Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.


Island und seine Geschichten

∞  12 Oktober 2011, 00:38

Ein Land. Nur 320’000 Einwohner. Urwüchsige Landschaften. Unmögliche Namen. Eine skurril anmutende Sprache. Merkwürdige Naturphänomene. Sagenumwobene Wesen. Viel Regen. Und Wind. Und Schnee. Weite Landstriche, wenig Menschen. Mit einem nicht auszubeutenden Reichtum.


Was alles an Voraussetzungen geradezu zum ruhigen Leben einlädt, wurde in der kurzen Vergangenheit heftigst durchgeschüttelt. Island wollte sich wirtschaftlich neu erfinden und landete in der grösstmöglichen, weil gerade noch händelbaren Bankenpleite – haarscharf am Staatsbankrott vorbei. Aber die Isländer rappeln sich auf. Sie besinnen sich. Vertragen sich. Leben – noch – in Häusern, von denen die meisten noch lange nicht abbezahlt sein werden. Die Immobilienkrise wird wohl eines der am längsten würgenden Probleme bleiben. Aber Island ist auf einem guten Weg. Wo Schaf und Fisch noch vorhanden sind, erinnert man sich der ursprünglichen Identität, und findet zurück – oder gehört gar zu denen, welche eh nicht verstanden haben, was das soll mit dieser Weltwirtschaft. Und die Touristen, so hört man, kommen in Scharen. Es dürfte noch nie so billig gewesen sein, Island zu bereisen.

Wo zehn Isländer zusammen sitzen, höre ich, wird irgendwann ein Name fallen, zu dem jemand eine Geschichte kennt – um sie dann auch zu erzählen. Aufmerksamkeit, fröhliches Gelächter in der Runde, eine Geschichte ergibt die nächste. Nach ein paar gefühlten Wimpernschlägen ist eine Stunde vorbei, und niemanden verlangt es danach, aufzustehen. Die Heute-Sendung des ZDF erzählt mir das, und berichtet von der nahen Frankfurter Buchmesse, mit Island als Gastland.
Eigentlich, so sagt ein Schriftsteller da, können wir gar nichts anderes als Geschichten erzählen.

Es ist das, was unterhält und zusammenhält, in alten wie auch wieder in den aktuellen Zeiten, in der Geborgenheit von vier Wänden mit Gästen, ob in einem gezimmerten oder gemauerten Haus. Sich was erzählen ist ein einfaches Vergnügen – aber machen wir hier im Netz – allerdings im Kampf mit tausend Ablenkungen – etwas anderes? Wünschen wir uns nicht eigentlich genau das? Man möchte vom Echten erzählen, vom Urwüchsigen, das in die Mitte stellen, was wirklich ist und bei dem sich alle finden können.

Erzählen, nicht tratschen. Fabulieren, nicht verleumden, ergründen, nicht zerreden. Ahnen, dass wir alle voller Geschichten sind und mit diesen Geschichten Teil einer Gemeinschaft.

Das Garn der Geschichte webt sich um die Anwesenden, die Zuhörer. Und darum, weil Island den Reichtum seiner Geschichten nie aus dem Bewusstsein verloren hat, ist Island ein Land der Leser und Schreiber. Allein vierzig Autoren – bei einer Einwohnerzahl von nur dreihunderttausend Menschen, reisen zur Buchmesse. Ein Tag ohne Lesen in einem Buch, so sagt man in Island, ist ein verlorener Tag. Ein solches Land kann nicht untergehen. Es wird sich vor allem in all seiner Ruhe nie langweilen. Und sich nie ganz aus den Augen verlieren.

Und darum sind die Isländer, bei allen geschaffenen Problemen, auch zu beneiden. Sie dürfen in Island leben. Und Island wird ihnen den richtigen Weg schon zeigen. Und noch lange vorlesen.


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Sagenhaftes Island
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Ein bisschen lernen wie "man" Krimis schreibt?

