Der unreife Mann... ein bisschen verärgert
Eva Herman will die Frauen wieder zur Entfaltung als Hausfrau ermuntern. Darüber ist hinlänglich diskutiert worden. Hü und Hot in einer Diskussion sorgen für Pointen, Fronten und entsprechende Provokationen. Lösungen und damit lebbare Lebensmodelle liegen dann in der Regel fern ab von extremen Positionen, dafür um so näher an den konkreten individuellen Bedürfnissen. Nun hat Iris Radisch, Literatur-Club-Moderatorin, Jury-Vorsitzende des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt, Literatur-Redaktorin bei der i>Zeit und dreifache Mutter ein Stück weit genau in diesem Sinn eine Antwort in Buchform geschrieben:
Frauen sollen ihre berufliche Erfüllung finden und trotzdem Mutter werden und bleiben können. Dazu braucht es die Unterstützung der Gesellschaft, die entsprechende Einrichtungen fördert (und neue erfindet). Und neben der Familienpolitik beginnt die Suche nach dem Mann irgendwie neu. Das heisst, ich würde es mir wünschen. Denn das Hauptproblem in allen diesen Diskussionen und Modellen sehe ich in einer Grundhaltung auf beiden Seiten der Geschlechter:
Rollenverteilung und Problem wird als Widerstreit zwischen zwei Lebewesen gesehen, von denen man meinen könnte, es handelte sich um zwei komplett verschiedene “Arten”. Ich zitiere ein paar Aussagen aus einem Interview, das Iris Radisch für die heutige i>NZZ am Sonntag Susanna Heim gegeben hat:
Vatersein und berufliche Erfüllung zu haben, schliesst sich ja bekanntlich nicht aus. […] Es geht nicht um das Alles-haben-Wollen, sondern um das Alles-gleich-Haben wie die Männer.*
Jede Zweite Ehe in den Grossstädten geht in die Brüche. Und meist sind es die Frauen, die den Preis dafür zahlen. […]
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Man kann sich nicht mehr auf einen Mann verlassen.
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Der Mann wechselt [wenn es ihm mit den geteilten Aufgaben zu kompliziert wird, wenn das erste Kind da ist] womöglich zu einer Frau, die weniger Ansprüche stellt. Das ist genau die Unreife, von der ich rede.
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[…] ich kann die Männer nicht besser machen. Mein Buch richtet sich auch primär an Frauen, und ich sage denen: Ihr müsst euch die Männer, die ihr auswählt, genau anschauen. Ihr braucht Männer, die eure Stärke aushalten, die nicht fliehen, wess es mal unbequem wird […]
Tut mir leid, aber da erkenne ich mich nicht wieder. Und vielen meiner Kollegen wird es wohl ähnlich gehen. Dieses Verharren in den Schützengräben muss endlich überwunden werden. Wann werden die Frauen umgekehrt lernen, dass dies hier nicht ihr Problem ist sondern ein Gemeinsames – und dass Männer sehr wohl ebenfalls eine emotionale Lebensmitte brauchen und auch suchen, die ausbalanciert ist?
Ich glaube, dass erst dann wirklich Lösungen gefunden werden, und damit meine ich praktische Veränderungen, wenn Männer wie Frauen einander darin ernst nehmen, dass sie gemeinsame Bedürfnisse zu entdecken und abzudecken haben.
Dazu gehört, dass endlich anerkannt wird, dass eine gescheiterte Ehe überhaupt keine Sieger kennt. Nicht nur die Frauen zahlen dabei einen hohen Preis, sondern auch die Männer. Die finanzielle Belastung kann enorm sein, und spätestens bei der Trennung endgültig auf die Rolle des Ernährers reduziert zu werden, macht es emotional für die Männer nicht einfacher.
Ob Frau sich auf Mann weniger verlassen kann als früher, weiss ich nicht. Vielleicht weiss Frau vielleicht besser als früher, was sie bräuchte, kann es aber in die Lebensplanung vor der Eheschliessung nicht einbringen und entwickelt erst im Lauf der Jahre die Erkenntnis, dass sie sich selbst in vielen Einschätzungen der eigenen Bedürfnisse (und derer Gewichtung) getäuscht hat? Würden wir Männer diesen Frauen in einem solchen Fall Unreife vorwerfen, so wäre aber so was von Radau im Karton!
Auch Frauen wissen zu Beginn einer Ehe vielleicht was sie sich wünschen, aber nicht unbedingt, was sie wirklich brauchen. Wir alle machen unsere Lebenserfahrungen und müssen dann unsere Korrekturen anbringen. Oder mit der Situation und den nächsten Menschen klar kommen, so wie wir und sie sich neu erkennen.
Wie viele Frauen bringen denn in eine kriselnde Ehe die Idee ein, ein zusätzliches Kind würde die Beziehung zum Mann beleben – und wie viele Scheidungskinder gehen daraus hervor? Ist das nicht auch Unreife? Natürlich ist auch hier die Frage auf beide Partner anzuwenden.
Vatersein und berufliche Erfüllung zu haben, soll sich nicht ausschliessen? Das kann Frau doch nur behaupten, wenn sie von Anfang an unterstellt, dass auch die tieferen Bedürfnisse des Vaters nichts damit zu tun haben, das eigene Kind beim Aufwachsen erleben zu wollen.
Ich bin sicher: Wäre es möglich, mit Teilzeit-Modellen oder alternativen Arbeitsformen gesellschaftlich anerkannte Arbeit zu machen (Karriere, was immer das heissen mag…), so glaube ich sehr wohl, dass viele Männer diese Gelegenheit ebenso gerne annehmen würden, wie Frauen. Und dann besteht wirklich eine grosse Chance, dass sie auch umgesetzt werden!
Tatsache ist: Wir alle werden älter und reifer. Und es mag vielleicht die Chance unserer Erfahrungen sein, eine Gesellschaft zu schaffen, die Lebensmodelle anbietet, mit denen es leichter ist, seine Bedürfnisse zu verwirklichen und sich menschlich und als Familie zu entwickeln, individuell und in der Partnerschaft. Das wird uns aber nur dann gelingen, wenn beide Geschlechter darin eine Chance sehen, bestehende Defizite abgebaut zu bekommen.
Dazu würde dann auch gehören, dass Frauen ihr Muttersein auch gerne mit Männern teilen mögen, die wirkliche Väter für ihre Kinder werden und damit nicht nur Ansprüche befriedigen, sondern auch Aufmerksamkeit und Einfluss bekommen – von den und für die eben nicht nur “eigenen” Söhne und Töchter der Mütter.
