die mehr als hundert Meter über Meer einen atemberaubenden Ausblick aufs Wasser schenken: Das tiefste und doch strahlendste Blau, das ich je gesehen habe, breitet sich ruhig vor mir aus. Und doch schieben sich gewaltig lange, flach anrollende Wellen immer wieder gegen die Küste, während der fernste Blick noch keinen Zweifel daran lässt, dass kein Ende zu sehen ist, nur eine Krümmung, auf der mein Blick weiter gleitet, einer sicheren Bestimmung entgegen, wie sie die Schwerkraft und andere Naturkräfte vorgeben…
Aber um uns tobt das Leben, mit mahlender und doch Ruhe ausstrahlender Kraft. Hier, wo meine Position den weiten Blick erleichtert, wird mir bewusst, wie müde uns die Macht der Meeresgewalten in diesen Wochen auch gemacht hat. Der Eindruck der ständig wirksamen und sichtbaren Kraft von Wind und Wasser ist äusserst nachhaltig, und die dazu passenden Geräusche begleiten jeden Gang der Küste entlang.
Wir spazieren also zu unserem winzig wirkenden Auto zurück, das uns, mal abgesehen von der fehlenden Hornhaut an seinen Füssen, doch ein treuer und sicherer Begleiter ist, und karren uns zum nahe liegenden Border Village. Auch dies ist, wir wollen ja nix Neues anfangen, nicht viel mehr als eine Tankstelle mit Haus.
Hier informiert ein witziger Wegweiser die Reisenden so in etwa darüber, wie weit sie es dann noch etwas bis nach Hause haben. Dahinter liegt gleich die sogenannte Fruchtfliegengrenze, an der eine sehr genaue Kontrolle durchgeführt wird. Dafür gibt es tatsächlich eine bauliche Wegsperre, die mit einer Mautstelle vergleichbar ist und von einer Art Zollhäuschen bewacht wird, oder wohl eher vom Beamten darin, von dessen Art ich selten einen freundlicheren und dabei verbindlicheren Vertreter getroffen habe.
Fragen Sie mich nicht, was das Dorf Eucla hergibt. Wir sind bis zu unserer Weiterreise am nächsten Tag nicht dahinter gekommen, ob es eher hinter oder vor dem Caravan Park liegt, und vor allem nicht, wo die Abzweigung dafür wäre, aber den Campingplatz haben wir gefunden. Und Thinkabouts Wifes Vorbereitungen sind so akribisch, dass wir scheinbar die einzigen zu sein scheinen, die wissen, dass diesem Caravan Park vier Kilometer vorgelagert, unmittelbar an der Küste, eine alte Telegraphenstation langsam aber sicher im Sand versinkt. Dahinter liegt ein atemberaubend weiter und hell leuchtender, weil komplett weisser Sandstrand. Er ist menschenleer. Ausser einem einzigen jungen Pärchen. Eine Polin, ein Neuseeländer und zwei glückliche Schweizer. Vier Menschen an einem viele Kilometer langen weissen Sandstrand. Wir machen Erinnerungsphotos und beglückwünschen uns zur Einmaligkeit dieses Ortes, der so grandios ist, dass wir uns gar nicht satt sehen können. Das alte, verlotterte Jetty, das ins Nichts hinaus ragt und an dem nur noch die Kormorane andocken, macht die Szenerie beinahe kitschig.
Ausser uns verirrt sich scheinbar niemand hierher. Es ist, als würde die Einöde der vielen Landstrassenkilometer hinter und vor uns sich über das Gemüt der Menschen legen. Ankommen, essen, vielleicht ein wenig trinken, und schlafen vor allem.
Und das machen wir jetzt auch, nachdem das angegliederte Roadhouse eine Art Vegi-Big-Mac auf Plastiktellern für uns produziert hat, die wir auf Plastikstühlen an einem Plastiktisch zu uns nehmen, während ein junges Ehepaar mit drei Kindern eine halbe Stunde hin und her überlegt, ob man denn nun hier was essen wolle oder eben doch lieber nicht. Die Bestimmungslosigkeit, die sich wie eine ganz eigene Verlorenheit während weiten Reisen auf die Menschen legen kann…
Australien 2007 - Tag 18
Erlebt am 10. November 2007 – Von Mambray Creek nach Ceduna
Neues Zelt und neue Pannen
Wir brechen zeitig auf. Zelt abbrechen ist ja nicht angesagt… das liegt in seinen kümmerlich verstümmelten Einzelteilen im Laderaum. Aber heute, in Port Augusta, soll es ein neues Zelt geben. Bis dahin ist es nicht so weit, im Anschluss warten dann für heute 500 km Überführungsstrecke nach Ceduna auf uns…
Am Eingang der Stadt halten wir bei einer Tankstelle an und besorgen uns einen Stadtplan, damit wir auch den Laden der “Big W” – Kette finden. Der Laden entpuppt sich als riesiges Center, und es bietet auch Zelte an. Familienzelte, Gruppenzelte. Und genau eine Sorte Zweier-/Dreierzelte: Das Modell, das wir schon haben und das sich leider nicht bewährt hat. Dennoch kaufen wir es. Eigentlich ist es ein sehr gut konzipiertes Modell mit ausreichend Platz. Das beste Argument aber kommt von Thinkabouts Wife: Sollten wir neue Probleme haben, liegt quasi ein Ersatzteillager schon im Auto…
In mir duellieren sich zwei Gedanken: Einerseits ist doch zu vermuten, dass wir einfach schlicht ein Montagsmodell erwischt haben – und andererseits frage ich mich, was man denn für knapp 60 Australische Dollars an Qualität erwarten könnte???
Also packe ich mir das Ding unter den Arm und wir starten unsere Tagestour doch recht zeitig am Morgen. Dieser Teil der heutigen Aufgaben liess sich schneller erledigen als gedacht!
Vor dem kleinen Hafen von Port Augusta kreuzen kleine Ruder-, Segel- und Fischerboote mit montierten Plakaten. Es handelt sich um eine Art Demonstration gegen geplante Umbauten… Irgendwie wirkt die Szene unwirklich lau im ruhigen Wasser, das sich im schwachen Wind kräuselt, wie wenn es deutlich machen wollte, dass es sich selbst längst mit den Veränderungen durch die Menschen, die immer in die gleiche Richtung zeigen, abgefunden hätte. Wir schauen, dass wir in die Gänge kommen und machen uns an die Durchquerung der Eyre Peninsula.
Bald öffnet sich die immer karger werdende Landschaft und schubst uns aus weit ausgebreiteten dürren Armen in eine endlose Fläche hinaus, jenseits der letzten Weizenfelder.
Von nun wird sich unser Blick in die Ferne für Stunden immer wieder an schnurgeraden Strassenläufen fest halten, während links und später auch rechts sich eine Art Nichts ausbreitet, in dem von Zeit zu Zeit Bäume zu schwimmen scheinen, als wären sie verloren gegangen.
Ein Roadhouse ist hier seltener als ein Dingo (den wir bis zum Ende der Reise nie sehen werden), also benützen wir die erste Gelegenheit, erstehen für meine Frau eine neue Sonnenbrille und geniessen den ersten Milchshake überhaupt: Einen halben Liter kühle, flüssige Nervennahrung pur… Und dann geht es auch schon weiter:
Vielleicht alle zehn Minuten kommt uns ein Auto entgegen, und nicht selten handelt es sich dabei um einen mächtigen Roadtrain: Zugmaschinen, die zwei oder gar drei Anhängerkomponenten angekoppelt haben und dreissig, vierzig Meter lang an uns vorbei rauschen. In einer Kurve ist da das Gefühl schon mal ein bisschen flau, bis man sich daran gewöhnt hat. Allerdings will ich auch sofort sagen, dass die Fahrer sehr diszipliniert sind und auch mit hundert Stundenkilometern ihre Spur sehr genau einhalten.

Road Trains bremsen allerdings wirklich nur dann, wenn sie müssen (und ein Känguru ist kein solches Muss), und der Bremsweg kann durchaus mehrere hundert Meter lang sein, je nach Gewicht und Strassenverhältnissen bis zu einem halben Kilometer…
Auch wir fressen Kilometer und gleiten mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 110km/h über den Asphalt. Die Strasse ist sehr gut und Gegenverkehr äusserst selten. Er fehlt auch, Gott sei Dank, als uns ein scharfer, lauter Knall aufschreckt. Ich packe das Steuerrad unwillkürlich fester, und gleichzeitig beginnt auch das Ruckeln und Schlagen in der Spur. Mir ist, obwohl noch nie erlebt, sofort klar, dass wir einen Reifenschaden vorne links haben. Das Auto allerdings verhält sich äusserst gutmütig, und ich kann es ohne grosse Anstrengung in der Spur halten, während ich den Bremsdruck gleichmässig erhöhe und den Wagen nach links in den Schotter auslaufen lasse.
Wir sehen uns an. Einen Moment lang ist die Welt taub. Strassenstaub hüllt uns ein. Als er sich verzieht, sehen wir am rechten Strassenrand eine Art Einfahrt zu einem landwirtschaftlichen Schuppen. Dort zu stehen, dürfte den Reifenwechsel etwas einfacher machen. Also setze ich noch über die Strasse und parkiere den Wagen. Wir schauen uns die Bescherung an. Ich stehe schlicht auf der Felge.
Nun heisst es, den Laderaum entpacken. Denn Wagenheber und Kurbel liegen in einem Fach im Unterboden verstaut. Kaum beginnen wir mit der Arbeit, sind wir von einem Schwarm aggressiver Fliegen umgeben. Doch wir haben vorgesorgt. Unsere Fliegennetze waren nie wertvoller als heute! Die Biester haben ganz offensichtlich in dem grünen Buschwerk an der Strasse gesteckt und finden nun, unsere Dufstoffe würden ganz andere Freuden versprechen. In der Tat schwitzen wir ganz schnell ganz prächtig. Es ist etwa halb eins, die Sonne scheint, um nicht zu sagen, dass sie brennt, Staub wirbelt auf, wenn immer ein Fahrzeug vorbeifährt. Wobei sich die Leute vergewissern, dass wir zurecht kommen und die Fahrt verlangsamen: Ein einziges Zeichen würde genügen, und jeder, der vorbei fährt, würde anhalten. Ausnahme Roadtrain, siehe oben.
Nun, wir studieren zwar nochmals zur Sicherheit die Bedienungsanleitung, aber Radwechsel gehört generell zu den ganz wenigen Dingen, die ich rund um ein Auto schon oft genug gemacht habe. Und tatsächlich haben wir in einer halben Stunde einen neuen Reifen montiert und alles wieder verstaut.
Danach ist Zeit, uns zu fragen, wo wir denn in etwa sind? Bis zur nächsten Ortschaft dürften es zum Glück nur etwa dreissig Kilometer sein. In Wudinna wird es also darum gehen, einen Ersatzschlauch bzw. Reifen zu kriegen. Im Roadhouse von Widunna erfahren wir, dass es inmitten dieser versprengten kleinen Gruppe Häuser tatsächlich eine Bridgestone-Vertretung gibt, die aber heute Samstag geschlossen hat. Wir fahren trotzdem hin. Und haben Glück. Eben ist ein grosser Laster mit lauter Reifenstapeln auf den Hof gefahren, und der Betreiber der Servicestelle erklärt sich bereit, sich anschliessend um unser Problem zu kümmern. Wir können das Auto stehen lassen. Zeit also fürs Picknick. Dafür bietet sich eine kleine Raststelle praktisch auf der gegenüberliegenden Strassenseite an. Die kleine Ansammlung an Steintischen nennt sich “Stadtpark”. Hier haben wir Zeit, das Erlebte zu verdauen. Und wir stellen wieder einmal fest: Wir haben zwar Schwierigkeiten, aber sie sind nicht wirklich schlimm. Und wir sind wohlauf. Und ein neues Zelt haben wir auch.
Dann folgt die Besprechung mit dem Vermieter TCC und dem Garagisten: Der Schlauch ist total zerfetzt, dürfte zuvor schon mehrmals geflickt worden sein. Das dürfte auch für den Reifen gelten. Der ist natürlich hinüber. Also gibt es einen neuen Reifen, und wir vereinbaren mit TCC Kostenteilung. Was ein Entgegenkommen darstellt, da der Mieter normalerweise die Kosten einer solchen Havarie selber tragen muss. So weit so gut. Im Moment verdränge ich noch die Gedanken daran, was für Schläuche ich den sonst noch so in den Reifen haben dürfte, und wir setzen die Reise mit einem neuen Ersatzreifen in Reserve fort.
Die Fahrt nach Ceduna verläuft danach ohne Probleme – und wir erreichen den “Ceduna Foreshore Caravan Park” rechtzeitig: Denn hier wollen wir unbedingt erleben, was uns im Internet schon reich geschildert wurde: Den Sonnenuntergang am Jetty, nur wenige Gehminuten vom Caravan Park entfernt.
Die Zeit reicht aus, um unser neues Zelt in aller Ruhe aufzustellen und einzurichten. Campingtischchen und Stühle sind drapiert, der Nescafé eingeschenkt, die Ruhe hergestellt.
Also machen wir uns auf zum Strand und wandern auf dem Jetty aufs Meer hinaus – um dort eine höchst witzige Begegnung mit einem Pelikan mit Mundvorrat zu feiern…
Dann legen wir uns noch ein wenig in die lang werdenden Schatten einer wunderbaren Allee, die dem Ufer entlang angelegt ist.
Und dann beginnt das Schauspiel: Die untergehende Sonne strahlt die Holzbalken des Jettys an, dass dieses golden leuchtet, während es sich von der anderen Seite schwarz vor dem Feuerball aufstellt. Man kann sich gar nicht entscheiden, was denn nun die spektakulärere Ansicht sein könnte, und so mancher Fotograf stakst mit seinem Stativ von einer Seite zur anderen, völlig aufgeregt und ruhelos, hin und her gerissen zwischen dem Frohlocken, ein solches Motiv vorgesetzt zu bekommen – und der Angst, die Aufnahme aller Aufnahmen zu verpassen oder zu verschüsseln, was auch immer. Wohl dem, der einfach hier sitzen und geniessen kann. Ich habe es fast so hingekriegt, ganz ehrlich.
Und vor allem bin ich nochmals zurück gekommen, nachdem alle sich zurück in ihre Nester begeben haben. Ganz still stand ich da, wurde Teil der sich ausbreitenden Ruhe über einem ereignisreichen und doch behüteten Tag, legte meine Kamera auf einen Stein vor mir und drückte auf den Selbstauslöser. Das Klicken zu meinen Füssen bescherte mir die letzte Aufnahme – und die bleibende Erinnerung an ein Stück Fügung und Schutz, der über uns lag und weiter liegen würde.
Reisen, dachte ich, ist nie nur eine Frage der Weitsicht. Es ist nie selbstverständlich, anzukommen. Aber es wird ein Stück weit selbstverständlich, das, was das Reisen einem zeigen kann, auch zu sehen. Und zu fühlen. Und jetzt mache ich mal, dass ich in den Schlafsack komme.
Anmerkung:
Vielleicht finden Sie es schade oder Sie wundern sich einfach, dass es keine Bilder von unserer Havarie zu sehen gibt. Nun, ich fotografiere sehr gern. Doch im Moment, wo Schwierigkeiten auftauchen, bin ich nicht der Reporter, sondern der Reisende, der im Schlamassel steckt. Und dann vergesse ich in der Regel, dass ich überhaupt eine Kamera dabei habe. Sie würde mir dann auch in keiner Weise weiter helfen, vermute ich mal…
Australien 2007 - Tag 17
Erlebt am 09. November 2007 – Mambray Creek (Camp Section / NP)
Durch die Hidden Gorge
Meine heutigen Tagebuchnotizen werden wohl etwas kürzer ausfallen, fürchte ich… Ich habe die siebenstündige Wanderung durch die Hidden-Schlucht in den Knochen und gehe auf dem Zahnfleisch. Wie das kam, werden Sie noch lesen können.
Thinkabouts Wife hat mich heute zum ersten Mal auf einem Fussmarsch an meine Grenzen getrieben. Ich kann es noch immer kaum fassen… dabei ist das ganz sportlich zu sehen (was es noch unglaublicher macht).
Der Weg durch die Schlucht ist malerisch und die Topographie harmlos. Guanas sind auch heute die Hauptdarsteller unterwegs –

neben den Kängurus, die auch in den Felsen und vor allem im kargen lichten Buschwerk am Eingang der Schlucht noch ihre Nahrung finden.
Der Weg steigt nur leicht an oder schlingert sich sogar ganz gerade aus dem Bachbett entlang. Ein paar enge Stellen, von Schutt oder richtigen Steinabbrüchen verstellt, sind zu überwinden, aber das ist alles kein Problem.
Wir finden auch einen schönen Rastplatz unterwegs, wo wir unsere erste Pause machen können.
Der Blick die Wände hoch wird in der immer enger werdenden Schlucht durchaus imposant, wenn auch leider die Sonne nur selten das Rot des Gesteins so richtig zum Leuchten bringt.
Der Ausstieg aus der Schlucht führt über einen sehr regelmässigen und nicht besonders steilen Anstieg auf einem gut ausgebauten Saumpfad, genannt “The Battery”. Doch Thinkabouts Wife läuft den Berg in einem Tempo hoch, das ich auch mit meinem Bergkameraden und besten Freund kaum längere Zeit laufen würde. Ganz offensichtlich ist genau diese Art Anstieg für sie mit ihren kurzen Beinen optimal – und für mich ganz und gar nicht. Dafür sind wir abwärts danach, aus den gleichen Gründen, für mein optimales Marschtempo viel zu langsam, was ebenfalls “schlauchen” kann. Zu allem Überfluss möchten wir unser zweites grösseres Picknick gerne an einem lauschigen Plätzchen machen, doch irgendwie will sich dieses uns nicht zeigen. Die Aussicht von oben war ja wirklich traumhaft schön,
aber danach geht es oft und lange abwärts durchs Unterholz, das oft keinen richtigen Schatten her gibt – oder eine einigermassen nette Sitzgelegenheit. Und so kommt es, dass wir das durchziehen und die letzten 6 km am Stück zum Camp marschieren, wo wir dann am Ende der Tour unseren Proviant verzehren…
200m vor dem Zeltplatz rebelliere ich und setze mich auf dem Barbecue-Gemeinschaftsplatz auf die mächtigste Bank, die da überhaupt nicht steht. Dass es auch da noch keinen Schatten hat, ist ja wohl klar. Der ist heute einfach irgendwie nicht vorgesehen…
Ich bin einfach zu lange in zu unterschiedlichem Tempo, das zudem nie mein eigenes war, gelaufen. Und irgendwie war das genau in diesem Gelände für mich tödlich… Und natürlich ist mein Weib so was von deutlich zäher geworden – was mich umgekehrt genau so erstaunt wie es mich freut.
Natürlich schaffe ich danach den Weg zum Zeltplatz noch, äh zur Freiluftgarage, denn wir schlafen ja im Auto. Das Vordach habe ich übrigens wieder abgebaut. Wenn der Wind daran auch nur ein bisschen rüttelt, dann knarrt und schüttelt es im Auto, dass man zum Schlafen höchst meditative Fähigkeiten bemühen muss…
Platt auf dem Stuhl bleibt mir dann nicht nur vor Müdigkeit der Mund offen stehen: Ein Kookaburra macht mir die Freude, auf einem nahen Baum auf sein Fressen zu lauern.