∞  10 Oktober 2010, 21:02

Immer wieder, in schönen (kurzen) Abständen kann man davon lesen: Von der Auferstehung des Kriminalromans. Aktuell hat die Weltwoche das Thema wieder mal entdeckt.

Ich frage mich dabei immer: War der Kriminalroman denn jemals tot? Ich meine: Nicht totgeschrieben von der Kritik, sondern ignoriert von den Lesern. Wohl die meisten lesen gerne zwischendurch eine Kriminalgeschichte. Und das Genre hatte es, wenn überhaupt, dann höchstens im Feuilleton schwer, wo einem Plot, in dem ein Kommissar einen Mörder sucht und den auch findet, grundsätzlich misstraut wird. Zu einfach? Zu durchsichtig? Zu unterhaltsam, womöglich?

Irgendwie scheint noch immer die Meinung vorzuherrschen, ein Krimi könne keine Literatur sein. Wie anders ist es zu erklären, dass einer “neuen” Bestandesaufnahme wie nun in der Weltwoche gleich eine Anleitung hinterher geschickt wird:
Plus: Wie schreibt man selber einen Krimi?

Eine Art Anleitung zum Scherenschnitt für den Dorfverein, oder so ähnlich kommt mir das ein bisschen vor. Wahr dürfte etwas anderes sein:
Das scheinbar Leichte ist besonders schwierig. Wenn also ein Krimi nicht nur spannend ist, sondern auch noch eine atmosphärische Dichte aufweist und eine Art Biographie von Menschen oder einer Gesellschaft erzählt, so ist das grosses Kino.
Auf der Leinwand ist man eh schon weiter: Der sog. Western hat sich längst aus der Pistolero-Ecke befreit und wird heute als mögliche Handlungsanlage für eine tiefgehendere Geschichte durchaus akzeptiert. Wie das bei verfilmten Krimi-Büchern auch oft der Fall ist…




Das Buch: Spannend oder...

∞  8 Oktober 2010, 18:36

Was erwarten Sie von einem guten Buch? Was ist “ein gutes Buch” überhaupt.

Ich stelle fest, dass diese Frage wohl sehr individuell verschieden beantwortet werden kann, und bleibe daher bei mir selbst. Ich unterscheide zwischen “spannenden”, “unterhaltenden” Büchern, und “richtigen”, “guten” Büchern. Bei ersteren ist es durchaus möglich und dann auch wohltuend, wenn ich mit heissem Kopf alles um mich herum vergesse und die Buchdeckel kaum aus der Hand legen kann. In einem “guten” Buch erwarte ich etwas anderes. Da will ich überrascht werden, will ich in meinen Gedanken und Gefühlen vom Text erreicht werden. Ein gutes Buch lässt mich nach innen hören – und es enthält Wort- und Satzbildungen, die mich aufschliessen und mir eigenes Denken und Empfinden übersetzen. Was für mich Wert besitzt, wird neu angesprochen, umschrieben, erlaubt einen neuen Blick oder drückt endlich etwas so aus, wie ich glaube, es auch zu kennen.

Literatur hat also sehr viel mit dem Text zu tun, und viel weniger mit seiner Handlung. Ich lese ein solches Buch Seite für Seite, es begleitet mich oft während Monaten, und am Ende sind es vielleicht zwei, drei Momente, die mir bleiben: Stupser oder Nasenstüber für mein Seelengebäude, meine Weltanschauung oder meinen Gefühlshaushalt. Wenn ich ein solches Buch lese, dann fühle ich mich häufiger wie ein Mensch, empfindsam, offen für die immer wieder neue Frage: Und wie fühlst Du selbst? Wie denkst Du darüber? Was mich für immer mit diesem Buch und dem Autor verbindet, ist, dass dieser Autor mit seinem Text mein Begleiter war.

