Mein Schreiben. Täglich.
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Schritt für Schritt zum Glück
∞ 2 September 2008, 13:15
Wie eine Bergwanderung zu einer Art Gleichnis werden kann… [Die Bilder lassen sich durch Anklicken vergrössern].
Am letzten Mittwoch bin ich mit meiner Frau von Weggis nach Rigi-Kaltbad aufgestiegen. Es war uns schönes Wetter versprochen worden von Menschen, die es wissen mussten. Doch wie so oft präsentierte sich Weggis am frühen Morgen wolkenverhangen. Der Weg, den wir wählten, ist wunderschön. Immer wieder kommt man an wundervollen Gärten vorbei. Und die Aussicht muss von so manchem Ort aus traumhaft sein. Doch wir sehen davon nichts. Nebel umschliesst uns, und es herrscht eine Luftfeuchtigkeit, die uns den Schweiss aus den Poren treibt. Unsere erhitzten Körper frösteln in der feuchten Kühle, so bald wir Rast machen.
Wir sehen manchmal keine fünfzig Meter weit, und Geräusche aus dem Tal dringen so gedämpft an unser Ohr, als befänden wir uns in einer dick verschneiten Winterlandschaft. Was wir hören, ist das Brüllen der Kühe. Es hört sich tatsächlich wie ein Brüllen an. Dunkel und vibrierend sind diese Rufe, und sie hallen in unseren Köpfen nach, als wollten sie uns ein zweites Echo aufdrängen, das sich über das Pochen in den Schläfen legt, vom Blut, das unser Körper pumpt, um die Anstrengung zu meistern. Der Weg ist steil und kennt nur eine Richtung: Bergauf.
Wir haben zwar keine Zeitnot, sind nicht in Eile. Aber wir müssen WISSEN, dass der Aufstieg ein Ende haben wird. Das Gefühl sagt längst etwas anderes. Orientierungslos sind wir nicht. Der Weg liegt unerschütterlich bestimmend vor uns, aber es gibt auch keinen Weg daran vorbei. Wir können nur einen Fuss vor den anderen setzen.
Das erste Photo ist von elf Uhr neun. Wir steigen seit mehr als zwei Stunden den Hang hoch. Der Weg wird immer steiler, scheint uns. Die letzte Rast bei der kleinen, verwunschenen Kapelle liegt lange hinter uns. Käme uns jetzt jemand entgegen, wir hätten wohl das Gefühl, dieser Jemand käme aus einer anderen Welt. Tatsächlich ist uns den ganzen Aufstieg hindurch ausser einem Paar, das uns überholt hat, niemand begegnet.

Bisher war Hell und Dunkel eine Folge der Nebeldichte, nur abhängig davon, ob die Schwaden dem Hang entlang zogen oder sich an der nächsten Felswand stauten und sich auf uns nieder drückten. Jetzt drang erstmals ein Licht zu uns nieder. Kurz zuvor war die Sonne ein erstes Mal wie eine Mondscheibe im Grau über uns auszumachen.
Das zweite Foto ist zwölf Minuten später gemacht worden. Ich mag darüber eigentlich gar nicht schreiben. Sehen Sie es sich einfach selber an und stellen Sie sich vor, wie man danach weiter läuft:

Nach wie vor werden wir einfach nur einen Fuss vor den anderen setzen können. Unsere schweissnassen Hemden werden langsam trocknen. Die Sonne wird in ihrer Kraft immer deutlicher zu spüren sein und das Nebelmeer mit der Zeit wegbrennen. Das Licht wird sich ausbreiten. Unsere Sicht ist nun frei, wir sehen das Ziel. Es ist noch immer hoch oben, wie uns scheint. Aber der Blick zurück, die Erfahrung dieses Wandels, die Dynamik des Wechsels an der Nebelgrenze, die wir uns mit dem beharrlichen Aufstieg verdient haben, alles dies bleibt und ist wie ein Wunder. Es wird nicht kleiner, nur weil es erklärbar ist, also eben kein Wunder.
Die Erfahrung, das Erlebnis bleibt einzigartig. Ich mag gar nicht jauchzen, wenn ich dieses Glück erlebe und plötzlich auf ein solches Meer an Schönheit blicke. Ich mag auch nicht sprechen. Denn ich fürchte, meine Stimme klänge ziemlich zitterig und spröde. Und das liegt nicht an der Anstrengung.
Ich wünsche mir, dass Sie, wenn Sie das lesen, diese einfache Sequenz unserer Wanderung von letzter Woche als ein Bild dafür nehmen können, dass sich die steilsten Wege, die schwierigsten Aufgaben und die unsichersten Ziele manchmal aus der Unsicherheit, die sie erzeugen, zu wandeln vermögen in einen Weg, der in neuer Klarheit vor Ihnen liegt. Irgendwo wartet die Bank, auf der man sich überwältigen lassen darf vom Geschenk der neuen Sicht, einer neuen Weite, reiner Schönheit, die aller Anstrengung nachträglich einen Sinn zu geben vermag. Und dass dieser Sinn eine einfache Holzbank sein darf, das Verweilen, das Ruhen auf dem Weg, der noch immer steil sein mag.
Wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Wir haben doch nichts anderes gemacht, als die zwei Stunden zuvor und die Stunde danach: Wir haben schlicht einen Fuss vor den anderen gesetzt. Wann welcher Lohn auf uns wartet – ich mag es nicht zu sagen und nie zu wissen. Aber ich weiss, dass ich nichts anderes dafür tun muss, ja tun kann, als meinen Stand zu suchen und meinen Schritt zu machen. Den ersten nächsten. Mehr ist nicht zu tun.
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