DAS Fotomotiv des Tages, nachdem in der Enge der Schlucht nicht viel Gelegenheit für gute Fotos bestand, weil vor allem das Licht an diesem Tag etwas stumpf war… Möchte allerdings nicht wissen, wie ich angekommen wäre, wenn die Sonne noch mehr Kraft entwickelt hätte. Was machen die Leute hier eigentlich in der wirklichen Hochsaison? Mit mir wäre da nichts mehr anzufangen…
Chinesische Nudeln, süss-sauer. Meine Power-Frau hat auch nach dieser Wanderung noch die Energie, mir was warmes zu kochen. Ob sie mich auch noch ins Bett getragen hat, also, ins Auto, das verrate ich nicht.
Und morgen? Da warten 500 km Autofahrt auf uns – und die Aufgabe, zuvor in Port Augusta ein neues Zelt zu finden. Da sage ich dann mal schnell: Gute Nacht!
Australien 2007 - Tag 16
Erlebt am 08. November 2007 – Wilmington – Mt. Remarkable NP (Mambray Creek Camping Ground)
Was für ein Frieden in allem
Wir futtern unser Zmorge-Müsli genüsslich unter “unserem” Possum-Baum und machen uns danach auf den Weg. Nachdem wir unsere Postkarten aufgegeben haben und Öl und Luftdruck kontrolliert sind. Das Tagesziel ist allerdings nur fünfzig Kilometer entfernt. Aber solche Dinge prüfe ich “entnaturalisierter Städter” besser dann, wenn sie mir einfallen. Aber wir sollten schon kurz vor Mittag unser Tagesziel erreichen.
Kurz hinter Wilmington lohnt sich ein kurzer Abstecher zum Hancock-Lookout: Land und Wasser liegen breit, weit, mit verschwimmenden Konturen vor uns. Nichts in der gedehnten Welt vor uns scheint sich fassen zu lassen. Und doch ist da nie nur Einsamkeit, ist der Mensch längst in alle Winkel vorgedrungen und das letzte Abenteuer ist meist schon erlebt worden… Gerade hier, wo sich am Horizont militärisches Sperrgebiet ausdehnt…
Als wir uns just in diese Ebene aufmachen, begegnen wir einem grossen Waran, und wir können in aller Ruhe beobachten, was für ein guter Kletterer er ist, als er sich an seinen kräftigen, in den Baumstamm gekrallten Vorderbeinen in die Höhe zieht.
Der Mt. Remarkable National Park ist allerdings eine Oase der Natur, vom Menschen aufbereitet, ja, abgesteckt und erobert, aber mit sehr viel Verstand und Sorgfalt gepflegt.
Und die Pinienwälder! Und sattgrüne Sträucher auf brandroter Erde, dazwischen Karst-Abbrüche, die im Licht leuchten.
Eine Riesenechse prägt auch unser Erlebnis vom Nachmittag. Auf einem kurzen Rundgang durch die Hügel ums Camp-Gelände scheuchen wir sie auf, worauf sie sich unmittelbar vor uns auf dem breiten Weg in Bewegung setzt. Das Tier ist – ohne Schwanz – mindestens eineinhalb Meter lang. Immer wieder pendelt sein Kopf hin und her, um uns im Auge zu behalten. Alle Drei scheinen wir uns zu fragen, warum nicht der andere endlich vom Weg abzweigen mag? Mindestens fünf Minuten geht es so bergauf, und wir stehen schliesslich fast still, weil unschwer zu erkennen ist, dass der arme Kerl komplett ausser Puste geraten ist. Das letzte, was wir wollen, ist einen Waran in den Herzinfarkt zu treiben… Endlich schlägt er sich bergwärts ins Unterholz und zieht sich am nächsten Baum hoch. Leider geht das gar nicht mehr, auf jeden Fall nur mit langen Pausen. Der arme Kerl ist fix und fertig und inspiziert uns auf Augenhöhe… Keine Sorge, unser Speisezettel sieht anderes vor, denke ich. Nein! Auch nicht Känguru-Fleisch, obwohl das ausgezeichnet schmeckt, schliesslich sind wir seit der letzten grossen Australienreise Vegetarier geworden.
Unser Camp ist – ohne Zelt – schnell eingerichtet. Immerhin kann ich nicht ganz ohne Zeltfeeling sein, und so benütze ich die Gelegenheit, mal das Vordach am Wagen anzubringen. Die Vorrichtung ist so logisch konzipiert, dass sogar ich sie verstehe und – mit Hilfe von Thinkabouts Wife – sogar montieren kann.
Wir bekommen Besuch. Kookaburras, die uns listig aber stumm (o Wunder!) beobachten, während ein Emu nicht am Auto vorbeispazieren kann, ohne durchs Seitenfenster einen prüfenden Blick auf Thinkabouts Wife zu werfen, die mit dem Kochen begonnen hat. Adelaide Rosellas kann ich auch ausmachen, und ich muss an einen Vogel mit feuerroter Brust unter schwarzem Gefieder denken, der auf dem Spaziergang eben nicht vor die Linse zu kriegen war… Und Galas, ach Galas, fehlen wohl fast nie.
Dann sitze ich auf meinem wackeligen Camping-Stuhl, und prüfe meine E-mail-Nachrichten. Ich erzähle meinem besten Kunden mal rasch, was ich gerade so mache und kann die kleine atemlose Ungläubigkeit zwischen den Zeilen lesen. Sie sollte auch niemals verfliegen: Die Möglichkeiten, sich mitzuteilen, bleiben ein Wunder. Eine technische Sensation, die wir nützen müssen.
Auf jeden Fall fühle ich gerade hier und jetzt die Verbundenheit mit einem Menschen, mit dem ich seit Jahren wunderbar zusammen arbeite – und leiere gleich noch eine nächste schöne Idee mit ihm zusammen an. Doch dann lacht mich der Kookaburra aus, und es ist Zeit, mich dem wirklich Wichtigen zu widmen. Dem Hilfsküchendienst, nur so zum Beispiel.
Schon die Anlage des Campingplatzes zeigt, dass hier Planer sich in die Natur betten wollten, und nicht auf sie drauf. An einem Fluss gelegen, inmitten eines Pinien- und Eukalyptus-Waldes, glaubt man sich schon auf kurzen Spaziergängen in einem Feenwald einer Erzählung von Michael Ende, und man würde sich nicht wundern, begänne der wunderliche Wurzelstock neben einem plötzlich zu sprechen und ein Gesicht zu bekommen, während in der Ferne ein weisses Einhorn zwischen den Stämmen erscheint…
Na, und einen Abendspaziergang dieser Sorte, darf mir immer wieder geschenkt werden! Die warmen Lichtflecken, die vom Rauschen der Blätter begleitet wirbelnd über den Boden tanzen, das gelb-orange Licht, das den Boden mit leuchtender Okkerfarbe überzieht, feuerrot brennende, in Bäume geschlagene Wunden, die das Leiden zeigen, aber nicht das Sterben. Hier lebt alles seinen Kreislauf, und hält die Zeit für Dich an, damit Du einen Moment spürst, wie es wäre, der Schönheit der Welt längere Momente mit Atemlosigkeit zu begegnen…
Auf dem Weg zurück zum Lager hat die Abendsonne die Landschaft total verändert. Alles verliert seine scharfen Kanten und die Mühsal des Tages flieht einen Ort, der die Stille will, sie herbei mahnt wie der gute Onkel, der in der Kirche sich zum Kind neigt mit dem Finger auf den Lippen. Nur rasch noch hinsehen, sich noch einmal drehen und die Bäume bewundern, die doch gerade jetzt aus dem Boden geschossen sein müssen, denn so habe ich sie doch noch nicht gesehen, nicht heute, nie. Es ist einmalig und wiederholt sich hier doch fast jeden Tag. Kann man angesichts anhaltenden Glücks stumpf werden in seinen Wahrnehmungen? Hier ist kein Gedanke daran, denn die Sonne fällt vom Himmel, in Zeitlupe und doch viel zu schnell, und man möchte jeden Farbton speichern können, für immer, dem Gemüt zugänglich zum Trost in grauen Momenten.
Und dann? Dann sitzen wir in stockdunkler Nacht am Klapptisch.
Im Hemd. Mit zwei flackernden Windlichtern vor uns, die nicht viel mehr Leuchtkraft besitzen als zwei Glühwürmchen. Es ist windstill. Den nächsten Nachbarn wissen wir 150 Meter entfernt.
Nie war mir Stille mehr Grund zur Ehrfurcht.
Es ist neun Uhr Abends. Der Tag zieht an uns vorbei. Wie ein vertrautes schönes Märchen, das man sich zum Ende des Tages erzählen mag, lassen wir die Bilder unserer Begegnungen nochmals an uns vorüber ziehen.
Das Paradies aber kann auch eine Hölle sein: Im Hochsommer würden wir hier wohl verglühen.
Ich denke an die ersten Tage mit sehr viel Wind und auch ein bisschen Regen, an meinen schlotternden Zeltabbau im Morgengrauen – und atme nochmals tief in die Stille hinein, bis ich sie in mir drin fühle. Es ist Zeit zu Bett zu gehen. Wir blicken uns an, ohne unsere Gesichter sehen zu können, aber wir haben unsere Gedanken und Gefühle beide am Tisch, mit uns vereint im Trauen und Freuen auf das Jetzt und das Morgen.
Australien
und
Tagebuch
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Australien 2007 - Tag 15
Erlebt am 07. November 2007 – in Willmington
Ein Ruhetag, schlussendlich
Im Zelt schläft es sich nicht leicht in den Tag hinein. Das Sonnenlicht ist in der Regel ein zeitiger Verführer (manchmal auch ein Plaggeist). Heute, an unserem “freien Tag”, dauert der Schlummer immerhin bis exakt acht Uhr acht.
Während ich Frühstück mache, sehe ich auch schon, wie sich Thinkabouts Wife über die defekte Zeltstange hermacht, um dann auch gleich im Camp-Shop nachfragt, welche Ersatzmöglichkeiten sich uns denn bieten könnten.
Wir müssen auch Bruno, den Vermieter anrufen, nicht nur des Zeltes wegen. Damit wir nichts vergessen, muss eine Liste erstellt werden. Wie hoch ist eigentlich die Kiste (zum Teil sind für Durchfahrten Maximalhöhen angegeben, und was ist mit dem optimalen Reifendruck (als würden wir schon Schlimmes ahnen…). Die Angaben dazu und zu so einigem anderem waren bei der Übergabe durch Peter mangelhaft oder gingen schlicht vergessen – oder man hätte meinen können, mit einem Töfflimech, aber sicher nicht mit einem Garagisten zu reden; und in den Manuals finden wir dazu auch nichts.
Das alles besprechen wir zwischen den Müslischalen, in denen das halbe Futter noch immer vor sich hin feuchtet. Ein wirklich relaxtes Frühstück ist das nicht…
Dann diskutieren wir Möglichkeiten, die Zeltstange zu schienen oder einen Gummi neu einzuziehen und dabei aus der Vorzeltstange ein gesundes Endstück einzubauen. Oder wir könnten die Stange schienen – oder, kruzifix vermaledeit, in Port Augusta ein neues Zelt kaufen, wie Bruno am Telefon auch sofort meinte.
Wir diskutieren trotzdem noch weiter, und ich suche eine geeignete Schiene, nachdem ich es nicht schaffe, einen Zelthäring so zu biegen und abzuschleifen, dass er nicht selbst zum Spiess für das Überzelt wird. Schliesslich verwerfen wir alle diese Übungen: Wir sind schliesslich noch fast vier Wochen unterwegs. Ein neues Zelt muss her – das kriegen wir zu vernünftigen Preisen allerdings nur in Port Augusta, Ziel geplant für in ein paar Tagen. Direkt hinfahren oder so lange im Auto schlafen?
Bis wir entschieden haben, unsere Tour wie geplant fortzusetzen und die nächsten Nächte im Auto zu überschlafen, ist es nach elf Uhr…
Und nun? Das Städtchen Willmington liegt einen Kilometer entfernt. Das Auto fahrtüchtig umbauen – wir schlafen ja jetzt drin und Küche ist es auch – lohnt dafür nicht. Die Sonne scheint. Mittag – die ideale Zeit für einen Marsch entlang einer Schnellstrasse unter offenem Himmel. Und wenn wir da sind klappen die womöglich in Willmington über Mittag die Gehsteige hoch, oder wie?
Und wir wollen doch da auch ein bisschen herumlaufen und fragen, ob nicht doch vielleicht jemand, ganz zufällig, genau so eine Zeltstange hätte, wie wir sie brauchen?
Wir können ganz schön verbissen sein, wissen Sie…
Was für ein Scheisstag. Wir hassen beide Unentschlossenheit. Um halb zwölf entscheiden wir uns zum Gang ins Städtchen, und kaum bewegen wir uns, geht es uns besser.
Und der Marsch wird zum Spaziergang! Die Sonne scheint nicht so heiss, wie befürchtet, die Strasse wird durch einen Wiesenstreifen abgegrenzt, und so schlendern wir alsbald durch eines jener unzähligen Städtchen, die wir sonst innert zwei Minuten achtlos durchfahren haben. Dabei, das kann ich ihnen sagen, ist in Willmington was los! Auch über Mittag. Am Stadtrand rosten zwar alte Vehikel vor sich hin – einen so bizarren Fuhrpark samt Rakete und Kutsche auf einem Hausdach habe ich selten angetroffen – und zu sehen ist kein Mensch.
Aber die Damen vom Bowles Club Willmington lassen Sportsgeist erkennen und volle Konzentration – bei selbstverständlich tadelloser Wettkampfkleidung.
Mit einem netten und natürlich reichlich grossen Capuccino im Bauch, in dem ein “frischer Kuchen” schwimmt, selfmade, wie er durchs Cellophan hindurch beim Servieren nochmals vom Verkäufer beschworen wurde, kommen wir zurück ins Camp.
Der Shop in Willmington hatte leider fast alles, aber nur eine Sorte Zeltstangen, die nicht passen – dafür sehr gutes Klebeband. Ich hab’s gekauft. Man weiss ja nie!
Jetzt ist unsere Stimmung prächtig. Ich verfasse einen Blogbeitrag auf Vorrat. Verschicken ist nicht möglich hier. Kein Empfang. Thinkabouts Wife wäscht sich den Pelz und hilft mir beim Kartenschreiben. Was sehr, sehr lieb ist, denn das überlässt sie sonst sehr gerne mir. Dann dusche ich auch noch rasch.
Es wird noch ein richtig geruhsamer später Nachmittag aus unserem Ruhetag, und dazu passt ein Streifzug durch den Stoney Creek, der hinter dem Caravan Park verläuft und zum Gelände gehört. Wir begegnen als Highlight einer Tannzapfenechse – erst sehen wir wirklich nur das Schuppengeflecht, das tatsächlich sehr stark einem Riesentannzapfen gleicht, doch dann entdecken wir den Kopf – und gleich danach den Körper eines zweiten Tieres darunter. Es ist ein Paar, das nicht gestört werden möchte, wie wir ja durchaus verstehen können.
Zum Abendessen gibt es Chapatis aus der Pfanne, mit Bohnen, Mais, Gurke. Bestrichen wird das ganze mit Käse “From The Laughing Cow”, wie die Australier ihre Variante des “La vache qui rit” nennen.
Es schmeckt hervorragend – der schwarz gebrannten Pfanne zum Trotz. Zum Glück haben wir gleich zu Anfang einen sehr praktischen Stahldrahtknäuel für die Pfannenreinigung gekauft.
“Feeding Possums” ist erneut ein Grosserfolg. Wählerisch werden die Viecher allerdings sehr schnell. Nach den ersten Birnenstückchen aus meiner Hand erntet Thinkabouts Wife für ihr Angebot einer Bananenschale nur noch einen strafenden Blick… Gestern noch hatten sie ihre Hälse danach lang gemacht, heute winken sie mit ihren feingliedrigen Pfötchen die Bananenschale zur Seite und grapschen nach den Birnenstückchen. Ich geniesse die Beachtung und muss sagen, die Viecher sind echte Feinschmecker.
Wir sind zufrieden und glücklich über diesen ruhigen Tag – denn genau so haben wir ihn doch noch erleben und geniessen dürfen. Und für morgen ist uns auch nicht bange. Alles ist in Ordnung.
Australien 2007 - Tag 14
Erlebt am 06. November 2007 – von Mannum nach Willmington
Von Bergen und Tälern, physisch und emotional
Unsere Option, ausschlafen zu können, wird schon um halb acht hinfällig: Der Sonnenschein weckt alle Lebensgeister. Der Feier dieses Tages angemessen, an dem wir eine ausgiebige Wanderung geplant haben, ist das kräftige Frühstück inklusive Müsli und Nutella- samt Marmelade-Brötchen.
Und schon geht Thinkabouts Wife wieder auf Fotojagd nach dem Adelaide-Rosella. Jetzt wissen wir auch, wie das prächtig gefiederte Kerlchen heisst!
Es könnte heute ziemlich warm werden, weshalb wir beschliessen, den Weg auf den Mt. Remarkable lieber früher als später in der Mittagshitze in Angriff zu nehmen. Fünfeinhalb Stunden sind es laut Internet für den Gang auf den Gipfel und zurück. Und da meine Frau mittlerweile mächtig an Kondition zugelegt hat, können wir uns ziemlich nach solchen Angaben orientieren. Die Sonne steht hoch am tief blauen Himmel, doch der Weg führt meist unter schattigen Bäumen entlang, es sei denn, wir müssen Schotterhalden überqueren. Immer wieder mal nehmen wir flüchtende Schatten auf und zwischen den Steinen wahr – kleine Echsen, die wir im Schotter aufschrecken.



Der Gipfel des Berges ist bewaldet, also ist die Aussicht von ganz oben nicht so toll. Wir werden sie auf dem Rückweg um so mehr geniessen. Dafür ist es für unsere Rast schön schattig und damit kühl.

Wir schauen uns noch etwas um, suchen Blumen und drehen ein paar Steine um. Prompt fördert Thinkabouts Wife so einen Skorpion ans Tageslicht.
Auf dem Rückweg zum Ausgangspuntk in Melrose haben wir genügend Zeit, uns die Echsen näher anzuschauen. Und da die Steine nun so warm sind, dass sich die Tiere auf ihnen sonnen und aufwärmen, sind die Fluchtdistanzen auch viel kürzer, und wir haben ein paar besondere und beeindruckende Begegnungen.



Ein paar Mal geben Schotterfelder die Aussicht auf die imponierende, riesige, sich unter uns ausbreitende Ebene frei.
Auf einem dieser Halden liegt etwa hundert Meter unterhalb des Weges das Wrack eines kleinen Flugzeugs. Wie viele Jahre mag es schon da liegen, dieses lächerlich kleine und doch grotesk wirkende Zeugnis einer Tragödie, deren Geschichte ich nie erfahren werde? Seltsam klar und unversehrt blinkt eine Reihe von drei, vier Fenstern im Sonnenlicht. Auf diesem Wegstück scheint es ein bisschen stiller zu sein als zuvor…
Zwei, drei Wegbiegungen weiter gibt der einzige Berg im weiten Land den Blick erneut frei, und wir können uns kaum satt sehen am Patchwork der Felder des Kulturlandes und an der Idylle, die wir mit einem “lachenden Hans”, einem Kookaberra auf einem nahen Ast teilen. Mitteilsam allerdings ist er nicht.



Um vier Uhr Nachmittags sind wir nicht nur zurück im Camp sondern auch bereit für die kurze Etappe von rund 25 km nach Willmington. Wir bringen es dann allerdings fertig, uns auf der Strecke nicht weniger als zwei Mal zu verfahren…
Dabei erwartet uns ein traumhaft schöner Caravan Park und Zeltplatz, dessen grüne Wiesenstreifen ganz offensichtlich regelmässig in Kontakt mit Wasser kommen.


