Reflexionen

In Wort und Bild gesehen, gedacht und gefühlt
Zum Betrachten, Nachdenken, Mitdenken, Vordenken
Mit Lebenslust ein Leben lang, mindestens


Australien 2007 - Tag 1

∞  28 Januar 2008, 22:55

Erlebt am 24. Oktober – Melbourne —> Wilson Promontory National Park



Zum (Aus-)Lachen



Dass der Garagist Peter kein Deutsch spricht, ist nicht sein Fehler und weiter ja auch kein Problem. Wir reisen nicht ohne Englischkenntnisse allein durch Australien. War einfach eine Falschinformation, wahrscheinlich genau so wie der Zeitpunkt unseres Treffens, das wir für acht Uhr abgemacht glaubten. Er kommt gegen halb neun und bittet uns erstmal, unser Gepäck vom einzigen freien Platz vor seiner Garage zu entfernen, weil er den Platz braucht. Aber immerhin ist er freundlich, ja fast zuvorkommend, nur hat er furchtbar wenig Zeit. Also für uns. Da ist noch so viel anderes zu tun.
Ich benütze schon mal die Gelegenheit, den unmittelbar daneben liegenden Campingplatz zu besichtigen. Will mir ein neues Bild von der Atmosphäre machen. 1998 ist lange her und ich habe keine klare Erinnerung mehr daran.
Dann erreicht Peter langsam Betriebstemperatur, und so macht es auch Sinn, das Auto zu besichtigen und zu übergeben. Wir kennen den Toyota Landcruiser 4.2 Liter Diesel schon. Das Fahrzeug ist gutmütig, anspruchslos und mit seinem aufgesetzten Hightop geräumig. In allem der jüngere Bruder unseres Untersatzes von 1998, als wir die Westküste hoch fuhren. Das Fahrzeug ist neu im Angebot des Vermieters – wie angekündigt. Die Innenausstattung ist frisch eingebaut, der Kilometerstand liegt bei gut 70‘000 Kilometern. Alles scheint in sehr gutem Zustand zu sein. Ausrüstung vollständig, Erklärung allerdings mangelhaft. Zum Glück kennen wir das Fahrzeug schon, denn jedes Mal, wenn Peter etwas an der Ausrüstung zu erklären beginnt, scheint er das sehr ernst zu nehmen, um danach im zweiten Satz zu sagen: „It’s all very easy, you will see.“
Als er mir in gleicher Art und Weise die Winsch am Fahrzeug erklärt, kapituliere ich: In einem solchen Fall ist es die richtige Strategie, sich erklären zu lassen, wo die Gebrauchsanweisungen zu finden sind. Abgesehen davon habe ich nicht vor, so durchs Gelände zu sauen, dass ich mich irgendwo selbst aus dem Dreck ziehen muss. Also ist es allenfalls beruhigend, dass da eine zusätzliche Hilfe vorhanden wäre.
Das Auto wäre gestern gewaschen worden, nur leider hätte es danach geregnet, den Wassertank hätte er leider nicht füllen können, aber Wasser gäbe es auf jedem Campingplatz (wo er Recht hat, hat er Recht), und der Haupttank wäre der hintere und die Hauptstrasse da vorn… Den Weg aus der Stadt kann er nicht so genau erklären, aber zum Glück hat er einen sehr netten und kundigen Angestellten.
Aber Peter soll hier nicht so schlecht wegkommen, wie das bisher aussieht. Offensichtlich spielt er für den Vermieter mehr aus Gefälligkeit denn für Geld den Auto-Überbringer, und die Abwicklungen sind in ihrer Substanz auch alle korrekt. Das gilt auch für alle schriftlichen Regularien, und so finden wir uns am Ende doch schneller als gedacht auf der Strasse wieder. Ein paar Nebenstrassen erlauben gnädig ein kurzes Angewöhnen. In der Führerkabine ist alles wie damals. Dann finden wir auch schon auf Anhieb die angestrebte Kreuzung mit der Hauptstrasse. Wir wollen nach links. Es ist das erste und letzte Mal, dass ich dem Linksverkehr nicht gewachsen bin… Zum Glück ist die rechte Fahrbahn durch am Rotlicht wartende Autos versperrt und ich werde zwingend in die falsche und doch richtige Richtung geleitet… Bis ich wenden kann, dauert es seine Zeit, dafür weiss ich dann auch schon, wo wir tanken können. Wir brauchen allerdings drei Anläufe, bis eine Tankstelle auch tatsächlich Diesel anbietet. Der Haupttank ist dann genau der andere, als der von Peter bezeichnete, aber wenn wir sonst keine Probleme haben werden…
Merke: Es ist egal, wie peinlich die ersten Kilometer mit einem fremden Geländewagen in einer grossen Stadt mit Linksverkehr sind. Wichtig ist nur, sie zu überstehen.
Nachdem wir die falsche Autobahnausfahrt erwischen, haben wir Gelegenheit, die Freundlichkeit australischer Polizisten kennen zu lernen, die uns tatsächlich nur weiter helfen und nicht wegen Gefährdung öffentlichen Lebens verhaften wollen. Danach absolvieren wir die ersten 200 km ohne weitere Probleme und fahren in den Wilson Promontory National Park

