Mein Schreiben. Täglich.
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Gemeinsam agieren statt allein reagieren
∞ 25 Oktober 2008, 15:41
Ich weiss: Was jetzt kommt, klingt moralinsauer. Vielleicht komme ich ja auch nur darauf, weil mir alles zutiefst zuwider ist, was mir das Gefühl gibt, bloss Spielball fremder Mächte und Interessen zu sein. Da frage ich lieber danach, was scheinbare Automatismen, denen ich mich plötzlich ausgesetzt sehe, eben doch auch mit mir zu tun haben.
Die Mentalität mancher Banker ist schon unglaublich, und es verwundert doch sehr, was es braucht, bis sich diese Herren persönlich betroffen und angesprochen fühlen, wenn es – nur so z.B. – um die Lohnsysteme mit Boni-Zahlungen geht. Womit wir wieder bei der Gier wären und dem, was sie bewirkt hat und immer wieder bewirken wird. Gier kennt kein Mass, nur ein “nie genug”, und diese Masslosigkeit wuchert gerne wie ein Geschwür. So weit so gut. Wir können es alle fast nicht mehr hören. Oder gar lesen.
Aber ist diese Gier ohne uns wirklich denkbar? Trägt diese Masslosigkeit nicht einen Kern in sich, der sich in uns allen festgesetzt hat? Ich meine das Gefühl, dass es “auch für einen selbst ein bisschen mehr sein darf”.
Für wen, bitte, waren in den letzten fünfzehn Jahren grüne Themen am Ende des letzten und am Anfang dieses Jahrhunderts noch ein Thema? Über die Episode des befürchteten Waldsterbens haben wir doch nur noch gelacht. Und sie als Beweis von Untergangsgeschwätz genommen.
Vielleicht haben auch wir bereitwilliger einmal auf Pump gelebt oder uns mehr gegönnt. Man lebt ja nur einmal.
Wir haben erlebt, wie Solidarität unter einander abgenommen hat. Wir haben es beklagt. Aber kein anderes Lebensmodell dagegen gestellt. Unser eigener Individualismus hat uns antworten lassen: Wenn das so ist, dann schaue ich auch mehr für mich. Und schaue, wo ich bleibe.
Wir haben alle nach weniger Staat geschrien und Bürokratie abbauen wollen, und gerne geglaubt, dass allen besser geholfen ist, wenn jeder für sich selber schaut.
Wir gehen zum Arzt, wenn die Grippe droht – und nicht erst, wenn wir wirklich krank sind. Wir haben ja schliesslich nicht zu knapp Krankenkassengeld bezahlt und kennen oder vermuten viele Schmarotzer. Ende Jahr klagen wir dann gemeinsam über gestiegene Prämien, haben aber keinen Zweifel, dass die eigene 90-jährige Oma einen Anspruch auf ein künstliches Hüftgelenk hat. Dafür stossen wir uns daran, dass im Altersheim jedes Heftpflästerchen und jeder gereichte Tee ausserhalb der Teestunde extra verrechnet wird. Jede Handreichung hat ihren Tarif.
Das ist genau das, was zu einem Staat gehört, in dem jeder am besten für sich selber schaut. Man muss schliesslich sehen, wo man bleibt. Aber am Schluss bleiben wir so alle irgendwie allein übrig.
Wenn Pensionskassen heute Unterdeckung droht und damit uns allen die Gefährdung der Altersguthaben, also der Renten, so hat das wesentlich damit zu tun, dass sich diese Institutionen mit Aktien verrechnet haben. Aber: Es ist noch nicht so lange her, da war es Vorsorgeunternehmen gesetzlich verboten, in Aktien zu investieren. Das Risiko wurde gesetzlich quasi ausgeschlossen, oder zumindest massgeblich begrenzt. Haben wir nicht alle willfährig genickt, als die Forderung aufkam, dass Pensionskassen “mit unserem Geld mehr Gewinn erwirtschaften sollen”. Wir fanden auch, dass es “unstatthaft” sei, dass unser sauer einbezahltes Geld mit 2% oder weniger Rendite vor sich hindümpeln sollte, während andere fette Aktiengewinne machten. Wir wollten selber auch mehr.
Alle wollten wir mehr. Und lange Zeit hat eine Gesellschaft, die mehr hatte, als jede andere zuvor, auch tatsächlich immer noch mehr bekommen. Nie ging es so vielen Menschen auch nur annähernd so gut. Vielleicht sind wir ja wirklich auf ständiges Wachstum ausgelegt. Wie sehr wir uns dabei selber verlieren können, müssen wir uns selbst beantworten. Als Gesellschaft aber sind wir keine Gemeinschaft mehr. Wie viele Schlafgemeinden gab es vor fünfzig Jahren? Und wie viele Wochenend-Dörfer, gefüllt mit Pendlern, gibt es heute an der Peripherie unserer Ballungszentren, die jetzt einen Ballungsraum um sich herum haben, mit vielen schmucken Einfahmilienhäusern mit schönen hohen Gartenzäunen drum herum?
Diese Entwicklungen geschehen ganz automatisch. Und langsam. Mag sein. Aber sie sind offensichtlich. Eine Entwicklung, wie wir sie jetzt haben, ist ein echter Prüfstein für uns alle. Tragen wir unser Geld von einer Strassenseite auf die andere, um unsere Angst zu bekämpfen, um in ein paar Wochen vielleicht noch eine sicherere Adresse auszumachen? Wir können dieses Spiel endlos spielen und damit in einem unwirklichen, unbestimmten, wabernden Sog von Furcht uns vollständig verlieren. Oder wir können versuchen, dahinter zu blicken und genau dieser Angst auf die Schliche zu kommen.
Dabei könnten wir vielleicht entdecken, dass die einzige Sicherheit, die wir besitzen, im Grunde unsere Schaffenskraft ist. Die Fähigkeit, immer wieder auf die Beine zu kommen. Und vielleicht gehört dazu ja dann auch die Erkenntnis, dass dies zusammen sehr viel leichter fällt. Als Teil einer Gemeinschaft. Dass wir dafür heute die verschiedensten Lebensformen kennen, kann dann wieder zu einem Vorteil werden. Auch wenn wir diese Errungenschaft bisher wohl eher nicht genützt haben. Oder sie wurden von uns einfach missverstanden, als verschiedene Wege zur “individuellen Verwirklichung”. Dabei braucht dies immer auch ein soziales Netz. Daraus wächst erst die äussere Geborgenheit, in der wir zur inneren Sicherheit finden können.
°
[Bildquelle: Reisebericht über Zürich bei astrosoft.de: Agglomeration und Stadt sind in Zürich per Luftbild nicht mehr auseinander zu halten. ]


abgelegt in den Themen
Gesellschaft
und
Prosa[isch]

älter
jünger