SMS zum Tag: Herz und Pflicht
Eine Verpflichtung einzugehen,
bedeutet Mut zu Verbindlichkeit, zum eigenen Wort.
Entscheidend ist, ob diese Pflicht eine Herzensangelegenheit ist und bleibt.
Erinnertes Pflichtbewusstsein ist oft der Anfang der inneren Reklamation einer Tugend, die nicht mehr geleistet werden kann.
Erziehung, Wohlgefallen, Moral, Anerkennung. So viele Pferde können einen Karren ziehen, der doch im Morast stecken bleiben wird, wenn die Achse bricht. Wir können auf Dauer nur tragen, was unser Innerstes, unsere Seele gutheisst.

Bild: Caro N.
abgelegt auch in: Vom Wort zum Bild
Ein Stadtwanderer wie ich
In der Serie: “Vom Wort zum Bild”
Stadtwanderungen – ich laufe unheimlich gerne durch Städte. Mustere die Menschen und versuche, ihre Geschichten zu fühlen. Denke sie mir dazu. Wo gehen sie hin, wo kommen sie her?
Bist Du, Mensch auf meinem Weg, ein Musikhörer oder Bücherleser, glücklich oder traurig, erwartungsvoll oder ängstlich?
Ich beobachte, will aber nicht mustern. Die Menschen wollen für sich sein, ich ja auch, auch wenn es nicht immer bedeutet, dass ich damit leichter auch tatsächlich bei mir statt nur für mich bin. Allein verloren… für wen mag das nicht zeitweise gelten, auf der Strasse, vor mir und hinter mir?
Ich schreibe diesen Eintrag vor allem deshalb, weil ich von diesem einen Menschen erzählen will. Ich kenne ihn auch jetzt nicht, seinen Namen nicht, seine Geschichte nicht. Er ist mir begegnet und doch wieder nicht, unsere Wege haben sich gekreuzt, aber nicht verbunden, und doch werde ich Dich, Junge, nicht so schnell vergessen. Vielleicht sogar wirst Du mir in meinem Leben immer mal wieder in den Sinn kommen, eine Erinnerung sein, die Gedanken auslöst, ein Mahnen auch an mich, und ein Hoffen, dass es Dir gut geht. Aber sicher kann ich das nicht sagen, und deshalb will ich hier von Dir schreiben.
Es ist auf dem Weg in den Zoo, im Tram. Schon als ich einsteigen will, wird der breite Einlass von zwei Kinderwagen versperrt. Ich weiche aus. Das ist nicht schwer für mich. Ich bin gut zu Fuss.
Zwei Stationen später hast Du das gleiche Problem. Doch Du sitzt in einem Rollstuhl. Ich helfe Deinem Vater – oder ist es „nur” Dein Betreuer? – Dich samt Stuhl über den Handlauf im schmalen Eingang hoch zu hieven. Leise fragt mich eine innere Stimme, wieviel Vertrauen das brauchen mag, sich immer wieder von Menschen bugsieren zu lassen, die so wenig Erfahrung mit solchen Situationen haben. Du sitzt ganz gelassen in Deinem Stuhl, der sich erstaunlich leicht anfühlt und lächerlicher Weise deutlich weniger Platz beansprucht als jeder einzelne der besagten Kinderwagen. Von Dir geht eine Ruhe aus in Deinen jungen Jahren, die ich mit 45 noch immer suche.
Beim Aussteigen helfe ich gerne wieder, und es geht den gleichen Weg auf die Strasse runter. Doch ich achte nur darauf, die Räder genug hoch über den Handlauf zu heben, und prompt schlägst Du den Kopf an der oberen Türkante an. Ich mache mich auf Dein Geheul gefasst und habe selbst Kopfschmerzen. Du kannst zwar nicht reden, aber heulen könntest Du bestimmt. Stattdessen lachst Du mich fröhlich an, und die Laute aus Deinem Mund deute ich als ein „Danke”. Vor allem aber lese ich es in Deinen Augen und nehme noch ein Stück Fröhlichkeit daraus in meinen Tag mit.
Auch ich danke Dir.

Caro Nadler zu ihrer Bildwahl:
Das Bild zeigt eine Buckingham-Sektretärin auf dem Weg zur Arbeit durch den Greenpark in London. Sie hat die Nüssli schon dabei und füttert damit die Eichhörnli, die sie schon kennen. Ich stelle mir ihr gepflegtes Zuhause vor mit stillgelegtem Kamin, Tee-Porzellan, Spitzendeckchen auf dem Beistelltisch und Schoner auf der Polstergruppe, vielleicht ein aristokratischer Kater und alles schön geregelt und geordnet. Mit gebügelten Geschirrhandtüchern.
