Wieder joggen?!
Wir leben hier auf dem Land.
Eine sehr bäuerliche Landschaft mit viel Nähe zur Natur.
Und hier war ich heute zum ersten Mal seit Jahren wieder joggen. Und ich habe es genossen. Weit und breit kein Hund, der sich mir in den Weg stellt, während von seinem Frauchen oder Herrchen nichts zu sehen ist. Dabei wäre hier Platz genug für Haustiere – oder eben solche, die Auslauf brauchen.
In der Agglomeration grosser Städte ist die Anzahl Einwohner pro Hund deutlich kleiner – und ich würde mal behaupten, dass zwei von drei Vierbeinern falsch gehalten werden und vom Rest die Hälfte nie eine Hundeschule erlebt hat.
Tierfreunde sind oft nicht die Menschen, die Tiere halten. Sondern jene, die darauf verzichten.
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Genussmenschen? Marktteilnehmer, auf jeden Fall.
Wir sitzen im Wohnzimmer und sehen uns “so nebenbei” eine dieser Koch-Ess-Shows an – bei denen eine Runde sich gegenseitig vor Kameras zum Essen einlädt, um dann das Genossene zu bewerten.
Was ich daran ja sehr schön finde, ist, dass die Kunst des Kochens Beachtung findet – in Zeiten, in denen dies immer mehr verloren geht.
Was ich aber feststelle: Ich kann kaum mehr hinsehen, wenn die riesigen Portionen an Fleisch aufgefahren werden. Es ist als Vegetarier nicht die Wahl der Speisen, es sind vielmehr die Mengen!
Und ich stelle dabei fest, dass wenn ich mir vorstelle, wie so ein Filet schmeckt, ich mich erinnern kann, wie sehr ich das bis vor dreizehn Jahren selbst gemocht habe.
Und niemals hätte ich damals gedacht, dass mir die Vorstellung, das genau gleiche Fleisch zu essen, einmal so widerstreben würde. Ich würde das heute gar nicht mehr vertragen und ich spüre rein gar kein Verlangen danach. Und ich könnte auch diese Mengen nicht mehr essen.
Interessant, wie wir unsere Gewohnheiten ändern können – und dies bei einem Grundverhalten. Und irgendwie stimmt es zuversichtlich, aber auch nachdenklich – denn wenn ich aus Überlegungen einer gesünderen Ernährung und einer besseren ökologischen Verträglichkeit meiner Existenz einen solchen Schritt wage, werde ich sehr schnell auch da von Propaganda begleitet, von Überzeugungstätern mit verschiedensten Motivationen – und wie überprüfen, als Lernender, welche Informationen objektiv gültig sind. Und der Markt, den ich zurück lasse? Was wird dafür getan, dass wir “unser” Fleisch ganz bestimmt weiter konsumieren und überzeugt sind, dass ein Essen frei von Fleisch minderwertig ist?
Wir bewegen uns in all unseren Bedürfnissen in einem Markt, der seine Produkte an uns verkaufen und sich unser Verhalten zu eigen machen will.
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Unser Wunder
Wenn wir von einer plötzlichen Erkrankung (oder einer überraschenden Diagnose einer solchen) hören, dann ist unsere Betroffenheit oft gross und nicht gespielt, weil wir uns bewusst machen, wie schnell so was “passieren” kann. Wir “wissen” in diesem Moment: Nichts garantiert uns, dass uns das nicht geschieht. Und dann scheuchen wir den Gedanken wieder fort. Darin sind wir sehr erfolgreich.
Mir geht das genau so. Aber ich wünschte mir, ich würde wenigstens etwas daraus lernen: Das Leben ist ein Geschenk, und ich sollte jeden Tag dafür einsetzen, das auch zu feiern. Diese Art des Feierns kann auch mal laut sein, aber im Grunde ist es, nach meinem Verständnis, ein stilles Fest, manchmal fast eine Andacht. Nur schon, wie mein Körper lebt – welche Leistungen er erbringt, oft eher trotz meines mangelnden Bewusstseins als weil ich wirklich für ihn sorgen würde.
Wir tragen das Wunder unserer biologischen Funktionsweise, aber auch die einmalige Chance in uns, als einziges Lebewesen überhaupt fähig zu sein, darüber zu staunen und daraus eine besondere Bewusstseinshaltung zu entwickeln.
Ich merke dazu an: Zu irgend etwas muss die Tatsache ja gut sein, dass ich älter werde, und ich möchte dieses Staunen noch viel besser lernen – bevor dann die Wehmut darüber einsetzt, dass der Körper nicht mehr kann, was früher mal selbstverständlich war.