Wir suchen uns also ein Plätzchen – und haben auch hier die freie Auswahl. Der Grund liegt darin, dass die Alligator Gorge, ein nahes Ausflugsziel, nicht erreichbar ist. Die Zufahrtsstrasse zur Schlucht wird erneuert. Darum ist dieser Platz für Wochenend-Ausflüge uninteressant geworden und daher in der jetzt herrschenden Nebensaison praktisch verwaist.
Wir haben davon gewusst, aber wir sind aus einem anderen Grund hier. Erst müssen wir allerdings einen Platz finden, von dem wir meinen, dass er uns beste Chancen verspricht:
Der Caravan Park “Beautiful Valley” von Willmington wird regelmässig von Possums besucht, da es die Betreiberin verstanden hat, mit Geduld und Geschick die kleinen Kerlchen anzufüttern, so dass sie es mittlerweile gewohnt sind, dass sie auch von dankbaren Touristen nicht ihr Fett weg-, sondern so manche Frucht abkriegen.
Das lässt sich alles im Office des Platzes in Erfahrung bringen, und zahlreiche Bilder zeigen die Tiere. Es gibt sie also wirklich hier. Sie sind nachtaktiv und daher für manchen Australienfahrer bis zum Ende der Reise nicht zu sehen – es sei denn in Zoos, in denen es zum Teil Terrarien gibt, die eine Nachtaktivität am Tage in besonderen Räumen simulieren.
Die launische bis mürrisch-verstockte Brummeligkeit, mit der uns die Herrin dieses Refugiums unsere Fragen beantwortet, macht uns allerdings nicht gerade froh. Ganz offensichtlich ist das Ehepaar mehr als frustriert ob der Situation, wobei wir den Eindruck nicht los werden, dass dies nicht allein an der gesperrten Zufahrtsstrasse liegt, sondern an der allgemeinen Trägheit, mit der man dem Leben in der steten Erwartung zu begegnen scheint, dass es einem bestimmt nichts Gutes bescheren mag, schon gar nicht in der Person von Touristen. Es sei denn, sie zahlen gerade oder verlassen das Camp… Die Anlage wäre so schön, doch sie verlottert ziemlich – ausser, ja ausser eben diesen besagten grünen Flächen vor dem Zaun, an dem die Nummern mit den Standplätzen kleben. Der Kies auf dem Zufahrtsweg ist geharkt, auf der satten Wiese sind auch leise Spuren von früher geparkten Autos zu sehen, aber da prangt ein Schild:
DO NOT STAY WITH VEHICLES ON THE GRASS
Ich tapse also zurück ins Office und frage nach. Das heisst, ich versuche es. Ich finde die Betreiber schliesslich doch noch. Mann und Frau haben mittlerweile zusammen gefunden und sich von der Schwerkraft von zwei Bierbüchsen in tiefe Lehnstühle im Garten fallen lassen und scheinen unmöglich daraus je wieder aufstehen zu können. Was sie mir zur Antwort geben, verstehe ich nicht richtig, und ich kann nur ahnen, dass es englisch ist, was sie da reden. Also zurück zum Auto. Wir diskutieren. In unserem verfluchten anerzogenen Zwang zu korrektem Betragen brauchen wir noch eine ganze Weile, bis wir schliesslich doch entscheiden, uns auf die Wiese zu stellen, wenn auch so schonend wie möglich, indem wir den Rasen nach jenen Stellen absuchen, die schon öfters Reifendruck ertragen mussten.
Das führt dazu, dass das Stromkabel zur nächsten Steckdose zu kurz ist. Ein Problem, das aber bekannt zu sein scheint, denn der Herr Chef hat für mich sofort ein Verlängerungskabel, für das er sich sogar aus seinem Sessel hochstemmt, um es zu holen. Er kann sich bei der Übergabe allerdings nicht verkneifen, mich zu ermahnen, das Kabel vor der Abreise wieder zurück zu bringen. Dabei taxiert er mich von Kopf bis Fuss, als stünde ich in Lumpen vor ihm und wäre dringend darauf angewiesen, seine 10m Kabel zu versilbern.
“Na gut”, sage ich, “dann werden wir das ausnahmsweise auch machen”, und lasse ihn mit langem Gesicht stehen. Ich glaube allerdings, bedankt habe ich mich trotzdem…
Hinter dem Campingplatz fliesst der Stoney Creek, und bildet hier eine schöne Flusslandschaft, auch wenn das Flussbett bei unserem Besuch an vielen Stellen ausgetrocknet war. Morgen wird mehr Zeit sein, um hier zu spazieren.
Wir kochen, essen und werden still. Die Sonne ist untergegangen und die langen Schatten lösen sich auf, gehen in körnig-diffuse grau-blaue Löcher ohne Ränder über. Es ist die Zeit, in der die Vögel des Tages zur Ruhe kommen und die Geräusche der Nacht noch fehlen. Genau in diese Stille hinein fällt das zweimalige, hässliche Knacken von Fiberglas: Wir blicken direkt auf unser Zelt und sehen, wie sich die geknickte Firnstange in spitzem Winkel von unten in das Überzelt bohrt. Es sieht einfach grotesk aus, absolut lächerlich und ist zum Heulen. Aber dafür ist keine Zeit. Wir haben keine Lust und nur wenig Talent (zumal im Dunkeln), Zeltstangen zu flicken und beschliessen in aller Eile, das Zelt abzubauen. Das setzen wir sofort in die Tat um: Unter “Flutlicht”. Die Neonlaterne, die zur Autoausrüstung gehört, leistet beste Dienste. Wir rumoren und hantieren, was das Zeug hält, so lange wir noch die Hand vor Augen sehen. Eine Viertelstunde später haben wir keinen Schlafplatz mehr, aber zwei Stühle, auf die wir uns setzen. Wir machen die Lampe aus und fluchen still in die Nacht. Jetzt wissen wir auch schon, was wir morgen, an unserem freien Tag, machen werden…
Lange schweigen wir uns allerdings nicht an. Denn hinter uns beginnt das dicke Blech der Begrenzungswand des Platzes zu klacken. Wir hören tapsende Schritte, und der Baum, unter dem wir sitzen, beginnt zu rascheln. Ganz offensichtlich sind ein paar Kobolde im Begriff, ihn zu entern und sich darauf einzurichten. Wir zünden die Taschenlampen an, und schauen direkt in die neugierigen und berechnend süssen Augen eines Possums. Wir zücken die Bananenschalen, die wir aufgehoben haben, und verfolgen mit Genuss das vergnügliche Geschlabber der Tiere, die sich an den Fruchtresten gütlich tun und die Schalen dabei zwischen den Vorderpfoten halten, so dass wir erkennen könnne, dass diese ganz feingliedrige Knochen haben und unseren menschlichen Fingern doch sehr ähnlich sind. Das grösste Kerlchen sollte allerdings gelegentlich einen Optiker aufsuchen…




Danach sind wir geschafft. Eine emotionale Achterbahnfahrt war das heute Abend! Mein Schatz ist todmüde. Wir haben plötzlich genügend Aufgaben für morgen…
Willmington ist nicht gerade eine Grossstadt, das Funkloch ist dafür um so beeindruckender, aber wir werden schon irgendwie zurecht kommen. Auf jeden Fall richten wir uns für die Nacht im Auto ein und beschliessen die Nacht nach elf Uhr mit den Notizen, die diesen Eintrag nun erst möglich gemacht haben.
Australien 2007 - Tag 13
Erlebt am 05. November 2007 – von Mannum nach Melrose
Durch gemalte Landschaften und still stehende Zeiten
Was für ein Erwachen UND Aufstehen das ist, wenn dich ein klarer blauer Himmel begrüsst, und wenn du ans Licht krabbelst und du sogleich ins Sonnenlicht blinzeln darfst! Vergessen ist augenblicklich, was für eine harte Nacht das war, sprichwörtlich, weil mein Rücken sich anfühlt, als hätte er die Härte der Liegebank gleich angenommen und bleibend gespeichert. Ich war zeitweise so verkrampft, dass ich mich im Schlafsack kaum drehen konnte. Unseren schwachen Blasen hingegen ist es z danken, dass wir nun diese Prachtstimmung eine halbe Stunde eher geniessen können.
Absolute Stille liegt über dem Wasser. Der Morgenmuffel in mir lässt das Knurren augenblicklich sein. Ich bin hellwach – und sehr still. Die Korellas haben damit mehr Mühe und schnattern uns die Ohren voll. Dafür, dass diese Pärchen ihr Leben lang zusammen bleiben, haben sie sich jeden Morgen unerklärlich viel zu erzählen. Sie haben wohl unwahrscheinlich lebendige und komplexe Träume…
Vom Start des heutigen Tages werde ich ein Bild noch lange bei mir präsent haben: Wir fahren auf der Uferstrasse einem dichten Schilfgürtel entlang, der so hoch steht, dass wir das Wasser kaum sehen können. Als dann ein Raddampfer den Fluss hinunter fährt, ist es uns, als würde er direkt durchs Schilf gleiten.
Zum zweiten Mal setzen wir mit einer Fähre über den Fluss: Der Murray River offeriert uns einen Scenic Drive bis nach Purnong. Die Strasse bietet mehrere lohnende Blicke auf den mäandrierenden Fluss, der immer wieder kleine private Jettys mit Hausbooten umspült. Von zwei, drei Aussichtspunkten wie dem Z-Bend habe ich mir allerdings mehr erhofft. Die Ansichtskarten vom feuerroten Gestein, die wir bewunderten, wurden natürlich von Photoshop optimiert – und jetzt, mitten am Tag, ist das Licht einfach zu grell und die Luft zu wenig klar.
Nach Swan Reach führt die Strasse weg vom Murray River, durch immer wieder neue Weingebiete. Und da sind meine violett gefärbten Blütenwiesen. Die Intensität der Farben ist enorm (kein Photoshop!). Mir entfährt noch aus einem anderen Grund immer mal wieder ein glücklicher Seufzer: Es sind die Wächter am Strassenrand, pittoreske Gesellen, oft von knorriger Gestalt: Meine Bäume…
So weitet sich die Landschaft, breitet sich aus, als gäbe es kein Sorgen, bis wir Mintaro erreichen: Ein altes, verwunschenes Städtchen mit vielen geschichtsträchtigen Gebäuden, in denen die Zeit festgehalten wird – und mit der Weinhandlung und –schenke “Reilly’s Wines”, wo auf einer prächtigen, von Rosen umrankten Terrasse nicht nur Wein angeboten wird, sondern vor allem ein Devonshire Tea, der genau so ist, wie es gute Nervennahrung sein soll: Frisch gebackene Scones mit Rahm und Honig, einfach lecker; mit Capuccinos, die wie Capuccinos schmecken, und zwar die ganze gigantisch grosse Tasse lang… Der Wirt weiss, wie exklusiv sein Angebot ist, aber ich habe noch nie so gerne 20 Franken für eine gross(artig)e Kleinigkeit ausgegeben.
Frisch gestärkt fahren wir weiter nach Clare. Auf dem Weg müssen wir mehrmals anhalten. Die Landschaften mit diesen violetten Blütenteppichen sind einfach atemberaubend.
Der Einkauf in Clare ist das Werk von uns Pofis: Wir versuchen auf solchen Reisen wenn möglich immer in der gleichen Ladenkette einzukaufen: Da findet man sich schneller zurecht und braucht nach kurzer Zeit auf der Suche nach den kleinen unbedingt notwendigen Dingen für ein Camper-5-Stern-Napfgericht deutlich weniger Nerven. Mit der mittlerweile ausgefeilten Checkliste geht auch kaum mal etwas vergessen, und wir arbeiten Hand in Hand.
Thinkabouts Wife übernimmt die Autofahrt bis Melrose, und ich nicke tatsächlich ein paar Mal daneben ein…
Der Melrose Caravan Park ist klein, sehr sauber und äusserst kompetent von einer sehr hilfsbereiten Frau geführt. Eine komplett ausgerüstete Campingkitchen ist perfekt, auch wenn wir sie nur für den Abwasch brauchen. Wir werden auf unserem Fleckchen Zeltplatz für uns kochen, machen uns aber zuerst auf die Suche nach den Roos (Känguruhs), die hier immer mal wieder zu Besuch kommen sollen. Wir finden Mutter Lampohr auch schon bald. Ich staune immer wieder über die ausdrucksstarken Augen dieser Tiere, und mit ihren dünnen Vorderbeinen vermögen sie sich auch am Rücken bequem zu kratzen… Unsere Dame zittert allerdings am ganzen Körper, als würde sie an diesem warmen Frühsommerabend tatsächlich frieren.
Das Flussbett hinter unserem Lagerplatz ist ausgetrocknet. So schlecht unser Wetter teilweise war, wir haben es immer wieder gehört: Für die Menschen hier wäre es ein Segen, es würde weiter regnen…
Herrlich, wenn man seinen selbst gekochten Eintopf mit Reis, Broccholi, Karotten, Peperoni und süsssaurer Chilisauce draussen, am Klapptischchen geniessen kann. Endlich wieder!
Wohl auch deswegen beachten wir den Gegensatz zu stadtnahen Campingplätzen heute besonders stark: Am Murray River und hier, auf diesem kleinen Platz, hat es kaum Dauermieter. Alle begegnen sich im gemeinsamen “On The Move – Lebensgefühl”. Allerdings scheint der Campingplatz ein “Funkloch” zu sein. Keine Nachrichten nach Hause möglich, keine SMS an Caro, unsere Rapporteurin zuhanden thinkabout.ch zu Hause. Hoffentlich erkennt sie darin keinen Grund zur Sorge. Es wäre wirklich ohne jeden Grund! Und kommt über die Havarie mit dem Roller hinweg. Von diesem Missgeschick hat uns ein gemeinsamer Freund berichtet. Die Geschicke der Freunde am anderen Ende der Welt, hautnah mitgefühlt… Die Welt ist klein geworden, und doch sind wir hier so fern aller Alltagsrhythmen. Es ist einer dieser Abende, an denen Du den ganzen Wert einer fernen langen Reise zu erkennen und auszukosten vermagst.
Ich freue mich sehr auf die Wanderung morgen, auf eine hoffentlich trockene Nacht und das Schlafen im Zelt.

Ich blicke zufrieden auf den erlebten und den kommenden Tag. Morgen werden wir nur sehr wenig Auto fahren. Die Tage nehmen nun einen leiseren und langsameren Takt an – bevor dann die langen Überführungsetappen beginnen…
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Australien 2007 - Tag 12
Erlebt am 04. November 2007 – von Strathalbyn nach Mannum
Vom Städtchen in die Grossstadt
Wir gönnen uns eine Stunde länger Schlaf, bevor wir den Tag mit dem Besuch des Städtchens Strathalbyn beginnen. “Historische Gebäude” – werden in Reiseführern sehr oft erwähnt – doch man stellt sich darunter häufig Falsches vor. Die Siedlungen Australiens stammen meist aus dem 19. Jahrhundert. Das vermittelt auch den alten Bauten eine gewisse Luftigkeit. Die Gebäude, vor allem wenn sie restauriert sind, wirken oft flach, wie gemalt, als wären sie Kulisse in einem Film. Aber hier finden sich auf jeden Fall einmal mehr als nur ein paar Reste des Ursprungs, der von schottischen Siedlern um 1840 geprägt wurde. Das ganze Städtchen hat etwas Malerisches und verweist nicht nur in seinem innersten Kern auf die Gründerjahre.
Für die Weiterfahrt entschliessen wir uns für einen “Scenic Drive” nach Stirling, verzichten also auf die Schnellstrasse nach Mt. Barker, und das lohnt sich sehr! Eine wunderbare Fahrt ist es, durch lichte Eukalyptuswälder vorbei an kleinen Städtchen zu gleiten, die sich teilweise fast in den Wald hinein zu ducken scheinen.
Anschliessend führt uns der Highway und vor allem die umsichtige Karten-Lesekunst meiner Pfadfinderin direkt ans Stadtzentrum von Adelaide heran, wo wir am Rand des Universitätsviertels auch sofort einen Parkplatz finden.
Kaum auf dem Stadtbummel stellen wir dann fest, dass man hier sogleich auch eine ganze Menge von der Erwachsenenkultur mit vermittelt bekommt. Das Rotlichtviertel scheint relativ gross, so weit das bei Tage abzuschätzen ist. Stadtwandern ist heute ein Vergnügen für uns, bei hoffentlich trocken bleibendem grauem Himmel allerdings.
Die Rundle Mall, die grosse Einkaufszeile im Stadtzentrum, hat auch heute Sonntag viele offene Geschäfte zu bieten – und unzählige Essgelegenheiten. Es flanieren sehr viele junge Menschen, viele Asiaten unter ihnen. Es herrscht eine ein bisschen raue herbe Grossstadtatmosphäre. Wir spazieren weiter zum Victoria Square und dann in die China Town, wo wir in einem Food Stall stranden: Hier bilden unzählige (Fr)Essstände ein Geviert, in deren Mitte man das Erstandene an langen Holzbänken zu sich nimmt, umgeben von einem Stimmengewirr, das niemals zu verstummen scheint. Wir wählen indisches Essen. Es schmeckt köstlich.
Mit dem Auto fahren wir dann noch über den Torrence River nach North Adelaide. Auf dieser eher herrschaftlichen Seite Adelaides hat man einen guten Blick über die City, mit dem berühmten Sportstadion im Vordergrund.
Ein kurzer Besuch in einer anglikanischen (?) Kirche, dann noch tanken, wobei ich mich wieder einmal über den Spritverbrauch ärgere, der eher am oberen Limit meiner Schmerzgrenze liegt. Auch den Weg aus der Stadt finden wir problemlos, was bei einigen unerwarteten Einbahnstrassen durchaus nicht problemlos sein muss. Die 80 – 100 km bis nach Mannum nehmen wir im Handgalopp und kommen um vier Uhr nachmittags auf dem Campingplatz an.
Thinkabouts Wife zieht es sofort zur Vogelbeobachtung ans Flussufer. Wir sind hier an einer Biegung des Murray Rivers untergebracht und sind halbseitig von Wasser umgeben. Und das gerade schöne Wetter muss genützt werden.
Zum ersten Mal hinke ich zumindest in meiner gedanklichen Präsenz meiner Frau hinterher… Ich bin irgendwie noch nicht angekommen. Dabei ist es ein wunderbarer Ort mit vielen Wassservögeln, wozu auch eine kleine Kolonie Pelikane gehört.
Ein wunderbarer Ort, fast zu schön, um sich mit so profanen Dingen wie einem Tumbler herum zu schlagen… Aber das Angebot ist bei diesem Wetter wohl besser zu nutzen…
Wir schmieren heute nur Brote und essen ein paar Guetzli. Die Küche bleibt kalt, den Indern sei Dank.
Aufs Zelten verzichten wir – der Wetterschock wirkt noch nach und Thinkabouts Wife ist es schlicht zu windig und zu kalt.
Australien 2007 - Tag 11
Erlebt am 03. November 2007 – von Robe nach Strathalbyn
Vom Überguss zum Sonnenschein
Regennächte im Zelt halten einen verheerend in sich geschlossenen Kreislauf an Ungemach für mich bereit: Seit kurz nach Mitternacht regnet es ununterbrochen. Das ständige Geräusch von fliessendem Wasser und den auf die Zeltmembran prallenden Wassertropfen wirkt über mein Bewusstsein ganz offensichtlich harntreibend auf meine Blase ein… Es ist dies eine tolle Nacht, um drei Mal für kleine Jungs aus dem Zelt zu kriechen… Die Uhrzeiten habe ich gar nicht wissen wollen. Hingegen weiss ich, dass mit dem aufhellenden Himmel, so um fünf in der Früh’, die spannende Frage langsam von mir Besitz ergriff, wie gut wohl unser Zeltchen den Wassermassen weiter trotzen würde, die Petrus uns mit dem Schüttbecher zuzuführen begann. Nicht nur, dass der Himmel nun alle Schleusen öffnete – hinzu kam ein heftiger Wind, so dass der Regen nicht nur von oben sondern abwechselnd von allen Seiten gegen das Zelt trommelte. Von Zeit zu Zeit traf ein Wassertropfen meine Stirn. Ayurveda-Relaxing für Arme, komplett gratis und ungefragt, sozusagen.
Nicht allzu lange nach fünf Uhr morgens, wir haben uns gerade zu einem gemeinsamen Pipi-Stopp ausserhalb des trauten Heims versammelt, da wird das Problem unaufschiebbar: Die natürlichen nassen Gewalten werden bis sieben Uhr nicht einfach aufhören, ihre Macht zu demonstrieren, sondern noch ganz schön länger ihren Spass daran haben.
Wir krabbeln zur Lagebesprechung wieder ins Zelt. Was denn meine Strategie wäre, fragt mich nun die beste Camperin von Allen, kaum hat sie sich wieder in den Schlafsack gesteckt. Wie ich also weiter versuche, was ich scheinbar vor Stunden schon begonnen habe, nämlich ohne grossen Erfolg zu überlegen, höre ich neben mir plötzlich das Knurren meines Betthasen. Die Frau hat die Ruhe weg, das muss ich ihr lassen! Ihr ruhiger Atem ist eine Demonstration der Gelassenheit, während der Wasserdruck langsam dafür sorgt, dass alle paar Sekunden entlang einer Naht ein Wassertropfen auf die Kissen tropft. Aber sie hat ja Recht: Es ist noch immer recht gemütlich, und so lange ich mir nicht schlüssig bin, wie ich den Zeltabbau durchführen soll, ohne gleichzeitig auch die 3 Quadratmeter Innenwohnfläche im Auto zu versiffen, bleibe auch ich schön brav liegen.
Um sieben aber startet dann definitiv unsere Notoperation. Erst will ich in T-Shirt und Unterhose zum Zeltabbau schreiten, da eh alles in Sekunden am Körper klebt, aber mir ist im Nu so bibberig kalt, so dass ich mir ein Unterhemd aus meiner Skiunterwäschekollektion gönne und die Jacke und Hose eines Regentrainers überziehe, die ich vor zwanzig Jahren letztmals auf einem Fussballplatz spazieren führte… Aber das hier ist auch Sport! Die Chefcamperin wird in den Wagen beordert, schliesslich müssen nachher nicht Beide klatschnass im Auto vor sich hin dampfen. Ich fahre den Wagen mit dem Heck direkt ans kleine Vorzelt ran, von wo aus ich Thinkabouts Wife das Innenleben des Zelts ins Auto schiebe. Und da wir luxuriös schlafen, sind das zwei Isomatten, Die Liegepolster aus dem Auto, zwei Kissen, zwei Schlafsäcke und eine Wärmedecke. Jaaah, alte Menschen habe es gerne bequem!
Dann beginnt der Zeltabbau, wobei ich natürlich chancenlos bin, die Wassermassen vom Innenzelt fern zu halten. Aber die grossen schwarzen Säcke, die ich, aus welcher Eingebung auch immer, im Supermarkt gekauft habe, sind Gold wert. So kann ich Zelt und Überzelt in ihrer ganzen nassen Armseligkeit doch gut verstauen – und vor allem schnell.
Am Ende schaffen wir den Abbau samt Frühstück in der praktisch gleichen Zeit wie gewöhnlich – auch die Wäscheleine geht – knapp – nicht vergessen.
Die heutige Route führt uns durch den lang gezogenen Coorong and Lakes National Park. Doch unser geplanter Spaziergang bei “42 Miles Crossing” fällt Wind und Regen zum Opfer. Eine besondere Warntafel hätte es dafür gar nicht gebraucht…
Die Landschaft wäre an weniger trostlos grauen Tagen aber in jedem Fall grandios – mit viel Wasser, auch an besseren Tagen wie heute…
Dafür können wir guten Gewissens wie Lehnstuhltouristen vor Salt Creek den Scenic Drive geniessen: 20 km Autofahrt durch Wetlands und eine abwechslungsreiche Seenlandschaft.
Mindestens aus der geschützten Kabine heraus lässt sich der Ausblick geniessen. Aber es ist windig, regnerisch und kalt.
Das richtige Wetter also für einen Café-Stopp, und den legen wir dann auch in einem pittoresken Pub in einem kleinen Roadhouse vor Pelikan Point ein: So wie hier kenne ich die klassische und beste Infobörse für Reisende wie uns! Der sehr freundliche Gastgeber will alles über unsere Reise wissen, und er erklärt uns ausführlich, was es in der Gegend zu sehen gibt und welche Routen sich lohnen. Seine aparte Frau leistet uns dabei Gesellschaft. Sie ist von jener feinen, zarten zeitlosen Schönheit, bei der man sich unweigerlich fragt, wie sie an diesen verlassenen Ort der Welt geraten sein mag? Ihr Mann scheint es zu wissen und sie stellt sich die Frage offensichtlich nicht. Da sind zwei mit sich und der Welt zufrieden, und das wirkt ansteckend.
Beim Verlassen des Lokals vergessen wir daher auch die traurigen Augen des kleinen Lobsters im Aquarium und verscheuchen die Gedanken an sein ziemlich gewisses Schicksal…
Am Pelikan Point erwartet uns ein aufgehellter Himmel, und wir können trocken und bei einzelnen Sonnenstrahlen den Fussmarsch zum Aussichtspunkt wagen. Pelikane hat es – wie wir vorgewarnt wurden – zwar keine, und es bläst fürchterlich. Die Vegetation aber ist grandios, und die Lagune dehnt sich vor unseren Augen aus. Sie muss ziemlich flach sein, denn trotz dem starken Wind ist die Brandung für einmal minim.