Ein solches Buch ist so geschrieben, dass ich fühlen kann, dass der Autor mindestens so konzentriert schrieb, gerungen hat, wie ich nun langsam lese. Ein solcher Text ist wie Musik hören, eine neue Komposition für ein altes Empfinden, eine neue Umarmung eines ersehnten Gefühls. Ein solches Buch ist nicht Alltag. Es ist die Kernschmelze der Energieform, die ich suche und brauche und von der ich zehre, um im Alltag dieser Mensch bleiben zu können, den ich im Buch in mir entdecke. Das ist Literatur. Sie lässt mich sehen, ganz neu, durch die Augen eines anderen, der etwas anders, besser, umfangreicher be-schreiben kann, als ich es erzählen mag. Der Autor ist mein Übersetzer – oder mein Herausforderer. Auch dies kann belebend sein. Alles, was er sagt, kann im Gegensatz zu meinen Überzeugungen und Erfahrungen stehen, aber glaubhaft und ernsthaft eine Herausforderung darstellen, die eine Überprüfung ermöglicht. Ohne dass ich nach innen oder aussen zu Brüllen beginnen müsste. Ein gutes Buch ist nicht weltfremd geschrieben, aber es will jeder Regung wirklich auf den Grund gehen.




Lesereise mit Selbstreflexen eines Bloggers

∞  25 Juli 2010, 22:52

Was für eine Lesereise heute, bei der ich lesend reiste, mit Kopf- und Lustgedanken kreiste, ums Schreiben immer wieder – und über meine eigene Art zu lesen.
Was irgendwie zuammen gehört.
Von Thomas Mann, einmal mehr, diesem mühsam Beherrschten, der andere beherrschte, wohl beherrschen musste, zwanghaft seine Zwänge übertragend – und auf seinem Wegrand Selbstmorde wie Stacheldrahtdornen anhäufte – und von einem georgischen Schriftsteller, der vierzig Jahre nur für die Schublade schreiben konnte oder wollte, vom russischen Geheimdienst wohl gefoltert, auf jeden Fall entführt, der Vater ermordet, er verschwunden hinter dem Vorhang, sichtbaren und unsichtbaren, und nun also schreibt, wie immer, aber auch, wieder im Westen, veröffentlicht, und dessen Werk und Haltung ein Kritiker so beschreibt:
“Seine unbedingt humane Haltung zur Welt.”

Und so raisonniere ich über den Umstand, dass hinter einem grossen Werk kein grosser, oder zumindest guter Mensch stehen muss, was auch immer das sein mag, und dass die Zerrissenheit einer Seele sich in Figuren widerspiegeln kann, so dass wir Teile davon in uns selbst erkennen. Egal wer schreibt, es bin immer ich, der liest.
Liegt darin die innerste Kraft eines Textes? Dass ich in mir selbst zu lesen beginne, dass er wie der Schlüssel zu einem Schloss passt, mit dem ich mich selbst öffne, einfach so, für mich?

Warum ist jemand ein Ekel? Warum bleibt jemand trotz aller Widerwärtigkeiten ein Menschenfreund? Warum lächle ich mein Unglück an oder belle ich mein Glück zum Teufel?

Warum bin ich ehrlich oder nicht, schreibe ich mich weg oder frei oder in Kreisen, aus denen es kein Entrinnen gibt? Darum, weil ich der Mensch bin, der ich bin. Es ist wahrhaftig, wenn ich den Frieden beschreibe, dem ich begegnet bin, aber auch, wenn ich eine Sehnsucht beschreibe, die ich vielleicht verkläre. Aber es ist meine Sehnsucht, mein Irrtum, mein Mangel, mein…
Worte haben eine unwahrscheinliche Kraft. Im Fall der Familie Mann haben sie uns Lesern Weltliteratur beschert, den Nächsten aber so manches Gefängnis mit gebaut. Eine Familie voller Urgewalten und Widersprüche, voller Zerrissenheiten. Wir aber kennen den Zauberberg, zum Beispiel, und klimmen über unsere eigenen Felsen.

