Reflexionen

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Vietnam: Tam Coc, Bich Dong - Pagode und Fahrt nach Hanoi

∞  4 Oktober 2009, 23:28

Erlebt am 9. April 2009, nachmittags


[Bilder des Ausflugs: Album und
Landkarte ]


Um 13:30 bringt uns J zur Bootsanlegestelle.
Er macht den Ausflug nicht mit, sucht verständlicherweise lieber ein ruhiges, schattiges Plätzchen.




Von einer Frau werden wir auf dem Ngo-Dong-Fluss durch die zauberhafte Landschaft




und durch drei Höhlen (40, 70 und 130 m lang) gerudert. Die Gegend hier ist nach diesen drei Höhlen benannt: Tam Coc.










Auf dem Fluss sind wir keineswegs die einzigen Touristen, dennoch ist es angenehm still,




weil ausschliesslich gerudert wird, auch mit den Füssen, und immer vorwärts.




Am Wendepunkt gibt es dann einen kleinen „schwimmenden Markt“: von Booten werden Getränke und allerlei Snacks verkauft, leider zu stark überteuerten Preisen,






zudem wird man dazu aufgefordert, den Ruderinnen etwas zu spendieren, was einige andere Touristen ziemlich in Rage bringt, die sich lauthals beschweren. Aus anderen Ländern kennt man solchen Nepp, hier erleben wir ihn zum ersten Mal.


Nach knapp zwei Stunden sind wir wieder bei der Anlegestelle, wo J uns bereits erwartet. Mit dem Auto fahren wir zur nahe gelegenen Bich Dong Pagode, die aus dem 17. Jh. stammt. Ueber ein kleines Brücklein betreten wir die Anlage,




und J lässt es sich nicht nehmen, uns den untersten Tempel ganz genau zu zeigen. Ich höre J’s ausführlichen Erklärungen mit grossem Interesse zu, denn der lokal praktizierte Buddhismus ist immer wieder ganz anders und unterscheidet sich von dem in Büchern gelehrten meist ganz erheblich. Ich bin aber froh, dass er sich nun in den Schatten setzt, denn er sieht wirklich stark mitgenommen aus.

Wir steigen alleine auf einem wunderschönen Weg einige Treppen hoch




und gelangen so zum eigentlichen Hauptheiligtum, den in einen Felsen gebauten Tempel.




Dann geht es in der Felsenhöhle weitere Stiegen hoch,




vorbei an kleineren Schreinen, bis wir wieder ins Freie kommen und auf einer Art Terrasse stehen. Von hier hat man einen tollen Ueberblick über die Reisfelder und die Karstfelsen.




Ein wunderbarer Ort ist diese Pagode, voll zauberhafter Stille und meditativer Kraft.

Auf dem Fluss waren so viele Touristen, hierher hat praktisch keiner gefunden.

Um 16:30 fahren wir weiter und kommen drei Stunden später in unserem Hotel in Hanoi an. Der ganze Weg durch die Stadt war ein einziger Stau. Wir verzichten aufs Dinner, essen noch von unseren Bananen, ein paar Crackers, trinken Tee. Ich bin so müde, dass ich schon im Auto geschlafen habe, und jetzt, bei der Tagessichtung der Fotos, bereits dreimal eingenickt bin; ich gebe nun auf. Gute Nacht!

