Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Wirklich lesen

∞  27 Dezember 2009, 17:34

Ich habe mir ein Buch geschenkt zu Weihnachten – und ein Versprechen. Ich will mehr lesen. Es ist eine Schande, dass einer, der so gern schreibt, Sprache so liebt, so wenig liest. Ich lese ja ständig, aber irgend welche Lektüre, nicht Bücher, schon gar nicht, meist nicht, Literatur. Literatur ist tiefe Wahrnehmung, in Lettern und Buchstaben gefasst, aber nicht eingesperrt. Es sind Worte, fern der Überheblichkeit, die meinen könnte, es liessen sich irgenwelche Dinge einfangen. Nein. Es wird geschrieben, um die Dinge zu befreien, oder sie und sich selbst ein wenig freier zu machen.
Vielleicht habe ich so lange keine Literatur mehr gelesen, weil ich Angst habe:
Wenn man liest, denkt man sich. Und ein wenig beginnt man immer auch zu imitieren: Es ist, als würde man eine fremde Sprache lernen. Ich kann mich dabei ertappen, dass meine Gedanken beginnen, wie mit fremder Zunge zu reden. Auf jeden Fall mag ich nicht glauben, dass es so wenig braucht, dass ich zwar die Welt nicht neu sehe, sie aber selbst anders zu beschreiben beginne. Als würde einer ein erstes Mal wagen, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und eine Spur auf einer Leinwand zu hinterlassen. Infantile Striche prangen auf Papier, und doch ist es vor mir selbst unerheblich, ob sie lächerlich sein mögen oder nicht. Denn die Leinwand bleibt unbestimmt mir bestimmt. Es ist meine Leinwand. In Farbe, Strichführung, Schwung und Krakeligkeit mein Werkeln. Oder zumindest mein Echo auf den Klang, den ich gelesen habe.


Und nun also lese ich die “Atemschaukel” von Herta Müller. Ja. Ich auch. Wie viele andere. Thinkabout’s Wife hat gemeint, dass ich da schwermütig werden würde. Ich weiss nicht. Das Buch beschreibt Unbeschreibliches. Ja. Aber was geschieht, wenn mit der Kraft der Poesie das Ungeheuerliche beschrieben wird? Ich habe noch nie so erzählt bekommen, was Hunger ist, wie sich Hunger anfühlt. Und vor allem habe ich mich beim Lesen jeden Hochmuts enthalten, jetzt zu wissen, wie er ist, der Hunger. Ich kann es auch jetzt nur ahnen, und wenn ich dann still werde, so ist es nicht mehr, weil mir peinlich bewusst wird, dass ich das Elend nicht kenne. Sondern weil mein Gefühl einen Blick darauf werfen kann: Ich lese, und die Worte legen sich auf meine Haut, kräuseln sich in meinem Nacken, legen sich auf meinen Gaumen.
Und was wäre, wenn man ein Leben, das so viel auszuhalten hatte, nicht wenigstens als Leser ehren würde, wenn sich eine solche Gelegenheit dazu bietet, zu fühlen, zu was der Mensch fähig ist, als Opfer und Täter? Was macht es aus, dass der Mensch am Morgen aufsteht und leben will, obwohl dieses Leben nur Leid ist? Was lässt Menschen auch dann nicht nur noch vegetieren, wenn ihnen wirklich nichts bleibt, was Freude machen könnte?

Warum gewinnen Aufseher und Peiniger nie wirklich?

Lesen Sie sich durchs neue Jahr. Leben Sie es vor allem. Aber lesen kann dabei unheimlich helfen.

abgelegt in Prosa[isch] und Tagebuch