Ein Werk, das bleibenden Wert besitzt, entspringt immer der Seele – als Ausdruck gewonnenen Friedens oder eines notleidenden Kampfes. Wahr wird er wohl auch deswegen, weil er geschrieben werden musste. Denkt der Leser, der den Schlüssel im Text ins eigene Schloss gelegt und ihn dann gedreht hat.


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Quellen: Die Zeit, Printausgabe, 22. Juli 2010:
“Das Fluchtloch im Buch”, von Insa Wilke (über Giwi Margwelaschwili) und
“Carla und ihre Brüder”, von Willi Jasper, über Carla Mann und ihre Familie und ihre Männer
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Vom Unvermeidlichen

∞  4 Juni 2010, 21:51

Das Buch “Der Knacks” von Roger Willemsen stellt mir nach 65 Seiten vor allem eine Frage, die ich im Grunde nach jeder Seite wiederholen könnte: Warum habe ich das Buch nicht längst zur Seite gelegt?
Nein! Es ist kein schlechtes Buch. Es ist so gut geschrieben, wie dafür das Leben, unser aller Leben, genau beobachtet wurde. Aber es beschreibt eigentlich bisher nichts anderes als unser permanentes Scheitern. Und das scheinbar Schlimme: Ich kann wahrscheinlich lange darauf warten, dass dieser Eindruck korrigiert wird. Denn er ist nicht falsch. Der Autor erzählt vielmehr in jedem Abschnitt Endlichkeit, Vergänglichkeit, Scheitern, Veränderung, Enttäuschung, Relativierung. Das alles wirft Falten im Gesicht. Manche Menschen mögen es später erfahren, andere sind – wie ich – mit vierzig grau und können noch ein bisschen kokettieren. In unserem Inneren aber knackst es ständig:
Unser Lebensentwurf enthält Sätze wie:
“Wenn ich gesund bleibe, dann…”
“Mit einem Quäntchen Glück”
“Wenn nichts dazwischen kommt”
Aber wir kalkulieren nicht damit, dass wir uns selbst dazwischen kommen. Die grössten Gefährdungen dieser Entwürfe sind innere. Sagt Willemsen. Und er hat recht.

Je älter wir werden, um so mehr werden wir uns bewusst, dass das Gefühl des Vergeblichen in allem lauert und die Überzeugung sich verdichtet, dass das Scheitern unvermeidlich ist. Am Ende haben wir eine ganze Menge geschafft, und sind an ganz vielem und immer am nächsten gescheitert.

Wenn ich dazu neige, gegen diese Sichtweise zu protestieren, so ertappe ich mich dabei, dass ich vergleiche: Ich mache Bilanzen, in denen ich das, was ich meine, “wert zu sein”, mit dem vergleiche, was ich meine, dass andere leben. Alles Blödsinn. Das Buch wird wohl darauf hinaus laufen, dass nichts übrig bleibt, als mit der zentralen Beobachtung dieses Laufs eines Lebens gelassen umgehen zu lernen. Damit das Tempo, mit dem uns die Zeit plötzlich immer häufiger zurück lässt, keinen Schrecken zurück lässt und wir stattdessen diese Furcht der davon eilenden Zeit mitgeben. Husch hinweg, und quäle andere. Die Welt, die wir zu drehen meinen, wird nicht wirklich von uns gesteuert.
Dies gilt, ohne Arbeit mit sich selbst, ohne Zuwendung zu diesen Prozessen, erst recht für unser Inneres. Wenn wir uns nicht dazwischen kommen wollen und stattdessen dem Unvermeidlichen unsere Neugier zuwenden, dann werden diese Unvermeidlichkeiten Teil einer Erfüllung. Der Lebenslehre. Auch und gerade, weil diese ohne den Tod nicht auskommt.