Zwischen Märchenlandschaft und Alltagshärte


Der Höhepunkt des Tages ist natürlich die Flussfahrt in der trockenen Halongbucht in einer Landschaft, die einfach einmalig ist. Eingebettet ist dieses Erlebnis zwischen zwei langen Autofahrten, die etwas an die Substanz gehen. Aber: Wir reisen in absolut privilegierten Umständen – und wir treffen überall auf Menschen, deren Welt viel kleiner ist, härter, aber manchmal vielleicht auch überschaubarer. Dennoch ist es eine der grössten Herausforderungen, aber auch Chancen bei Fernreisen, angesichts der anderen Lebensumstände in der Ferne die eigenen Sorgen und Nöte neu einzuordnen. Relativieren mögen sich damit nicht alle persönlichen Probleme, aber der Mut und die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen hier in einfachsten Verhältnissen nichts unversucht lassen, um den Tag anlächeln zu können, beeindruckt schon sehr. Vieles davon mag nur Schein sein, und ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber. Entscheidend für mich ist die Ausstrahlung, der Wille oder besser die Demut, zu tun, was jeweils die Situation verlangt – und das so gut wie möglich.
Und wenn ich keine besonderen persönlichen Probleme mit mir herum trage, so habe ich den Kopf um so mehr frei, um in ganz bestimmten Situation einen klaren Blick für die Lebensumstände zu haben, in denen die Menschen ihren Alltag bewältigen. So passt es ganz gut, dass nach stundenlangen Autofahrten durch geschäftige Provinzstädte, nach einer Märchen-Bootsfahrt durch eine verwunschene Landschaft, der Tag mit einer Einfahrt in Hanoi endet, die sich hinzieht: Bauarbeiten und eine falsche Strassenwahl lassen den Reisetag ein wenig länger werden. Die Nacht legt sich über die Strassen der Vorstadt, und so bekommen wir einen sehr drastischen Eindruck von einer Kehrseite des so farbigen Strassenlebens am Tage: Nun fehlen die Farben, Strassenlaternen gibt es oft nicht, die grellen Scheinwerfer der Lastwagen hängen allen Hindernissen lange Schatten um.




Viele Kilometer vor dem Zentrum stehen die Häuser klein und gedrängt dicht an der Strasse. Die meisten Türen stehen offen. In düsteren Garagen wird unter einer Neonlapme für alle gewerkelt, an der nächsten Ecke sprühen Funken vor einem Schweissgerät, während der Mann sein Gesicht nur notdürftig hinter Tüchern geschützt hat. Dann ist es wieder dunkel, und das eigene Scheinwerferlicht wird zeitweise vom Nachthimmel verschluckt, wenn wir über eine Bodenwelle rumpeln auf einer Strasse, die im Bau ist. Nach wie vor scheint die ganze Welt auf den Beinen zu sein. Wir blicken in unzählige Wohnungen, die meist von einer einzigen Glühlampe beleuchtet werden. Zum Essen versammeln sich die Wohngemeinschaften vor dem Haus auf dem Boden, direkt an der Strasse. Einen gemütlicheren, freieren, helleren und grösseren Raum gibt es nicht. Dieses Leben ist hart, keine Frage, und es ist dabei viel besser als früher, besser als in manchem Nachbarland, und Entwicklungspotential scheint das Land auch zu haben. Nur, wie schnell und wie unmittelbar wird es bei jenen ankommen, denen wir mit unserem Auto hier in die Reisschalen leuchten?
Dann werden die Lastwagen seltener, der Strassenlärm etwas geringer, dafür gleichmässiger – er klingt nicht mehr ab – die Strassen sind nun heller, die wuseligen und flinken Roller nehmen zu, als wären sie ein Bienenvolk, das dem heimischen Stock zuströmt, und schliesslich sind wir wieder vom Tempo überfordert, mit der man sich kreuzt, überholt, links und rechts liegen lässt, um vorwärts zu kommen,




der Familie, dem Haus, der Frau oder der Arbeit entgegen, viel zu lange dauert das immer, man bremst, und beschleunigt, stoppt, wartet, und ist schliesslich dort, wo die Gedanken schon voraus geeilt sind. Im Hotel. Das ist anscheinend deutlich besser als gedacht, und der Receptionist ist die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit in Person.
J ist geschafft, verabschiedet sich, er scheint noch zehn Zentimeter kleiner geworden zu sein, und wir sehen bestimmt auch nicht mehr taufrisch aus. Wir brauchen fünf Minuten, um das Hotelzimmer so aussehen zu lassen, als wohnten wir schon Wochen darin. Wir freuen uns auf die Stadt. Das letzte grosse Ziel der Reise ist erreicht.