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Wir fahren weiter zum Parnka Point. Unser ursprünglich für die Übernachtung vorgesehene Ort ist pittoresk, mit von Algen bizarr gefärbtem Wasser, mit einer üppigen Vegetation und reicher Vogelwelt. Zudem sind die einzelnen Rastplätze wunderschön angelegt und liebevoll gepflegt. Mehrere Orte sind für die Vogelbeobachtung hervorragend geeignet.










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Allerdings sind alle Punkte dem Wind stark ausgesetzt, und daher werden wir nicht hier bleiben: Wegen dem schlechten Wetter haben wir heute viel weniger angehalten als auch schon und entscheiden uns daher zu Weiterfahrt.
Dank dieser Entscheidung sehen wir heute doch noch Pelikane: Im Lake Albert bei Meningie.
Und dann wechseln wir zum ersten Mal die Seiten: Thinkabouts Wife absolviert die ersten Kilometer mit Arli 21, von Meningie bis vor Strathalbyn, denn an diesem Ort werden wir übernachten. Meine Frau ist klein, also nein, einfach etwas kurz geraten, und so ein Toyota Landcruiser ist nicht nur aussen ein ziemlich grosses Möbel, aber Thinkabouts Wife hat ihn schon in Westaustralien problemlos gefahren. Das ist zwar zehn Jahre her, aber sie findet sich dennoch problemlos wieder zurecht, und sogleich spielt auch wieder die Zusammenarbeit: Da der Schalthebel ein wenig tief und weit links sitzt, übernehme ich das Schalten, auf Kommando, sobald sie ausgekuppelt hat. Was abenteuerlich tönt, funktioniert wunderbar, mit etwas Anlauf übrigens sogar in der Stadt. Für uns ist das immer wieder ein wunderbares Sinnbild dafür, wie wir zusammen spielen und passen.
Ich geniesse dieses Beifahren, wenn sie mit dem Traktor hantiert, wie ich das Ding manchmal nenne, wobei ich es liebevoll meine: Thinkabouts Wife ist zuhause durchaus mal ein ängstlicher Mensch, aber hier traut sie sich was zu, und hinter dem Steuer war sie noch nie langsam… Da ich mich diesbezüglich auch an Westausralien erinnern kann, bin ich auch darauf gefasst und behalte die Bitte, anfangs doch etwas langsamer zu fahren, für mich. Dass ich weiss, sie könnte die ganze Strecke auch alleine fahren, entlastet mich enorm – zumal sie gerne Autobahn fährt, was mir schnell mal zu langweilig wird.
Und die Schalthebelbedienung verhindert, dass ich einnicke. Wobei es nicht wenige gibt, die behaupten, die Tatsache, dass ich neben meiner fahrenden Frau schlafen könne, sei der ultimative Liebesbeweis (allerdings weiss ich das besser: Ich konnte das in der Armee selbst neben den abenteuerlichsten Fahrern… werde ich bewegt, döse ich gerne weg…).
Auf dem Campingplatz in Strathalbyn scheint plötzlich wieder die Sonne. So können wir uns für eine Nacht im Auto in Ruhe einrichten. Ich nutze die Gelegenheit, das Überzelt über ein mit dem Wäscheseil gebildetes Dreieck zwischen Stossstange, schwachem Obstbäumchen und Autotürgriff zu hängen zum Trocknen. Der Wind bauscht nicht nur die Zeltmembran, er treibt uns auch die Wolken wieder zu, und so rolle ich das ausgelegte Innenzelt wieder zusammen, kaum habe ich es ausgepackt… Es tröpfelt bald wieder…
Eine Viertelstunde später wage ich es doch und werde belohnt: 90 Minuten danach kann ich beide Teile einigermassen trocken in den Originalhüllen verstauen.
Thinkabouts Wife hat derweil alles für einen Tomatenreis-Mais-Eintopf vorbereitet und wir nehmen es beim Essen bezüglich Tempo und Quantität mit jedem Fernfahrer auf. Die von einer Kundin zuhause empfohlenen Tim Tam’s, eine Marke für alle möglichen Sorten von Gebäck, schmecken tatsächlich ausgezeichnet (Variante Caramel mit Schoko-Überzug…).
Jetzt ist es Viertel nach Neun abends, und wir haben den Wecker erst auf acht Uhr gestellt: Adelaide ist nicht mehr weit entfernt, und einkaufen müssen wir da auch nicht mehr.
Thinkabouts Wife hat heute so richtig durchgeschüttelt und zerzaust worden: Der ständige Wind hat ihr zugesetzt. Ein paar trockene und windstille Tage wären sehr willkommen!Aber wir haben unter dem Strich soo viel Glück gehabt heute. In der zweiten Tageshälfte ist wider alle Erwartung kein Regen mehr gefallen. Es wird stets für alles gesorgt. Obwohl Duschen ein Wunschtraum bleibt: “The shower is out of function.”
Australien 2007 - Tag 10
Erlebt am 02. November 2007 – von Mt. Gambier nach Little Dip (Robe)
Wetterbericht: Garstig und doch (noch) artig
Die Türe der Reception im Caravan Park in Mt. Gambier ist unermüdlich. Aber in aller Frühe ist der durchdringende Pfeifton, der ertönt, wann immer irgendein Gast des Caravan Parks die Tür aufstösst, besonders unerträglich…
Das Nutella-Frühstück ist daher klassische Nervennahrung, und wir machen, dass wir von diesem einigermassen düsteren Platz und von seinen verwegenen Gestalten weg kommen. Unser erster Halt gilt dem Blue Lake, einem Kratersee, der das Wasserreservoir von Mt. Gambier darstellt. Der See hat eine besondere, noch nicht restlos erforschte Eigenheit: Für einige Monate im Jahr ändert sich seine Farbe in ein tiefes Blau, das nicht länger mit dem Himmel korrespondiert, mag der auch noch so grau verhangen sein, wie wir sehr schön selbst feststellen können – denn es beginnt bald einmal ganz schwach zu regnen.


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Petrus bleibt aber zögerlich, und als wir unseren Ausgangspunkt für eine Vogelbeobachtungswanderung erreichen, scheint sogar die Sonne. Die Wanderung zum Lake Frome beschert uns Begegnungen mit jagenden Seeschwalben, Füchsen und Katzen, schwarzen Schwänen und Emus, die sich freiwillig nasse Füsse holen.

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Die Weiterfahrt nach Beachport konfrontiert uns leider mit weiteren ausgedehnten Landstrichen von Monokulturen der Holzindustrie: Kilometerlange Einheitsnadelwälder, in denen die Bäume wie Soldaten stramm stehen, eng aneinander gereiht, und dann plötzlich öffnet sich die grüne Front und ebenso grosse Flächen blaffen dich an, kahl gemäht, als wäre Meister Rübezahl mit einem Baumrasenmäher über seinen riesigen Vorgarten getuckert. Einfach unheimlich…
Beachport ist dann wieder ein Ort, den ich konzentriert anfahre, nachdem mein ungeübter Touri-Rundumblick fast eine Kurve übersehen hätte… Das Küstenstädtchen bietet einen schönen “Scenic Drive” an und hat einen langen Jetty, der auch noch benutzt wird, wenn auch nur zur Fischerei. Es bläst gehörig und die Wolken schieben sich den Horizont entlang, als wollten sie das Licht für immer verschlucken.
Also fahren wir weiter nach Robe, wo man von solchen Wolken noch wenig zu wissen scheint und auch der kleine Obelisk keine Gefahren zu erspähen scheint.

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Was wir einigermassen ernüchtert feststellen: Wir sind in unserem ganzen Leben noch nie so viele so schöne Küsten entlang gefahren, ohne dass wir ein einziges Mal eine Gelegenheit offeriert bekommen hätten, auf einer Restaurant-Terrasse für einen Kaffee Geld auszugeben. Keine angeschriebenen Häuser weit und breit…
Also hindert uns nichts daran, Robe zu verlassen und gleich dahinter die Rundfahrt durch den Little Dip Conservation Park zu beginnen. In diesem Park breitet sich ein sehr friedlicher See aus, der von einer tollen Vegetation üppig umfangen wird. Die Vögel, die Tiere allgemein sind zwar sehr scheu, ausser den Moskitos am Picnic-Platz, und die Beschriftungen sind – eigentlich erstmals – unzureichend. So sind wir auf den teils ziemlich überwucherten Wegen nicht immer sicher, wo wir uns nun wirklich befinden…
Das Wetter ist nicht besonders freundlich, was uns erst recht überlegen lässt, wo wir denn übernachten wollen. Wir entscheiden uns für “The Gums”, einen Platz am Anfang des Parks, den wir schon passiert haben und an den wir zurück kommen müssen, wenn wir die Rundstrecke zu Ende fahren. Was nun folgt ist ein richtig langes Stück Weg mit echten Offroad-Eigenschaften: Sandige Abschnitte sind zum Glück sehr rar und nicht wirklich problematisch, dafür gibt es Steigungen und Senken, die von Gesteinsbrocken und –Vorsprüngen übersät sind, so dass wir uns zum Teil den Weg im Schritttempo suchen müssen und uns dabei vorkommen, als würde unser “ARLI” auf seinen hohen Reifen wie auf Stelzen durch die Pampa stolzieren. Dabei sortieren wir die Kücheneinrichtung ein wenig um, wie wir gelegentlichen Rumplern hinter uns entnehmen können. Dafür wird Thinkabouts Wife neben mir ein bisschen still. Mir gefällt’s – nicht ihre Stille, aber die Strecke. Und es ist schön, wenn mein Schatz seine Angst durch Vertrauen ersetzen kann. Das tut nicht nur Machos gut!
Ein paar (anderen?) Machos begegnen wir danach auch noch: Eine Gruppe von Offroadern veranstaltet ganz offensichtlich eine Art Rally auf dem Gelände, und ich kann mich gerade noch rechtzeitig auf die Seite drücken, um eine Kollision zu vermeiden. Danach bleiben wir sicher, da man unsere Durchfahrt ganz offensichtlich per Funk weiter gegeben hat.
Den Nachtlagerplatz finden wir ohne Probleme. Er ist leer und verlassen. Der einzige Gast, mit dem wir den Ort teilen müssen, ist ein grosser brauner Vogel, der ausgerechnet hinter der offen stehenden Tür des Plumpsklos zu brüten begonnen hat. Ansonsten sind wir hier ganz für uns allein, geniessen die Abendstimmung und eine Blumenkohl-Bohnensuppe mit Teigwaren in Muschelform. Wir leben ja richtig feudal…
Der Spass kostet 5 AUSD, “please set it in the box (self registration)”. Okay Chef, machen wir.

Wir bilanzieren unter orange-rotem Himmel, der zu glühen beginnt:
Wir hatten schlechtes Wetter – oder zumindest ständig die Vorahnung – aber wir sind praktisch den ganzen Tag trocken geblieben. Dennoch: Wir sind und bleiben nur beschränkt tauglich fürs Beach-Leben. Sonnenanbeter sind wir eh nicht, aber das helle Licht und vor allem der ständig aggressiv wehende Wind setzen uns zu.
Wir sehen uns an und lächeln: Schön, dass wir in so vielen wichtigen Dingen gleich geschaltet sind!
Ach ja: Keine Fliegen. Der Entscheid war goldrichtig. Wir tauchen in unsere Schlafsäcke im Zelt und in eine sehr tiefe, umfassende Stille.
Flashback von Amsterdam
Stadtbesichtigungen sind anstrengend. Und irgendwie bin ich einfach nicht erwachsen genug dafür. Ja, ich hatte die ideale Kleidung mit und das absolut passende Schuhwerk. Dass die Füsse dennoch nach ein paar Stunden brennen und ich beginne, auf den Fusssohlen zu rutschen, gehört einfach dazu. Damit habe ich mich abgefunden. Aber eine Kopfbedeckung hätte ich vielleicht mitnehmen und etwas Sonnencrème investieren sollen. Dass ich das schon heute früh bemerkt habe und dennoch nicht für Abhilfe gesorgt habe, kann ich auch niemandem erklären. Dass Amsterdam auch mit Läden für den täglichen Bedarf ausreichend versorgt ist, dürfte hinlänglich bekannt sein…
Nun reise ich eben mit einem ziemlich heissen Kopf nach Hause. Aber schön war´s. Einem intensiven, aber mit viel wertvoller Information gefüllten Arbeitstag folgte ein lauer Frühsommerabend in einer lebendigen Stadt und ein strahlender Tag voller pittoresker Bilder. Seit langer Zeit war ich wieder mal ausgiebig mit der Kamera unterwegs. Ich freue mich auf das Bilderkino zu Hause. Ich habe ganz bewusst den Kartenleser nicht mitgenommen. Alles zu seiner Zeit. Wir fahren eben an einem Containerfriedhof vorbei. Die Holländer sind ein Volk der Händler und Kaufleute. Kein Wunder, waren sie auch in meiner Branche die ersten, die den intensiven Handel mit Asien aufgenommen haben.
Ich komme ins Plappern. Ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass ich voller Eindrücke bin. Ich will es jetzt aber sich setzen lassen und mache hier Schluss.
Es ist der 7. Mai, 21h00, und der Zug ist eben in Utrecht zum Stillstand gekommen.
Der Mensch und seine Bedürfnisse...
Unseren Reisebericht zum 9. Tag mit der Fahrt nach Mt. Gambier ergänze ich gerne mit diesem Bericht zu einer speziellen Beobachtung:
Menschliche Bedürfnisse?
An diesem Tag fahren wir besonders oft entlang weiter Flächen mit Monokulturen. Es ist ein bedrückendes Bild. Denn es handelt sich um Wälder, in denen die einzelnen Bäume wie Soldaten im ausgerichteten Abstand zu einander stehen. Alle Bäume sind gleich hoch. Nicht klein, nicht gross. Sie wachsen, aber kontrolliert und ganz sicher möglichst schnell. Die im Tagesbericht erwähnten Emus sind die einzigen Tiere, die wir sehen.