Verschiedene Spurenlegungen, ähnliche Funde

∞  24 Mai 2010, 21:36

Wir reden über Vieles zuhause, aber zwischen Thinkabout´s Wife und mir sind die faszinierendsten Dinge die, welche nicht besprochen werden, bei denen wir uns aber immer wieder treffen. Beide haben wir uns seit einigen Jahren Zeit geschenkt, und die nützen wir zu allerlei eigenen persönlichen Studien, zum Lesen (ich leider viel zu wenig) und schreiben (Sie leider nicht öffentlich). Klar aber ist für uns Beide, dass diese gewonnene Zeit auch eine Distanz schafft zu dem, was wir vermeintlich Alltag nennen: Es gibt weniger, ja fast nichts mehr, was so nebenbei erledigt wird. Alles bekommt mehr Gewicht, vielleicht Vieles auch erst einfach mal ein Fragezeichen angehängt. Braucht “es” das? So manches wird dabei seiner Nebensächlichkeit überführt, weil eben aus einer gewissen Distanz betrachtet jedes Gebäude anders wirkt, jedes Kleid sich in einer weiteren Umgebung verglichen sieht.
Das muss in keiner Weise bedeuten, dass man die Dinge nicht geniessen würde. Es ist wohl eher so, dass das scheinbar Nebensächliche mal ganz bewusst die Hauptrolle spielen darf, dass ein Abendessen mit Freunden zum noch grösseren Fest wird – dass sich die Gewichte verschieben. Aber es bedeutet auch, dass wir uns viel bewusster werden, dass das Leben an einem vorbeizieht, dass wir vorbei ziehen und dass wir – vergehen. Auf jeden Fall das, was wir mit “wir”, mit dem Ich in aller Regel “meinen”.

Wir tauschen uns gar nicht so häufig darüber aus. Dreissig Jahre Gemeinsamkeit haben uns auch nicht mundtot gemacht, aber wir haben wohl Beide eine Freiheit entwickelt, mit und damit auch nebeneinander den umtriebigen eigenen Fragen auf ganz verschiedenen Wegen nachzugehen. Die Bücher, über die ich Zugang zu mir finde, sind nach wie vor und wohl immer ganz andere als jene, in welchen meine Frau mit ihren Gedanken zu Hause ist und diese fliessen lassen kann, angeregt von jenem Schubser, der mit einem “Genau!” beginnt – oder mit einer neuen, lebendigen Neugier, die Raum bekommen darf.
Und so lesen wir zur Zeit auch wieder ganz unterschiedliche Bücher: Sie liest “Die drei Pfeiler des Zen”, herausgegeben von Philip Kapleau, und ich Roger Willemsens “Knacks”. Scheinbar völlig unterschiedlich, stellen sich beide Bücher der einen, alles durchdringenden Erfahrung: Wir sind vergänglich und wir vergehen.Und das, was wir “Glück”,“Ausgleich”, “Zufriedenheit” oder “Urvertrauen” und “Glaube” nennen, ist dadurch bestimmt, wie wir selbst mit dieser Tatsache umgehen. Unser Verhältnis zur Zeit als Docht, an dem unser Leben runter brennt, bestimmt, wie wir das Leben sehen, nehmen und leben können.

Und diese verschiedene Spurenlegung, der wir zwei folgen und die uns doch immer wieder zum Gleichen führt und mich die nächsten Jahre noch viel konzentrierter über dieses Phänomen nachdenken lassen wird, zeigt sich schön im Vorwort dieses Zen-Buches, indem erwähnt wird, wie Martin Heidegger meinte, der Begründer des Zen würde wohl genau dies ausdrücken, was er, Heidegger, selbst in seinen Schriften zu sagen versuche.
Wozu meine Frau trocken meint: Die Wahrheit bleibt immer die gleiche, auch wenn man sie komplizierter ausdrückt… Na, dann bin ich ja hinlänglich gefordert in den nächsten Jahren… Also… eigentlich immer. Denn ich habe Heidegger “gebraucht”, um auf die Spur zu kommen. Wobei ich nicht behaupten will, ich hätte ihn in der Tiefe verstanden. Aber wie heisst es so schön: Die Wahrheit sollte in einfache Sätze gegossen werden können. Denn wenn unser Geist dafür bereit ist, ist Wahrheit ganz bestimmt etwas, das alle Menschen erkennen und verstehen können.
Schliessen will ich hier mit dem Dalai Lama:

