Vor dem anfahrenden Tag
Es ist früh am Morgen, viertel vor fünf. Ich nehme Abschied von meiner Frau und stehe nach ein paar kurzen Schritten in der Haupthalle des Hauptbahnhofs Zürich. Sie ist praktisch leer. Der Teer glänzt wie unter einer Speckschwarte. Keine Ansage über Lautsprecher . Es ist still. Die grosse Anzeigetafel hat die ersten Züge alle starr aufgelistet. Ganz oben links haben ein paar Verbindungen auch ein Gleis angezeigt. An zwei Perrons stehen Züge, deren Loks mich mit blinden Fenstern stumm anstarren. Vier, fünf Männer verlieren sich in der Halle, drücken sich an verschlossenen Läden vorbei. Ein einziger Schalter der SBB hat geöffnet, einen Angestellten dahinter sehe ich nicht. Selbst die Ticketautomaten scheinen noch zu schlafen.
Keiner scheint freiwillig hier zu sein und ich wäre verloren, wenn nicht alle Stille hier wüsste, dass es gleich losgehen wird mit dem Reisen. Wie mit einer Bewegung, die steife Muskeln zu lockern vermag. Mein Zug steht da. Ich ducke mich unter dem blinden Lokfenster hinweg und gehe den Bahnsteig entlang. Die Lichter im Zug sind an, die Tür reagiert auf mein Drücken, öffnet sich mir. Fast hätte ich “guten Tag” zu ihr gesagt, in die Leere, die sie in mir öffnet.
Man könnte meinen, im Abteil hätten sich Menschen versammelt, die vor der herbstlichen Kühle draussen geflohen wären. Ein junges Paar steckt die Köpfe zusammen, brütet über Reiseunterlagen. Deren Tourenräder stehen dahinter vor dem Abteil. Der junge Mann sieht mich und kommt auf mich zu. Ich lächle ihn an. Ob ich wüsste, wo man für die Fahrräder Tickets lösen könne? Na, am Billetschalter, meine ich, aber ich rate ihm, nach dem Zugbegleiter zu sehen. Die Zeit ist zu kurz für den Gang zum Automaten. In fünf Minuten beginnt der Bahnhof zu pulsieren. Der Mann huscht davon.
Im Abteil daneben sitzt ein schmaler, scheuer Mann mittleren Alters, mit dunklen Augen, deren unsicherer Blick nicht von mir weichen will. Ich schaue zurück. Er will mir sein Ticket zeigen. Nein, ich bin nicht der Schaffner. Ob ich ihm sagen könne, dass mit seinem Ticket alles in Ordnung sei? Ich schaue es mir an. Eine Tageskarte. Bis 05h45 heute. Alles korrekt. Ich beruhige ihn. Er lächelt nur schwach zurück und lässt sich, nicht wesentlich entspannter, zurück aufs Polster fallen, wo er in sich versinkt.
Dann geht ein Ruck durch die Bänke, und wir fahren neben einander her zum Flughafen. Ich weiss nicht, wer von uns den Tag begrüsst, oder ob er einfach über uns alle kommt und uns einpackt in die anfahrende und wegfahrende Zeit.
Vor dem Fenster beginnen die Wege und Strassen vorbei zu gleiten bis sie nur noch tanzende graue Schatten sind. Das Tempo wird höher. Ich schliesse einen Moment die Augen und wende mich meiner Lektüre zu. Ich lese:
Unsere Gedanken zum Reisen sagen uns viel über den Zustand, in dem wir uns befinden.
°
Zeit und Leere
und
Prosa[isch]
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