Reflexionen

In Wort und Bild gesehen, gedacht und gefühlt
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Mit Lebenslust ein Leben lang, mindestens


Vietnam (Hanoi) - Singapur - Zürich

∞  22. Oktober 2009, 17:52 Kommentare [6]

Erlebt am 13. und 14. April 2009
[ Schmetterlinge im Changi-Airport Singapur: Komplett und grösser im Album ]


Wir müssten erst um 08:30 aufstehen, sind aber schon kurz nach 07:00 wach. Wir dösen noch ein bisschen vor uns hin, stehen dann gemütlich auf. Um 08:00 sind wir schon beim Frühstück, geniessen nochmals die Aussicht vom elften Stock auf die Altstadt, über die sich auch heute ein grauer Himmel spannt, der Nieselregen spendet.

Wir haben schon gestern ein Noi Bai Taxi auf 10:00 bestellt; das können wir gleich im Hotel bezahlen, und bekommen dann einen Gutschein. 15 $ wollten sie für die Fahrt, die bei wenig Verkehr gut 40 Minuten dauert. Bei Kuoni hätte der Transfer CHF 60 gekostet…

Der Taxifahrer ist schon zehn Minuten früher da, und so fahren wir los, aus der Stadt heraus, durch all die Mopeds und schliesslich durch die Reisfelder, deren Grün mir ewig im Gedächtnis bleiben wird, und für mich untrennbar mit Vietnam verbunden bleibt.

Der nette Taxifahrer lädt uns am richtigen Eingang ab, doch wir müssen im Flughafen noch eine Stunde warten, bis der Check-in Schalter öffnet.


Irrwitz, fast virtuell


Wir warten geduldig auf den Beginn des Check-Ins, umgeben von Asiaten aus allen möglichen Ländern. Vietnamesen, die auf Reisen gehen, Koraner, Japaner, Touristen wie wir. Alle scheinen ziemlich müde zu sein. In mir ist es ein wenig leer, wie immer, wenn ich abgereist, aber noch nirgends angekommen bin, auf Durchreise, irgendwie. Irgendwie höre ich nichts, obwohl der Geräuschpegel relativ hoch ist, immer wieder Lautsprecherdurchsagen “Last Calls” durchgeben, mit bedeutungsschwangerem Ton, und uns und allen anderen um uns herum doch gleichgültig. Dann dringt eine monoton kommentierende asiatische Männerstimme an mein Ohr. Und weil sie nicht anschwillt, und auch nicht nach ein paar Sekunden wieder verstummt, sondern weiter kommentiert, als ginge es um ein Fussballspiel, das ohne Höhepunkte ist, werde ich aufmerksam und richte meinen Blick auf den grossen Flachbildschirm, aus dem die Stimme kommt.
Was ich sehe, ist ein euopäischer Spielfilm über Nazi-Deutschland mit Szenen, in denen Judenfamilien des Nachts Besuch von der Gestapo bekommen. Menschen werden auf die Strasse geführt und dort augenblicklich erschossen, ein alter Mann im Rollstuhl auf den Balkon gerollt und von dort über die Brüstung geworfen.
Ich denke an den Vietnam-Krieg, die lange Kriegsgeschichte überhaupt dieses Landes, und daran, zu welchen Grausamkeiten alle Menschen und Völker fähig sind, und schaue um mich. Niemand scheint den Film zu beachten. Er interessiert nicht. Wer hier sitzt, dessen Eltern haben vielleicht Hieroshima erlebt, oder stehen im ständigen Spannungsverhältnis mit Nordkorea, mit unerreichbar bleibenden Verwandten “drüben”.
Menschen? Menschlich sind wir deswegen noch lange nicht. Ein Leben ist nicht viel wert. Könnte man meinen. Weitermachen, irgendwie. Und mit dem Frieden wird die Zeit irgendwie dicker, die sich auf die Erinnerung legt.
Eine alte Frau muss mich schon länger beobachtet haben. Sie dürfte gesehen haben, wie fahrig ich mir mit der Hand durch die Haare strich. Ihre Augen schauen mich ruhig an, und als sie endlich bemerke, lächelt sie ein wenig, und in dem darauf folgenden leisen Nicken ihres Kopfes liegt eine Würde, die mich tief durchatmen lässt.
Ich weiss nicht mehr, ob ich zurück gelächelt habe. Aber ich weiss, dass in diesem Moment wieder Leben in meinen Augen war.


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Versöhnungswillen allenthalben. Das ist wohl mit das Berührendste, was mir die Vietnamesen und Kambodschaner vorgelebt haben. Wie Menschen eben auch sein, leben und einander begegnen können. – [Th]


Singapore-Airlines fertigt wieder gewohnt professionell ab, und so starten wir pünktlich um 13:30. In gut drei Stunden werden wir in Singapore sein, wo wir fünf Stunden Aufenthalt haben. Da wird es ein Wiedersehen mit den Kois und dem Orchideengarten geben.

Doch jetzt genehmigen wir uns erst einmal einen Singapore-Sling, bevor das Essen serviert wird.

Thinky sitzt am Gang, ich in der Mitte, neben mir am Fenster ein junger Vietnamese. Er scheint zum ersten Mal zu fliegen und schaut sich dies und jenes bei mir ab. Wenn etwas serviert wird, gebe ich es ihm weiter, denn auch die längsten Arme reichen nicht bis zum Fensterplatz. Ich merke bald, dass er kaum Englisch spricht, denn er scheint die Fragen der Flightatendant oft nicht zu verstehen.