Ob wir nun Buddhisten sind oder nicht, können wir ja ruhig einmal darüber nachdenken, ob es das Ich, das in unseren Gedanken vorkommt, tatsächlich gibt.


Kompliziert? Vielleicht ja. Aber Bildung, Intelligenz, so wie wir sie in aller Regel verstehen, ist dafür nicht der Grund. Vielleicht ist sie, mit den einher gehenden Wertesystemen und “Zeitfüllern und -verdrängern”, gar ein Erschwernis auf dem Weg zu uns selbst?




Eine Frau Carla Armin in Not

∞  23 Mai 2010, 15:17





Bevor ich die letzte Woche verreiste, erreichte mich noch eine Anfrage, an einem Projekt zur Lancierung eines Buches mitzumachen. Da mir die Autorin bekannt ist und ich sie sehr schätze, habe ich zugesagt, obwohl mir die dazu schon gelieferten Erklärungen mehr als nebulös blieben – und ich schlicht keine Zeit mehr hatte, den Links, die mir dazu angegeben wurden, zu folgen.

Jetzt bin ich wieder Zuhause, und tatsächlich: Ich habe Post bekommen. Der 50. von 66 Briefen, welche die Geschichte einer Frau erzählen, lag in meinem Briefkasten, ein Dokument dieser Carla Arnim in Form eines Briefes an einen Hubert Neusius, der scheinbar ganz besondere Kommunikationsquellen anzapfen kann.

Carla scheint ziemlich verzweifelt zu sein, und so habe ich mich bereits ein wenig auf Nachforschung begeben und herausgefunden, dass – entgegen dem, was man vermuten möchte, wenn man ihren Kontakt zum Herrn Neusius bewertet – eigentlich eine sehr rationale Person ist, die auf der Sonnenseite des Lebens stand – bis zu jenem Tag in nun schon weiter Ferne der Vergangenheit, als sie ihr Kind verlor – ohne dass ihr jemand glauben würde…

Carla ist überzeugt, dass bei einem Spitalaufenthalt, der für sie nötig wurde, ihr Kind aus dem Übernachtungszimmer entführt wurde und stattdessen ein Kuckuckskind auf sie wartete, ein ganz armes Geschöpf, das kurz darauf an einer unheilbaren Krankheit starb. Das vermeintlich eigene Kind tot, von aller Welt betrauert, während die Mutter als einzige glaubt, dass ihr übel mitgespielt wird? Da kann die vernünftigste Person doch genau so verrückt werden, wie alle Welt schon längst meint, dass sie geworden sei: Verwirrt, von Trauer zerfressen, einer fixen Idee anhaftend…

Es gibt noch viel zu entdecken auf 66letters.net, und wenn Sie mögen, dürfen Sie herzlich gern mitraten und nachforsten. Auch Foren gibt es schon, in denen man sich austauschen kann.

Das ganze ist ein, wie ich finde, spannender Versuch, ein neues Buch übers Internet zu promoten und dabei die potentiellen Leser so einzubinden, dass sie sich selbst sehr aktiv mit der Geschichte beschäftigen, während sich diese erst ganz langsam und ein Stück weit zufällig nur Teil für Teil erschliesst. Und erstaunlich, wie zuverlässig offensichtlich die Briefe behandelt und hochgeladen werden. Denn dies ist ja ein Stück weit der Knackpunkt, auch wenn sicher für alle Teile Kopien in Reserve gehalten werden. Gemacht ist das Ganze sehr sorgfältig und mit sehr viel Liebe. Samt Poststempel, abgegriffen wirkendem Papier und weiteren sehr realen Details: So verwischen für die aktiven Mitspieler reale Post-Information und virtuelle Community zu einem Ganzen.

