Reflexionen

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Mit Lebenslust ein Leben lang, mindestens


Australien 2007 - Tag 18

∞  22 September 2008, 15:21

Erlebt am 10. November 2007 – Von Mambray Creek nach Ceduna

Neues Zelt und neue Pannen



Wir brechen zeitig auf. Zelt abbrechen ist ja nicht angesagt… das liegt in seinen kümmerlich verstümmelten Einzelteilen im Laderaum. Aber heute, in Port Augusta, soll es ein neues Zelt geben. Bis dahin ist es nicht so weit, im Anschluss warten dann für heute 500 km Überführungsstrecke nach Ceduna auf uns…
Am Eingang der Stadt halten wir bei einer Tankstelle an und besorgen uns einen Stadtplan, damit wir auch den Laden der “Big W” – Kette finden. Der Laden entpuppt sich als riesiges Center, und es bietet auch Zelte an. Familienzelte, Gruppenzelte. Und genau eine Sorte Zweier-/Dreierzelte: Das Modell, das wir schon haben und das sich leider nicht bewährt hat. Dennoch kaufen wir es. Eigentlich ist es ein sehr gut konzipiertes Modell mit ausreichend Platz. Das beste Argument aber kommt von Thinkabouts Wife: Sollten wir neue Probleme haben, liegt quasi ein Ersatzteillager schon im Auto…
In mir duellieren sich zwei Gedanken: Einerseits ist doch zu vermuten, dass wir einfach schlicht ein Montagsmodell erwischt haben – und andererseits frage ich mich, was man denn für knapp 60 Australische Dollars an Qualität erwarten könnte???
Also packe ich mir das Ding unter den Arm und wir starten unsere Tagestour doch recht zeitig am Morgen. Dieser Teil der heutigen Aufgaben liess sich schneller erledigen als gedacht!

Vor dem kleinen Hafen von Port Augusta kreuzen kleine Ruder-, Segel- und Fischerboote mit montierten Plakaten. Es handelt sich um eine Art Demonstration gegen geplante Umbauten… Irgendwie wirkt die Szene unwirklich lau im ruhigen Wasser, das sich im schwachen Wind kräuselt, wie wenn es deutlich machen wollte, dass es sich selbst längst mit den Veränderungen durch die Menschen, die immer in die gleiche Richtung zeigen, abgefunden hätte. Wir schauen, dass wir in die Gänge kommen und machen uns an die Durchquerung der Eyre Peninsula.


Bald öffnet sich die immer karger werdende Landschaft und schubst uns aus weit ausgebreiteten dürren Armen in eine endlose Fläche hinaus, jenseits der letzten Weizenfelder.
Von nun wird sich unser Blick in die Ferne für Stunden immer wieder an schnurgeraden Strassenläufen fest halten, während links und später auch rechts sich eine Art Nichts ausbreitet, in dem von Zeit zu Zeit Bäume zu schwimmen scheinen, als wären sie verloren gegangen.


Ein Roadhouse ist hier seltener als ein Dingo (den wir bis zum Ende der Reise nie sehen werden), also benützen wir die erste Gelegenheit, erstehen für meine Frau eine neue Sonnenbrille und geniessen den ersten Milchshake überhaupt: Einen halben Liter kühle, flüssige Nervennahrung pur… Und dann geht es auch schon weiter:
Vielleicht alle zehn Minuten kommt uns ein Auto entgegen, und nicht selten handelt es sich dabei um einen mächtigen Roadtrain: Zugmaschinen, die zwei oder gar drei Anhängerkomponenten angekoppelt haben und dreissig, vierzig Meter lang an uns vorbei rauschen. In einer Kurve ist da das Gefühl schon mal ein bisschen flau, bis man sich daran gewöhnt hat. Allerdings will ich auch sofort sagen, dass die Fahrer sehr diszipliniert sind und auch mit hundert Stundenkilometern ihre Spur sehr genau einhalten.



