Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Thinkabout bald neu

∞  9. Dezember 2014, 06:50 Kommentare [8]

Liebe Leserinnen und Leser,

Als ich vor wenigen Wochen das zehnjährige Jubiläum von Thinkabout beging und ich ankündigte, dass zukünftig nicht mehr unbedingt jeden Tag was Neues hier zu lesen sein wird, war das zwar schon ernst gemeint – aber so lange Lücken sollte es nicht geben.

Allerdings habe ich Ihnen auch eine Nachricht unterschlagen – nämlich die, dass ich gleichzeitig an einem neuen Auftritt für Thinkabout arbeite.

Nun, wie immer bei solchen Projekten, ist in der Schlussphase dann ziemlich viel los, und statt hier den Content zu füttern, floss mehr Energie ins neue zu errichtende Haus.

Noch ganz wenig Geduld, dann geht es los.

Die Artikel hier gehen nicht verloren, keine Angst.

Einer der Gründe für den Wechsel ist die stetig wieder harkende Kommentarfunktion – und ausserdem möchte ich die Artikel mehr nach klassischen Ressorts gruppieren und die Verschlagwortung umgekehrt weglassen – kaum jemand forscht nach ihnen, und eine Suchfunktion reicht aus.

Und am neuen Ort werde ich mich mit Lust und Freude auch wieder den Einwänden widmen, welche allenfalls geäussert werden, oder mich über Zustimmung freuen. Und da dieses Blog sehr breit in der Themenwahl ist, wird es den Lesern möglich sein, künftig vermehrt gezielt in den Ressorts zu suchen, die sie wirklich interessieren.

So, damit ist genug gesagt für den Moment. Ich hoffe, Sie bleiben mir als Leser erhalten!

Freundliche Grüsse
Thinkabout

Die Ukraine wird leise geputscht - aber systematisch

∞  4. Dezember 2014, 23:21 Kommentare [1]

Die westliche Welt ist sich einig: Putin ist gefährlich. Der Mann muss gestoppt werden und seine Ansprüche auf die Ukraine sind anmassend und völkerrechtlich nicht haltbar. Dies ist die eine Seite.

Die andere Seite aber – darf sie einfach nicht vorkommen, nicht beleuchtet, nicht mal in Betracht gezogen werden? Dass nämlich der Westen angesichts der instabilen politischen Lage in der Ukraine nicht zuletzt Angst um seine eigene Energieversorgung bekommen hat und seither aktiv manipulierend Gegensteuer gibt:

Wenn diese Meldung (gefunden via mycomfor.com ) und dessen Hintergrund stimmt, so wird die Ukraine wirtschaftlich geptuscht – und auch mit entsprechendem Personal infiltriert. Die neue Finanzministerin der Ukraine, all die Jahre zuvor in den USA tätig, musste noch so auf die Schnelle eingebürgert werden, genau so wie der neue Wirtschaftsminister, ein Investmentbanker aus Litauen noch ganz schnell ein Einbürgerungs“verfahren” durchlief.

Wenn man diese Kniffe im Hinblick auf die theoretische Souveränität der Ukraine prüft, schüttelt man erst den Kopf, immer sich überlegend, ob wir denn einfach mal in Deutschland oder der Schweiz so auf die Schnelle einen italienischen Justizminister vorgesetzt bekommen möchten, um sich dann die bange Frage zu stellen: Wenn diese Vorgänge schon so stillschweigend wie möglich voran getrieben werden, wie mag sich denn da die EU und der Westen generell um die Informationspolitik bemühen? War sie je irgend einen Deut mehr als eine politische Kriegsführung in der Ukraine?

Und wir erinnern uns der Vorgänge auf dem Maidan-Platz, wo zu Anfang ganz klar schien, dass die Menschenleben verachtende Gewalt vom alten Regime angeordnet wurde – bis mit der Zeit ungeheuerliche anmutende Stimmen lauter wurden, wonach die Opposition und damit die heutigen Machthaber bezichtigt wurden, womöglich selbst gemordet zu haben, um dies bewusst dem Regime in die Schuhe schieben zu können.

Wie immer in solchen Fällen versanden solche Statements eher früher als später im Nichts, aber niemand wird bestreiten wollen, dass der westliche Standard betreffend Meinungsfreiheit laufend sinkt – zusammen mit der abnehmenden politischen Kultur in der aktiven westlichen Regierungstätigkeit.

Wir wollen eben alle einen warmen Hintern haben – und möglichst wenig dafür bezahlen.

