Zum heutigen Tag
Dies soll keine Predigt werden. Ein christlicher Beitrag darf es aber schon sein:
Dieser Tag ist nicht der wichtigste für die Christen, aber einer der Schönsten. Und er enthält eine Botschaft, welche uns wie keine andere dazu einlädt, ganz Mensch zu werden und uns darin auch (selbst) zu lieben.
Ein Vater verbindet mit seinem Sohn ganz besondere Gefühle, die er wohl erst kennen lernt, wenn er tatsächlich einen Sohn bekommt. Plötzlich haben alle Dinge einen ganz neuen Wert. Das Wort “Zukunft” bekommt einen neuen Sinn. Niemandem wünscht Mann so sehr Erfolg, Fortkommen, Glück und Sicherheit wie seinem Sohn. Ihm will man die besten aller Voraussetzungen schaffen. Projektionen sind oft die Folge, die Gefahr dazu liegt auf jeden Fall in dieser Art Liebe mit verborgen und drückt eigentlich nur aus, wie alles umfassend der Wunsch danach ist, dass für ihn alles zum Besten bestellt ist.
Wenn nun also Gott seinen Sohn in den Dienst der Menschen stellt, und uns damit selbst zu seinen Kindern macht, so liegt darin eine Freisetzung von selbstloser Güte, für die es gar kein grösseres Bild geben kann. Die Botschaft ist von einer unfassbaren Intensität. Lassen wir uns darauf ein, so wird Nächstenliebe aus tiefster Überzeugung keine Aufgabe mehr: Sie wird zum Nächstenwunsch. An Weihnachten kann ich gar nicht anders, als aus tiefster Überzeugung die Liebe zu wagen. Und dabei nach jener Liebe zu forschen, die auch in der Bergpredigt beschrieben wird und im Korintherbrief 1.13.
Es ist die Form der Liebe, die nichts erreichen muss, keine Gegenleistung und Erwiderung erhofft, nichts berechnet, nichts braucht, die genährt wird aus dem eigenen Erleben und Empfinden einer innersten Geborgenheit. Es ist eine Liebe, die wie der Samen einer Frucht dem Wind folgt und stets die Erde sucht, in die sie sich fallen lassen und in der sie Wurzeln schlagen kann. Sie bekommt ihre Kraft genau so, wie sie diese weiter gibt:
Ich stehe innerhalb eines gewaltigen Ganzen, das jene zu Brüdern und Schwestern macht, die mir in genau dieser Art Selbstlosigkeit ihre Liebe und Zuneigung schenken und damit zum Nektar, zum Wasser, zur Sonne werden, die meine Frucht erst möglich machen. Ich darf in jedem Moment die Chance sehen, meiner Selbstbestimmung, meinem innersten Wesen näher zu kommen. Ich werde mancher Liebe des Augenblicks nicht gerecht, aber alles, was ich empfange, kann sich in mir zu einer Haltung vertiefen, in der ich es vermag, den Menschen um mich ohne Aufrechnung von Gegenleistungen mehr und mehr Kamerad für Ihr eigenes Werden zu sein. Bin ich ganz bei mir, so ist nichts an mir, was mich anderen Schlechtes wünschen lässt. Will ich Mensch werden, so kenne ich keine Falschheit, will ich keine Täuschung – schon gar nicht von mir selbst. Wenn ich so von Gott geliebt werde, wie es mir das biblische Wort verheisst, so habe ich keine Angst, mich in allen meinen Schwächen zu betrachten. Denn es ist alles gut, so bald ich darin meinen Moment erkenne, von dem aus ich mich weiter entwickeln kann. Gott traut mir ganz offensichtlich eine Menge zu. Und doch fordert er nicht zuerst eine Leistung. Was ich werden kann, entsteht vielmehr ganz von allein, sobald ich erkenne, wer und was ich bin und sein kann. Mit dem geduldigsten und liebevollsten Lehrmeister an meiner Seite, den sich ein Mensch nur denken kann.
Wenn Sie diesen unseren Glauben nicht teilen können, wenn Sie sich aus diesem Text zwangsläufig ausklinken müssen, weil Ihnen diese Gedanken fremd sind, so verstehe ich das sehr wohl. Aber bedenken Sie eines: Viele, nicht nur religiöse Geschichten, beschreiben das menschliche Vermögen zu einer Art der Liebe, welche Menschen mit einander über alle Formen der Zwietracht hinaus versöhnen kann. Und nichts lässt sich in der Welt weniger ausrotten als dieser immer wieder neu erwachende Mut der Menschen, diese Form der Liebe zu wagen.
Möglich, dass Sie das als Schwärmerei betrachten, dass in Ihnen der Skeptiker, der Zyniker oder schlicht die Depression der ständig gegenteiligen Erfahrung diese “Naivität” nicht zulässt. Dennoch werden Sie sich vielleicht sagen: “Schön, wenn es doch so wäre.”
Ich entgegne: Wenn wir sagen: “Die Welt ist nicht so”, dann mögen wir sie tatsächlich nicht so wahrnehmen. Aber wir können sie weiter gestalten. Wir können sie besser machen (und wir können sie auch neu sehen). Und dafür gibt es den Trost und die Kraft der ganz kleinen Schritte. Glück, das Erdung ist, lässt sich entdecken. Es ist da. Wir müssen es nur lernen. Mit dem Mut, nach der Stimme unserer eigenen Seele zu lauschen. Dass wir das, was wir dabei erfahren, verschieden ausdrücken, ist kein Grund zur Verwirrung. Es ist eine Vielfalt, die ich als Geschenk empfinde: Und die Wahrheit, die wir entdecken und verinnerlichen können, ist so kostbar, dass es der Wege dahin gar nicht genug geben kann.