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Eine Art spontane Andacht
Wir sassen diese Woche, an einem der schönen Abende, wie sie diesen Sommer noch nicht so häufig waren, zu Viert in der Abendwärme und schwiegen ganz ungezwungen zusammen. Die Bierchen vor uns auf dem Tisch warfen noch immer ihre Bläschen, und das Gespräch, das wir führten, war so ungezwungen, dass es auch Pausen ertrug. Sehr gut sogar. Und dann kam er, dieser schöne Satz, ganz unvermittelt, aus unserer Runde:
Was für ein schöner Abend!
Oh ja, antworteten wir ganz andächtig, und keiner kam sich blöd dabei vor.
Wunderbar, wenn man die Geschenke der Natur so annehmen kann. Und geniessen.
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Mehr Struktur, mehr Leben
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Wir organisieren uns. Immer besser. Und das gibt uns Perspektive. Sicherheit. Ich gebe es gerne zu: Wir brauchen das. Es schenkt uns Freiheit. Es ist ein wenig wie mit dem Korsett. Den einen ist es eine Stütze, die anderen empfinden es nur als einengend.
Habe ich eine klare Orientierung, wo mein Daheim ist und was es ausmacht, habe ich Struktur in meinem Alltag und einen gewissen, geordneten Tagesablauf, so kann ich mich erst daran machen, diese Abläufe zu verlangsamen, sie so zu gliedern, dass zwischen den Fixpunkten die Seele sich ausstrecken kann. Und dann braucht es womöglich immer weniger von diesen Punkten, und ich bekomme jene Achtsamkeit in mein Innenleben, die mich ganz bewusst und freudig leben lässt. Dann fliesst die Zeit, und sie fällt nicht mehr in irgendwelche Löcher. Sie macht nicht Angst, schaut man nach vor, und sie löst kein Bedauern aus, schaut man zurück. Das eh bitte nicht.
Worüber ich mir einmal mehr Gedanken mache, ist die immer wieder gemachte Beobachtung, dass das scheinbare Chaos oft nachträglich seinen Sinn bekommt: Knoten lösen sich auf und die wirren Fäden lässen sich plötzlich zu Maschen stricken. Aus verklebten Garnknäueln wird ein Gewebe, der Pullover bekommt Form und er verspricht, warm zu geben.
Es mag ja sein, dass das aufkommende Gefühl, es gebe Fügung und Fährtenlenkung, nur aus der zuvor mangelnden eigenen Übersicht erwächst, aber schön ist es dennoch. Und Kraft schenkt es. Kraft, die aus dem Glauben und Vertrauen kommt, dass eben diese Fügung immer weiter sieht als ich selbst. Und dass Fragen dann Antworten finden, wenn sie genug gebrannt haben.
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Musik auflegen, nicht einfach nur hören
Ein kurzer Regenschauer treibt uns ins Haus – und wenig später finde ich mich inmitten alter LP’s auf dem Boden hockend wieder. Hierhin habe ich unseren alten Plattenspieler geschleppt, mit den entsprechenden Scheiben…
Zuhause ohne Platz, von der neuen Technik fasziniert, geniesse ich hier die Nostalgie.
Es läuft gerade Smokie, aus einer leise scherbelnden Box – aber das Ding ist ohne Murren sofort angelaufen, nachdem es mindestens sechs Jahre still gestanden war. Die gute alte Technik, man möge sie ehren – und bedauern, dass die Zeiten vorbei sind, in denen eine Branche nicht mindestens nach dieser Zeit auf die Idee kam, den ganzen Standard so zu ändern, nach dem Motto “jetzt alles noch viel besser!”, dass alt zugleich unbrauchbar bedeutete – denn Umsatz bedeutete schon immer Wachstum, und mehr denn je lässt man den Konusmenten um seine goldenen Kälber tanzen, auf dass dieser Tanz ewig weiter gehen möge.
Und doch: Auch bei mir wächst der Wunsch, die alten Scheiben zu digitalisieren. Um sie dabei zu haben, auf Knopfdruck – vordergründig aber natürlich “nur”, um den Verlust zu verhindern. Dabei hat es doch wirklich etwas von Kultur an sich, die schwarzen Scheiben aus der Hülle zu schälen und sie behutsam in ihrer glänzenden Rillenpracht auf den Plattenteller zu legen… – Musik auflegen kann doch so sinnlich sein, wie eine Teezeremonie.
