Duett
Musik ist Seelensprache. Es ist die Lyrik des Herzens.
Musik trägt die Worte des Zorns, der Wut und der Verzweiflung in die Welt. Mit keiner andere Ausdrucksweise können Menschen so eindrücklich für Menschen demonstrieren. Und Musik ist in ihrer Komposition und in ihrem Vortrag das Zusammenspiel von Menschen und Elementen, von tragenden Instrumenten und kolorierenden Stimmen. sie braucht Hinter- und Vordergrund, Band und Lead, und nicht immer ist das Vordergründige das wirklich Tragende. Im Vortrag liegt auch die Verführung der Eitelkeit, und um so phantastischer ist es, wenn die Stimmen sich suchen und finden, wenn die eine der andern schmeichelt und das gemeinsame Glück so gross ist wie das zwischen Bühne und Publikum. Für die magischen Momente, die auch mit dem besten Stück Musik immer wieder neu entstehen können, ohne dass es dafür eine Garantie gäbe. Die Intuition der Genialität braucht die offene Seele.
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Letzte Klingeleien im Jahr
Das Jahr bimmelt sich aus, und ich könnte ihm die üblichen Vorhaltungen machen. Dass es sich zu schnell erledigt hat, die Zeit nie angehalten wurde, flüchtig blieb, was ich doch zu packen glaubte.
Aber nein. Dieses Jahr schlich sich heran und kriecht nun von dannen. Es war ja nicht länger und auch nicht schneller als die Jahre zuvor, aber eines ist klar:
Es hat sich eingegraben. Es kroch tiefer und atmete schwerer als manches andere. Und doch schwappt es gerade vorüber, und manchmal habe ich Angst, nicht mal ein solches Jahr lasse sich be-greifen.
Das nächste wartet schon, auf gepflügte Erde, auf zu pflügende Äcker, auf im Wind wiegende Gräser, geschnitten zu Heu, auf Blätter, gefallen als Laub und vermodert zu Kompost, auf Sonnenstrahlen, glitzernd im Tau, auf treibende Samen und saftende Früchte,
auf Leben und Tod.
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Das Dazwischen
Auf unsere Geburt haben wir keinen Einfluss. Unseren Tod beeinflussen wir allenfalls nach der Meinung unserer Ärzte oder Ernährungsberater. Ansonsten ist der Tod das Ende der Selbstbestimmung, die wir uns zuvor – je nach eigenem Glauben – ausbedungen haben.
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Die Frage ist also gestellt: Wozu ist diese Wegstrecke dazwischen wirklich gedacht? Wie sorgen wir dafür, dass wir zu uns finden – oder bei uns bleiben? Worin liegt dieses Geheimnis, dass wir vom Kleinkind zum erwachsenen Menschen unserem Kern so sehr abhanden kommen? Heisst es doch, das Neugeborene wäre frei von aller Schuld und ohne Fehler… Können wir, dem Zwang zur Selbstbehauptung folgend, nicht anders, als laufend von dieser inneren Seelenmitte einzubüssen?
Es bleibt interessant, dass unser Leben gar nicht sorglos genug verlaufen kann, ja, dass gerade fehlende Existenzängste erst recht dazu führen, dass wir die Frage nach dem Sinn des Lebens immer wieder stellen. Zyniker werden nicht müde werden, gerade darin die sinnloseste Frage überhaupt auszumachen, aber wird das so bleiben? Und wenn ja, warum schwebt da doch ein Stück Bitterkeit mit? Woher kommt unsere Aggression oder unsere Mutlosigkeit angesichts eines nicht erfüllten Lebens? Und worin liegt die Unzufriedenheit wirklich begründet? Ist auch sie nur anerzogen, weil wir eingeimpft bekommen, wie unser Leben zu sein hat? Wir denken uns was, wenn wir unsere Position in der Gesellschaft prüfen, Aufgaben und Ansprüche annehmen und zu den eigenen machen – oder wie negieren. Aber dies alles ist mehr Ablenkung, ist Scheinidentität, das Pseudonym für das Erdenwesen an und in uns. Doch was wollte eigentlich der Kern in uns, als wir Kleinkind waren, und wie hat er sich entwickelt? Wie geht es mit uns weiter? Wirklich mit uns. Unabhängig von irgend einem Anspruch von aussen? Wo ist der Blick, der nichts ersehnt, der Bauch ohne Hunger und der Gedanke ohne Ruhelosigkeit?