Road Trains bremsen allerdings wirklich nur dann, wenn sie müssen (und ein Känguru ist kein solches Muss), und der Bremsweg kann durchaus mehrere hundert Meter lang sein, je nach Gewicht und Strassenverhältnissen bis zu einem halben Kilometer…
Auch wir fressen Kilometer und gleiten mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 110km/h über den Asphalt. Die Strasse ist sehr gut und Gegenverkehr äusserst selten. Er fehlt auch, Gott sei Dank, als uns ein scharfer, lauter Knall aufschreckt. Ich packe das Steuerrad unwillkürlich fester, und gleichzeitig beginnt auch das Ruckeln und Schlagen in der Spur. Mir ist, obwohl noch nie erlebt, sofort klar, dass wir einen Reifenschaden vorne links haben. Das Auto allerdings verhält sich äusserst gutmütig, und ich kann es ohne grosse Anstrengung in der Spur halten, während ich den Bremsdruck gleichmässig erhöhe und den Wagen nach links in den Schotter auslaufen lasse.
Wir sehen uns an. Einen Moment lang ist die Welt taub. Strassenstaub hüllt uns ein. Als er sich verzieht, sehen wir am rechten Strassenrand eine Art Einfahrt zu einem landwirtschaftlichen Schuppen. Dort zu stehen, dürfte den Reifenwechsel etwas einfacher machen. Also setze ich noch über die Strasse und parkiere den Wagen. Wir schauen uns die Bescherung an. Ich stehe schlicht auf der Felge.
Nun heisst es, den Laderaum entpacken. Denn Wagenheber und Kurbel liegen in einem Fach im Unterboden verstaut. Kaum beginnen wir mit der Arbeit, sind wir von einem Schwarm aggressiver Fliegen umgeben. Doch wir haben vorgesorgt. Unsere Fliegennetze waren nie wertvoller als heute! Die Biester haben ganz offensichtlich in dem grünen Buschwerk an der Strasse gesteckt und finden nun, unsere Dufstoffe würden ganz andere Freuden versprechen. In der Tat schwitzen wir ganz schnell ganz prächtig. Es ist etwa halb eins, die Sonne scheint, um nicht zu sagen, dass sie brennt, Staub wirbelt auf, wenn immer ein Fahrzeug vorbeifährt. Wobei sich die Leute vergewissern, dass wir zurecht kommen und die Fahrt verlangsamen: Ein einziges Zeichen würde genügen, und jeder, der vorbei fährt, würde anhalten. Ausnahme Roadtrain, siehe oben.
Nun, wir studieren zwar nochmals zur Sicherheit die Bedienungsanleitung, aber Radwechsel gehört generell zu den ganz wenigen Dingen, die ich rund um ein Auto schon oft genug gemacht habe. Und tatsächlich haben wir in einer halben Stunde einen neuen Reifen montiert und alles wieder verstaut.
Danach ist Zeit, uns zu fragen, wo wir denn in etwa sind? Bis zur nächsten Ortschaft dürften es zum Glück nur etwa dreissig Kilometer sein. In Wudinna wird es also darum gehen, einen Ersatzschlauch bzw. Reifen zu kriegen. Im Roadhouse von Widunna erfahren wir, dass es inmitten dieser versprengten kleinen Gruppe Häuser tatsächlich eine Bridgestone-Vertretung gibt, die aber heute Samstag geschlossen hat. Wir fahren trotzdem hin. Und haben Glück. Eben ist ein grosser Laster mit lauter Reifenstapeln auf den Hof gefahren, und der Betreiber der Servicestelle erklärt sich bereit, sich anschliessend um unser Problem zu kümmern. Wir können das Auto stehen lassen. Zeit also fürs Picknick. Dafür bietet sich eine kleine Raststelle praktisch auf der gegenüberliegenden Strassenseite an. Die kleine Ansammlung an Steintischen nennt sich “Stadtpark”. Hier haben wir Zeit, das Erlebte zu verdauen. Und wir stellen wieder einmal fest: Wir haben zwar Schwierigkeiten, aber sie sind nicht wirklich schlimm. Und wir sind wohlauf. Und ein neues Zelt haben wir auch.
Dann folgt die Besprechung mit dem Vermieter TCC und dem Garagisten: Der Schlauch ist total zerfetzt, dürfte zuvor schon mehrmals geflickt worden sein. Das dürfte auch für den Reifen gelten. Der ist natürlich hinüber. Also gibt es einen neuen Reifen, und wir vereinbaren mit TCC Kostenteilung. Was ein Entgegenkommen darstellt, da der Mieter normalerweise die Kosten einer solchen Havarie selber tragen muss. So weit so gut. Im Moment verdränge ich noch die Gedanken daran, was für Schläuche ich den sonst noch so in den Reifen haben dürfte, und wir setzen die Reise mit einem neuen Ersatzreifen in Reserve fort.
Die Fahrt nach Ceduna verläuft danach ohne Probleme – und wir erreichen den “Ceduna Foreshore Caravan Park” rechtzeitig: Denn hier wollen wir unbedingt erleben, was uns im Internet schon reich geschildert wurde: Den Sonnenuntergang am Jetty, nur wenige Gehminuten vom Caravan Park entfernt.
Die Zeit reicht aus, um unser neues Zelt in aller Ruhe aufzustellen und einzurichten. Campingtischchen und Stühle sind drapiert, der Nescafé eingeschenkt, die Ruhe hergestellt.
Also machen wir uns auf zum Strand und wandern auf dem Jetty aufs Meer hinaus – um dort eine höchst witzige Begegnung mit einem Pelikan mit Mundvorrat zu feiern…