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Ein Ferienbild
Erst wenn der Alltag wieder Einzug hält, bemerke ich die kleinen Dinge, mit denen ich meine Ferien gefeiert habe. Da ist zum Beispiel die zweite Tasse Kaffee.

Zuhause gibt es sie auch, diese zweite Tasse. Und ich freue mich, wenn sie mir einfällt, weil ich mir damit was Gutes tun kann. Aber ich husche rasch weg und stelle sie dann hin, und weiter ziehen sie, die Gedanken. Irgendwann bemerke ich die Tasse wieder, und dann ist sie womöglich wenigstens halb leer, ganz sicher aber kalt.
In den Ferien ist das ganz anders. In den Ferien zeigt die zweite Tasse: Es ist gefrühstückt, Leute. Die zweite Tasse wird ausgeschenkt, wenn da kein Brötchen mehr zu streichen ist, kein Saft mehr getrunken wird, die Lebensgeister am Tisch angekommen sind und doch zu versprechen scheinen, der Tag könne durchaus endlos dauern – und zwar genau in dieser Stimmung, die nun da ist.
Diese zweite Tasse Kaffee lässt mich die Beine über einander schlagen und die Hände im Schoss falten. Ich hebe mein Kinn an und blicke tatsächlich nach vorn, bis ans Geländer, entdecke die Blumen, und dann lasse ich den Blick weiter schweifen, ohne dass er irgend was aufnehmen müsste. Er muss mir nur beim Atmen helfen, und gut is. Alles ist gut. Für anderes ist einfach kein Platz. Und aus der Tasse duftet es und das sanfte braune Rinnsal, das vom Rand nach unten tropft wird nicht weg gemacht.
Wenn der Kaffee, egal wie viel schlechter er sein mag, als zuhause, besser zu schmecken scheint als jede zweite Tasse, die ich je getrunken habe – dann haben meine Ferien wirklich begonnen.
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Der Menschen Menschlichkeit
Egal, wo wir uns bewegen, wie wir uns fühlen, in welcher Hackordnung wir wo stehen:
Wir sind die Menschen einer Herde, in der jedes Schaf seinen Grasbüschel sucht und ihn notfalls verteidigt. Dass diese Schafe eher bezweifeln, dass sie überhaupt einen Hirten haben, hindert sie nicht, wirklich lammbrav einer Fülle von Regeln zu folgen, weil da immer auch ein Hirtenhund auftaucht, der uns bissig bellend daran erinnert, wo wir hin gehören. Wir alle sind wie Schafe. Wir akzeptieren die Gesetze der Herde, denn nach diesen Regeln überleben oder scheitern wir.
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Erfolg, Ansehen, Leistung: Erreichen wir ein Ziel, betonen wir unsere harte Arbeit. Wir huldigen den Insignien des Erfolgs, sind oft Konkurrenten – aber sind wir tatsächlich immer weniger soziale Wesen? Lässt sich nicht festhalten: Ganz egal, wo wir auf der gesellschaftlichen Leiter stehen – was ist all das, was wir leisten, was wir tun oder unterlassen, wenn wir dabei die Menschlichkeit verlieren?
Menschlichkeit überwindet Gräben, verhindert Burnout genau so wie soziale Not. Sie hilft, im Erfolg nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren und in der Not, die Hoffnung aufrecht zu erhalten, den Trost und den Mut zu finden, weiter zu machen. Menschlichkeit hilft zu allerererst dem Menschlichen, der Person, die sie lebt, hervorholt, vor dem Verkümmern bewahrt, sich nicht schert, ob sie Naivling, Gutmensch oder Phantast genannt wird. Wer menschlich handelt, ist bei sich. Er spürt, dass es tief in uns drin dieses Gen des Hirten gibt, das den Starken immer auch für den Schwachen da sein lässt.
Die Menschlichkeit lindert die Einsamkeit, sie negiert den Tod nicht und lässt den Sterbenden nicht allein, sie neidet niemandem das glückliche Leben und vergisst nie, wo sie herkommt und dass sie Geschenke, die sie erhält, weitergibt, damit sie ihre wunderbare Saat spriessen lassen können. Die Menschlichkeit ist die Krankenschwester der Seele, die keinen Arbeitsplan kennt und immer im Dienst ist, ohne das Lächeln zu verlieren. Denn das, was sie schenkt, bekommt sie zurück:
Ob es einen Hirten gibt, müssen wir uns selber beantworten. Aber die Menschlichkeit haben wir so oder so zu hüten, und es ist zu hoffen, dass uns das gelingt, selbst dann, wenn wir uns nicht von der Umsicht des Hirten geführt glauben. Denn, sagen Sie mir, können Sie sich ein einziges Schaf vorstellen, das glücklich sein könnte, würde es verlernen, sich wie ein Schaf zu verhalten und so zu fühlen?