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Bis zur Selbstliebe - ohne Umstände
Manchmal würde ich in meinem Leben gerne die Welt umarmen –
bin in meinem Glück haltlos und überforderte doch jeden Begleiter.
Ist es gut, dass die tiefste Trauer mit der Zeit ihre Bitterkeit verliert,
so liegt auch Güte darin, dass jedes Glück Erinnerung wird.
Ein Geschenk, das nicht bleiben muss, um seinen Wert zu behalten.
Weil es Erfahrung werden darf, die mit neuem Schicksal versöhnt.
Immer wartet hinter der Freude des Augenblicks die nächste Trauer
kann schwerelose Leichtigkeit bodenlos in dunkle Löcher fallen.
Doch ist der Mensch auch in seiner dünnen Haut gefangen
so lebt er liebt er doch mit der ungebändigten Kraft seiner Seele,
ohne dass er zu sagen wüsste, wo er die Liebe immer wieder findet.
Oder findet sie uns? Warum wählt sie uns aus und bleibt dann nicht?
Sie lässt uns im Jetzt für Sekunden hinter den Zeitenfluss blicken,
so dass wir uns fügen können in die Wechsel unseres Lebens.
Bis unser Herz nicht mehr um den Erhalt von Umständen bettelt,
und es Grossmut zeigen und Güte leben kann. Für dich und mich.
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istockphoto.com/DKart, Bearbeitung: Thinkabout
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Von der Magie der klassischen Bühne
Ausschnitte von Kalvierkonzerten auf YouTube angesehen: Auch die klassische Musik verändert sich.
istockphoto.com/MHJ
The Young Generation macht auch aus der klassischen Musik “Events and Happenings”, das Sensationelle wird wichtiger als das Sensitive. Man kann es und mag es beklagen, aber, seien wir ehrlich, was gibt es an Spannung und Herausforderung Grösseres, als allein mit einem Flügel auf einer Konzertbühne vor Tausenden von Menschen zu sitzen, in Säälen, die oft Geschichte atmen und der Akustik gewidmete grossartige Eleganz und doch Klarheit ausstrahlen?
Und dann wird es still, und die gespannte Erwartung muss nur von dieser einen Person am Flügel in Töne gegossen werden, in Empfindung, Interpretation, herausgefordertes Können das sich in der Wiedergabe eines allseits bekannten Klassikers beweisen muss und vielleicht dabei doch trotzig versucht, dem scheinbar Bekannten einen neuen Blick zu schenken. . Es gibt keine grössere Nacktheit und keine unbestechlichere Prüfung als diese Situation, als wäre die Bühne ein festlich kaschierter Boxring, in dem gandenlos Sieger und Verlierer erkoren werden.
Und doch können Interpret und Zuhörer nur zusammen gewinnen, wenn diese gespannte Erwartung ganz dem Moment gehört, die persönliche Disposition des Einzelnen Seele und Klang verschmelzen lassen kann und die Macht der Musik tatsächlich jeden störenden ablenkenden Gedanken auszusperren vermag, so dass der Künstler auf der Bühne zu unser aller Sprachrohr und Übersetzer wird für Empfindungen, die in uns schlummern: Er hüllt uns in diesen Zauber, der uns wirklich zuhören lässt – und viel mehr als das. Wir werden wirklich stumm, weil jemand anders für uns spricht, und gleichzeitig hören und fühlen wir Dinge in uns, die uns bewegen und erschüttern können, obwohl der Tag davor doch ganz gewöhnlich war.
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Vom Reim und der Schönheit

istockphoto.com/axllll: “Womans Eye”
Was ist Schönheit in einer Zeit, in der ein Gedicht nicht mehr aus Reimen bestehen kann?
Warum eigentlich? Wir misstrauen dem Reim. Wer reimt, unterwirft sich und seinen Inhalt einer Form, reduziert die Ausdrucksweise, hüllt die Realität in einen verklärenden Regenbogen ein? Rilke wäre heute nicht mehr möglich.
Schönheit ist wandelbar, vielleicht sogar austauschbar, weil wir das Schöne vereinnahmen wollen. Wir möchten es besitzen.
Es ist nie einfach mehr ein Glück, der Schönheit zu begegnen. Wir beschreiben sie nicht mehr, wie ein Erzähler, der ihr begegnet ist und seine Freude mit anderen teilen will.