Bild samt Artikel: abc.net.au
Diese grüne Front entlang der Strassen, die sich immer wieder erneuert, ist ganz schön bedrückend. Wie aber erst wirkt eine solche abgeholzte Monokultur! Ganze Ebenen bis zu ihrem Horizont sind eine einzige Wüste, die Soldaten sind umgemäht und weggeschafft, nur ihre Fusswurzeln sind noch im Boden verankert, sauber gekappt, fünfzig Zentimeter über Boden.
Und dann wird es unfassbar: Stellen Sie sich vor, sie fahren durch einen Mischwald, auf Serpentinenstrassen, und dann öffnen sich die Bäume und geben den Blick auf die umliegenden Hügel frei. Und was sie sehen, sind:
Stümpfe. Nichts als Stümpfe. Alle Abhänge niedergemäht. Nur Strünke. Vereinzelt hängt ein Stamm verkeilt dazwischen. Die Erde ist braun, kein Halm weit und breit. Hier hat der Mensch gewütet und nicht das Feuer. Hier wächst so schnell nichts nach, bis der Mensch seine nächste Einkaufstour fährt…
Australien ist berühmt für viele Bodenschätze – und für die gewaltigen Maschinen, mit denen im Tagbau riesige Erdmassen bewegt werden. Aber auch hier, gerade hier, bleiben Fanale zurück der menschlichen Gier, die überall dort grassiert, wo die Masse regiert. Man mag jetzt argumentieren, dass konzentrierter An- und Abbau absolut zwingend sei für Ernährung, Rohstoffgewinnung etc.
Für mich aber werden diese Bilder immer Symbole des Raubbaus sein. Weil ich den Menschen nicht kenne, der seine Gier zügelt, wenn er Geld verdienen kann. Und wenn ich ihn kenne, dann arbeitet er nicht an diesen Orten, auf jeden Fall nicht auf den Entscheidungsebenen.
Reportage von abc.net über eine Papiermühlenfabrik:

Australien 2007 - Tag 9
Erlebt am 01. November 2007 –
vom Mt. Eccles NP nach Mt. Gambier
Dem Regen seinen Willen lassen
Wir sind so ne Art gestrandet. Ich schreibe diese ersten Tagesnotizen in mein schwarzes Büchlein, während der Regen an die Scheibe klopft. Viel mehr als diesen gesichtslosen Parkplatz, der eben einfach ein Parkplatz ist, werde ich von Cape Bridgewater nicht mehr sehen. Es reicht mir auch. Ich bin noch immer ein bisschen durchgefeuchtet…
Wir haben am Morgen zeitig geschaut, dass wir Land gewinnen, wie man so schön sagt. Keine Sonne zwischen den Baumwipfeln, die Koalas irgendwo im Tagesschlaf, ein grauer Himmel, der keinen Aufschluss über sein Schleusenmanagement geben will… Also räume ich das Zelt zusammen und schaffe es auch diesmal, bevor die ersten Tropfen fallen. Zum Frühstück bittet die beste Camping-Frau von allen für einmal ins gemütliche Motorhome, das zwar nicht viel mehr tatsächlichen Charme hat als eine ausgekleidete Blechkiste, aber das kann man nun wirklich nur bei schlechtem Wetter so ungerecht formulieren. Wir beobachten über die Müesli-Schalenränder schweigend und andächtig, wie draussen der Picknicktisch die Regentropfen aufsaugt, als wäre er ein Schwamm.
100 Kilometer Fahrt sind es bis zum jetztigen Standort, wo wir vor ein paar Stunden uns hingestellt haben. Aber wir wollen nicht klagen. Die Treppe runter, an den nahen Strand, und da dreihundert Meter zum Eingang des Dörfchens, und da steht es: Das Restaurant mit der Holzbolenwand und den knarrenden Dielen, den verregneten Stuhltürmen, die völlig grotesk auf die Sonne warten – und dem Wichtigsten: einer Tür mit dem Schild: WE ARE OPEN.
Es sind die besten, wenn auch vegetarisch unkorrekten Scones, die ich je in Australien gegessen habe. Schön butterig, mit Speckknötchen drin, wunderbar heiss und luftig gebacken, und dazu gibt es einen Capuccino, in einer Tasse, so gross der Durchmesser wie bei uns die Unterteller. Und dann brechen wir doch auf, tauschen die Plätze mit der Motorradkolonie, die ihre nassen Lederkombis über die Stühle hängt und den Raum mit schwarzer Rockerkluft verdunkelt, während ein fröhliches Lachen durchs Lokal schwingt. Draussen ist es noch grauer geworden, und ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was mich jetzt in ein Schlauchboot steigen liesse, das da eben eine Touristengruppe mit Ölzeug-Klamotten aufzunehmen versucht und dabei immer wieder über die Wellenkreten der Brandung in die Luft sticht, bis sie endlich alle darin sitzen, umgeben von der Gischt der Schaumkronen und dem Nebeldampf des Nieselregens. Da laufen wir doch lieber. Der Küste entlang zur Pelzrobbenkolonie, die hier ganzjährig anzutreffen sei. Und tatsächlich, da liegen sie dann auch, tief unten auf ein paar Felsvorsprüngen, stoisch, im bizarren Gegensatz zur auch hier heftigen Brandung, die schon den ganzen Weg über uns immer an der Küste begleitet. Die See ist rauh im Süden Australiens…
Zum Glück ist der Weg kürzer, als die angegebenen 2.5 Stunden (one way), aber wir haben auch so nicht viel Lust zum langen Verweilen, und so machen wir uns auf den Rückweg. Der Fotoapparat bleibt in der Tasche. Hundewetter für Hundefotos, die dann irgendwo gemacht worden sein könnten von irgendwas.
Nach dem Frühstück haben wir nun auch das Picknick im Auto veranstaltet. Das Wetter lässt uns die Weiterfahrt direkt nach Mt. Gambier planen, was bedeutet, dass wir die Früchte alle vertilgen müssen. Zudem werden die Tomaten zu einer Sauce gekocht, alles im Auto natürlich. Wir werden die Fruchtfliegengrenze überqueren, und da ist der Transport von Früchten sowie von Gemüse streng verboten. Es hagelt sehr saftige Strafen, haben wir gehört, wenn bei einer Kontrolle eine einzige Frucht gefunden wird.
Das eintönige Wetter würde es erlauben, den Blick nach innen zu richten und für einmal mit den Gedanken zurück zu schweifen zu den vielen Höhepunkten, die schon hinter uns liegen und sich doch noch nicht gesetzt haben. Befriedigt dürfen wir bilanzieren, dass wir alle bisherigen Herausforderungen auch als reine Hobbyindianer aus der Grossstadt durchaus heldenhaft gemeistert haben. Aber die Weiterfahrt strengt mich an. Der Regen auf der Scheibe scheint fast zu kleben, die Scheibenwischer sind entweder zu schnell oder zu langsam.
Erst als uns Emus auf einer Wiese am Wald auffallen und wir einen Halt machen, beschert mir die willkommene Abwechslung einen wieder wacheren Verstand.
Mt. Gambier ist eine grosse Stadt – und das bedeutet in Australien vor allem, dass sie sich in der Fläche ausdehnt. Die Strassen sind breit und ganze Strassenzüge sind gesäumt von Gebäuden, die den Charme unserer Gewerbequartiere haben, mit Foodstores in viereckigen Längsbauten und einem ziemlich üppigen Verkehr, der sich allerdings nicht allzu hektisch über die Kreuzungen schiebt. Unser Caravan-Park liegt mehr oder weniger mittendrin und doch irgendwie völlig daneben, an der Krummel Street, um genau zu sein, und krumm sind denn auch so manche Gestalten, die hier unvermittelt in ziemlich sinistren und verlotterten Caravans verschwinden, die ihre Fahrbarkeit nur noch als Idee behalten haben.
Das Tanken und Einkaufen im Woolworth geht flott. Wir sind schon richtig routiniert und es bewährt sich die Strategie, wenn möglich immer in der gleichen Kette einzukaufen: So finden wir uns schneller zurecht und brauchen dafür deutlich weniger Nerven.
Die Verwaltung des Caravanparks in der Person einer älteren Frau mit schlohweissem Haar und ansehnlich massiger Statur kommt mit bemerkenswert knappen Kommunikationsmitteln aus. Auf meine Frage, ob ich mit Kreditkarte bezahlen könne, deutet sie auf das Visa-Schild und den Vermerk darunter (ab 30 AUSD). Meine Frage nach der Uhrzeit lässt sie über meinen Kopf hinweg starren, so dass ich dem gleichen Zeigefinger folge, der mich den Hals verdrehen lässt, um hinter mir über der Tür die Uhrzeit ablesen zu können. Und natürlich hat sie auch für die Öffnungszeiten ein Schild, zu dem ihr Zeigefinger passt. Beim Verlassen der „Reception“ weiss ich, warum die Kommunikation knapp gehalten werden muss. Die Tür provoziert bei jedem Öffnen einen hohen lauten Pfeifton, der auf dem ganzen Gelände zu hören ist. Bei jedem Ein- und Ausgehen der Gäste. Und es ist etwas los an diesem Abend… Ich würde schlicht verrückt werden, müsste ich das in diesem Kabuff über mich ergehen lassen.
Wir haben zum ersten Mal „powered site“ gebucht, also mit Stromversorgung, wir schlafen zum ersten Mal im Auto –hier stellt kein Mensch ein Zelt auf – und wir kochen zum ersten Mal Stocki (Kartoffelstock / Kartoffelbrei), den wir mit exakt jener Tomatensauce aufpeppen, die wir vor der Fruchtfliegengrenze erfunden haben. Thinkabouts Wife hat wohl etwas zuviel davon genossen, und so liegt sie mit durchaus respektablen Schlafgeräuschen schon über mir im Schlafgemach, während ich um neun Uhr abends die Uhren eine halbe Stunde zurück stelle. Wir sind in Süd-Australien angekommen.
Meine letzte Verrichtung dieses Tages ist der Versuch, die Nähte meiner Geldbörse mit Klebeband zu dichten. Die Strapazen der Mongoleireise und Südaustralien haben ihr den Rest gegeben.
Wie früh doch auf Reisen die Nacht ihr Recht bekommt…
Das war kein Tag für Photos. Obwohl auch Mt. Gambier seinen Reiz hat, wenn man abends noch vor die Tür geht und den Kopf hebt, oder wenn man im Waschsalon nicht die Wäsche sortieren muss…



Australien 2007 - Tag 8
Erlebt am 31. Oktober 2007 – von Port Fairy nach Mt. Eccles
Im Reich der Koalas
An diesem Morgen friere ich zum ersten Mal wie ein Schosshund und das Zelt hat reichlich Kondenswasser auf der Innenseite der Aussenhaut gebildet. Allerdings scheint die Sonne,und sie trocknet einen guten Teil davon wieder, bevor ich es verstauen muss.
Wir fahren runter zum Strand, wo in einer seichten Lagune Strandläufer und schwarze Schwäne den Tag begrüssen, und danch besuchen wir das Städtchen. Port Fairy kennt nicht viele Restaurants, noch weniger solche mit Gedecken, aber alle mit netter Bedienung. Uns wäre nach einem schönen klassischen Devonshire Tea. Was wir schliesslich finden und kriegen können ist ein relativ klebriger Blaubeerstrudel. Dazu gibt es einen richtig schön fetten Capuccino. Den Zahnplombenzieher müssen wir allerdings aus der Tüte verspeisen, denn im Café heisst es: “Sorry, we have no plates.”




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Wir setzen uns trotzdem mit unserem erstandenen Proviant ins lauschige Gärtchen und pflegen inmitten von Rosen die Romantik.
Zum Mt. Eccles NP ist es nicht weit. Wir sind zur Mittagsstunde schon da und so ziemlich allein, wie wir das abschätzen können. Das Infocenter liegt verlassen da, die Anlage allerdings ist aufgeräumt, ein Ranger-Auto parkt, aber zumindest campieren will hier offensichtlich keiner ausser uns…
Ich geniesse es, für einmal das Zelt ohne jeden Zeitdruck einrichten zu können, und natürlich geht es ohne Hektik eher schneller als sonst.

So bleibt viel Zeit für vier Stunden ausgedehntes Wandern im Naturpark. Wir sind sehr erwartungsfroh, denn Thinkabouts Wife hat bei der Anfahrt schon einen Koala in den Baumwipfeln ausmachen können, und der Park ist für eine recht grosse Population dieser Tiere bekannt.
Vorerst allerdings hören wir sie nur: Die Männchen brüllen (oder ist es eher ein heiseres Röhren?) ähnlich wie ein Hirsch, und es ist ziemlich erstaunlich, wie weit die sonoren Klänge durch die Luft getragen werden. Neben dieser Akkustik präsentieren sich uns mehrere ebenfalls aufgeregte Gelbhaubenkakadus. Der Wanderweg führt einen Kraterrand entlang. Mt. Eccles liegt in einem erloschenen Vulkan. Wir haben ihn etwa zu drei Vierteln umrundet, als wir die gewünschte Begegnung haben – und was für eine! Der Grosse – es ist ein stattliches Männchen – schaut uns mit grossen, irgendwie verträumten Augen an und scheint sich ebenso wenig von unserem Anblick losreissen zu können wie wir von dem seinen. Diese Tiere, die ein sehr dichtes Fell und eine so breite und flache Stupsnase haben und oft ein bisschen dümmlich wirken können, vermögen ihrem Gesichtsausdruck sehr viel mehr Facetten zu verleihen, als man es für möglich halten würde!



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Anschliessend öffnet sich bald das Gelände, und wir blicken von einem Bänkchen, auf dem uns ein nettes älteres Ehepaar einen Platz anbietet, über dichte Baumwipfel hinweg. Das Paar war vor 25 Jahren mit drei Kindern schon mal hier im Urlaub. Seither soll die Vegetation richtig hoch geschossen sein, und der Mann meint trocken, heute wäre ohne die Kinder auch mehr Ruhe da, die Landschaft auch wirklich zu geniessen. Auf dem Weg zurück zum Ausgangspunkt sehen wir weitere Koalas. Es ist also richtig, dass sie hier sehr gut zu beobachten sind. Vor allem fällt uns auf, sind sie sehr aktiv. Wir machen am Ende bewusst ein Foto von einem schlafenden Tier – so, wie viele Touristen die Tiere allenfalls zu sehen kriegen…




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Bevor wir zurück ins Lager kommen, führt der Weg hinunter in den Krater, zu dessen Rundgang der Lake Surprise Walk nur schon durch seinen Namen einlädt. Am Ufer des Sees erwartet uns erst mal eine amtliche Mitteilung, die vor einer Algenpest warnt.
Aber der Rundgang ist wunderbar, und wir wollen ja nicht schwimmen noch vom Wasser trinken. Wir werden das pittoreske Bild der jungen Schwalben auf dem gebogenen Ast über dem Wasser noch lange im Gedächtnis behalten. Eher seltener, dass man in Australien Rallen beobachten kann, während eine stattliche Anzahl Enten durch das wärmer werdende Licht des Abends gleitet. Ein Rosella-Paar inspiziert mögliche Brutnester, und wir können in aller Ruhe, wenn auch bei ungenügendem Licht im dichten Wald, beobachten, was wir schon gelesen haben. Herr Rosella ist schwer beschäftigt. Er kundschaftet das mögliche Nest nicht nur aus, er richtet es auch ein. Wenn er fertig geschuftet hat, lässt er Frau Rosella sein Werk inspizieren. Ist sie zufrieden, so bezieht sie das Nest – ansonsten geht seine Plackerei von neuem an einem anderen Ort los. Erst wenn alles zu ihrer Zufriedenheit ist, lässt sie sich überhaupt auf die Paarung ein.
Wir können nicht warten, bis das vollzogen werden kann, aber ich schicke dem Herrn noch eine Prise Bedauern und Respekt nach, denn ich weiss: Wenn die Liebe zum Ziel führt, geht der Stress erst richtig los: Seine Frau bezieh das Nest, er macht es bis auf eine kleine Öffnung zu und füttert nun die Dame des Hauses und werdende Mutter durch, und anschliessend die kleinen gleich mit.





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Wir nähern uns derweil unserem Camp, und das Röhren der grauen Wichte wird wieder lauter. An unserem Lagerplatz erwartet uns in einer Stammgabelung eines Baumes etwa fünfzehn Meter hinter dem Tisch des Picknick-Platzes ein schlafender Koala in etwa drei Meter Höhe. Das gibt es doch gar nicht! Man könnte fast meinen, der Ranger hätte uns einen Stoff-Koala als Willkommensgeschenk in den Baum gesetzt. Aber das Bündel atmet leise schnaufend, und unsere Schritte wecken ihn auf.

Stören lässt er sich aber nicht lange und schläft mal schön weiter, wie er es wohl 20 Stunden am Tag zu tun scheint.
Als wir endlich selber glauben können, dass der niedliche Kerl uns noch ein wenig erhalten bleiben wird, geniessen wir Kaffee und Plätchen in Hochstimmung. Zumal uns auch hier bald wieder Fairy-Wrens besuchen. Thinkabouts Wife schnappt sich zum ersten Mal überhaupt meine Digitalkamera mit dem 100-400mm Zoom und verabschiedet sich dann mal…


Ich bleibe derweil sitzen, lasse die Seele baumeln, lausche dem Rascheln im Wald, den fernen Geräuschen, und bin einfach nur glücklich, solche Naturerfahrungen machen zu dürfen. Bis auf einen einzigen weiteren Gast, der sein Zelt etwa 150 Meter weiter im Wald aufgeschlagen hat, scheinen wir die einzigen zu sein, die übernachten wollen. Das Geld für die Übernachtung haben wir in der Deposit-Box hinterlegt, das Klo ist nicht weit und ein Lavabo gibt es auch. Fliessendes Wasser kann ich auch ausmachen – mehr brauchen wir nicht. Es ist sogar – gemessen am gefühlten Paradies der Natur, unverschämt luxuriös, wie ich finde. Und verrückt: Ich hocke in all dieser Pracht und schreibe und lese auf dem Blackberry auch noch meine Mails. Empfang und Sendung absolut einwandfrei.
Herr, lass diesen Tag nie zu Ende gehen!
Wir kochen Pasta al Pesto mit Tomatensalat, den wir uns auf dem Rüstbrett als fürstliche Beilage servieren. Beim Kochen werden wir allerdings immer wieder unterbrochen. Während unser Hauskoala den frühen Abend wohl verpennen will, sind andere Kaliber seines Schlags sehr aktiv und turnen hoch in den Bäumen herum. Dabei staunen wir, wie gross die Tiere im Grunde sind und wie behende sie sich zu bewegen vermögen, selbst wenn die Äste dünner werden… Aber alles hat seine gesetzte Bierruhe, und wenn Du hektisch an einen solchen Platz kommst, so verlierst Du Deine Unruhe garantiert, wenn Du den Tieren fünf Minuten zusiehst…




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Dann findet es auch unser Gast Zeit, seine eigene Geschichte zu schreiben, die wir separat erzählen wollen (nächster Beitrag, morgen), und wir verabschieden ihn mit dem letzten Tageslicht in die nahen fett grünen Wipfel der Eukalyptusbäume. Seine Krallen sind wie Steigeisen, und bei Bedarf kann er sehr behende und rassig Höhe gewinnen. Wenn sie sich strecken, werden Koalas richtig gross – und zweifarbig. Das Hinterteil ist viel heller als Rücken und Flanken.
Wir optimieren an diesem Abend auch noch unsere Zeltwohnung und schlafen erstmals auf den Sitzpolstern der Auto-Rückbank, die wir unter die Schlafsäcke ins Zelt legen. Mein Rücken jubiliert! In der Nacht bleibt es sehr warm. Ich merke davon allerdings wenig. Ein zufriedener Schlaf nach einem der schönsten Tage meines Lebens hält mich von allen irdischen Wahrnehmungen fern…
Australien 2007 - Tag 7
Erlebt am 30. Oktober 2007 – Port Campbell nach Port Fairy
Im Bann des Lichts
In unserer Roadmap steht es, oder vielmehr stand es geschrieben für die Nacht auf den 28. Oktober im nun schon fernen Traralgon:
Achtung: Sommerzeit: Uhr eine Stunde zurück stellen.
Heute haben wir es begriffen: Wir können eine Stunde länger schlafen. Und natürlich brauchen wir dann um sieben Uhr – Sommerzeit – auch Beide erstmals den Wecker, um nicht zu verpennen.
Der Himmel zeigt ein blaues Guckloch und vor allem ist es trocken. Thinkabouts Wife hat die zündende Idee: Wir verzichten aufs Frühstück und machen, dass wir an die Küste kommen, so lange es trocken bleibt. Um acht sind wir startklar, die Müslischalen mit den eingeweichten Haferflocken sind in der Spüle fixiert…
Es geht zurück an die Küste, denn da hat das Meer nie aufgehört, sein Gestein zu behauen. Wir besichtigen weitere Ergebnisse, oder besser, Momentaufnahmen dieser Arbeit, die formt und gleichzeitig zerstört. The Arch, dann London Bridge, deren überspannender Bogen im Januar 1990 in sich zusammenfiel. Wir stehen andächtig davor, als wäre das eben gerade geschehen. Im Zeitraffer der Jahrtausende ist das ja auch so. Noch nie habe ich eine gewaltigere Küstenlandschaft gesehen, und noch nie hat sich mir das Monumentale so zerbrechlich gezeigt. Es ist mir, als hörte ich das Donnern, mit dem die Gesteinsmassen auseinander brachen und im Wasser aufschlugen…
Unsere Spekulation geht perfekt auf. Jedes Mal, wenn wir einen Aussichtspunkt erreichen, wird das Licht heller, brechen die Wolken ein wenig auf und Sonnenstrahlen fallen auf die Szene. Wie Licht die Landschaft verändert, lässt sich wohl nirgends so eindrücklich erleben wie an der Südküste Australiens.
The Grotto schliesslich, ist so etwas wie der stille Höhepunkt dieser sich aneinander reihenden Sensationen. Während an seinem äusseren Rand die Brandung tobt, hat sich in einer erhöhten grossen, steinernen Kuhle ein ruhender Pool gebildet, dessen Spiegelfläche nur selten durch die mächtigsten neu ankommenden züngelnden Spitzen der Brandung blind wird, um sich sogleich wieder zu beruhigen und das Blau des Himmels über seiner dunklen Tiefe auszubreiten.