Dann legen wir uns noch ein wenig in die lang werdenden Schatten einer wunderbaren Allee, die dem Ufer entlang angelegt ist.
Und dann beginnt das Schauspiel: Die untergehende Sonne strahlt die Holzbalken des Jettys an, dass dieses golden leuchtet, während es sich von der anderen Seite schwarz vor dem Feuerball aufstellt. Man kann sich gar nicht entscheiden, was denn nun die spektakulärere Ansicht sein könnte, und so mancher Fotograf stakst mit seinem Stativ von einer Seite zur anderen, völlig aufgeregt und ruhelos, hin und her gerissen zwischen dem Frohlocken, ein solches Motiv vorgesetzt zu bekommen – und der Angst, die Aufnahme aller Aufnahmen zu verpassen oder zu verschüsseln, was auch immer. Wohl dem, der einfach hier sitzen und geniessen kann. Ich habe es fast so hingekriegt, ganz ehrlich.
Und vor allem bin ich nochmals zurück gekommen, nachdem alle sich zurück in ihre Nester begeben haben. Ganz still stand ich da, wurde Teil der sich ausbreitenden Ruhe über einem ereignisreichen und doch behüteten Tag, legte meine Kamera auf einen Stein vor mir und drückte auf den Selbstauslöser. Das Klicken zu meinen Füssen bescherte mir die letzte Aufnahme – und die bleibende Erinnerung an ein Stück Fügung und Schutz, der über uns lag und weiter liegen würde.
Reisen, dachte ich, ist nie nur eine Frage der Weitsicht. Es ist nie selbstverständlich, anzukommen. Aber es wird ein Stück weit selbstverständlich, das, was das Reisen einem zeigen kann, auch zu sehen. Und zu fühlen. Und jetzt mache ich mal, dass ich in den Schlafsack komme.




Anmerkung:
Vielleicht finden Sie es schade oder Sie wundern sich einfach, dass es keine Bilder von unserer Havarie zu sehen gibt. Nun, ich fotografiere sehr gern. Doch im Moment, wo Schwierigkeiten auftauchen, bin ich nicht der Reporter, sondern der Reisende, der im Schlamassel steckt. Und dann vergesse ich in der Regel, dass ich überhaupt eine Kamera dabei habe. Sie würde mir dann auch in keiner Weise weiter helfen, vermute ich mal…