Wir definieren sie und reproduzieren, was wir dafür halten. Wir verwechseln Schönheit mit Gleichmässigkeit, reden vom absolut symmetirschen Gesicht, das in schöner Langeweile maskenhaft erstickt. Das Schönheitsideal wird Design.
Wir konstruieren aus unserem Baukasten eine perfekte Durchschnittlichkeit, und wehe, es lässt sich darauf ein Patent erwerben.
Wer gegen diese Luftleere anschreibt oder gegen wirkliche Skandale, die keiner mehr wahrnimmt, der dichtet nicht. Es werden dafür Streitschriften “Gedicht” genannt, und dabei werden immerhin Sätze gruppiert. Als würden wir sie damit besser verstehen…
Vielleicht sollte man wieder daran glauben: Dass ein Satz, der sich in eine Form giessen lässt, die ihn fliessen lässt, sich nach der Schmeichelei des Wohlgenusses in Klang und Rhythmus nicht auflöst, sondern aufrührerisch rebellisch das Herz anrührt und lebendig bleibt:
Weil wir im Grunde noch immer das eine wollen: Mit schönen Dingen leben und uns von ihnen berühren lassen, auch und gerade, wenn wir selbst ihnen nicht näher kommen können als der staunende Betrachter.
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Weihnachten. Für Alle. Das ganze Jahr.

istockphoto.com/Studio-Annika: “Christ is born”
Ob Sie gläubig sind oder nicht: Ich wünschte uns allen, es wäre in unser aller Leben jeden Tag Weihnachten. Für einen prägenden Moment lang, der dann nachwirken kann, bis wir begriffen haben, was uns die Botschaft dieses Tages sagen will.
Also muss ich gleich nochmals beginnen:
Ich wünsche uns, dass wir begreifen, dass jeden Tag Weihnachten IST.
Denn Weihnachten enthält jenes Stück Christentum, das von der Art Liebe und Einheit mit sich selbst handelt, das in uns allen angelegt ist, das Gott in uns weiss, uns zeigen will – und jeder Mensch vielleicht auf unterschiedlichsten Wegen finden kann, mag er gläubig sein oder nicht.
Für den gläubigen Christen ist es das Fest der göttlichen Nächstenliebe – und daselbst fern aller Morallehrer irgend einer Kirche diese eine Botschaft: Du Mensch bist es wert, dass Gott dich liebt wie seinen eigenen Sohn. Wer auch immer du bist und was auch immer deine Geschichte ist: Es gibt eine Schöpfung, die deinen Frieden will und deine Einheit mit deiner Seele.
Es ist im Grunde dein ureigenster Sinn, frei von allem Ärger gegen dich selbst zu werden und alles fahren zu lassen, was dich immer wieder in diesen Unfrieden zwingt.
Dieser Gott weist dich nie ab, seine Tür ist immer offen, gleich einem Vater, der seine Liebe dem eigenen Kind bedingungslos schenkt, mag es ihm auch immer wieder Kummer machen.
Wenn Sie also nicht Christ sind noch an eine konkrete, zum Eingreifen fähige Macht glauben mögen, so bleibt es doch eine interessante Frage, woher die Sehnsucht des Menschen kommt, sich einer göttlichen sorgenden Macht anvertrauen zu können – und dadurch Kraft zum Dienst für andere und zur Selbstliebe zu gewinnen. Man mag argumentieren, alle daraus tatsächlich wachsende Energie wäre eine Form der Autosuggestion, und der Wunsch nach Altruismus ein Reflex der Evolution, mit dem wir unsere fehlenden natürlichen Instinkte kompensieren, so dass wir als Zivilisationsmenschen als Gemeinschaft überleben können.
Doch heute sind wir als Individuen angesprochen. Jeder Einzelne. Ganz direkt. Eigentlich doch genau die Botschaft für uns Individualisten. Niemand ist ausgenommen. Jeder direkt und bei sich selbst gefragt. Was uns nicht erspart wird: Wir müssen mit uns auskommen. Wir müssen glauben können, dass wir liebenswert sind. Ohne Vorbedingung.
