Australien 2007 - Tag 36
Erlebt am 28. November 2007 – In Perth
Schlapp im Business-Groove
Statt dem Ausflug nach Perth samt nächtlicher Hafenrundfahrt, der nur im Prospekt existiert, entscheiden wir uns für eine individuelle Stadtbesichtigung. Vorn an der Hauptstrasse liegt gleich eine Haltestelle der örtlichen Buslinie, und mit der werden wir in die Stadt fahren.
Es ist ziemlich auffrischend windig an diesem Morgen, und so entscheiden wir uns, unsere Jacken mitzunehmen. Frieren – das kann ich in meinem miesen Zustand nun wirklich nicht auch noch gebrauchen. Nur Rumsitzen aber ist auch schlecht.
Also machen wir uns auf dem Weg – und haben bei der Bushaltestelle dann tatsächlich jenes Erlebnis, das uns wieder ein wenig so fühlen lässt, wie auf unseren früheren Australienreisen: Ein älteres Ehepaar wartet mit uns auf den Bus und mustert uns mit neugierigem, offenem Blick und freundlichen Augen. Und dann geht die übliche Fragerei los, wo man herkommt, was man gemacht hat und wie schnell nun alles vorbei ist; wir erfahren, wo sie wohnen etc. Das Paar bestätigt uns, dass wir Fahrplan und Ticketpreise richtig begriffen haben, und ganz allgemein sind wir uns sehr sympathisch. So mental und seelisch gestärkt besteigen wir den Bus, der nur anhält, wenn man Zeichen gibt, und lassen uns in die Innenstadt chauffieren.
Da einmal angekommen, ist es bereits stickig heiss geworden, der Wind dürfte nun durchaus stärker sein, unsere Jacken sind viel zu warm und mir geht es wirklich nicht gut. Meine Frau weiss wie immer Rat, und wir steuern halt eben an, was wir eh schon vorab in Betracht gezogen haben. Zuerst geht es jetzt mal ins Medical Care Center der Stadt. Hier kann sich jedermann behandeln lassen, gegen eine Pauschalgebühr, die ich noch so gerne entrichte. Wir sind allerdings nicht allein. Der Vorraum ist voller Menschen, die den an sich hellen Raum mit den unterschiedlichsten Krankengeschichten verdunkeln. Mir kommt es jeweils vor, dass in solchen Räumen der Verkehr von den geschäftigen Strassen draussen noch unwirklicher und absurder erscheint und auch deshalb wie in Watte gepackt in der eigenen Wahrnehmung nach hinten rutscht, gedämpft bleibt, während andere Gedanken hoch steigen, die etwas bange danach fragen, wie oft man wohl selbst in seinem späteren Leben noch in solchen Schalensitzen auf die nächste Botschaft warten mag, ganz anders herausgefordert, sich und seinen Körper anzunehmen und Demut zu lernen.
Warum auch immer – aber wir sind schon fünf Minuten später dran und werden von einem blutjungen Arzt in ein Behandlungszimmer geführt. Keine Ahnung, ob er noch in Ausbildung ist oder nicht, aber mir ist das, ehrlich gesagt, egal. Um einen sachkundigen Blick in meinen Hals zu werfen und seine Schlüsse daraus zu ziehen, ist er bestimmt ausgebildet genug. Abgesehen davon tut es ziemlich gut, sich mal einen Moment fallen zu lassen und glauben zu dürfen, dass einem jetzt bald geholfen werden kann. Einmal krank, bin ich bestimmt ein ganz passables Beispiel für eine einigermassen wehleidige männliche Spezies, die sich noch so gerne gerade von den Liebsten unverstanden fühlt. Immerhin behalte ich in der Regel so viel Abstand, dass ich mich darin selbst beobachten und daher beherrschen kann, bevor das Klagen beginnt. Auf jeden Fall habe ich darin in Thinkabout’s Wife die richtige Partnerin, die nicht so schnell ins Bedauern verfällt und sich stattdessen eher auf das praktisch Machbare fokussiert, damit sich die Dinge ändern. Und schliesslich ist sie selbst ziemlich hart im Nehmen, wenn ich nur daran denke, wie sie ihre Augenentzündung zu Beginn ertragen und schlussendlich die wochenlange Einschränkung mit den juckenden Ausschlägen hingenommen hat. Das alles weiss der junge Arzt natürlich nicht, und so scheint er einigermassen geneigt, mich auch für die Fittiche meiner Frau zu bedauern, als sie meint, Fieber hätte ich ja nicht, die Messung dann 38.4° ergibt.
Ich scheine eine veritable Angina zu haben, mit bereits stark geschwollenen Mandeln und Lymphdrüsen, und wenn es nicht gelingt, die Entzündung nullkommanull zurück zu fahren, könnte der Rückflug ziemlich ungemütlich werden – mit der Gefahr, dass das Trommelfell beim Druckausgleich nicht mitspielt.
Also her mit dem Rezept für die Antibiotika und ab in die Apotheke gleich um die Ecke.