—-

Artikel über die Ukraine bei mycomfor
Artikel mit Stichwort Maidan bei mycomfor.com

Ein demokratischer Adventssonntag

∞  1. Dezember 2014, 06:54 Kommentare [2]

Wir haben schon wieder den ersten Advent. Und wie immer ist das der Tag, an dem wir unseren Plastikbaum schmücken. Mittlwerweile brauche ich das nicht mehr zu erklären. Er nadelt nicht, braucht kein Wasser, ist absolut regelmässig gewachsen und wird nicht trocken und spröde. Und wir können ihn mit soooo viel Schmuck und … jaaah, auch mit Tand behängen.

Und wie gefühlt jedes Mal, ist auch dieses Jahr dieser Sonntag wieder ein Abstimmungssonntag mit Volksabstimmungen zu politischen Sachfragen. Auf jeden Fall habe ich mich bei der stundenlangen Beschäftigung mit unserem Bäumchen dabei erwischt, wie ich die immer wieder gleichen Gedanken wälzte:

Dieser Tag ist für mich immer ein Grund für grosse Dankbarkeit. Immer wieder denke ich, während ich die Nachrichten und Kommentare über die Ergebnisse höre, was für ein unglaubliches Privileg wir haben, in einem Staat mit so viel direkter Demokratie zu leben.
Dieses Mal bin ich mit den Ergebnissen sehr glücklich, aber diese Dankbarkeit gilt auch für jene Sonntage, an denen ich zu den Verlierern gehöre. Diese Abstimmungsvorlagen bringen es naturgemäss mit sich, dass wir alle immer mal wieder zu den Verlieren gehören. Und das ist so heilsam und wichtig! Denn es bedeutet, dass sich die Politik und unser politischer Umgang mit Andersdenkenden immer in einer gewissen Konzilianz abspielt: Die Minderheit von heute ist womöglich die Mehrheit von morgen, und die Parameter für eine pragmatische Sachpolitik können sich im Lauf der Jahre ändern. Genau diese Art von Wechselspiel führt dazu, dass sehr oft eine Mehrzahl der Stimmberechtigten einem gewissen Pragmatismus folgt. Es wird praktisch nie nach dem Parteibuch abgestimmt – es kann auch gut sein, dass eine Kantonalpartei bei einer eidgenössischen Vorlage eine Ja-Parole beschliesst, während die nationale Mutterpartei dagegen ist. Schlussendlich muss immer argumentiert werden.

Und so haben sich diesen Sonntag die Schweizer Stimmbürger gegen eine starr und sehr eng begrenzte Zulässigkeit der weiteren Zuwanderung entschieden, sie haben die Goldinitiative abgelehnt, welche der Nationalbank grobe Schranken bei der Geldpolitik auferlegt hätte, weil sie zusätzlich zum Eingriff am Devisenmarkt immer auch noch ihre Goldbestände hätte aufstocken müssen – und die Schweizer haben es abgelehnt, die Pauschalbesteuerung reicher Ausländer abzulehnen: Die Kantone können weiterhin eine solche vorsehen und anbieten – oder es ablehnen.

Und wir schmücken weiter unser Bäumchen. Wenn wir uns drunter setzen, dann tun wir das im Bewusstsein, Stimmbürger zu sein. Nicht nur Wähler.

Frauenquote für Führungsgremien in börsenkotierten Unternehmen?

∞  29. November 2014, 18:15 Kommentare [4]

Der Schweizer Bundesrat hat verkündet, dass er eine Geschlechterquote für wirtschaftlich bedeutende, an der Börse kotierte Unternehmen einführen will. Nach seiner Vorstellung will er vorschreiben, dass mindestens 30% beider Geschlechter in den Führungsgremien vertreten sind.

Nun bin ich durchaus auch der Meinung, dass noch viel mehr dafür getan muss, dass die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau abgebaut werden. Aber der Staat kann einem privaten Unternehmen nicht die Bestellung seiner Führungsorgane vorschreiben! Es ist allein Sache der Eigentümer einer Firma, also der Aktionäre, über die Führungspersonen des “eigenen” Unternehmens zu entscheiden, denn sie tragen auch das Risiko für die eigenen Investitionen. Damit muss jede Person wählbar sein, die mit einwandfreiem Leumund und nach Meinung der Eigentümer mit dem entsprechenden Wissen und Können ausgerüstet ist. Weiter hat das, mit Verlaub, den Staat nicht zu interessieren.