Das gelingt manchen mit einem einfachen kindlichen Glauben, und es lässt sich ein gottgefälliges und sich selbst aushaltendes, ja wohlmeinendes Leben damit führen, in dem wir getreu unserer Erziehung gute Menschen sein können – mehr oder weniger, mit dem Eifer jener, die sich von Fehltritten nicht entmutigen lassen müssen, weil sie an Verzeihung und Gnade glauben dürfen. Es ist dies ein unter Umständen ruhiges und friedvolles Leben an der Oberfläche des möglichen tieferen Bewusstseins.
In der weihnächtlichen Botschaft steckt viel mehr. Sie handelt von einer Liebe, die keinerlei Handel braucht, keine Vereinbarung, keine Bedingung kennt – und auch keine Versicherungen anbieten muss. Eine Liebe, die nicht belohnt noch fordert, die einzig und allein davon spricht, was dort ist, in uns, wo wir uns von jeder Bedingung lösen können:
In einer Leere, die nicht bodenlos ist, weil es in ihrer Welt keinen Boden braucht, in unserem ungebrochenen innersten Wesen, dort, wo keine Voraussetzungen gegeben sein müssen, da wohnt unser göttlicher Kern, der nichts festhalten muss, aber alles in sich trägt, was unangreifbar ist und zu der Liebe fähig, die nichts fordert, alles gibt, nichts beweisen muss, nicht mal sich selbst. Wie könnte man von diesem innersten Gefühl, diesem unglaublichen Trost, dass wir in unserem Allerinnersten keine Getriebenen zu sein brauchen, besser erzählen als mit dieser Geschichte, die zu Weihnachten gehört?
Ich habe als Christ keinerlei Problem damit, die Weihnachtsgeschichte “nur” als Gleichnis zu nehmen, aber ich frage jeden, ob er daran glaubt, ein Glück finden zu können, das wirklich an keinerlei Voraussetzungen gebunden ist? Wer sich von Gott so geliebt sieht, wie es die Weihnachtsgeschichte verspricht, wer so eins mit sich und seinem innersten Kern werden kann, von dem werden allein durch die Haltung, die er dadurch einnimmt, so viele Dinge abfallen, an denen wir uns tagtäglich zu unserem schlussendlichen Unglück orientieren.
Wir brauchen, um dann zu wissen, was uns wirklich gut tut und was wir “brauchen”, keinen Verhaltenskodex egal welcher Lehre oder Religion. Wir erkennen es selbst, zumindest hinterher, und belügen uns höchstens selbst, weil dieser Verzicht auf alles Treibende im Grunde so verflixt schwierig ist. Freiheit, auch der Seele, ist so schwer zu ertragen…
Aber jedes Jahr ist wieder Weihnachten. Wir sollten den Tag wirklich ehren und feiern. Und die Botschaft zum Jahresleitsatz machen. Damit das Leben beginnen kann, die Reise zu unserem freien Kern.
Wir suchen alle das gleiche. Wir sind alle auf dem Weg, haben Begleiter. Aber wenn wir lieben, weil wir werben, Beweis der Zuneigung brauchen oder Voraussetzung für Wohlverhalten schaffen wollen, dann haben wir nichts begriffen. Dann begehren wir. Das ist ein intensives Erleben, aber nicht die Liebe, die zur Weihnachtsgeschichte geführt hat.
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Roger Willemsen - eine unbeholfene aber aufrichtige Hommage

Printscreen www.roger-willemsen.de
Er ist im klassischen Sinn ein Intellektueller. Aber ein Kopfarbeiter, nein, ein Kopfkünstler mit Herz und unglaublich sensitiven Ausdruckstalenten. Seine Sprache kann prägnant sein oder poetisch. Im Gespräch würden sich seine Sätze überschlagen, gelänge es ihm nicht, das Stakkato der sich ständig folgenden Gedanken mit einer überwältigend vielfältigen Sprache zu bändigen: Die Kaskade der sich ablösenden Sätze wird zum Redefluss, von dem ich regelmässig mitgerissen werde.
Dass er dabei hervorragend zuhören kann, beweisen mehr als 2000 Interviews mit Grössen dieser Welt, auf allen Kontinenten, aus allen Sparten. Dieser Mensch ist ein von Neugier getriebener Reisender, der mit Worten im Notizbuch genauere und farbigere Bilder von dem zeichnet, was er sieht, als ich mit der Kamera schiessen kann. Er liebt die Menschen, und die Frauen lieben ihn für seine Feinsinnigkeit und seinen männlichen Humor ohne Machogehabe. Er ist Autor, Regisseur, Mensch und politischer Zeitgenosse, der durchaus auch den Mut mitbringt, für eine lohnende Sache den Kragen zu riskieren, ohne Hasardeur sein zu wollen. Dafür sieht er seine Rolle viel zu sehr im streitbaren Wort und in der verbindenen Beobachtung, die da fragt: Siehst du, fühlst du, begreifst du es auch?
