Hinter unserer Stirn

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Bahnhofstrasse. Einkaufsparadies. In den Schaufenstern schneit es weiter, es gibt kein Halten mehr, wir sollen an Weihnachten erinnert werden, voraus erinnert, ermahnt. Bei der UBS steht nur ein einzelner Mann vor den Fenstern mit den rollenden Kursen. Er wirkt so verloren wie der Bärtige, der dreissig Meter weiter auf einer Bank sitzt und mit den Blättern daneben welkt. Die linke Socke ist ihm in den zerschlissenen Schuh gerutscht, doch er scheint die Kälte nicht zu fühlen. Die Tasche vom St. Annahof steht daneben, als wäre sie in einem vergangenen Leben abgestellt worden. Sein Blick scheint ihm nicht zu gehören. Er sieht mich nicht, wie ihn die Passanten nicht sehen. Nicht sehen wollen. Auf keiner anderen Strasse der Schweiz dürfte die Kluft der tatsächlichen Klassen in unserer Gesellschaft in grösserer Bandbreite zu beobachten sein.
Und dabei sind wir alle nachdenklicher geworden, scheint mir. Ich meine damit die Unruhe und Beklemmung hinter der Stirn, das, was nicht behoben ist, wenn es uns nur materiell besser geht oder die Aussichten wieder ungetrübter sind. Ich meine das Wissen darum, dass wir in einem Haifischbecken leben und bei aller persönlichen Vernunft eigentlich nichts kennen gegen den eingeredeten Zwang, ständig dem Wachstum nachgeifern zu müssen. Was ist das für eine Gesellschaft, die im sichtbaren, vielleicht nicht für alle greifbaren Überfluss nichts weiter zu brauchen scheint als das sichere Gefühl, noch mehr besitzen zu können. Und zwar jeder einzelne für sich?
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