Reflexionen

In Wort und Bild gesehen, gedacht und gefühlt
Zum Betrachten, Nachdenken, Mitdenken, Vordenken
Mit Lebenslust ein Leben lang, mindestens


Von Phnom Penh (Kambodscha) nach Chau Doc (Vietnam)

∞  26 Juni 2009, 21:03

Erlebt am 27. März 2009


[Landkarte Phnom Penh -> Chau Doc;
Bilder des Tages: Kambodscha und Vietnam ]


In der Nacht haben wir die AC ausgeschaltet, es war uns bei 24° zu kühl. Jetzt erhalten wir die Nachricht, dass es in der Schweiz nur 8° hat, vor zwei Tagen sogar Schneefall. Nein, das kann und will ich mir nicht vorstellen! Thinky hat praktisch kein Fieber mehr, nimmt trotzdem nochmals ein Acetalgin.
Heute heisst es bye-bye Cambodia – hello Vietnam.
Wir haben gepackt und bringen unsere Taschen erstaunlicherweise immer noch gut zu.
Wir werden erst um 12:15 abgeholt, da bleibt noch Zeit, den Fragebogen auszufüllen:
Ob wir Kambodscha als Reiseziel empfehlen würden? Ja, uneingeschränkt.
Was uns am besten gefallen hätte? Die Freundlichkeit der Menschen.
Dann schauen wir im TV Nachrichten: Europa scheint noch zu stehen; alles ist so weit weg.


Bildung – für eine bessere Realität


Das Schnellboot fährt erst um die Mittagszeit. Seit Menschengedenken, so scheint es uns, haben wir in einem Hotel zum ersten Mal für einen ganzen halben Tag nichts zu tun als auszuschlafen und ausgiebig zu frühstücken. Es gibt schlimmere Schicksale…
Leider weiß ich nichts besseres, als den Fernseher einzuschalten. Die deutsche Welle berichtet, dass Europa noch steht. Die Finanzkrise ist noch immer das beherrschende Thema. Ich blicke da nach wie vor nicht durch, aber nun bin ich weit weg, wenn auch vielleicht immer noch viel mehr mittendrin, als mir und den Einheimischen hier lieb sein kann. Dennoch habe ich das sehr irdisch wohlige Gefühl, dass der Mikrokosmos hier eine eigene ganz reale Welt für mich bereit hält, die einem die Orientierung auf das wirklich Wesentliche sehr viel schneller und direkter nahe legt, als das, was unsere hoch gezüchtete Zivilisation zu Seifenblasen aufbläst und für die Realität hält.
Und dann erscheinen die Taliban auf dem Flimmerkasten, und es wird die Geschichte eines Dorfes in Afghanistan erzählt, in dem die bärtigen Schindluderer alle Mädchen aus den Schulen geholt haben. Mir kommt wieder unsere Reiseleiterin S. in den Sinn, und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie deren Welt aussähe und was ihr und mir entgangen wäre, hätte sie durch eigene Bildung nicht so viel Selbstvertrauen gewinnen können.
Dass die amerikanische Botschaft gegenüber von unserem Hotel von S. mit keinem Wort erwähnt wurde, wir aber mitgeteilt bekamen, ob wir gerade den Russen- oder gar den Mao-Boulevard entlang fuhren, kann man einer Kambodschanerin jetzt wohl kaum zum Vorwurf machen. Es geht ja bei der Bildung nicht um Objektivität allein. Es geht auch um die Wertschätzung der Lernenden, um Orientierungshilfen und Erziehung zur Selbsthilfe und Selbstbestimmung, und ja, immer auch ein bisschen um Stolz, und (leider?) auch um (nationale) Identität.
Und mit der Art, mit der Kambodschaner und Vietnamesen mit westlichen Besuchern praktisch umgehen, verknüpfe ich sehr wohl eine Beurteilung, die mich diese Bildung sehr respektieren lässt!



Die Einschiffung auf das elegante Victoria-Speedboat erfolgt problemlos, wir sind die einzigen Passagiere. Die Tickets sind kein Thema, ebenso wenig die Teilnehmerzahl. Wie von uns erwartet, ist der Transport auch nur für uns zwei “included”, allen Kuoni-Unkenrufen zum Trotz.
Die Crew empfängt uns mit kalten Tüchlein, Mineralwasser und einer Tüte voller Früchte; wenn ich das gewusst hätte!
Wir passieren, kaum haben wir abgelegt, die Stelle, wo der Tonlé Sap in den Mekong mündet und fahren dann auf dem Mekong weiter Richtung Delta.
Überall wird nach Sand und Kies gebaggert.




Wir überholen und kreuzen grosse und kleine Frachtschiffe: der Mekong ist ein bedeutender Transportweg für den Warenaustausch zwischen Laos, Kambodscha und Vietnam.




Obwohl wir recht schnell unterwegs sind, ist der Lärm nur gering.
Nach zweimal Anlegen sind die Zollformalitäten durch die Crew erledigt, nicht einmal das Gepäck wollen sie sehen. Wir müssen lediglich im Zollhäuschen anwesend sein.
Die blau-rote Flagge mit den Türmen von Angkor Wat wird durch die rote mit dem gelben Stern ersetzt, und schon fahren wir weiter.
Gegen 16:00 legen wir bereits am Pier des Victoria-Hotels in Chau Doc an,




wo wir von M, einem äusserst freundlichen, sympathischen Mann, in Empfang genommen werden. In der Lobby besprechen wir das Programm: den Lady Xu –Tempel, den ich gerne besuchen möchte, schlägt er von sich aus vor, und ein zusätzlicher Abstecher in ein Vogelreservat wird er einbauen.
Dann zeigt er uns das Menu für das Nachtessen: Ich glaube es ja nicht! 6 Gänge, alles vegi. Nur das Sorbet findet keine Gnade.
Mit M’s Handynummer und seiner Versicherung in den Ohren, jederzeit für uns erreichbar zu sein, betreten wir den Lift.
Dann sitzen wir in Bademänteln in unserem Zimmer “mit Wow!-Faktor”,

trinken grünen Tee und schauen auf den Mekong – bis zum Sonnenuntergang. Die Fischer werfen ihre Netze aus und ziehen sie wieder ein,




unablässig fahren Schiffe vorbei, vom Einbaum bis zum Frachter. Viele Wasserhyazinthen hat es hier, sodass es an gewissen Stellen aussieht, als ob sie in einer gigantischen Salatschüssel schwämmen.
Auch von unserem Tisch im Speisesaal sehen wir auf den Fluss, aber von den Schiffen ist nicht mehr viel auszumachen, denn die haben nur ganz wenig Licht. Das Menu wurde nochmals ausgedruckt und mit unseren Namen versehen. Das Essen ist schlicht fantastisch, da hätte selbst das Hiltl Mühe. Die „vegetarischen Schnecken“ entpuppen sich als Pilze, zu Muschelschnecken geschnitzt, und sind so was von gut. Tofu gibt es da, der nichts, aber auch gar nichts mit den eher faden Blöcken aus unseren Läden gemeinsam hat.
Als wir wieder ins Zimmer kommen, liegen auf dem Bett zwei aus Palmenblättern geflochtene Schächtelchen mit einem süssen Bettmümpfeli.
Müssen wir morgen wirklich weiter?