Match Frankreich-Deutschland abgesagt
Von Nachbarn ohne Verhältnis. Und dass das gar nicht so schlimm ist – oder sein soll.
Website Peter Sloterdijk: Bild anklicken

I
Der Weltwoche (Printausgabe 30/08) entnehme ich eine Rezension David Signers über das neue Buch von Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten. Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Suhrkamp.
Sloterdijk erklärt demnach die Nachkriegszeit als beendet. Wir würden in ein posthistorisches Zeitalter eintreten und darin in einer entwirklichten Wirklichkeit leben. Ausgedeutscht: Hedonismus und kriegerische Auseinandersetzung sind (in Europa) untauglich geworden und durch Konsumismus ersetzt. Der Preis für diese Art Frieden ist eine gewisse Langeweile und Beziehungslosigkeit.
Das mag man nun als abgehoben intellektuell philosophische Schwurblerei bezeichnen wollen – es ist nun mal die Sprache eines Philosophen.
Interessant finde ich hier aber die konkreten Rückschlüsse, die er für Deutschland und Frankreich und ihr Verhältnis unter einander daraus zieht.
Er rekapituliert mit besonderer Lust [so Signer], “linke Überkompensationen” in Frankreich und nennt dabei die Pariser Existenzialisten “die kämpfende Kirche des nachträglichen Widerstands”.
So gehen Sieger und Besiegte irgendwie mit der Vergangenheit um und schaffen es auch, diese auch zu einem Ende zu bringen. Und das sieht Sloterdijk gekommen, und gewöhnliche “alltagspatriotische Verhältnisse” in Deutschland sind für ihn ein Zeichen dieser Überwindung.
Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich ist heute das einer “wohlwollenden gegenseitigen Nicht-Beachtung […]”, quasi eine Unbeziehung.
Und er möchte den klassischen Konfliktparteien im nahen Osten oder Indien und Pakistan zurufen:
“Macht es wie wir, interessiert euch nicht zu sehr füreinander!”
Wenn das Geheimnis des Friedens Indifferenz ist, so lassen sich daraus vielleicht auch Rückschlüsse auf unser Verhältnis zu Ausländern im eigenen Land ziehen? Urban-anonym ist das Städteleben doch in der Tat, und der Appell an Anerkennung, Respekt, Auseinandersetzung oder gar Liebe birgt die Zweischneidigkeit der Nähe schon in sich…
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So weit die Rekapitulation.
Und dazu passt meine Beobachtung aus dem Geschäftsleben. Ich hatte in meiner Tätigkeit mit vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland zu tun. Mit Herstellern, die ihre Produktionsgüter über Vertretungen in Frankreich verkaufen wollten und dafür ähnliche Modelle anstrebten wie im übrigen Europa auch.
Ich kenne kein einziges Beispiel, das gut funktioniert hat.
Die Völker sind sich fremd geblieben. Der französische Anspruch der Grande Nation macht es auch nicht einfacher. Die faktische Stärke der Wirtschaftsmacht Deutschland wird respektiert, wie die Güte des Vermerks “made in Germany”. Aber das ist es dann auch schon.
Der einzige französische Geschäftsmann, der lange mit einer deutschen Firma zusammen gearbeitet hat und den ich kenne, ist ein … Elsässer.
Natürlich gibt es Wirtschaftsverflechtungen zwischen Frankreich und Deutschland. Professionell und sachlich führt daran kein Weg vorbei. Aber in mittelständischen Verhältnissen ein Vertrauensverhältnis aufbauen, Vorschusslorbeeren verteilen und eine gemeinsame Sprache finden?
Fehlanzeige. Sehr schlimm mag das tatsächlich nicht sein. Eine Tatsache ist es in jedem Fall.
Gesellschaft
und
Zugeneigt [oder eben auch nicht]
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