Wirklich ein interessanter Ansatz, die Neugier auf mehr zu wecken.




Buchweisheiten statt Informationseinheiten

∞  15 Mai 2010, 19:47

Ich habe in den letzten Tagen schon ein paar Mal über die Art von Information nachgedacht, die uns in den Medien vorgesetzt wird.

Machen Sie es auch so, wenn Sie die Zeit einteilen, die Ihnen zum Lesen zur Verfügung steht: Erst die Tageszeitungen, dann, allenfalls, ein Buch?

Ich versuche seit ein paar Tagen, das umzukehren. Ich lese zuerst ganz bewusst ein paar Seiten in einem Buch. Thema völlig egal. Natürlich soll es etwas sein, das mich interessiert. Wirklich interessiert. Bücher lese ich nicht, weil ich das Gefühl habe, ich müsste informiert sein. Es ist eben KEINE Zeitung. Ich bin mit Büchern, mit den Figuren und Gedanken darin viel schneller und viel selbstverständlicher eins als mit dem Geschwurbel der Tagesaktualität.
Auch Bücher werden von Menschen geschrieben, die eines Tages geboren werden, eine zeitlang leben und dann sterben. Wie wir alle. Wie auch die Herren Wissenschaftler, Spezialisten, Journalisten, Blogger und Experten. Unser aller Wissen ist höchst beschränkt. Die Art, wie wir darauf blicken und uns dessen auch bewusst sind, hat dann schon fast wieder mit Lebensweisheit zu tun. Bücher führen diesen Blick unaufgeregter zum Wesentlichen hin. Vielleicht ist dies die grösste Gerechtigkeit und der herrlichste Reichtum unter Menschen: Lebensweisheit ist etwas, das jeder Mensch mehr oder weniger lernen kann in der Art und Weise, wie er selbst durch sein persönliches Leben geht.

Es kommt mir so vor, dass die Art und Weise, wie wir unsere Weisheiten finden und formulieren, viel zu kompliziert ist. Wahrheit hat immer etwas entlarvend Einfaches: WENN mir etwas klar wird, dann gehört dazu immer die Verblüffung, wie einfach “es” doch ist. Oder scheint. Das Einfache setzen wir viel zu oft dem Verdacht aus, nur die Oberfläche zu sein. Dabei besteht die Kunst sehr oft wohl genau darin: Etwas als gegeben hin nehmen können. Einfach bleiben zu dürfen. Zu leben. Was, wenn die Art, wie ich atme, wichtiger wäre, als die Art meiner Gedanken? Ich schreibe es – atme anders und denke auch schon leichter. Anders. Irgendwie. Einbildung? Herzensbildung wohl. Nahe am Leben. Sauerstoff auch für den Geist. Wieviele Atemzüge machen wir bewusst? Man stelle sich vor, es gäbe ein paar hundert davon, jeden Tag. Meditation für den Körper. Und den Geist.

Ich lese dann noch ein wenig. Richtig. In einem Buch.




Tief atmend auf der Schaukel besonderen Mitgefühls

∞  17 April 2010, 21:41

Ich lese zur Zeit Atemschaukel von Herta Müller.