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In Petersborough finden wir dann Zeit und Ruhe für unser Frühstück und für das Verarbeiten aller dieser Schönheiten und Gewalten. Sie können das ruhig “Breakfast With A View” nennen. Habe selten mit so schöner Aussicht gefrühstückt. Zumindest nicht auf einem Parkplatz!


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Von The Grotto hatten wir im Vorfeld eine Beschreibung als Geheimtipp gelesen, doch was uns anschliessend erwartet, übertrifft dies noch bei weitem, zumindest im Licht der Gewitterstimmung, die nun herrscht:
Die Bay of Islands ist fast noch malerischer anzusehen als die Zwölf Apostel. . Wieder beschert uns das wechselhafte Wetter ein Lichtspiel, als würde ein Theaterregisseur alle Register der Lichtdramaturgie ziehen wollen, damit wir auf gar keinen Fall vergessen, was wir hier erleben.





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Einigermassen in Hochstimmung fahren wir nach Warrnambool. Dass die Walbeobachtungsplattform an der Logan Beach verlassen da liegt, verheisst nichts Gutes. Wir sind dafür einfach schon etwas zu spät im Jahr unterwegs. Die Anlage ist allerdings mit sehr viel Aufwand erstellt, aber ausgestorben. Von einem Strandgänger mit Wauwau erfahren wir dann, dass die Wale dieses Jahr ganz ausgeblieben wären. Normalerweise paaren sie sich vor dieser Küste, was ein ganz besonderes Schauspiel sein muss.
Unser nächster Stopp gilt dem Tower Hill Reserve: Ein Nationalpark im weiten Krater eines erloschenen Vulkans. Auf verschiedenen Rundwanderungen, sog. “Loops”, kann man durch den Krater spazieren. Dabei regenet es allerdings immer wieder, sicher zum zwanzigsten Mal graut dann der blaue Himmel innert Minuten, und dann beginnt es zu nieseln, oder wahlweise auch mal recht kräftig zu schütten. Routiniert, wie wir schon sind, finden wir aber jederzeit einen Unterstand oder haben unser Picknick gerade beendet, als es wieder beginnt… Man kann das Ende der Schauer getrost abwarten, sie dauern nicht lange. Die Wege sind auch hier sehr aufwändig angelegt und sehr gut gepflegt. Die Beschilderung könnte allerdings besser sein. Die zahlreichen Emus und Kaninchen, die wir hier erstmals sehen, können uns da leider nicht wirklich weiter helfen…





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Dafür lässt sich erstmals ein Fairy-Wren fotografieren, dieser schillernd blaue Kobold mit den keck aufgestellten Schwanzfedern, der so ruhelos herum tanzt, wie ein Schmetterling. Das Weibchen ist übigens unscheinbar braun, dennoch aber ganz offensichtlich begehrt.
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Laut Wikipedia wird der Vogel “Australischer Sänger” und “Prachtstaffelschwanz” genannt. Zweiteres kann ich bestätigen, ersteres muss offen bleiben, vielleicht, weil ich besser schauen als hören kann…
Zu diesem phantastischen Tag passt unsere Camp Site perfekt. Grünflächen, so geleckt, als würden sie regelmässig von einem Greenkeeper gepflegt werden. Hecken zwischen den Stellplätzen gegen Wind und für etwas Privatsphäre, eine luxuriöse Camp Kitchen – und ein Tennisplatz. Belfast Cove in Port Fairy ist schon fast ein Ort des Luxus!
Jetzt, um punkt 18h06 sitzen wir auf unseren Camping-Stühlen und geniessen den frühen Feierabend. Bei stabil schönem Wetter (!), entsprechend tief blauem Himmel und unter einer kräftig wärmenden Sonne.
Zeit, uns nochmals über diesen Tag zu unterhalten. Unglaublich, wie wir heute durch ein sehr wechselhaftes Wetter geführt wurden. Wir haben uns den Gegebenheiten angepasst, durften aber immer wieder erleben,dass gerade dann, wenn wir eine Sehenswürdigkeit erreichten, sich das Wetter besserte, ja es Teil einer wunderbaren Szenerie wurde und dieser noch mehr Zauber verlieh. Es war und ist uns, als würde eine starke Hand über uns wachen. Ein schönes Gefühl. Und nicht nur heute abend, unterwegs am anderen Ende der Welt, ist dies eine Vorstellung, ja eine Wahrnehmung, die ich alles andere als von mir weise.
Australien 2007 - Tag 6
Erlebt am 29. Oktober 2007 – Von Apollo Bay nach Port Campbell
Ein Tag der Zeugen der Natur
Aufstehen um sechs Uhr in der Früh… Diesmal sind wir wirklich praktisch die ersten. Aber wir haben gut geschlafen. Erstmals, fast, ohne nächtlichen Pipi-Gang…
Die schon jetzt kräftige Sonne frisst das Kondenswasser auf dem ausgebreiteten Überzelt rasch weg. Wir entwickeln langsam eine ineinander greifende Arbeitsteilung. Thinkabouts Wife ist im Auto zu Gange, ich draussen. In 100 Minuten sind wir aufgestanden, geputzt und gekämmt (halbwegs), haben gefrühstückt, das Zelt ist abgebaut und das Auto reisefertig.
Von Apollo Bay nach Port Campbell, wo wir in direkter Nachbarschaft zu den zwölf Aposteln übernachten wollen, sind es knapp hundert Kilometer, die wir auf sehr guter Strasse zurücklegen, durch eine sattgrüne Landschaft. Hier gäbe es auch immer mal wieder ein nett herausgeputztes Café, das zur Musse einlädt. Wir aber sind ja erst los gefahren, und so geniesse ich es, völlig gelassen durch die Wälder zu “curven”.
Wie ich es liebe, durch das Lichterspiel der Äste gleiten zu können!
Als die Strasse zur Küste zurück führt, sind wir auch bald da. Wir haben vor, die zwölf Apostel gleich zu besuchen und dann bei Sonnenuntergang zurück zu kommen. Zumal das Wetter noch nicht so besonders ist: Grau und bedrohlich hoch steigende Wolken, die aber doch immer mal wieder Lücken zeigen. Dann brechen jeweils Sonnenstrahlen über die Szenerie, als würden sie durch ein Fenster in eine dunstgeschwängerte Waschküche leuchten.


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Eine ungewohnte, stimmungsvolle Ambiance, die einen sehr still werden lässt im Angesicht der Gewalt und Macht der Natur. Und während der Wind an der Jacke zerrt, zeigt sie Dir durch jede abgeschliffene und ausgefeilte Kante der Riffe, wie viel Zeit und Geduld sie hat, um ihr Werk zu gestalten…





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Danach laufen wir der Strasse entlang rund einen Kilometer den Weg zurück. Da kann man dank einer Treppe an den Fuss der Küste gelangen, wodurch das monumentale Werk der Natur noch viel unmittelbarer zu spüren ist – im phantastischen Gegensatz zwischen dem feinen Sand des Strandes, auf dem Du stehst, während Dein Blick über die schroffen Konturen der Klippen gleitet. Und immerzu donnert das Meer und arbeitet sich vor, mit jedem einzelnen Wellenschlag gewaltige Kräfte frei setzend… Und das Meer fragt nicht, wie lange es dauern mag, den nächsten Felsen abzutragen. Es arbeitet einfach weiter.


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Die wenigsten Kräfte der Natur verändert der Mensch. Er kann sie vielleicht umleiten, nutzen, ausbeuten. Aber nie besiegen. Die zwölf Apostel sind heute noch zu acht…
Port Campbell liegt nur sieben Kilometer entfernt. Mittlerweile scheint die Sonne, und zwar genau so lange, bis ich den letzten Hering des Zeltes in den Boden gedrückt habe. Dann beginnt es zu regnen. Bei diesen wechselhaften Wetterkapriolen ist Thinkabouts Wifes Vorschlag, sich eine Dusche zu gönnen, goldrichtig. Der Campingplatz ist auch top ausgerüstet und blitzsauber.
Thinkabouts Wife kocht derweil – ich bin wirklich zu beneiden! Gestärkt finden wir, ein Spaziergang in Camp-Nähe wäre nett, kommen aber nur bis zum Informationszentrum – es regnet schon wieder.
Wir beschliessen, zum Loch Ard zu fahren: Sieben Kilometer entfernt kann das Wetter schon wieder ganz anders sein… Der Spazierweg zum Blow Hole und zu Thunder Cave ist einmalig. Das Wetter auch. Durchbrechenden Sonnenstrahlen folgt ein Wolkenbruch, und auf dem langen Bogen des Wanderwegs zurück zum Parkplatz werden wir trotz Regenhosen und -Jacken völlig durchnässt.








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“Zu Hause” können wir dann für genau 30 Minuten die Sachen zum Trocknen aufhängen, dann regnet es schon wieder… Aber nicht für lange! usw…
Der Campingplatz liegt an einem beschaulichen Fluss. Es ist unglaublich, wie unterschiedlich sich Wasser gebärden kann…
Thinkabouts Wife hat ein entzündetes Auge. Es schmerzt und irritiert gehörig. Ein nicht gerade feiner Lohn für eine formidabel organisierte Reise!
Es ist jetzt 21h20, und ich krieche gleich zu ihr ins Zelt. Es ist gehörig strapaziert worden heute und patschnass. Aussen. Und der Wind hat an ihm ohne Unterlass gezerrt. Hoffentlich bewährt es sich weiterhin und ich kann es morgen einigermassen getrocknet verstauen…
Australien 2007 - Tag 5
Erlebt am 28. Oktober 2007 – von Traralgon nach Apollo Bay
Eine unvergessliche Begegnung
... an einem Ort, an dem wir gar nicht sein sollten…
Wir werden noch mehrfach auf dieser Reise durch andere Lebewesen geweckt werden, aber was wir heute erleben, wird einmalig bleiben. Es ist fünf Uhr morgens, als Thinkabouts Wife beschliesst, sich die Haare zu waschen. An Schlaf ist für sie nicht mehr zu denken. In der Nähe des Caravanparks gibt es offensichtlich einen kleinen Flugplatz für Leichtflugzeuge. Das sind die Erdenbürger, die mit so was ähnlichem wie einem Deltasegel auf dem Rückengestell, einem Kleinmotor unter dem Hintern und einem Propeller am Rücken durch die Luft surren. Das hört sich so an, als hätten die Rasenmäher fliegen gelernt. Vielleicht ist ja die Thermik beim erwachenden Tag am besten? Unsere Laune ist es nicht unbedingt. Aber da unser Tag lang zu werden verspricht, nützen wir einfach die Zeit und machen uns gemütlich reisefertig – obwohl ich zugeben muss, dass ich bis kurz nach sechs Widerstand geleistet habe…
Um acht Uhr fahren wir ab. Thinkabouts Wife führt mich ohne Fehler und ohne die kleinste Unsicherheit wie ein Navigationssystem aus Fleisch und Blut durch die ganze Stadt, die in ihrer Flächenausdehnung die grösste der Welt ist.
Beeindruckend erscheint mir – bei aller Konzentration – vor allem die mächtige, langgezogene West Bridge, die einen ganzen Stadtteil überbrückt.
So erreichen wir Geelong ohne besondere Aufregungen. Was für ein Gegensatz ist der hier der Küste entlang verlaufende malerische “Scenic Drive” zur Grossstadthektik, in der wir eben noch wie im endlosen Strom mitschwammen!
Geelong ist ein übersichtliches, farbiges Städtchen, das uns zu einem kleinen Spaziergang einlädt – und zu einem ersten Picnic am Strand.









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Der Strand in Torquay, an dem sich oft Wellenreiter tummeln sollen, liegt verlassen da. Es ist noch nicht wirklich Saison, und selbst Australier scheinen so was ernst zu nehmen….
So nehmen wir mit dem Surfcoast Highway den Beginn der Great Ocean Road unter die Räder, mit einigen Spots, Aussichtspunkten an der Küste, wie sie uns nun gut 400 km lang immer wieder geboten werden dürften.
Bald stossen wir auf einen ersten Leuchtturm, den wir gar nicht unbedingt “auf der Rechnung hatten”: Split Point, inklusive verträumtem Kaffeehaus. Das rote Käppchen macht’s aus!



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Der Verkehr auf der meist relativ schmalen Küstenstrasse ist durchaus rege. Wie mag es hier zugehen, wenn Hochbetrieb herrscht?
Mit einiger Mühe finden wir schliesslich in Kennet River die gesuchte Abzweigung Richtung Sabine Falls.
Dort entdecken wir einen Kiosk und fragen lieber nochmals nach dem Weg. Als wir wieder ins Auto steigen wollen, sehen wir Touristen, denen verräterisch lange Hälse wachsen. Der Grund dafür sind Koalas in den Bäumen über uns. Die ersten, die wir sehen. Ob sie hier wild vorkommen oder angefüttert werden, wissen wir nicht. Egal. Wir geniessen es. Wer weiss, ob wir auf dem weiteren Weg Glück haben werden? Und auf dem Boden sucht ein Königssittich-Päärchen nach Futter. Australien und seine Papageienarten…





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Wir fahren zu den Sabine Falls, auf einer sanften Offroad-Strecke. Ein stiller Frieden liegt in den lichten Bäumen, der Verkehr der Küstenstrasse ist weit weg… Wir nehmen es so gemütlich, dass uns zwei weitere Koalas nicht entgehen. Und die sind nun wirklich “wild”, fern ab der nächsten Siedlungen. Schön, dass sie sich auch bewegen, kaum nähern wir uns. Sie mustern uns neugierig, ohne jede Furcht, von einer Gelassenheit durchdrungen, die uns Getriebenen schon fast wie eine Provokation vorkommen muss…



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Nicht so glücklich sind wir als Pfadfinder. Da reicht unser Talent offensichtlich nicht aus… Den Parkplatz zu den Sabine Falls finden wir zwar, aber es scheint uns, dass der letzte Tourist vor Monaten hier war, und die Rundwanderung ist 2,5 km lang – darauf sind wir gerade nicht so erpicht.
Als hätten wir es geahnt, wird die Weiterfahrt schwierig. Wir erreichen Kreuzungen mit Ortstafeln, aber ohne Richtungsangabe, und da wir nicht genau wissen, wo wir uns befinden, hilft es auch nicht so sehr, sollte man die Schilder richtig deuten, wenn man sich eher nach Apollo Bay oder Richtung Lorne begibt, wenn man eigentlich nach Beauchampfalls möchte…
Schliesslich haben wir die Orientierung so gründlich verloren, dass wir froh sein können, auf einer Farm auf drei Männer zu treffen: Vater, Sohn und Enkel sind auf dreirädrigen Bikes unterwegs, begucken sich unser für diese Strecke dürftiges Kartenmaterial und lassen sich dabei aber überhaupt nichts anmerken. Es gibt wirklich höfliche Menschen!
Wir erfahren, dass es gar keinen Weg nach Beauchampfalls gibt, weil die C159 beschädigt und gesperrt ist, weshalb es das beste ist, zurück an die Küste auf die Ocean Road zu fahren. Nach diesem Gespräch wissen wir wenigstens wieder, wo wir sind, und in der Folge können wir uns an der Himmelsrichtung zur Küste orientieren.
Während Thinkabouts Wife die Karte studiert, um einen Campingplatz für uns zu finden, lasse ich Arli21 Richtung Küste zockeln, als ich plötzlich direkt auf der Strasse anhalte. Meine Frau schaut mich an und fragt: “Warum fährst Du nicht weiter?”
Ich sage: “Darum!” und deute nach vorn. Sie sucht die Büsche am Strassenrand ab.
“Nein, schau nach vorn, auf die Strasse!”
Denn da sitzt ein Koala-Weibchen auf allen Vieren und schaut uns mit (für einen Koala) grossen, staunenden Augen an. Ich steige aus. Die Koaladame bleibt sitzen. Ich fotografiere. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie gefragt hätte, ob ich fertig sei, bevor sie sich zu bewegen beginnt. Jetzt sehen wir, dass sie ein Junges hat, das sich an ihrem Bauch festkrallt. Langsam läuft sie zum Strassenrand. Während rund zehn Minuten können wir beobachten, wie sie sich langsam in die Krone eines Eukalyptus-Baumes zurück zieht, sich immer wieder verwundert nach uns umsehend.








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In Apollo Bay finden wir einen Campingplatz, der direkt hinter einer bewachsenen Düne am Meer liegt. An der Ocean Road ist zwar alles ein bisschen teurer, aber nicht unbedingt besser im Schuss (das leidige Salz in der Luft…). Mal abgesehen von ziemlich abenteuerlich anmutendem Schrott, der ganz offensichtlich gelagert wird, weil er noch zu was gut zu sein scheint, auch wenn ich nicht die Bohne von Ahnung habe, wofür, ist es durchaus gemütlich, und das Paar, das den Campingplatz schmeisst oder be-sitzt, ist auch noch nett.
Wir fühlen uns nach diesem ereignisreichen Tag ziemlich zerzaust, dazu passt der Wind, der ein wenig zu sehr an den Kleidern zerrt. Dennoch geniessen wir einen herrlichen Avocadosalat mit Nachos-Chips bis zum Abwinken (Avocados sind von den Göttern erfunden worden, da bin ich überzeugt) – und zuvor einen Strand-Höck beim letzten Sonnenschein.

Offensichtlich macht sich Thinkabouts Wife Vorhaltungen zur heutigen Planung – und also Vorwürfe, weshalb nicht alles geklappt hat – während ich heilfroh bin über alles, was klappt und so ist, wie wir es uns vorgestellt haben. Es folgt eine längere nicht so erspriessliche Diskussion über den Sinn des Planens – und eine sehr spriessliche Vermittlung meiner absolut tief verankerten Überzeugung, die beste Frau der Welt zu haben. Dass die Vorsehung uns manchmal irreleitet, lassen wir uns im Grunde ja sehr gern gefallen, wenn Begegnungen wie heute der Grund dafür sind!
Schlafen lege ich mich dann mit ein paar Gedanken an unsere Nachbarn: Zwei junge Europäerinnen mit einem VW-Bus. Immer wieder fällt uns auf, dass die ganz jungen Tramper mit knappem Budget oft ziemlich verschlossen wirken und sich mehr duch die Pampa schleppen, als dass es den Eindruck machte, sie könnten es auch geniessen. Besonders kontaktfreudig sind sie in jedem Fall nicht. Aber wir sind natürlich auch relativ alte Guetzli für jene Typen, die, kaum sind sie dann wieder zu Hause, definitiv die Welt erobern werden.
Australien 2007 - Tag 4
Erlebt am 27. Oktober 2007 – Vom Wilsons Promontory National Park nach Traralgon
Nicht nur auf Irrwegen
Heute heisst es zum ersten Mal Aufbruch. Südöstlich von Melbourne beginnt jetzt praktisch erst die Reise: Die Ost-West-Passage Australiens entlang seiner Südküste von Melbourne nach Perth.
Wenn man so viel vor hat, steht man in der Regel zeitig auf. Dennoch stelle ich verblüfft fest, dass unsere Nachbarn schon weg sind. Still und heimlich, ohne dass wir auch nur das Geringste mitbekommen hätten, sind sie schon auf langer Fahrt. Das Heer der Caravan-Reisenden ist gerne frühzeitig am nächsten Bestimmungsort, damit der Tag nicht nur aus Reisen besteht.
Wir wollen allerdings unsere Reisestrecken immer wieder durch kurze Ausflüge unterbrechen und werden heute erstmals erfahren, wie gut sich das umsetzen lässt. Erst aber heisst es, nach Frühstück und Zeltabbau, noch Wasser zu fassen. Der Buschcamper hat einen 40-Liter-Wassertank, mit dem die eingebaute Spüle betrieben werden kann. Bisher haben wir jeweils am öffentlichen Spültisch abgewaschen. Immer wird das nicht gehen oder ratsam sein… Ich bringe also meinen Arli21, wie wir unser Auto in Anlehnung an seine Autonummer nennen (wenn meine Frau einem Auto einen Kosenamen gibt, kann fast nix mehr schief gehen), am Wasserhahn in Stellung. Ergebnis: Der Tank war – im Gegensatz zu Peters Bedauern, die ganze Zeit voll… Ich hole mir dafür nasse Arme und danach die Erkenntnis, dass auch in Australien (Wasser-)Tankverschlüsse einen Schliessmechanismus haben, dessen Funktionsprinzip sich mir einfach nicht erschliessen (sic!) will…
Irgendwann sitzt der Deckel dann doch fest und die Reise kann losgehen. Wenigstens spielt es keine grosse Rolle, ob Dich jemand beobachtet. Du bist eh einer der letzten, die aufbrechen und doch irgendwie auf der Flucht. Wen und was Du zurück lässt, siehst Du wahrscheinlich nie wieder.
Unsere Fahrt beginnt mit einer traumhaften Route durchs Tarra-Valley: Eine schmale, asphaltierte Strasse die sich parallel zum Fluss durch ein enges kleines Tal windet, mitten durch ausladend üppige Farnwälder.
Die Tarra-Falls sind zwar nicht sehr spektakulär, aber vielleicht liegt es ja am tiefen Wasserstand? Spazieren kann man hier allerdings nicht, und so kehren wir schnell zu unserem Auto zurück, wo wir uns nicht halb so verloren vorkommen wie eine versprengte Gesellschaft in sehr festlichen Kleidern, wobei sich nicht alle wirklich zu kennen scheinen… Ganz offensichtlich soll hier eine Hochzeit gefeiert werden. Ein älterer Herr mit einigermassen lichtem Mittelscheitel und einem festlich verzierten Gilet tigert nervös den Parkplatz rauf und runter, dabei immer eine blasse junge Frau im Schlepptau, die kaum weiss, wo sie sich hindenken soll.
Wir legen unsere Rucksäcke ins Auto und machen uns so schnell wie möglich davon, fühlen wir uns doch genau so deplatziert mit unserer hier bizarr wirkenden Wanderausrüstung.
Der Tarra-Bulga National Park ist ja weniger wegen diesem Rinnsal eines Wasserfalls eine Reise wert, sondern wegen des wunderschönen Rundgangs, nur einen km weiter, durch einen dichten Farnwald, dessen einzelne Exemplare unglaubliche Dimensionen erreichen. Vor uns türmt sich an einem Berghang mitten im Wald eine beeindruckende, alles zu verschlucken scheinende Wand aus Riesenfarnen auf.