Er nimmt allen Mut zusammen, und spricht mich an: „From Austria?“ So beginnen wir mehr schlecht als recht ein „Gespräch“, bei dem ich gezwungen bin, meine Sätze immer wieder neu zu formulieren, da er die meisten Worte nicht kennt; besonders die, die keine Hauptworte sind. „How“, „many“ und „much“ sind völlig unbekannt, aber auch „fish“ und „pork“. Wenn er mir eine Frage stellen will, übt er sie zuerst flüsternd für sich, bevor er sie an mich richtet, und ich errate mehr, was er wissen will, als dass ich seine Worte verstünde. Im Laufe der Zeit erfahre ich von ihm, dass er 24 Jahre alt und Student ist. Jetzt fliegt er nach Auckland, (das verifizieren wir anhand der Weltkarte im Flugmagazin) um dort zu studieren – Englisch!

Nun, ein paar Vorkenntnisse hätten da ja wohl nicht geschadet, aber schliesslich ist in einem unverbildeten Geist noch alles möglich, und dumm ist der Mann ganz bestimmt nicht. Was S – so heisst er – bis jetzt studiert oder gemacht hat, habe ich nicht herausgefunden. Auf seine Frage, was wir in Vietnam gemacht hätten, erzähle ich ihm von unserer Tour mit möglichst vielen Städte-Namen, anhand derer er sich orientieren kann. Dass mir die Fahrten durch die Reisfelder so gut gefielen, versteht er nicht, weil er mit den Worten „ricefield“ so wenig anfangen kann, wie mit „green“. Auch da hilft das Flugmagazin weiter, denn da gibt es ein Bild von einer Reisterrasse, das zwar von Bali stammt, aber Reisfeld ist Reisfeld und grün ist grün. Jedenfalls freut es ihn sehr, dass es mir in seinem Land so gut gefallen hat und fragt, bzw. sagt ganz scheu und fragend „e-mail address?“ Wir tauschen die Adressen aus, und ich bin wirklich gespannt, ob und wie der Gute schreiben wird.

Thinky bewundert meine Geduld, aber schliesslich waren wir jetzt vier Wochen lang diejenigen, die auf die Hilfe anderer zählen durften.

Wir landen im Terminal 3, da waren wir noch nie. Wir haben ja mehr als genügend Zeit, um uns zuerst einmal hier richtig umzuschauen. Da gibt es auch einen Koi-Teich mit ausserordentlich grossen Fischen und einen Schmetterlingsgarten. Darin ist es natürlich feucht-heiss, aber das sind wir uns ja nun wirklich gewöhnt. Jetzt sehe ich diese zauberhaften Flatterwesen endlich einmal von nahe, und nicht nur immer vorüberfliegend. Wir nehmen uns viel Zeit zum Fotografieren.










Dann fahren wir mit dem Skytrain in den Terminal 2, wo wir uns bereits auskennen, sitzen im Orchideengarten beim ersten und im Farngarten beim zweiten Koi-Teich und machen es uns schliesslich auf den Oasis-Liegen bequem, mit Sicht in die Grünpflanzen. Ich möchte ein wenig schlafen, Thinky ins Internet gleich nebenan. Als er wiederkommt, erzählt er von Unruhen in Bangkok; war schon eine gute Entscheidung, nach Vietnam zu reisen und dabei über Singapore und nicht über Bangkok zu fliegen…

Eine Horde lärmiger Japaner fällt hier ein, an Dösen ist nicht mehr zu denken.

Ganz langsam gehen wir zu unserem Abflug-Gate und starten pünktlich um 01:30. Das Flugzeug ist nur halbvoll, wir haben drei Sitze für uns. In zwölf Stunden werden wir in Zürich landen. Es gibt Turbulenzen, Aufforderungen an den Sitzplatz zurückzukehren, die Sicherheitsgurten zu schliessen. Letzteres habe ich sowieso immer wenn ich schlafe, ich werde nämlich ungern deswegen geweckt, so schlafe ich einfach weiter, und merke deshalb zum Glück nicht, dass das Flugzeug einmal recht absackt, wie mir Thinky nachher erzählt.

Einmal wache ich auf. Unter mir sehe ich eine dicke Wolkendecke, über mir ein fast voller Mond. Der Monitor zeigt das Flugzeug irgendwo über Turkmenistan; noch fünf Stunden bis Zürich. Ich schlafe wieder ein.

Um 07:55 landen wir pünktlich.

Meine Eltern holen uns ab, bringen uns nach Hause.

*

Trinkwasser kommt aus den Hahnen, Sozial- und andere Versicherungen sind vorhanden, Demokratie wird gelebt; Spiritualität ist etwas für esoterisch Angehauchte, Zeit etwas, das man füllen muss, und hinter einem Lächeln wird meistens eine Absicht vermutet.

Ich bin wieder da, wo ich wohne und komme von der Ecke der Welt, in der ich lebe.

[ThW]

*

Damit ist unser Reisebericht aus Kambodscha und Vietnam abgeschlossen. Alle Texte dazu werden in der Sektion GEREIST abgelegt werden.
Was ich mir vor allem anderen bewahrt habe, was mir bleiben wird? Wahrscheinlich dies:
Mir wurde vorgelebt, dass es gilt, voraus zu schauen, nicht zurück. Es bleibt einem gar nichts anderes übrig, und was mag daraus werden, wenn man es gar mit einem Lächeln tun kann?
Darum schliesse ich mit diesem Bild. Die Statuen stammen aus der Keramik- und Porzellanfabrik ausserhalb von Hanoi. Und jetzt halte ich die Klappe, und sage nur noch: Danke fürs Mitlesen!







früher erzählt