Er heisst Roger Willemsen – und ist für mich so gross wie er lang ist.
Hager, runde Brille, krause Haare, grosse Nase, markante Lippen, schmales Gesicht. Und immer blitzen die Augen und sind halten die Ohrmuscheln die Gehörgänge frei. Er saugt alles auf und verarbeitet laufend, was er erfährt. Und das ist eine ganze Menge, von Robert Altman bis Lech Walesa, von jedermann. Er schaut hin uns sieht Dinge, die unser eigenes Leben farbiger machen würde, könnten wir nur seinen Blick lernen, seine Aufmerksamkeit, sein Aufgewecktsein.
Am Anfang meiner Begeisterung stand “Willemsens Woche” und sein Zusammenspiel in dieser Sendung mit Michel Petrucciani aktuell lese ich “Der Knacks”, und sein neuestes Buch voller Lebensbeobachtungen von Alltagsmomenten, “Momentum”, werde ich gleich verschenken.
Dass sich Roger Willemsen auch bestens beim bayuwarischen Urgewächs des politischen Kabaretts behauptet, ja, da geradezu ein Heimspiel hat, lässt sich bei “Pelzig hält sich”
beobachten und hören.
Ich will mit der Reflexion des politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehens durch diesen Mann älter werden, und hoffe, dass mich dabei immer wieder die Poesie der Sprache über jede Verzweiflung über verstockte Menschen hinweg tröstet.
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Für mich. Sein. Können
Wir alle werden bewertet, beurteilt, qualifiziert – und verfahren mit anderen genau so. Wer dabei Druck verspürt, wird sich wünschen, an der Stelle eines anderen zu sein – oder so souverän zu werden, sich diesem Druck zu verweigern. Doch ohne die Massstäbe zu leben, die allgemein angelegt werden und uns doch vermeintlich unseren Wert, unseren Platz geben, ist ein sehr anspruchsvoller Weg mit vielen Hindernissen und dem Umgang mit inneren und äusseren Irritationen.
Wir arbeiten für ein Unternehmen, eine Organisation. Oder wir arbeiten selbständig für unseren Unterhalt und den anderer dazu. Wir arbeiten, um etwas dafür zu erhalten. Kaum je um der Arbeit willen, die Tätigkeit, den Zustand. Es soll wohin führen, ein Ergebnis soll der Lohn sein, eine Stellung auch. Wir suchen nach messbarem Erfolg, nach Vergleichen, nach dem Wert, der gültig ist, anerkannt wird. Und wer dies in Zweifel ziehen kann, weil er ehrlich überzeugt ist, dass ihm seine Arbeit schlicht Spass macht, muss sich mindestens fragen: Und was, wenn es dafür keinen Lohn gäbe? Das eine mit dem andern verknüpfen können, ist das höchste unserer Gefühle. Aber wie frei sind wir wirklich, selbst wenn das gelingt?
Wir sind uns gewohnt, Dinge zu tun, die wir eigentlich nicht mögen, weil wir uns dafür belohnt sehen wollen. Erst arbeiten wir für jemanden und dann machen wir unsere Zufriedenheit von seiner Anerkennung abhängig.
Schon als Kind lernen wir Wohlverhalten, das dann auch belohnt wird, im schlimmeren Fall zumindest nicht bestraft. Wir sind dann brav. Wir funktionieren. Genau so, wie wir es danach als Mann, Frau, Partner, Vater und Mutter tun. Wir wenden an, was uns Anerkennung verspricht. Wir alle tun es. Unbewusst vielleicht, aber genau das haben wir gelernt: Wie komme ich wohlgelitten durchs Leben? Auch angesichts der eigenen Massstäbe, die auch nur angelernt sind.