Danach sitze ich auf der Treppe vor dem Medical Center und schiebe mir die erste Ration der weissen Pillen rein. Wir haben knapp Mittag, aber ich werde mir bis heute Abend die Tagesdosis einverleiben. Zum Glück vertrage ich diese Mittel in aller Regel gut. Meine Frau sitzt ein bisschen bedröppelt daneben. So “schlimm” hat sie das nicht gesehen. Ich aber bin heilfroh, verhält sie sich so. Denn ich weiss genau: Würde sie um mich herum scharwenzeln mit ach und jöh, kaum huste ich mal, dann würde ich allein davon richtig krank.
Ich bin nun einfach froh, weiss ich, woran ich bin. Ich habe Medikamente und Anweisungen bzw. Ratschläge für die Rückreise, und noch 36 Stunden Zeit, die Entzündung zu stoppen und einzudämmen. Dabei wird mir die mentale Entspannung helfen, die mir jetzt möglich sein wird. Und jetzt wollen wir noch etwas von Perth sehen und herausfinden, was die Stadt ausser jungen, zu Bedauern fähigen Ärzten noch zu bieten hat.
Wir fahren mit einem Bus, der touristisch interessant quer durch die Stadt einen Rundkurs abspult, und ich nehme allmählich etwas von der Stadt wahr.
Vor zehn Jahren galt Perth als DIE Stadt Australiens; eine Sportstadt mit jugendlichem Charme und einer sehr positiven Entwicklung, mit Ruheinseln, Grünflächen und einem Lebensrhythmus des Easy Goings, den man gerne mit Australien in Verbindung bringt. Nun aber spüre ich vor allem eines: Business. Die Stadt boomt, scheint beständig im Bau, und verteilt über alle Quartiere sehe ich sehr viele junge Menschen in Businessanzügen, als hätte sich die Yuppie- und Bankergilde flächendeckend über der Szenerie ausgebreitet. Es sirrt und surrt und flirrt um mich, und der Eindruck will sich nicht mal im Kings Park, dem an erhöhter Lage gelegenen Stadtpark wirklich legen. Wir blicken auf die Skyline von Perth, lassen den Blick von links nach rechts, über die Bucht schweifen, die wir danach selbst noch mit der Fähre überqueren werden, und es fällt uns schwer, wirklich zur Ruhe zu kommen. Natürlich bin ich gesundheitlich angeschlagen, sind wir von der langen Reise beide erschöpft, aber irgendwie ist uns das Land diesmal nicht wirklich vertraut geworden und wir haben die vielen besonderen Momente, die uns die Natur beschert hat, mit einiger Unruhe während der Reise bezahlen müssen. Zwei defekte Zelte, drei Reifenpannen in 48 Stunden, schlechte E-Mail- bzw. SMS-Verbindungen, ein kaputter Akku fürs Blackberry, Augenentzündung, Hautausschläge, Angina. Etwas viel für knapp sechs Wochen, auch wenn diese Form des Reisens am anderen Ende der Welt dies ein Stück weit erwarten lässt. Aber es ist schon so: Das Glück, das uns in früheren Jahren oft beständig begleitet hat, fehlte uns dieses Mal oft. Auch Thinkabout’s Wife ist restlos bedient.
Und so sehen wir auf die Stadt, schlendern durch den Kings Park, schwitzen vor uns hin, und entdecken ein letztes Mal besondere Blumen:
Wir wissen eines ganz bestimmt: Zu Hause, mit etwas Distanz, werden wir das Staunen wieder lebendig werden lassen. Denn dies war auch ein Merkmal dieser Reise:
Noch nie war ich so oft sprachlos vor der Schönheit und Gewalt der Natur. Auch dies hat mich oft atemlos gemacht, aber bestimmt in einer Weise, die ich retrospektiv in noch mehr Demut und Stille verwandeln kann.
Wir fahren mit dem Bus wieder hinunter in die Bucht. Allerdings fehlt es an den Wegweisern, und so verlaufen wir uns dabei ziemlich. Wir fluchen leise vor uns hin, finden aber schliesslich doch zur Fähre – und nach der Überfahrt, bei der letzten Gelegenheit an einem Pier beim Swan Bell Tower sieht meine Frau doch noch einen Delphin, wenn auch nur einen kurzen Moment, als wäre er Bote eines letzten Grusses.
Es hat keinen Sinn, mehr in unsere Köpfe stopfen zu wollen, und so fahren wir zurück zum Camping Platz, wo wir schon am Morgen unseren neuen Platz unter Bäumen bezogen haben.
Wir sind umgeben von Campern wie wir es sind, und viele von ihnen sind am Ende der Reise angekommen und damit beschäftigt, die Autos auf die Abgabe vorzubereiten.
Den Abend verbringen wir im Gespräch mit Gästen des Campingplatzes, und wir geben den beiden Radfahrern Tipps: Durch den Karri Forest zu radeln, nur so zum Beispiel, muss die perfekte Umsetzung eines Lebensentwurfs der Entschleunigung sein. Oder zumindest eines Ferienentwurfs dafür.
Ich schlucke brav meine Tabletten und bilde mir ein, das mit den Halsschmerzen und den Schluckbeschwerden wäre schon besser geworden. Die fiebersenkende Wirkung auf jeden Fall hat nachweislich schon eingesetzt.
Es wartet die letzte Nacht im Auto auf uns…
Der Artikel wird in ein paar Tagen in die Sektion GEREIST verschoben.