Wird eine Frau in einer entsprechenden Position, egal auf welcher Führungsebene, nicht gerecht bezahlt, haben wir eine ganz andere Situation – denn keine Firma soll mit der Wahl einer Frau einfach die billigere Lösung wählen können. Die Wahl aber in eine Position ist nun mal nicht einklagbar – und es bleibt eine schlechte Lösung, per Quote irgend eine Positon zugeschanzt zu bekommen. Auch in der Politik.

Wo sind die politischen Lieder geblieben?

∞  25. November 2014, 22:00 Kommentare [3]

Die Zeiten scheinen vorbei: Musik transportiert keine Gesellschaftskritik mehr. Wo sind sie hin, die politischen Lieder? Wo ist sie überhaupt, die politische Botschaft von der Strasse? Welche Mittel direkter Strassendemokratie werden überhaupt noch in Betracht gezogen? Wer lässt sich noch mobilisieren. Und warum?

Ich denke immer wieder, wie manche geplagte Seele sich im Grab umdrehen würde, könnte oder müsste sie uns beim Vegetieren zusehen:

Wir tragen die “Demokratie” in die Welt – also, die Amerikaner tun es, und wir profitieren gerne im Windschatten – und daheim in den USA hatten die Jugendlichen schon nach vier Jahren Obama all ihren Enthusiasmus verloren. Was wir in Sachen Basisdemokratie für Möglichkeiten hätten – sie sind zahlreich! Doch uns ist die Mühe eines Jahres zuviel – während obige Seelen Jahrzehnte lang, Generationen lang darum gekämpft haben, dass wir uns jetzt alles schnuppe sein kann, ohne dass es – kurzfristig – grobe Konsequenzen für uns hätte.

Politische Lieder sind tot. Gesellschaftskritische noch nicht ganz. Doch wen sollen wir denn kritisieren? Die EZB? Die EU? Welchen Bürokraten, der uns verwaltet, können wir denn zum Feindbild erküren – und was, bitteschön, setzen wir dem entgegen?

Wer hätte vor dreissig Jahren gedacht, dass Udo Jürgens zu denen gehören könnte, der durchaus mal nachdenkenswerte Zwischentöne anstimmt? Udo Jürgens als Gesellschaftskritiker?
Empört Euch! So hat es in dem kleinen französischen Büchlein! von Stéphane Hessel geheissen. Aber wie lange ist das wieder her? War unser “Jawoll” mehr wert als ein kleiner Pupser?

Wohl kaum. Wir sind die Masse der ruhig Gestellten. In den Augen der Politiker haben wir nur eine Macht: Wir wählen sie nicht, wenn wir Steuererhöhungen riechen. Das glauben die Politiker, und ich fürchte, sie haben sogar recht. Als wäre das an sich bereits ein Programm. Und dagegen lässt sich nicht mal ansingen.

Gratwanderung in Lille

∞  21. November 2014, 13:58 Kommentare [10]

In diesen Minuten beginnt der Final im Davis Cup zwischen Frankreich und der Schweiz. Was ein Kräftemessen auf höchstem Niveau werden könnte, ist vor allem anderen vor allem eine Gratwanderung des Haupt-Protagonisten: Roger Federer riskiert seine Gesundheit.

Jahrelang nur in Notfällen wirklich Teil des Teams, weil die hauptsächlichen Ziele und die Energiereserven nichts anderes zuliessen, entschied sich Roger Federer dieses Jahr, voll mit dem Team mit zu ziehen – um nun im Final die Potenzierung dieses Spagates vollziehen zu müssen:

Er tritt an trotz Rückenverletzung – und riskiert dabei seine Gesundheit. Ich kann das aus der Distanz natürlich nicht wirklich beurteilen, aber die Gefahr ist doch gross, dass Federer unter dem Druck, für ein ganzes Team spielen zu “müssen”, seine Belastungsgrenzen überschreitet und damit den Rest seiner Karriere riskiert: Verschlimmern sich seine Rückenprobleme, so ist das Australian Open gefährdet und der Abstand zur absoluten Spitze würde vielleicht endgültig zu gross.

Federer hat noch nie einen Match vorzeitig aufgegeben – bei mehr als 1200 Spielen auf der Profitour! Und ganze dreimal trat er zu einer Partie nicht an. Für den ATP-Final konnte er das noch für sich entscheiden, und das war schon wahnsinnig schwer. Aber jetzt – für ein Team spielend?