Packen wir die Dinge anders an, als wir sie gelernt haben, so geht es genau so oft schief: Wir haben kein Sensorium für die Tiefe unserer Fremdbestimmung, die auch im Dienst für andere besteht, in der bewussten Hinwendung zu den Geschicken anderer. Wir pflegen, hegen und sorgen – und entspannen uns vermeintlich dabei, weil wir uns selbst für dieses edle Ziel ausser acht lassen können. Wir können uns ja gefallen in dem allgemein anerkannten Tun, einer Selbstlosigkeit, in der wir in ganz besondere Erwartungen verstrickt werden: Keinem Menschen ist es in der letzten Konsequenz etwas anderes als eine drohende Qual, gebraucht zu werden.
Vielleicht haben Sie das auch schon gehört: Dem Menschen aus der Familie wird in der Krankheit der Ausruf mit ins Spital gegeben – oder gegenüber Begleitern leise formuliert, fordernd oder angstvoll:
Ich hoffe, sie/er weiss um ihre/seine Verantwortung.
Ups. Die kranke Person soll nicht danach fragen, was sie krank macht. Sie soll gesund werden. Und kämpfen. Sie soll zurück kommen und ihren Platz einnehmen. Wir können noch nicht auf sie verzichten. Es ist noch nicht so weit. Es ist nie so weit. Es ist nie Liebe, die uns den Verlust fürchten lässt. Es ist auch viel Selbstzweck dabei, der doch eigentlich ganz was anderes als Liebe ist: Wir instrumentalisieren unser Leben, in dem wir es an anderen und deren Rollenbildern festmachen. Wir sind Mutter, Vater, Sohn, wir freuen und leiden für andere. Aber lernen wir je, an uns selbst zu denken? Damit meine ich nicht die Midlife-Wendungen in mancher Leben, wenn plötzlich die Freiheit beginnen soll und ICH gerufen wird. Ablehnung von Konvention ist noch nicht Hinwendung zu sich selbst. Denn dann wird’s erst recht unangenehm fordernd: Wenn ich mir meinen Wert selbst zusprechen muss. Ohne Zuhörer. Ohne Bestätigung. Nach dem Gewissen der eigenen Seele. Wenn ich nicht brav, folgsam sein soll, aber meinem Wissen folgen – dann muss ich Menschen enttäuschen, besänftigen, mich erklären – bis ich merke, dass mir das gar nicht gelingen kann. Ich kann nur hoffen, dass ich Wanderer finde, die wissen, wovon ich rede, weil sie selbst in dieser Tiefe suchen. Aber dort, wo das Herz den eigenen Stimmungen mit dem Gleichmut einer Ufermauer begegnet, an welcher sich die Wellen brechen, wartet die Gelassenheit, die lassen kann, was über den Moment hinaus geht.
Die schönsten Briefe, die ich je geschrieben und bekommen habe, sind jene, in denen ich nichts weiter an Verlangen spürte, als den Gedanken an den Empfänger dafür zu nutzen, mich mir selbst öffnen zu können. Diese Briefe schicke ich ab ohne die Erwartung einer Antwort. Stattdessen spüre ich eine wunderbare Gewissheit: Der Leser wird damit genau das gleiche versuchen, das ich eben getan habe: Sein Leben leben. Und er wird mir dafür zugehört haben. Wie schön das ist!
Blogwichte von
istockphoto.com/koun
Und wie sehr tadle ich mich heute für die kleinlichen Enttäuschungen, wenn bei Hilfeversuchen eine Antwort irgendwann ausblieb. Da gab es nicht nur das Fazit, dass ohne die Aufnahme der Gedankengänge ein gemeinsames Arbeiten an einem Problem nicht möglich sein würde – da war auch ein Stachel verletzter Eitelkeit, benutzt zu werden und sich ausgesaugt zu fühlen, als hätte ein Vampir die Emotion aus meinen Seelensträngen geschlürft und mich leer zurück gelassen. Jedes Gefühl dieser Art beweist, dass ich nicht ohne ein bestimmtes und mir bekannt werdendes Ergebnis sein kann. Wer Hilfe anbietet, will sich eben auch als Helfer fühlen können. So wenig selbstlos das auch ist. Und so sehr es den Zugang zu sich selbst auch vergiftet.
Wer also bei sich selbst bleiben und nicht für andere funktionieren will, geht nicht den leichten Weg. Auch gerade weil er damit seine Umgebung fast immer verstört. Aber genau dann lohnt es sich sehr, solchen Menschen zuzuhören. Wann, ehrlich gesagt, tun wir das je wirklich?
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Ich halte still?
Ich halte still. Du nicht.Buddha zu Angulimala.