Als sie gefüttert und ich geknipst hatte trafen sich unsere Blicke und wir haben uns angelächelt.
Nur für einen kleinen Augenblick hatte ich einen Einblick ein ganzes Leben.
Danach ging sie zu ihrer Arbeit, an den penibel ordentlichen Schreibtisch, um vielleicht die Reihenfolge der Touristengruppen festzulegen oder die Details des Zeremoniells an eine Besuchergruppe weiterzuleiten.
abgelegt in Achtsamkeit und Vom Wort zum Bild
Der Lärm meiner Angst
Eine Art Meditation, und eine Erinnerung
Das Drehen im Kreis.
Das Treten an Ort.
Wenn sich nichts bewegt.
Nichts scheint lebendig,
ausser der Angst, die lähmt.
Etwas scheint erkannt.
Ein Denkmuster aufgebrochen.
Ein Automatismus durchschaut.
Und doch falle ich wieder hinein.
Stecke im Loch.
Und verachte mich dafür.
Die innere missliebige Kraft scheint verzehrend zu sein.
Ich kann nicht verlernen, nicht abstreifen,
was ich mir blind so oft bewiesen habe.
Ich will neu werden
und habe doch Angst vor dem Unvertrauten.
Am Anfang allen Wandels steht die Einsicht,
dass in mir Kriege toben.
Ich sollte mir so viel wert sein, dass ich nicht aufhöre,
zu fühlen, dass ich den Frieden will.
All’ meinem inneren Toben
diesen stillen Wunsch nach Frieden entgegen zu setzen,
ist der erste Sieg.
Der Lärm meiner Angst
kann von der Stille meiner Friedenssehnsucht verschluckt werden.
Wenn die innere Hektik einmal ruht,
höre ich in eine andere Welt.
Dort ist keine Angst.
Diese Welt ist nicht auf einem anderen Planeten.
Sondern in meiner tiefen Mitte.
*

Bild: (c) Caro Nadler ~ George Sand
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abgelegt in Thema lyrisch-meditativ und Vom Wort zum Bild
Wir (Caro und ich) schreiben hiermit die Kategorien “Wortbild” und “Bildsprache” um, sie sind einfach zu verwirrend, und nennen die bewusste Kombination von Bild und Text fortan ganz schlicht:
Vom Wort zum Bild bzw. eben Vom Bild zum Wort, denn wir wissen ja, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei… und Sie sollen es eben auch erkennen können.
Wortbild: Viele Passanten oder nicht so viele Besucher?
Was für ein Hochgefühl übers Wochenende:
Schon so sehr glücklich mit der normalen Besucherzahl auf meinem Blog, erfasst mich übers Wochenende ein Hochgefühl, und das hält dann länger an: Ich habe plötzlich fast drei Mal mehr Besucher als bisher. Bin ich empfohlen worden? Verlinkt? Egal. Ich geniesse es. Stelle am Rande fest, dass wohl ein, zwei Fotos eine Art Köder sind. SEHR viele Google-Abfrager landen bei mir auf diesem Weg…
Dann, heute morgen, ist der Spuk vorbei, und die Besucherströme verlaufen wieder in normalen Bahnen.
Dann bekomme ich per mail die Auswertung von der letzten Woche – und stelle fest, dass die dreifache Menge an Besuchern im Schnitt nur einen Drittel der Zeit pro Seite geblieben ist.
Was bitte soll es bringen, für ein paar Sekunden hier herein zu schauen?
Ganz offensichtlich stand ich ganz plötzlich im Fokus von Suchmaschinen, und zwar nicht unbedingt so, dass bei mir zu finden war, was gesucht wurde.
Eine gute Lehre: Was ist nachhaltige Beachtung? Hundert Leute in einer Galerie, die sich am Orangensaft oder Champagner festhalten und sich auf die Zehen treten, oder zehn Besucher, die sich eingehend mit den Inhalten beschäftigen und in den Räumen verlieren?
Okay, die zweite Galerie kommt wohl nur ganz klein in der Zeitung – aber dafür gibt es eine Art Dialog, ein Einlassen statt ein “mal rasch Mitnehmen”.