Dabei wollen wir ehrlich sein:
Keinem Menschen käme es in den Sinn, eine Tenniskarriere wirklich daran zu messen, ob der Davis Cup gewonnen wurde. Zu sehr hat der Wettbewerb an Bedeutung in den letzten Jahrzehnten verloren. Wer weiss denn noch, wer letztes Jahr das Gewinnerland war? Oder vor zwei Jahren? Davis Cup – das is ein wichtiger Anlass, um den Tennissport in den einzelnen Ländern zu fördern. Er ist stimmungsvoll und ein grosser Sport-Event. Er stellt für die Spieler der zweiten Garde der Schweizer einen Karrierehöhepunt dar und schafft eine finanzielle Basis, mit der sie den Spitzensport weiter finanzieren können. Aber damit hat es sich dann auch.

Ich hoffe sehr, dass alles gut geht – und damit meine ich nicht den Schweizer Gewinn des Davis Cup.

Bauarbeitermittagspause

∞  20. November 2014, 15:32 Kommentare [1]

Kurzeinkauf über Mittag beim nahen Denner. Vor mir haben an der Kasse die Bauarbeiter der nahen Baustelle ihre Packen Brote und Fertigprodukte in der Hand. Und dann gehen sie vor mir her, die Köpfe in die Krägen der Fleece-Jacken gezogen, zu den Autos am Strassenrand, und einer nach dem andern verschwindet in den Fahrerständen und schlägt die Türen zu. Man bläst sich in die Handflächen und klamme Hände werden nun die Esswaren auspacken und auf den Ablageflächen unter der Frontscheibe auslegen. So sieht Mittagspause tausendfach für Handwerker und vor allem Bauarbeiter aus.

Ich stelle mir vor, wie sich meine Knochen anfühlen würden, wenn ich die letzten dreissig Jahre nicht nur bei Wind und Wetter draussen hätte körperlich arbeiten müssen… Und diese Art Mittagspause, mit der man sich ja auch nicht den bescheidenen Lohn vom Brot essen will, macht den Job auch nicht gerade attraktiver.

Darum: Ein Kompliment den älteren Männern unter den orangen oder gelben Schutzhelmen – sie leisten sehr viel und müssen eine grobe Härte gegen sich selbst mitbringen.

Wir liessen uns schütteln für ein paar Augenblicke

∞  12. November 2014, 07:52 Kommentare [2]

Robert Enke, der Torwart von Hannover 96 und Mitglied des Nationalmannschaftskaders, hat sich vor fünf Jahren vor den Zug geworfen. Bald wurde bekannt: Enke war schwer depressiv. Eine Krankheit wurde für ein paar Wochen enttabuisiert. Betroffenheit wurde vorgelebt. Die Menschen drängte es nach Bekundung, nach Zusammenstehen. 35’000 Trauernde in einem Fussballstadion, die Hilflosigkeit im Gesicht und mitten unter sich:

Wir haben es nicht gewusst. Und: Was war denn so schlimm? Aufbruch schien angesagt, der Sport der Menschen sollte wieder menschlicher werden, selbst im Profigeschäft.

In einer Reportage sehe ich die Kamera über die Transparente im Stadion schweifen. Doch teilweise werden dadurch die bezahlten Werbeslogans der Sponsoren von Hannover 96 nicht überdeckt. Und so kann ich mitten in allen Transparenten lesen:

Mehr Siege. Mehr Tore. Mehr netto.

Es geht ums Gewinnen. Im Spitzensport erst recht. Wenn man dieses Spiel nicht will, muss man seinem Leben ganz persönlich andere Inhalte geben können. Der Mainstream verheisst nichts anderes als Selektion und Zuneigung für die Guten. Wobei gut Tore schiesst – oder eben verhindert.

Am meisten Realitätssinn zeigt hier Teresa Enke. Und ihre Arbeit ist wohl auch sehr viel mehr wert als das für einen kleinen Moment nicht des Fussball wegens volle Stadion: Frau Enke weiss, dass das Bewusstsein der Menschen nur sehr zäh zu ändern ist, aber wenig ist ihr nicht nichts. Und so engagiert sich die Robert Enke Stiftung eben nicht nur für herzkranke Kinder, sondern auch für die Bekämpfung der Depression. So schwer es auch ist, der Krankheit wie unseren gesellschaftlichen Reflexen entgegen zu treten.