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Der Cyanthea-Wasserfall ist dann eher wieder mehr eine schöne Idee der Natur als wirklich ein beeindruckendes Wasserspiel. Die Exotik der Fauna aber ist einmalig.
Auf dem Rückweg platzen wir mitten in – die Hochzeitsgesellschaft. Und da finde ich denn auch meinen unruhigen älteren Herrn wieder – es ist der Pfarrer, der also auch her gefunden hat, und er schickt sich eben an, mitten auf einem schmalen Steglein des Wanderwegs dem Brautpaar die magischen Worte zu entlocken. Wir zwängen uns, die besten Wünsche flüsternd, an der ganzen Aufregung vorbei und ziehen uns zurück.


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So rechtzeitig werde ich wohl keinem Brautpaar mehr in meinem Leben alles Gute wünschen – nicht mal als Brautführer. Ein ziemliches Kunststück, wenn man bedenkt, dass wir nicht mal eingeladen waren…
Wir fahren weiter nach Balook. Von dessen Visitorcenter aus kann man auf verschiedenen Rundwanderungen die Vegetation bestaunen. Die Farne sind hier nicht so zahlreich – aber die Höhe der Bäume und der dadurch entstehende mächtige Eindruck der Wälder ist einfach beeindruckend. Durch die Höhe und Lichte des Blätterwaldes ist es nicht dunkel, aber stets schattig. Trotzdem ist es dem Star dieser Gegend eindeutig zu hell, zu heiss oder einfach zu laut, um sich zu zeigen: Einen Leiervogel (Lyrebird) sehen wir nicht.



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Am besten gefällt mir der Rundgang zur Hängebrücke. Er führt tief in eine kleine Schlucht und bietet einen exzellenten Schnupper-Eintritt in eine urwaldähnliche Landschaft – ohne Angst vor dem gar zu fremden (kleinen) Getier… Für Dschungel-Frischlinge ein idealer erster Kontakt mit dieser Welt.


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Unser Tagesziel heisst Traralgon. Für uns ist das in erster Linie der Ort unseres Caravan Parks und eine Einkaufsgelegenheit, bevor es morgen dann durch Melbourne Richtung Westen gehen soll. Traralgon scheint sich für unsere Missachtung rächen zu wollen. Auf jeden Fall können wir den Caravan Park auf Anhieb – direkt am Highway, nicht finden. Das Tempo des dichten Verkehrs ist so hoch und die Hinweistafeln sind so klein, dass wir zu weit fahren. Und dass hier eine Abzweigung links ODER rechts, also den Gegenverkehr kreuzend, wegführen kann, macht es nicht gerade leichter. Als wir endlich ankommen, sind wir auf jeden Fall ziemlich genervt. Das kümmert den Besitzer nicht gross. Dafür sind wir eine zu flüchtige Episode in seinem stoischen Leben. Immerhin sind wir Grund genug, dass er sich ausführlich den Kopf kratzen muss, als er erfährt, dass wir vor neun wieder aufbrechen wollen, weil der Campingplatz erst um neun “aufmacht”. Die Lösung präsentiert er, als wäre sie ihm erstmals eingefallen, aber er zeigt mir dann durchaus gutmütig, wo ich den Schlüssel am Morgen deponieren kann, und schon können wir uns mit dem Zeltaufbau beschäftigen.
Danach ist es höchste Zeit zum Einkaufen. Da landen wir erst in einem Subway, statt im Safeway. Da wir aber nicht so gefrustet sind (wieso auch?), dass wir uns heute ausschliesslich flüssig ernähren wollen, zockeln wir also noch ein paar Strassen weiter. Die Leute sind nett, aber irgendwie kürzer angebunden als in den 90er-Jahren an der Westküste. Und in den Läden, das ist uns schon gleich zu Beginn aufgefallen, trifft man nicht zu selten auf ziemlich verwahrlost wirkende Menschen. Eine Frau in speckig verfleckter und löchriger Trainerhose, die auf den kalten Fliesen barfuss war, habe ich noch heute vor mir, als stünde sie tatsächlich hier. Viele Menschen haben auch Übergewicht, und die Lebensmittel sind denn auch teuer – zumindest Gemüse und Früchte… Die Lebenshaltungskosten für den täglichen Bedarf dürften – gemessen am Einkommen – sehr viel höher sein als in der Schweiz und sicher auch als in Deutschland.
111.11 Liter Diesel für 151 AUSD. Eine Schnapszahl, die einfach Glück bringen muss. Und ein spezielles Gefühl, mit so grossen Tanks unterwegs zu sein.
Die Schatten werden schon länger, als wir endlich alles im Auto verstauen und ans Kochen denken können. Es ist windig, weshalb wir es vorziehen, in der Gemeinschaftsanlage zu kochen, 50 m von Auto und Zeltplatz entfernt.
Die Kochstellen und vor allem die Tische sind allerdings nicht sehr sauber, wegen fehlender Gewürze oder anderer Utensilien laufen wir x-mal hin und her – es ist eindeutig:
Hier müssen wir gar nicht erst versuchen, anzukommen. Wir haben eingekauft, das Zelt wartet und morgen sind wir weg. Dort, wo die Gedanken schon sind. Auf der Fahrt quer durch Melbourne.
Australien 2007 - Tag 3
Erlebt am 26. Oktober 2007 –
On the Beaches
Was es auch immer sein mag – ich nehme jetzt einfach an die gute gesunde Luft – lässt uns verschlafen. Ich kuschle mich so in den Schlafsack, dass ich den Wecker am Handgelenk nicht höre. Dafür ist das Wetter auch nicht gerade so, dass wir uns danach beeilen müssten. Nach dem ersten Müesli, wie es sich für einen Schweizer Zmorge einfach gehört, machen wir einen kurzen Spaziergang zur nahen Norman Beach, der ein Paradies für Wellensurfer zu sein scheint. Selbst an diesem feuchten kühlen Tag kämpfen sie immer wieder gegen die starke Brandung an, auf der Suche nach ein paar Sekunden Speed auf dem Rücken DER einen besonderen Welle.


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So viel Unternehmungs- und Sportgeist steckt uns immerhin so weit an, dass wir uns entscheiden, den geplanten Ausflug auch wirklich zu starten – mit Regenhosen im Gepäck. Die Wolken hängen tief, es windet leicht, und wir können das Wetter hier wirklich überhaupt nicht einschätzen. Aber im Moment ist es trocken – und das bleibt es dann auch.
Schon bald tauchen wir wieder ein in Waldwege, über denen sich die Bäume zu langen oder verschlungenen Tunnelstrassen schliessen.



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Unser erstes Ziel ist Squeaky-Beach – und sie quietscht wirklich. Das liegt am sehr feinen weissen Quarzsand, der jeden Schritt knirschend begleitet, als ginge man auf sehr hartem, brechendem Schnee.





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Dahinter folgen Picnic Beach (besucht) und Whiskey Beach (nicht besucht) – kleine, verträumte, runde Buchten – und die Orte, in der Hauptsaison Badeziel für Wochenendausflügler, liegen nun verlassen und still unter der Wolkendecke. Auf dem eben angetretenen Rückweg hellt es auf, und Squeaky-Beach hat bei Ebbe plötzlich unzählige Muscheln zu bieten.



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Das lenkt mich so stark ab, dass ich mir durch eine höher steigende Welle patschnasse Füsse hole. Die sich nur zaghaft durchsetzende Sonne gibt sich alle Mühe, aber das Gemüt wärmt sie eher auf als dass sie Socken zu trocknen vermöchte… Doch je näher wir unserem “Daheim” kommen, um so mehr frohlockt das Herz…



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Zurück im Camp hat sich die Sonne definitiv durchgesetzt, so dass wir nochmals zum Tidal River spazieren. Wiederum bezaubert uns ein Fairy-wren, wörtlich übersetzt ein „Feen-Zaunkönig“. Sein Blau ist einfach unglaublich. Entdeckt man ihn, so kann man seinen Blick nicht mehr von ihm wenden, bis er sich mit hoch gestellten Schwanzfedern davon macht… Wird es je gelingen, diesen Prachtsvogel zu fotografieren?
Etwas weniger scheu ist da schon ein Holland-Honigfresser. Die Vögel haben einen charakteristischen Schnabel, lang und stark gebogen, mit dem die Aufnahme von Pollen und Honig leicht fällt. Auch die Bekanntschaft mit Raben der unterschiedlichsten Art machen wir. Ihr „Gesang“ wird uns noch so manchen Morgen den Wecker ersetzen…



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Es folgt ein gemütliches Kaffeekränzchen mit Plätzchen, während ich den Socken an der Leine beim Trocknen zusehe…
Unsere Tage im Wilsons Promontory National Park haben genau das geschenkt, was wir erhofften: Wir haben an einem höchst friedlichen und wunderschönen Ort die Nachwirkungen des Jetlags überwunden und uns an Klima und Lebensweise im Zelt gewöhnt. Wir begehen den Abend mit einem Reiscurry, und ich trage ein paar GPS-Merkpunkte für den Weg nach Traralgon ein.
Zuhause halten meine Kollegen die Stellung. Ein Auftrag wird als gesichert vermeldet, einem Kollegen übertrage ich die Infos für eine Offerte, bevor wir nach anbrechender Nacht ein Wombat dabei verfolgen können, wie es sich laut schmatzend durch die Wiese unseres Campingplatzes frisst. Im Zelt kann ich dann nachlesen, was mir mein Geschäftskollege zu Hause über Wombats zu berichten weiss. Die Tiere haben einen extrem langsamen, effizienten Stoffwechsel und kommen mit vier mal weniger Wasser als Kängurus aus. Der Mann liest offensichtlich Wikipedia – und ich lasse mich gerne updaten. Schon faszinierend, was die moderne Technik alles möglich macht!
Australiens fremde Aborigines
Der heutige Tag ist ein passender Anlass zu einem Einschub, den ich für den Report über unsere Australienreise sowieso machen wollte:
Heute also hat sich die (neue) australische Regierung dazu veranlasst gesehen, sich bei den Ureinwohnern Australiens für das den Aborigines zugefügte Unrecht zu entschuldigen.
Die Entwurzelung der Aborigines ist auf allen unseren Australienreisen ein verwobenes Rätsel für uns geblieben. Sie bleiben eine Marginalie. Kaum je tauchen sie im Stadt- oder Dorfbild auf. Auf jeden Fall nicht dort, wo man als Tourist so ohne Weiteres hinkommt.
Was man von ihren Geschichten erfährt, bleibt märchenhaft verschwommen und so unbestimmt, dass es Ignoranten leicht fällt, deren Traumbilder und bildliche Sagenwelten für die Entstehung ihrer eigenen Lebensräume als kindlich-naive Phantasterei zu verlachen. Dabei ist das Wissen von uns Weissen darüber schlicht lachhaft gering.
Tatsache ist, dass auch an den Aborigines das Phänomen zu beobachten ist, dass es Usurpatoren nie schaffen, den Respekt für die von ihnen Benachteiligten aufzubringen: Sie leben auf Kosten der Ureinwohner, ohne auch nur einen minimalsten Bruchteil der fremden Kultur verstehen zu wollen. Nichts scheint so unattraktiv zu sein, wie die Aneignung von fremdem, ursprünglichem und natürlich tradiertem Wissen. Und so werden wir in dem Mass Ignoranten, in dem wir die anderen zu Verlierern machen.
Wir haben nie einen Weissen in Australien getroffen, der uns überzeugend auch nur ein paar Grundelemente der Kultur der Aborigines hätte vermitteln können – und wir sind nie einem Ureinwohner Australiens begegnet, der nicht alle Zeichen schwerer Alkoholkrankheit gezeigt hätte. Die Alkoholsucht ist ein alles zerstörender Schwelbrand im Bemühen, den Menschen ihren Stolz zurück zu geben. Kein Bekenntnis von Eroberern zur Schuld kann gebrochenen Menschen das Rückgrat neu richten.
Es ist wohl zu spät. Auch hier ist auf riesiger Fläche ein tiefes Wissen und eine Erdverbundenheit von Menschen zerstört, entwurzelt worden. Menschliche Gier ist immer stärker als Neugier auf Fremdes – denn diese schöne Eigenschaft müsste erst die Angst überwinden vor dem Unbekannten. Und ich gebe gerne zu, dass es mir gerade bei diesen Menschen nicht gelingt. Sie bleiben mir fremd und lassen mich fühlen, wie sehr ich selbst in ihrer Welt ein Fremder bin.
Australien 2007 - Tag 2
Erlebt am 25. Oktober 2007 – Wilsons Promontory National Park
Durch Märchen wandern
Die erste Nacht im Zelt ist immer wieder eine Offenbarung. Eine dünne Membran gibt sehr viel mehr Schutz, als man denken würde – und nimmt einem doch nicht das Gefühl, mehr oder weniger direkt in der Natur zu liegen. Um fünf ist es bereits taghell. So kommt es mir wenigstens vor. Wir liegen aber noch ganz gemütlich bis gegen halb acht und geniessen die warmen Schlafsäcke samt Decke.
Wann hatte ich eigentlich zum letzten Mal Nutella zum Frühstück? Liegt es daran, dass ich das im voraus verschriene Brot, das wie ein nasser Karton gebogen werden kann, gar nicht so schlecht finde? Also, wir haben ja am Vortag auf der Hinfahrt noch eingekauft, und wir ahnten schon warum. Waren die Preise für Lebensmittel im Laden schon hoch, so sind sie hier auf dem Zeltplatz abenteuerlich. Vier Fruchtjoghurts für 6.50 AUS-$...
Dann machen wir uns auf zum Tidal River



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und beginnen anschliessend den gemässigten Aufstieg zum Mt. Bishop. Bis auf unseren ersten Fairy-Wren am Fluss, diesen wundervoll blau leuchtenden kleinen Vogel mit der hoch aufragenden Schwanzfeder, sehen wir keine Tiere – aber wir durchqueren wohl die traumhafteste Landschaft, durch die ich je gewandert bin! Diese Bäume! Sie bilden ganz eigene Landschaften, stehen zusammen wie in einem Wald und nehmen sich doch gegenseitig kaum Platz und vor allem Licht weg. Dennoch wirken sie undurchdringlich…
Ein Heer von Eukalyptusbäumen – wie viele Arten gibt es eigentlich? 700? – mit den unterschiedlichsten Stämmen. Rinde, die sich abschält oder abblättert wie brüchiges Schilfgras, Bäume die bluten…



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Exotische Pflanzen auf Schritt und Tritt, und dann wieder verwunschen verträumte Pfade. Es fehlen nur die Bedrohungen durch allzu fremdes kleines Ungeziefer in brutal hoher Luftfeuchtigkeit. Nichts davon gibt es da. Hier darf auf erstklassig gepflegten Wegen einfach die Fauna genossen werden!



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Das Wetter hält uns zwar die Sonne vor, aber den Regen zurück – bis auf ein paar kurze Nieselschwaden, nachdem wir den Mt. Bishop wieder verlassen haben. Es dampft und Nebelfetzen stauen sich unter den Baumwipfeln, als befänden wir uns in einer nicht durchlüfteten Waschküche.
Auf dem sog. Lilly Pilly Gully – Pfad zurück zum Caravan Park fühlen wir uns endgültig wie im Dschungel. Tiere sehen wir allerdings keine, aber ein aufgeregtes Stimmengewirr begleitet uns meistens.
Und dann hat uns die unvergleichliche Landschaft rund um die Camping Area am Tidal River wieder in ihrem Bann…

Im Camp ist dann Instant-Kaffee angesagt, mit Gebäck – und dazu gesellt sich ein Rosella, der sich noch so gerne füttern lässt, während eine Möwe nur schwer einsehen kann, dass sie weniger Aufmerksamkeit bekommt… Eigentlich hat sie Recht!



