Vietnam: Von Saigon nach Da Lat
Erlebt am 31. März 2009
[ Bilder des Tages als Album
Landkarte ]
Während ich im Frühstücksraum auf meine Rühreier mit Chilies warte, häuft sich ein Tourist Dimsum, Fischcurry, Croissant und Pancakes mit Schokoladensauce auf ein und denselben Teller. Und isst das. Ich bin mir nicht schlüssig, ob ich das besser finden soll, als wenn er es hätte stehen lassen.
Wie meistens fahren wir um 08:00 ab. Von jetzt an geht es nur noch nordwärts, gut 1700 km sind es bis Hanoi. Vor uns liegen dreihundert km bis Da Lat, einer Sommerfrische- und Honeymoon-Destination auf 1500 müM. Der erste Teil der Strecke führt durch ein vorwiegend von Katholiken bewohntes Gebiet. Jede Kirche weist einen völlig eigenständigen Baustil auf


und auf jedem zweiten Balkon prangt eine Marienstatue. Lourdes ist nichts dagegen.

Auch Jesus ist vertreten. Die Bekenntnisse müssen aber nicht unbedingt religiös motiviert sein: Ein ganz Mutiger platzierte gar einen Weisskopfadler.
Immer wieder gehen kurze Regenschauer nieder.
Auf einer Brücke überqueren wir den künstlichen See La Nga mit seinen schwimmenden Dörfern

und halten später bei einer Pagoda mit einem riesigen weissen Buddha auf einem Felsen. Es sieht so aus, als ob der Buddha auf einem Elefanten sässe.

Wir gewinnen stetig an Höhe und sehen den ersten Tabak, an der Strasse zum Trocknen ausgelegt, Kaffee- und Teeplantagen, Gemüsefelder. Hier scheint alles prächtig zu wachsen und zu gedeihen, sogar Weinreben.
Die Gegend ist auch bekannt für ihre Wasserfälle, nur haben diese jetzt, am Ende der Trockenzeit, recht wenig Wasser. Wir besuchen den Prenn-Wasserfall, ein beliebtes Ausflugsziel der Einheimischen, in einem sehr schönen Park gelegen.
Auf den Bäumen wachsen Orchideen


und weitere werden in einem Treibhaus ausgestellt, jede eine einzigartige Schönheit. Das Wetter ist jetzt wieder etwas besser.
Wir trinken Zuckerrohrsaft und geniessen die angenehmen 23°, während die Vietnamesen in dicken Jacken und ab und zu sogar mit Kappen anzutreffen sind.
Es ist jetzt 16:00 und wir wissen, dass wir unser Programm unmöglich schaffen werden; nicht, weil wir getrödelt hätten, sondern weil es zeitlich einfach nicht hinkommt. Wir beschliessen, den Rest auf morgen zu verschieben und dafür heute noch den Hauptmarkt von Da Lat zu besuchen, der eigentlich für morgen geplant wäre.
Anfangs ist der ganz harmlos: Erdbeeren, Brombeeren, Kräuter, Gemüse und Früchte, alles knackig frisch. Ich kaufe mit M’s Hilfe u.a. Sabodin, eine braune Frucht, die er mir am Nachmittag am Baum hängend gezeigt hat.

Geflügel gibt es tot und lebendig. Aber auch Krebse, Aale, Fische, Raupen-Puppen, Frösche, Schnecken: alles lebend! Es kriecht, krabbelt, hüpft und windet sich, wohin ich sehe.

Garantiert frisch. Geschlachtet wird vor Ort. Wirklich sehr exotisch.
Dann kommen wir zu den Blumen: Die Chrysanthemen haben Netzchen, die ihre Blüten zusammenhalten und sie wie Tulpen aussehen lassen, damit sie unversehrt zu Hause ankommen; Astern, Lilien, Rosen, Nelken in allen Farben und natürlich Orchideen, so weit das Auge reicht. Und Kaktusblüten.

Um 17:30 sind wir im Hotel. Unser Zimmer ist diesmal winzig, dunkel und geht nach hinten hinaus; zudem fehlt eine Steckdose zum Aufladen der Akkus, aber Thinky hat Ersatz. Statt AC gibt es einen Heizstrahler im Bad.
Wir wollen nochmals raus, ev. an den See, für den wir morgen kaum Zeit haben werden. Ein Gepäckträger steht mit einem riesigen Koffer in der Eingangshalle, schaut uns fragend an. Wir schütteln bedauernd den Kopf; in unserem Zimmer hätte der gar keinen Platz.
Zum See ist es zu weit, und auf dem Rückweg besuchen wir die „Hühnerkirche“, in der gerade Gottesdienst ist, bleiben ein paar Minuten. Sie wird von den Einheimischen Nicht-Christen so genannt, weil es sich um eine reformierte Kirche handelt, mit einem Hahn auf dem Kirchturm. Herrlicher Ausdruck! Ich necke Thinky damit, dass er auf der nächsten Steuererklärung bei der Frage nach der Konfession doch einfach “Hühnerkirche” schreiben soll.
Halbzeitpause![]()
Wir haben heute Halbzeit. Und wie bestellt für eine Zwischenbilanz einer Reise in eine für uns exotische Region, sind die verschiedenen, jeweils schon für sich starken Einzeleindrücke des Tages in ihrer Reihung heute ein bisschen verwirrend. Die vielen vertrauten Kirchensymbole unterwegs wollen irgendwie nicht mit den Aalen und Fröschen auf dem Markt zusammen gehen, und „meine Kirche“ scheut sich hier in Da Lat nicht, sich mit Symbolen und Figuren zu schmücken, die ich mir eher in ein katholisches Umfeld denke. Erstaunlich für uns, dass an einem Werktag um sechs Uhr abends die Kirche genau so voll ist wie der Versammlungsraum, in dem sich Jugendliche zum Bibelstudium treffen.
Wir befinden uns in einer Tourismus-Hochburg Vietnams, wenn auch im Hochland. Es ist also bestimmt nicht die ärmste Stadt des Landes. Dennoch ist das Leben hier sehr viel härter als wir es im Flachland der Schweiz kennen dürften. Die Menschen leben hier stärker und intensiver im Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit und laufen nicht so schnell Gefahr, in einer Art persönlicher Allmachtphantasie zu glauben, das Leben bestünde nicht aus Gefahren und Unsicherheiten.
Unsere Müdigkeit, aber auch die Undurchdringlichkeit der Quartierstrassen und das schroffe Abfallen der Strasse vom Hotel ins Zentrum der Stadt lassen uns früh in unser Zimmer zurück kehren, mag es auch in seiner Enge und Düsternis nicht besonders einladend sein: Es gibt da zwei Betten, auf denen wir uns ausstrecken können.
Mein Tagebüchlein ist mehr als zur Hälfte voll, aber zwei weitere Bändchen warten darauf, die weiteren Eindrücke aufzunehmen. Die Tage sind lang, die Erlebnisse vielfältig, aber das Reisen ist nicht beschwerlich. Unsere körperlichen und geistigen Reservetanks sind unangetastet, wir fühlen uns gut. Auch wir haben Grund, unseren Schutzengeln zu danken, und was in vertrauter Umgebung zu Hause sich kindlich anfühlen mag, stellen wir hier nicht in Frage. Wir können den guten Leitstern gebrauchen. Der Gedanke an die uns lieben Menschen daheim ist nicht ohne Sorge, und muss aus der Distanz doch zu einer Art stiller Begleitung werden, in der ich immer wieder lerne, die Sorge für Freunde und deren Kummer in Hände zu legen, die besser zu geleiten verstehen, als ich es je selbst vermag.