Das Buch ist in Szenen, Beschreibungen von einzelnen Wahrnehmungen aufgeteilt und erzählt von einem fünfjährigen Aufenthalt in einem stalinistischen Arbeitslager nach dem zweiten Weltkrieg. Kein leichter Stoff. Und doch lese ich darin regelmässig vor dem Einschlafen. Der allgegenwärtige Hunger und die darin zum Ausdruck kommende Menschenverachtung könnten depressiv machen.
Die Schilderung der sinnfreien Ödnis in jedem Tag ist ohne jeden Schnörkel – und doch ist es Poesie. Herta Müller erzählt in Ich-Form die Geschichte eines jungen Mannes. Wie sie es tut, ist keine Aufforderung, in Mitleid zu versinken. Es ist eine Poesie des Mitgefühls, die ein ganz persönliches Leiden offensichtlich macht. Und das ganz grosse Verdienst der Autorin, das sie für mich hat, ist, dass dieses Mitgefühl bei mir tatsächlich nie in Mitleid kippt. Ich bin einmal mehr erschüttert darüber, wie wir Menschen in der Lage sind, einander zu behandeln. Aber Herta Müller macht durch Ihre Einfühlung und Behutsamkeit in der Sprache aus dem Opfer einen Lehrer. Ich denke regelmässig:

Wenn es mir nur einmal gelänge, einen Tag so zu erleben, wie ihn Müller erleben kann: Ich lese mich in diese fremde Welt – oder an ihren Rand – und das erste Erkennen gilt meinem eigenen Bewusstsein: Hätte ich einen kleinen Funken mehr Verstand für die Schönheit in meinem Leben, und würde ich ihr mit der gleichen Achtsamkeit nachgehen, die hier eine Autorin zeigt, in dem sie vom Sehen, Riechen, Schmecken, Denken und Fühlen eines Menschen erzählt, dem sie sehr, sehr gut zugehört und zugefühlt haben muss – ich würde wohl vor Glück fliegen können, so reich und schwerelos ist mein Leben. Könnte es sein.

Wer tiefstes Leid ertragen muss, ist im übrigen, immer auch ein Lehrer. Und manchmal denke ich, dass wir, die wir einigermassen geistig gesund geblieben sind, das Vermächtnis für ein wirklich achtsames Leben für jene Menschen hoch halten sollten, welche immer verwundet bleiben werden…:

Seit meiner Heimkehr hat jedes Gefühl an jedem Tag seinen eigenen Hunger und stellt Ansprüche auf Erwiderung, die ich nicht bringe. An mich darf sich niemand mehr klammern. Ich bin vom Hunger belehrt und aus Demut uerreichbar, nicht aus Stolz.

Herta Müller: “Atemschaukel”, im Carl Hanser Verlag München




Das Opfergefängnis

∞  12 April 2010, 18:12

Wie begegne ich einem Opfer? Es ist im Grunde unmöglich. Dazu würde gehören, die Welt des anderen zu kennen. Wie soll das gehen, wenn die Dinge nicht ausgesprochen werden können? Erst geht es nicht, weil das Ding in einem festhockt, ganz tief. Später geht es auch nicht, weil man weiss, so wie es in einem hockte, genau so bockig wird es wo anders sich nicht enthüllen wollen. Das Ding gehört zu einem selbst. Es gibt nichts Persönlicheres, obwohl es etwas so Fremdes ist. Und dabei das einzige bleibt, was zu einem gehört. Man ist man. Und dieses Ding. Was sonst?
Herta Müller gibt in der Atemschaukel einem Opfer eine Stimme, und es ist eine unglaubliche Leistung, dass sie da eine Tür aufzwängt, durch die sich hindurch lugen lässt, ohne dass man sofort die Jacke über der Brust zusammen zieht. Man kann mit weinen – und kommt gar nicht in Versuchung, einmal zu sagen: “Ich verstehe.”
Aber es gibt da eine Ahnung – und die Beschämung, dieses nach innen gerichtete Heimweh nach der einzigen Orientierung, der man nur physisch entflohen ist, zu verstehen – weil man selbst auch immer mal wieder einem eigenen Kummer über Gebühr nachhängen mag:

Warum will ich nachts das Recht auf mein Elend haben. Warum kann ich nicht frei sein. Wieso zwinge ich das Lager, mir zu gehören. Heimweh. Als ob ich es bräuchte.





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