Aschgrau ist das mit uns

∞  11. November 2014, 22:00 Kommentare

In Bremen soll der Friedhofszwang aufgehoben werden. Das würde bedeuten, dass man die Asche seiner liebsten Verstorbenen auch im eigenen Garten verstreuen kann. Zum Beispiel. Die taz fragt mit vollen Ernst: Ist das menschenunwürdig?

Wir sanktionieren Organspenden als so wünschenswert, dass wir die gar die Erklärungslast umzukehren bereit sind, dass also ausdrücklich deklarien soll, wer seine Organe als Hirn(un)toter nicht spenden will. Wir nehmen stillschweigend in Kauf, dass na Friedhofsgräber bei Erdbestattungen nach zwanzig Jahren aufgehoben werden und an gleicher Stelle ein anderer Leichnam verscharrt wird – aber wir fragen allen Ernstes, ob es human sei, die Asche eines Kremierten im eigenen Garten oder wo auch immer zu verstreuen?

Wir haben einfach ein Rad ab.

Trennung mit Anstand?

∞  8. November 2014, 14:30 Kommentare

Esteban Gutierrez bekommt keinen neuen Vertrag als Pilot im Sauber-Formel1-Rennstall. Er erfährt es aus der offiziellen Pressemitteilung seines Arbeitgebers, wie er sagt.

Nun ist er selbst Realist genug, um zu wissen, dass seine Leistungen nicht genügten und er spricht selbst davon, dass schon die Körpersprache der Partner in den Gesprächen ja einiges verrate.

Es geht hier auch nicht darum, Sauber in die Pfanne zu hauen oder um den letzten Wahrheitsgehalt und allenfalls andere Wahrnehmungen und Verlautbarungen aus dem Umfeld. Es geht, wieder mal, nur um das Beispiel, das seinerseits allerdings für eine zutreffende Beobachtung steht:

Unsere Arbeitswelt ist verludert.

Wie heute mit Angestellten umgegangen wird, wenn mann sich von ihnen trennt, ist erschreckend. Die Kälte und die Mechanismen, die dabei sofort greifen passen leider allzu gut zum individuellen Verhalten, das viele Führungspersonen, welche diese Entscheidungen zu vertreten haben, vorleben. Es ist dies der Moment, in dem die so genannten weichen Faktoren (nur schon der Ausdruck!) definitiv nicht mehr zählen. Und jedes Mal, wenn das gelebt wird, bleibt etwas in der Welt zurück, das mit hilft, dass wir wirklich vor nichts mehr zurück schrecken und die Menschen wie Schachfiguren aufs Brett stellen und wieder runter nehmen. In diesem Fall hätte es einen kurzen Anruf bei Gutierrez vor dem Versenden der Pressemitteilung gebraucht – einen Moment Bremsenergie, die es erlaubt hätte, eine Sache zu Ende zu bringen, mit Anstand, um eine neue auch anständig beginnen zu können. Wenn sich Gutierrez dann sehr freundlich zeigt, verstehend, wenn diese Abläufe als “part of the business” bezeichnet werden, dann sollte uns das nicht beruhigen. Im Gegenteil. Denn es bedeutet nichts anderes, als dass auch Arbeitnehmer sich längst nicht mehr gleich verhalten. Identität durch Anerkennung sucht zwar nach wie vor jeder, Identifikation mit dem Unternehmen aber ist etwas für Naivlinge. Und es gibt auch bereits viele Grossunternehmen, die so was für Zeitverschwendung halten – sie rechnen mit gar keiner anderen Motivation ihrer Mitarbeiter, als damit, viel Geld zu verdienen, und das Verständnis reicht nicht weiter als bis zu dem Punkt: Ist mein Mann geil auf mehr Geld, wird er viel Geld für die Firma verdienen wollen. Und Schluss.

Nur: Menschen funktionieren nicht so. Wenn wir mit den Verlierern des Spiels gar nicht umgehen, wenn wir nicht erkennen, dass wir Umgang mit einander brauchen, wenn wir nur nach oben blinzeln und nach unten schnöden, dann gute Nacht. Und Gefühle, die wir negieren, verschwinden deswegen ja nicht. Hass und Frustration setzen sich unterschwellig in der Gesellschaft fort, und wenn auch sie fehlen, ja, dann bleibt wirklich nur noch die automatisierte Konsumwelt übrig.

Natürlich entspricht dies alles nicht dem, was wir in Familien und unter Freunden erleben. Aber niemand wird bestreiten, dass sich alle diese Relationen laufend verändern – und das nicht zu unserem Vorteil.

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