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Man trifft sich beim Essen – oder eben beim Füttern. So kommen wir mit unseren Nachbarn ins Gespräch, und ich habe einmal mehr den Eindruck, dass die meisten pensionierten Australier vor allem eines tun: Reisen.
Es ist kühl, fast kalt geworden. Wir haben das seitliche Schutzdach am Auto montiert. Erstens wollten wir wissen, wie kompliziert das ist – und wie stabil, und dann kann es nicht schaden, im Fall von Regen etwas mehr trockene Bewegungsfreiheit zu haben… Ach ja, Wasser für den Bordtank habe ich vergessen einzufüllen, und jetzt steht das Schutzdach… Aber man kann hier sein Geschirr bequem auch an Gemeinschafts-Spültischen waschen.
Auch das Campen will gelernt sein…
Australien 2007 - Tag 1
Erlebt am 24. Oktober – Melbourne —> Wilson Promontory National Park
Zum (Aus-)Lachen
Dass der Garagist Peter kein Deutsch spricht, ist nicht sein Fehler und weiter ja auch kein Problem. Wir reisen nicht ohne Englischkenntnisse allein durch Australien. War einfach eine Falschinformation, wahrscheinlich genau so wie der Zeitpunkt unseres Treffens, das wir für acht Uhr abgemacht glaubten. Er kommt gegen halb neun und bittet uns erstmal, unser Gepäck vom einzigen freien Platz vor seiner Garage zu entfernen, weil er den Platz braucht. Aber immerhin ist er freundlich, ja fast zuvorkommend, nur hat er furchtbar wenig Zeit. Also für uns. Da ist noch so viel anderes zu tun.
Ich benütze schon mal die Gelegenheit, den unmittelbar daneben liegenden Campingplatz zu besichtigen. Will mir ein neues Bild von der Atmosphäre machen. 1998 ist lange her und ich habe keine klare Erinnerung mehr daran.
Dann erreicht Peter langsam Betriebstemperatur, und so macht es auch Sinn, das Auto zu besichtigen und zu übergeben. Wir kennen den Toyota Landcruiser 4.2 Liter Diesel schon. Das Fahrzeug ist gutmütig, anspruchslos und mit seinem aufgesetzten Hightop geräumig. In allem der jüngere Bruder unseres Untersatzes von 1998, als wir die Westküste hoch fuhren. Das Fahrzeug ist neu im Angebot des Vermieters – wie angekündigt. Die Innenausstattung ist frisch eingebaut, der Kilometerstand liegt bei gut 70‘000 Kilometern. Alles scheint in sehr gutem Zustand zu sein. Ausrüstung vollständig, Erklärung allerdings mangelhaft. Zum Glück kennen wir das Fahrzeug schon, denn jedes Mal, wenn Peter etwas an der Ausrüstung zu erklären beginnt, scheint er das sehr ernst zu nehmen, um danach im zweiten Satz zu sagen: „It’s all very easy, you will see.“
Als er mir in gleicher Art und Weise die Winsch am Fahrzeug erklärt, kapituliere ich: In einem solchen Fall ist es die richtige Strategie, sich erklären zu lassen, wo die Gebrauchsanweisungen zu finden sind. Abgesehen davon habe ich nicht vor, so durchs Gelände zu sauen, dass ich mich irgendwo selbst aus dem Dreck ziehen muss. Also ist es allenfalls beruhigend, dass da eine zusätzliche Hilfe vorhanden wäre.
Das Auto wäre gestern gewaschen worden, nur leider hätte es danach geregnet, den Wassertank hätte er leider nicht füllen können, aber Wasser gäbe es auf jedem Campingplatz (wo er Recht hat, hat er Recht), und der Haupttank wäre der hintere und die Hauptstrasse da vorn… Den Weg aus der Stadt kann er nicht so genau erklären, aber zum Glück hat er einen sehr netten und kundigen Angestellten.
Aber Peter soll hier nicht so schlecht wegkommen, wie das bisher aussieht. Offensichtlich spielt er für den Vermieter mehr aus Gefälligkeit denn für Geld den Auto-Überbringer, und die Abwicklungen sind in ihrer Substanz auch alle korrekt. Das gilt auch für alle schriftlichen Regularien, und so finden wir uns am Ende doch schneller als gedacht auf der Strasse wieder. Ein paar Nebenstrassen erlauben gnädig ein kurzes Angewöhnen. In der Führerkabine ist alles wie damals. Dann finden wir auch schon auf Anhieb die angestrebte Kreuzung mit der Hauptstrasse. Wir wollen nach links. Es ist das erste und letzte Mal, dass ich dem Linksverkehr nicht gewachsen bin… Zum Glück ist die rechte Fahrbahn durch am Rotlicht wartende Autos versperrt und ich werde zwingend in die falsche und doch richtige Richtung geleitet… Bis ich wenden kann, dauert es seine Zeit, dafür weiss ich dann auch schon, wo wir tanken können. Wir brauchen allerdings drei Anläufe, bis eine Tankstelle auch tatsächlich Diesel anbietet. Der Haupttank ist dann genau der andere, als der von Peter bezeichnete, aber wenn wir sonst keine Probleme haben werden…
Merke: Es ist egal, wie peinlich die ersten Kilometer mit einem fremden Geländewagen in einer grossen Stadt mit Linksverkehr sind. Wichtig ist nur, sie zu überstehen.
Nachdem wir die falsche Autobahnausfahrt erwischen, haben wir Gelegenheit, die Freundlichkeit australischer Polizisten kennen zu lernen, die uns tatsächlich nur weiter helfen und nicht wegen Gefährdung öffentlichen Lebens verhaften wollen. Danach absolvieren wir die ersten 200 km ohne weitere Probleme und fahren in den Wilson Promontory National Park
Vom Parkplatz mit dem nüchternen Namen 5-miles-Road-Carpark aus machen wir eine erste Wanderung, einen Rundgang über eine praktisch flache Ebene, die in einen märchenhaft lichten Wald führt, dessen Boden über und über mit verschieden farbigen Farnen bedeckt ist, bis plötzlich der Blick aufs Meer frei gegeben wird.
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Die Uferlandschaft ist von einer bizarr-fremdartigen Intensität, als hätten wir nicht nur den Kontinent, sondern gleich den Planeten gewechselt.

Zurück zum Parkplatz führt der Weg tiefer in den Wald, und der wird von einem speziell neugierigen und unverschämt frechen Gesellen bewacht, einem stattlichen Wallaby, das wir in dieser Grösse zuvor noch nie gesehen haben.
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Wallabies sind gedrungener als Kängurus, haben oft ein dichter wirkendes Fell und einen runderen Kopf. So sehe ich das wenigstens, aber das will wohl angesichts der Heiterkeitsstürme, die meine Erscheinung bei ihm auslöst, nichts heissen…
Aus einem fernen Baum scheuchen wir einen Schwarm schwarzer Kakadus auf und etwas näher leuchtet uns ein feuerroter Kopf eines Rosellas aus dem Blättergrün entgegen.
Zurück beim Parkplatz habe ich Mühe, das bereits Erlebte einzuordnen. Ist das möglich? Eben noch haben wir unsere Reiseträgheit in Kleidern spazieren geführt, und nun finden wir uns in einer Fauna und Flora wieder, die uns exotisch-märchenhaft umschliesst!
Wir fahren weiter, aber noch immer nicht zum Campingplatz. Auf dem Weg dahin liegt der Abstecher nach Cotters Lake, wo man mit viel Glück Kängerus am Strand antreffen kann.
Es ist bedeckt und windig und der Abend ist nah. Das Licht ist also schlecht, aber wir werden ja auch aufgehalten. Meine Frau stupft mich plötzlich an und bedeutet mir, anzuhalten. Ich bleibe steif stehen und senke den Kopf. Zwei Meter vor meinem linken Fuss steht ein Wombat und zögert, vor mir über den Weg zu gehen. Sein rechtes Vorderbein hat er leicht angehoben und verharrt so, als wäre er zur Salzsäure erstarrt. Es scheint ewig zu dauern, bis er sich entspannt und tatsächlich ruhig vor uns durchläuft. Wir folgen ihm in kurzem Abstand, verlieren ihn im hohen Gras mit den struppigen Buschwedeln aber schnell aus den Augen. Dafür werden wir dabei von einem Känguru beobachtet, das nun für kurze Zeit den Weg für sich beansprucht.
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Der Strand aber liegt verlassen da, und es ist höchste Zeit, den Tidal River Caravan-Park aufzusuchen.
Das Zelt, das zur Ausrüstung gehört, ist ganz offensichtlich neu gekauft, und nach ein paar Orientierungsrundgängen durch die menschliche Logik gelingt der Aufbau auch – genau so wie das Abendessen – Bohnensuppe mit Muschelteigwaren. Die Suche nach den Taschenlampen löst bei mir einige Hektik aus, da ich beim besten Willen nicht mehr weiss, in welche der drei Taschen die Teile zu Hause gewandert sind… und die Dinger können sich irgendwie in Socken und dergleichen verschlaufen.
Und dann bekommen wir Besuch. Zuerst ist es nur ein langer Schatten auszumachen, der wuselig um den gefällten Baumstamm streicht. Doch dann hilft die LED-Standlampe aus dem Fahrzeug – und ich stelle fest, dass ich schon am ersten Abend ein Ringtail-Possum vor mir habe. Alle diese Vertreter aus der Nachtschwärmerfamilie mit den grossen Augen haben wir zuvor in Australien nie gesehen…
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Um halb elf kehrt auch bei uns Ruhe ein. Ganz offensichtlich ist das sehr, sehr spät für einen Campingplatz. Rundum sind alle Reissverschlüsse schon länger zugezogen bzw. die Wohnwagen geschlossen, und auch wir sinken in einen erlösenden Schlaf. Gott sei Dank sind wir so müde, dass uns die schon so zahlreichen Eindrücke doch schlafen lassen.
Australien 2007: Ankunft in Melbourne
Erlebt am 23. Oktober 2007 – Flug ab Singapur, Ankunft in Melbourne
Wir Reisenden
Der Flug von Singapur nach Melbourne beginnt nicht besonders gut. Mir ist ziemlich übel, meine Kopfschmerzen werden heftiger und ich fühle mich überfüllt von und mit allem. Das Tablett mit dem Essen bleibt relativ unberührt, und das will bei mir trotz allem Plastik- und Foliencharme der Präsentation was heissen. Auf jeden Fall schlafe ich darüber ein, lange bevor abgeräumt wird.
Thinkabouts Wife führt derweil angeregte Gespräche mit ihrem Sitznachbarn: Ein in Australien ansässiger Sikh, der in St. Kilda ein Internet-Strandcafé führt, fliegt mit uns von Singapur nach Melbourne… das ist die exotische personelle Besetzung, mit der eine aufregende Reise beginnen sollte. Und dass meiner Frau, der sowieso alles Indische entweder schon vertraut oder sonst willkommen ist, dieser Kontakt geschenkt wird, erstaunt mich nun überhaupt nicht.
Als ich durch das Abräumen der Tabletts geweckt werde, sind die beiden noch immer ins Gespräch vertieft. Thinkabouts Wife scheint keine Müdigkeit zu kennen.
Aber Begegnungen wie diese wollen gelebt werden: Das Flugzeug wird bald landen, der Nachbar wird die längste Zeit Wegbegleiter gewesen sein und sich in seiner Normalität nicht mit der gleichen Energie und Achtsamkeit nach links und rechts umsehen. Für ihn beginnt der Alltag, für uns das Abenteuer. Wir sind ja schon mitten drin.
Was er uns schenkt, ist eine lebendige Erinnerung – und meiner Frau eine Menge neuen Wissens über eine fremde Religion.
Das Hotel liegt nahe beim Flughafen, und wir tragen uns hin, unsere Taschen auf Flughafenrollis vor uns her schiebend. Der abendliche Verkehr schiebt sich mit blendenden Scheinwerfern so drohend an uns vorbei, dass wir keine Mühe haben, uns den Linksverkehr einzuprägen…
Ein Abendessen brauchen wir nicht. Stattdessen bereiten wir die Reisetaschen für morgen vor, packen aber nur das Notwendigste um und aus: Richtig organisieren werden wir uns morgen, wenn wir den Buschcamper übernommen haben und den verschiedenen Dingen möglichst auch einen festen Platz zuordnen können.
Dann kriechen wir unter die Decke, sehr empfänglich für die einzige Nacht dieser Reise, die wir in einem Hotelbett verbringen werden…
Gute Nacht, Sie Mitbewohner dieser Welt, wo auch immer Sie gerade sind und Unterstützung brauchen könn(t)en.
Meine letzten Gedanken gehören dem Phänomen des Jetlags. Ihn zu überwinden, ist eine Aufgabe, bei der man auch den inneren Schweinehund überwinden muss: Es führt kein Weg daran vorbei, möglichst sofort den Tagesrhythmus am Ankunftsort zu übernehmen.
Wir alle kennen wohl mittlerweile die Anekdote vom Indianer, der sich nach seiner ersten schnellen bewegten Reise mit Auto oder Flugzeug am Zielort an den Strassenrand hockt, um zu warten, bis seine Seele nachkommt.
Wie viel leichter mag der Jetlag überwunden werden (so denke ich an diesem Abend gegen diese Geschichte an), wenn die eigene Seele im bewussten Gefühl ruht, eh immer schon angekommen zu sein, lange bevor der Körper meldet: alles okay?
Und bei diesem Gedanken schlafe ich dann auch wirklich ein.
Australien 2007: Flug nach Singapur
Erlebt am 22./23. Oktober – Zürich -> Singapur
Rudelverhalten vor und im Flugcontainer
Nach einem Tagebucheintrag vom 23. Okt. 06h12 Ortszeit (Singapur).
Wenn man auf dem Flughafen Zürich-Kloten mit der Schienenbahn zum Terminal E fährt, wird so ziemlich jedes Cliché bedient, das man von der Schweiz kennt. In einer dunklen Passage erscheint vor dem Fenster das projizierte Alpenpanorama, natürlich frisch verschneit, ein Jodler erklingt und Kühe muhen um die Wette. Trotzdem nervt es mich nicht. Ich bin jetzt selbst auf Reisen, und so manche Schwarz-Weiss-Betrachtung droht mir die nächsten Wochen auch. Zudem sieht der Reisende selbst die Welt, die er besucht, meist positiver, als es die Menschen tun, die er dabei trifft. Und sie gehören ja zur Schweiz, die bodenständige Kultur und diese Berge, die schon von Zürich aus so gut zu sehen sind, wenn sich die Voralpen bei Föhn scheinbar ganz nahe ans Ufer rücken und sich über dem Obersee auftürmen. Also gebe ich dieser Schweiz beim Betreten des Terminals ganz bewusst den Gruss der Frauenstimme aus dem Lautsprecher zurück: „Uf Wiiderluegä.“
Die Sicherheitsbeamten auf den Flughäfen haben es nicht einfach. Sie müssen viel schärfere Kontrollen als früher durchführen und fragen sich vielleicht trotzdem manchmal, wie viel das wirklich bringen mag. Als Flugpassagier hilft mir am meisten der Gedanke, dass dieser Aufwand meiner Sicherheit dienen soll. Dass dabei die Sicherheitsbestimmungen den neuesten Kenntnissen immer ein bisschen hinterher hinken oder auch mal übers Ziel hinaus schiessen, liegt in der Natur des Problems: Der Staat reagiert nur (überreagiert?).
In Zürich lösen sie das Problem mindestens an diesem Morgen vorbildlich: Lange vor den eigentlichen Sicherheitsschleusen wird man höflich von einem Mann oder einer Frau in Uniform begrüsst und der Schleuse mit der kleinsten Schlange zugewiesen und wenn nötig darauf hingewiesen, dass jener Lap noch ausgepackt und diese Jacke ausgezogen werden soll.
Das Personal ist von der ersten bis zur letzten Person ausgesucht höflich und schafft damit eine völlig ruhige Stimmung – und grosse Disziplin unter den Passagieren.
Hier wird jede Missgunst, jeder mürrische, sich aufgehalten fühlende Passagier mit Höflichkeit „besiegt“. Entwaffnend, bestechend und wirksam. Es kann sein, dass wir auf ein besonders motiviertes Team trafen, aber es ist offensichtlich, dass die Höflichkeit Teil der Strategie ist, die dem Personal die Arbeit erleichtern soll. Ich hoffe, dass dies immer so gelingt wie an diesem späten Morgen!
Das Flugzeug ist wohl ausgebucht. Vor dem Gate stauen sich die Menschen, die sich in der Luft scheinbar einfach besser fühlen, wenn sie den Flugcontainer einen Schritt vor den anderen betreten haben. Das geht selten für alle Nerven gut aus, da es in der Natur der Menschen zu liegen scheint, dass jene, die diesem erhofften Wohlgefühl Tribut zollen und frühzeitig anstehen, gegenüber jenen, die gelassen in den Sitzen warten, in der erdrückenden Überzahl sind. Beim Aufruf zum Boarding ist die Schlange an-stehender Menschen mindestens fünfzig Meter lang. Was da ein Aufruf bringen soll, zuerst würden die Reihen X bis Y zum Einsteigen aufgefordert, weiss ich auch nicht. Ich werde diese Hektik nie so ganz verstehen, obwohl es natürlich schon ärgerlich ist, wenn man sein Handgepäck nicht verstaut kriegt. Zur Not aber gibt es Flugpersonal, das hilft – und selbst wenn man Platz dafür gefunden hat, ist man nicht davor sicher, dass irgend ein Rüpel sein Schalenköfferchen so in die Lücke drückt, die gar keine mehr ist, dass die eigenen Gepäckinnereien vor dem geistigen Auge bereits in nie erkannte Einzelteile zerbröseln…
Also: Es ist keine Sensation. Wir haben tatsächlich alle abgehoben – mit allem Handgepäck. Das Flugzeug ist praktisch neu, auf jeden Fall habe ich noch nie so viel Schnickschnack in der Economy erlebt. Ich schaue mir doch tatsächlich ein wenig Harry Potter an (lesen Sie zu meinem Verhältnis zu Harry Potter, so Sie mögen, hier mehr). Schon bald allerdings tonlos: Ich werde mich nie mit dem Gedröhn in meinem Hirn anfreunden können und kriege heisse Ohren, ohne einen Grund dafür zu haben. Und Kopfschmerzen habe ich auch. Dafür kriege ich keinen oder nur ganz, ganz wenig Schlaf.
Dafür ist sowieso nicht so viel Zeit. Die Tücken des Service bringen es mit sich, dass Vegetarier (ja, die Extrawurst ist die einzige, die ich nehme) ihr Essen zuerst kriegen, dafür die Getränke zuletzt (oder ganz sicher zu spät). Aber der Service ist bei Singapur Airlines schon sehr gut und aufmerksam. Kann vor Singapur allerdings keinen O-Saft mehr sehen…
Die Aircondition macht mir Sorgen. Es zieht. Jetzt habe ich kalte Ohren…
*
Auf dem Flughafen in Singapur schauen wir uns prüfend an. Meine Frau hat noch nie so wenig geschlafen im Flugzeug. Wie werden wir uns an den Rhythmus der Tage gewöhnen?
Immer wieder ein Erlebnis ist der Transferbereichs im Singapurer Flughafen. Mehrere Pools mit Kois laden zum Rasten und Verweilen an. Die Orchideen können doch gar nicht echt sein, und doch sind sie es – natürlich.



Australien 2007: Fehlstart
Erlebt am 22. Oktober – Im Zug zum Hauptbahnhof Zürich
Thinkabouts sitzen mal wieder falsch
Der Tag unserer Abreise ist da. Es ist bedeckt und kühl, aber trocken. Wir stehen um acht auf, machen die letzten Kontrollgänge durchs Haus, geniessen nochmals den Komfort des Vertrauten, zwingen uns zu einem ruhigen Frühstück, und dann gehen wir zum Bahnhof.
Wir sind – natürlich – zu früh. Auf der Bank am Perron sitzen wir zusammen, die Knie aneinander. Ich schaue meine Gefährtin an. Es ist mal wieder so weit. Welche Abenteuer auch warten, auf dich kann ich mich hundertprozentig verlassen. Ich versuche mir auszumalen, welche Belastungsproben uns drohen könnten, und die Aussicht auf sechs Wochen auf engstem Raum mit Thinkabouts Wife kann mich auch jetzt nicht schrecken.
Der Zug fährt ein, ich werfe einen flüchtigen Blick auf die Türen, sehe die 2 für 2. Klasse und das Nichtraucherzeichen. Wir entscheiden uns im Doppelstockwagen für die obere Etage und setzen uns auf die bequemen Polster. Ich atme tief durch und frage meine Frau, ob eigentlich die Züge heute schon generell rauchfrei wären? Wir wissen es beide nicht. In Sachen Bahn sind wir Banausen. Das Schwierigste für uns an einer Fernreise kann schon mal die erste Strecke sein: Auf jeden Fall achten wir peinlich darauf, dass wir auch in die richtige Richtung abfahren – ist alles schon mal anders passiert…
Und da steht er dann vor uns, der junge Herr Zugbegleiter. Er möchte die Fahrkarten sehen, die wir auch brav aus unseren Taschen klauben. Warum wir 1. Klasse reisten, will er wissen?
Was, Wie? Es stellt sich heraus, dass dies ein zweigeteilter Wagen ist. Unten 2. Klasse, oben erste. Wir sitzen falsch. Macht zwei Mal 80 Franken Strafe plus Aufpreis aufs Ticket.
Wie bitte? Mich trifft zum zweiten Mal fast der Schlag. Der junge Mann lässt sich dann wenigstens dazu erweichen, uns mit einmal 80 Franken schlüpfen zu lassen. Mit gutem Recht verweist er allerdings auf verschiedene Kennzeichnungen im Wagon, an denen man es hätte sehen können…
Aber unser Blick ist ganz offensichtlich schon über den grossen Teich gerichtet und hat für derlei Kleinigkeiten keine Aufnahmekapazität mehr.
Eigentlich habe ich meine Schweizer Franken als Wechselgeld-Reserve mitnehmen wollen. Wenn ich diese Reserven in diesem Tempo aufbrauche, wird das Flugzeug ohne uns abheben… So beginnt unsere Reise auf den ersten zehn Kilometern also mit einem neuen Kapitel aus der Kategorie: Thinkabouts Reiselapidarien per Bahn…
Danach erweisen wir uns als Weltbürger. Wir finden den richtigen Flughafen, und das richtige Gate, wie sich noch heraus stellen wird…



















































































































































































































