Und: Wo kann man sich über den Wert eigener Arbeit einfacher belügen als im Erfolg?
Wortbild: Erwachen hinter geschlossenen Lidern
Es gibt Sätze, die ich in Büchern lese, von denen ich mir wünsche, ich hätte sie geschrieben, mir wären sie eingefallen. Gerne würde ich sie dann wenigstens selbst verwenden, aber Scheu und Ehrfurcht sind – natürlich – zu gross. Also bleibt das Zitat:
Hinter geschlossenen Lidern empfahl Gregorius dem Rektor, …
Da steht nicht geschrieben:
Gregorius erinnerte sich oder Gregorius dachte sich. “Die geschlossenen Lider” lassen es dem Leser offen: Er kann und muss selbst entscheiden, ob Gregorius nur abwägt, ob er hätte empfehlen sollen, oder ob er es tatsächlich tat: So schreibt jeder für sich die Geschichte in seinen Details selbst fertig und bleibt doch mit der Hauptfigur auf der Reise aus dieser Erinnerung und vergangenen Möglichkeit in ein wacheres Jetzt. Und das Thema und die Geschichte um die klare Sprache schreibt sich nicht der Auto alleine weiter, sondern wir alle schreiben mit, indem wir deuten und teilen: Die Sehnsucht nach Klarheit, die doch den Raum frei macht für das eigene Denken. Die Schönheit des Ausdrucks, die nicht betört, sondern entschlackt, nicht scheinen will sondern sein.
Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, Roman Hanser

Wortbild: Teil des Ganzen
Ich habe mir angewöhnt, den Tag mit einem Spaziergang zu beginnen.
Ich gehe oft den gleichen Weg, mir begegnen die gleichen Menschen (und deren Hunde), und doch sehe ich jeden Tag anderes am Wegrand.
Wie sich die Natur verändert, ist mir immer wieder ein Wunder. Und wie sie jeden Tag dennoch gleich beginnt, ein Trost.
Der Tau auf den Blättern, das Singen der Vögel in den Baumkronen und Büschen – der Tag begrüsst mich jedes Mal mit einem betörenden Augenaufschlag und Engelszungen. Manchmal hänge ich meinen Gedanken nach, oder ich bin noch schläfrig, so dass meine Aufmerksamkeit in mir drin festklebt und nicht aus meinen Sinneshöhlen tritt…
Wunder, sagt man, sind selten. Also ist dies keines. Denn dieses Wunder wiederholt sich täglich. Ich muss es nur auch zu dem meinen machen, indem ich es sehe, höre, rieche, schmecke, fühle.
Jeder Tag im Wald bringt Leben und Tod, Keimung und Verwesung. Alles aber gehört zu einem Ganzen, das in seiner Pracht und in einer Art Güte eine schöpferische Schönheit besitzt, die menschliches Schaffen niemals erreichen kann.
Aber wir sind genau so Teil dieses Ganzen, und indem wir versuchen, in jenen Momenten, in denen wir den Segen dieser Einheit fühlen, dieses Glück der eigenen Wurzeln zu beschreiben, erfahren wir unsere Kreativität.
Musikalische, sprachliche, bildende Kunst – der Wunsch nach Ausdruck und Beschreibung unserer Freuden und Nöte, wie drängend er sein kann, wie süss quälend, wenn das Erlebte in seiner Schönheit nur ein Abklatsch ist auf dem Papier, und wie tröstend, wenn das gefühlte Leid wenigstens in kleinsten Dosen reflektiert werden kann!
Wir schreiben und wir bilden uns nicht nieder, wir häuten uns.
Wir erzählen, was wir sehen, wir fragen, was wir nicht verstehen, wir suchen Antworten oder weichen ihnen aus. Wir tun es weitschweifig oder nüchtern, nachsichtig mit uns oder selbstzerfleischend streng.
Immer aber sind wir unterwegs. Und nie verlassen wir den Weg, auf dem jeder Morgen tatsächlich mit einem neuen Tag beginnt. Bis er sich in einem Ganzen erfüllt.
Die Erfahrung und das Wissen, auch im Ganzen immer einzelnes einsames Teil zu sein, sollte uns die Weisheit schenken, uns gegenseitig Achtsamkeit zu gönnen: Es ist einfach viel schöner, manchmal gemeinsam zu wandern. Und selbst wenn wir allein gehen, ist es gut, andere vor und hinter sich zu wissen, von ihnen erzählt zu bekommen und ihnen erzählen zu können.