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Freunde
Freunde sind etwas Wunderbares. Doch was ist ein Freund eigentlich, was zeichnet ihn aus? Ich bleibe mal bei meinem Ausspruch und erkläre einfach, wie ich gerade jetzt auf diesen Satz komme:
credit: istockphoto.com/RichVintage: “Racing Buddies”
Freunde bleiben “da”, auch wenn ich das Verhältnis gerade nicht so pflege. Im Moment gibt es gute, viele objektive Gründe, warum das so ist. Es gibt aber auch Phasen, in denen das nicht unbedingt gegeben ist, und ich doch vor allem mit mir selbst zu tun habe. Freunde sind eben jene Menschen, die das sehr wohl registrieren, vielleicht sogar darüber leicht irritiert sind – sich aber deswegen nicht zurückziehen, sondern, eben, “da” bleiben. Oder nachfragen, was los ist, was fehlt, wie es geht. Aber nur schon “da” bleiben ist viel, sehr viel wert. Freunde sind eben Menschen, bei denen man sich selber sein darf, stinkstiefelig vielleicht, gerade mal, vielleicht auch einfach eigenbrötlerisch, oder schlicht, neutraler, in sich gekehrt. Freunde freuen sich immer, wenn sie von einem hören, und sie bieten immer an, dass man dort weiter machen darf, wo man das letzte Mal aufgehört hat.
Ist das nicht möglich, weil sie im Kontakt wo anstehen, so lassen sie es nicht einfach schleifen, sich einprägen, sondern sie sprechen es an. Es ist dies, was Freunde von Kollegen unterscheidet: Nichts irritiert mich so sehr, wie wenn ich bei Kollegen irgendwann feststelle, dass sie sich über einen Aspekt meines Lebens oder meines Charatkers oder meiner liebsten Menschen ein Bild gemacht und ein Urteil getroffen haben, über das ich einfach nur baff sein kann, weil es so erschreckend wenig mit meiner wirklichen Realität zu tun hat. Kollegen sind eben keine Freunde, einfach Menschen, unter denen man sich gegenseitig sympathisch ist, mehr oder weniger, und bei denen man sich gerne für bestimmte Freizeitvergnügen oder Unternehmungen oder Diskussionen aufhält – um dann wieder zu gehen.
Es ist kein Wunder, dass wir heute diese Grenze immer seltener ziehen – und weniger Freunde haben, dafür eine Facebook-Entourage, die sich beklickt. Oh, ich bin gern, sehr gern unter Kollegen, ganz real, und teile eine Lust mit ihnen, ein Interesse. Aber ich kann nicht behaupten, ich würde sie wirklich kennen – und auch wenn ich einiges für sie tun würde – ginge es mir dreckig, sie wären wohl nicht Freund genug, dass ich mich anvertrauen würde. Freunde sind “da”, weil das Vertrauen, sich zu öffnen und Wesentliches von einem zu erzählen, mit Empathie aufgenommen und bewahrt wurde, weil man diese Herzlichkeit teilt, die dem anderen als Person als Ganzes gilt, ganz egal, welche Facetten daran einem durchaus auch fremd erscheinen mögen. Es ist genau diese Würze, jemanden als ganze Person neben sich haben zu können, und ihn genau so auch zu lassen und zu umarmen, wie er ist, ohne ihn sich zurechtbiegen zu wollen – und es ist herrlich, genau das gleiche auch zu erfahren.
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Ein Tag wie Morgentau
*Endlich wieder ein Tag, an dem ich nicht das Gefühl hatte, neben den Schuhen zu stehen. Ein Tag mit erledigten Pendenzen und Lachen am Abend in der Küche und ruhigem Essen am Tisch. Und Thinkabouts Wife zieht mich ständig mit frechen Sprüchen auf. Herrlich. So kenne ich sie doch auch und so liebe ich sie.
Und heute Abend darf ich auch noch Tennis spielen, weil ein Kollege ausfällt. Perfekt. Ein Tag wie Morgentau auf der Blumenwiese – mitten im Winter. Mehr davon, bitte! Aber auch so haben wir heute ziemlich tanken können.
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