Mongolei 2006 - Tag 11 (1)
Erlebt am 17. Juli 2006, um Hovd
Bei den Kasachen
Bilder folgen später
Ein Tag, an dem wir nicht reisen. Also gibt es mehr Musse, was Ono und Thomas prompt nutzen, um zu verschlafen. Wir richten derweil in aller Ruhe das Frühstück. Alles kein Problem, da wir an diesem schönen Flecken bleiben und nochmals hier übernachten werden.
Geplant haben wir heute, am westlichsten Punkt unserer Reise, mitten im Altai-Gebirge, den Besuch bei einer Kasachen-Familie, wo wir gerne auch mehr über die Jagd mit Adlern erfahren würden, wie sie seit Jahrhunderten hier gepflegt wird. Allerdings kommen wir nicht mal bis zum Auto, um eine erste Bekanntschaft mit dem König der Lüfte zu machen. Vor ein paar Tagen ist ein Adler ins Camp gebracht worden. Er sitzt auf einem kurzen Holzstrunk etwas abseits, an einer kurzen Leine um seine Greifer angebunden.
Aus der Ferne sehe ich, dass da etwas nicht stimmen kann: Der Adler hängt kopfüber am Zaun, scheinbar reglos… Er muss wieder einmal versucht haben, aufzufliegen hat sich dabei ganz offensichtlich mit der Greiferleine in den spitzen Pfählen des niederen Zaunes verheddert, wo das stolze Tier jetzt festhängt, ohne jegliche Regung.
Ich befürchte schon, dass der Adler sich selbst stranguliert oder das Genick gebrochen haben könnte – dabei sass ich doch noch vor wenigen Minuten bei ihm und habe seine stolzen Augen bewundert und mit ihm in die Ferne geschaut, wohl wissend, dass dies für mich weniger traurig sein muss als für ihn…
Nun hängt er still – aber nur, weil er sich offensichtlich in seiner neuen Lage kaum zu orientieren vermag. Bald beginnt er wild mit seinen mächtigen Schwingen zu schlagen, doch er verheddert sich nur noch mehr im Zaun und seine scharfen Greifer verkrallen sich gegenseitig.
Ein Angestellter ist zur Stelle und versucht, dem Adler ein Tuch über den Kopf zu werfen, damit er ruhig hält – die Voraussetzung, ihm die Lederhaube überziehen zu können. Das zweite will aber einfach nicht gelingen. Endlich gelingt es, denVogel unter dem Tuch so zu packen, dass er die Schwingen nicht öffnen kann – so dass er über den Zaun gehoben und auf sicheren Boden gestellt werden kann. Da sitzt oder steht er dann, noch leicht bedröppelt , aber schon wieder so Respekt einflössend, dass wir alle Abstand halten.
Und wir machen uns auf die Suche nach einem Adler, der tatsächlich noch zur Jagd gehalten wird. Die erste Auskunft führt und offensichtlich in die Irre, und unsere liebe Ono fühlt sich wieder verantwortlich und unwohl dabei. Dabei sind wir so froh, dass wir sie haben. Nur schon die Sprache wäre ein unüberwindbares Hindernis!
Es ist alles nur eine Frage von zwei, drei Gesprächen mit Einheimischen, und schon sind wir, wort- und gestenreich auf die Reise geschickt, auf dem Weg zur Kasachenfamilie. Dieser Volksstamm lebt hier eigentlich nur in einem Dorf, aber jeder scheint über sie Bescheid zu wissen.
Das Familienoberhaupt, das wir dann kennen lernen, ist ein wahrer Patriarch. Der Mann, der sich so behende bewegt und dessen Haut sich braun gebrannt straff über die Wangenknochen spannt, ist siebzig Jahre alt und hat fünfzehn Kinder, wobei er deutlich macht, dass es gerne noch mehr werden dürfen. Seine höfliche Erkundigung nach unseren eigenen Leistungen und die einträchtige Erfolglosigkeit von Thomas und mir in dieser Leistungskategorie lässt ihn höflich das Thema wechseln, wobei ich ihm mal unterstelle, dass er uns soeben – buchstäblich, aber stillschweigend – zu Weicheiern gestempelt hat – oder, in der höflichen mitfühlenden Variante, unser Unglück zu verstehen versucht. Es ist dies eine der Berührungen auf Reisen, bei denen die verschiedenen Kulturen sich nur erzählen, aber nicht erklären können.
Unsere bewusst gewählte Kinderlosigkeit verheimlichen wir nie, aber wir versuchen auch nicht, sie zu erklären. Es sei denn, es wird danach gefragt. Wird Unfruchtbarkeit vermutet, so berührt mich oft der fühlbare Takt, mit dem Gastgeber dann das Thema wechseln. Ich schmunzle darüber, stelle mir aber auch vor, welches Drama Kinderlosigkeit hier für eine Familie bedeuten kann.
Bei unserem Patriarchen vermute ich allerdings, dass er sich nicht länger als zehn Sekunden Gedanken über unser „Unglück“ wälzt, denn er macht schliesslich schon länger in Tourismus, und ihm dürften schon absonderlichere Gestalten als wir begegnet sein. Die Jurte ist gross und bietet erstaunlichen Komfort. Wir erfahren, dass die Familie vier Mal im Jahr umzieht. Das Land scheint karg zu sein, und doch ist er ganz offensichtlich ein erfolgreicher Pferdezüchter und besitzt rund 1000 Stück Kleinvieh.
Die beste Einnahmequelle aber, so scheint uns, ist bei seinem Schwager auszumachen, wo er uns hinführt. Auch hier werden wir wieder bewirtet. Die Erzählungen über das Halten und Jagen mit Adlern sind für uns nicht unbedingt neu, aber sie müssen auch Platz haben neben den Geschichten über den grössten Stolz der Familie: Sie zeigen uns das Bild eines Audi 100 in der Stadt – es ist mit Abstand das grösste Foto in der Mappe.
Dann geht es zum Photostopp beim Adler. Dieses Tier ist deutlich grösser als sein Artgenosse im Camp – und es ist ein Erlebnis, es auf dem Handschuh zu tragen. Ich bin den Kasachen heute noch dankbar, dass sie dem Adler schliesslich die Haube abnahmen: Es wird ein Gefühl tiefen Respekts geboren, wenn man ihm von unten in die Augen schauen kann, während es die Flügel öffnet…
Dann gibt es noch ein kurzes Feilschen um die Preise für die Fotos – so ein Audi kostet Geld – und wir sitzen wieder im Auto. Zuvor gilt es allerdings, einen kleinen Piepmatz vom Instrumentenbrett zu locken, wo der arme Kerl ständig mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe stösst, im Versuch, das Blau des Himmels darüber anzupeilen.
Scheint definitiv der Tag der gefangenen Vögel zu werden, und mir ist ein bisschen elend zumute, auch wenn in meinem Herzen die Ehrfurcht vor diesem wunderbaren Tier nun durch ein neues Erlebnis gestärkt worden ist.