Vom Parkplatz mit dem nüchternen Namen 5-miles-Road-Carpark aus machen wir eine erste Wanderung, einen Rundgang über eine praktisch flache Ebene, die in einen märchenhaft lichten Wald führt, dessen Boden über und über mit verschieden farbigen Farnen bedeckt ist, bis plötzlich der Blick aufs Meer frei gegeben wird.

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Die Uferlandschaft ist von einer bizarr-fremdartigen Intensität, als hätten wir nicht nur den Kontinent, sondern gleich den Planeten gewechselt.



Zurück zum Parkplatz führt der Weg tiefer in den Wald, und der wird von einem speziell neugierigen und unverschämt frechen Gesellen bewacht, einem stattlichen Wallaby, das wir in dieser Grösse zuvor noch nie gesehen haben.

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Wallabies sind gedrungener als Kängurus, haben oft ein dichter wirkendes Fell und einen runderen Kopf. So sehe ich das wenigstens, aber das will wohl angesichts der Heiterkeitsstürme, die meine Erscheinung bei ihm auslöst, nichts heissen…
Aus einem fernen Baum scheuchen wir einen Schwarm schwarzer Kakadus auf und etwas näher leuchtet uns ein feuerroter Kopf eines Rosellas aus dem Blättergrün entgegen.
Zurück beim Parkplatz habe ich Mühe, das bereits Erlebte einzuordnen. Ist das möglich? Eben noch haben wir unsere Reiseträgheit in Kleidern spazieren geführt, und nun finden wir uns in einer Fauna und Flora wieder, die uns exotisch-märchenhaft umschliesst!
Wir fahren weiter, aber noch immer nicht zum Campingplatz. Auf dem Weg dahin liegt der Abstecher nach Cotters Lake, wo man mit viel Glück Kängerus am Strand antreffen kann.
Es ist bedeckt und windig und der Abend ist nah. Das Licht ist also schlecht, aber wir werden ja auch aufgehalten. Meine Frau stupft mich plötzlich an und bedeutet mir, anzuhalten. Ich bleibe steif stehen und senke den Kopf. Zwei Meter vor meinem linken Fuss steht ein Wombat und zögert, vor mir über den Weg zu gehen. Sein rechtes Vorderbein hat er leicht angehoben und verharrt so, als wäre er zur Salzsäure erstarrt. Es scheint ewig zu dauern, bis er sich entspannt und tatsächlich ruhig vor uns durchläuft. Wir folgen ihm in kurzem Abstand, verlieren ihn im hohen Gras mit den struppigen Buschwedeln aber schnell aus den Augen. Dafür werden wir dabei von einem Känguru beobachtet, das nun für kurze Zeit den Weg für sich beansprucht.

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Der Strand aber liegt verlassen da, und es ist höchste Zeit, den Tidal River Caravan-Park aufzusuchen.
Das Zelt, das zur Ausrüstung gehört, ist ganz offensichtlich neu gekauft, und nach ein paar Orientierungsrundgängen durch die menschliche Logik gelingt der Aufbau auch – genau so wie das Abendessen – Bohnensuppe mit Muschelteigwaren. Die Suche nach den Taschenlampen löst bei mir einige Hektik aus, da ich beim besten Willen nicht mehr weiss, in welche der drei Taschen die Teile zu Hause gewandert sind… und die Dinger können sich irgendwie in Socken und dergleichen verschlaufen.
Und dann bekommen wir Besuch. Zuerst ist es nur ein langer Schatten auszumachen, der wuselig um den gefällten Baumstamm streicht. Doch dann hilft die LED-Standlampe aus dem Fahrzeug – und ich stelle fest, dass ich schon am ersten Abend ein Ringtail-Possum vor mir habe. Alle diese Vertreter aus der Nachtschwärmerfamilie mit den grossen Augen haben wir zuvor in Australien nie gesehen…

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Um halb elf kehrt auch bei uns Ruhe ein. Ganz offensichtlich ist das sehr, sehr spät für einen Campingplatz. Rundum sind alle Reissverschlüsse schon länger zugezogen bzw. die Wohnwagen geschlossen, und auch wir sinken in einen erlösenden Schlaf. Gott sei Dank sind wir so müde, dass uns die schon so zahlreichen Eindrücke doch schlafen lassen.