Wir sind desinformiert - wie sehr, können wir gar nicht wissen
Als zu Beginn dieses Jahrtausends (klingt einfach gut…) Blogs allmählich zum Thema wurden und die Möglichkeit, dass auf diesem Weg jeder Bürger erstens seine Meinung kund tun und zweitens bestehenden Meinungen und Informationen widersprechen konnte, löste das Faszination und Euphorie aus. Es stellte sich das Gefühl ein, dass im Netz ein Stück Demokratie entstehen und das Recht auf Information neues Gewicht bekommen würde.
Doch sehr schnell verbrauchten wir unsere Energien in Grabenkämpfen. Der etablierte Journalismus wusste nicht mit uns Bloggern umzugehen. Er kritisierte nicht zuletzt das beanspruchte Recht auf Anonymität, während Blogger mit Recht darauf hinwiesen, dass in Meinungsdebatten Inhalte und damit Argumente zu zählen hätten, und nicht Namen. Anonymität konnte Schutz bedeuten und damit Vielfalt in der Debatte – sie wurde aber auch sehr oft missbraucht. In diesem ganzen HickHack wurde mir die tiefere Problematik in diesem Widerstreit zwischen etablierten Medienvertretern und der freien Bloggerszene gar nicht bewusst: Die Legitimation einer Information lässt sich kaum bestimmen.
Lese ich in einem Blog von Fakten, die ich nicht oder nur mühsam verifizieren kann, stehe ich vor dem Problem, dass ich die Hintermänner nicht kenne, die Beweggründe vielleicht abschätzen kann, aber nicht wirklich erahnen kann, wie viel Manipulation in der Information steckt. Und die Manipulation beginnt ja, ehrlich gesagt, nicht bei der Färbung einer Information, sondern beim Filtern: Was unterschlage ich, was gewichte ich wie, welchen Tönen gebe ich wie viel Raum? Blogs wurde oft vorgeworfen, sie würden eine Art Amateurbetroffenheitsjournalismus glorifizieren. Das stimm ja auch. Es gibt unzählige Blogs, die aus einer bestimmten Erfahrung heraus eröffnet werden und die sich dann einem einzigen Thema widmen. Womöglich sind sie dadurch gehaltvoller als manche Allerleibloggerei, wie sie auf diesen Seiten zu finden sind – weil der Leser genau weiss, was er thematisch kriegt, jetzt und in Zukunft. Nur: Wie werten? Wie die Ethik dahinter erkennen, die persönliche Selbstkontrolle des Schreibers, der vor dem ersten Satz mit sich selbst ausmacht, welche Art Ausgewogenheit oder Unausgewogenheit er verfolgen will?
Ist das Blog bewusst parteiisch und unausgewogen, ist es übrigens deswegen nicht “schlecht” – wichtig ist dann nur, dass es auch erkennbar ist und man als Leser weiss, ich bekomme die eine Seite vorgesetzt. Meinungsblogs sind hierbei, wie gesagt, genau dazu da. Schwierig wird es, wenn wir Fakten transportieren. Wie soll der Leser sie verfifizieren. Heute können selbst Dokumente getürkt werden bis zum Gehtnichtmehr. Und wer, bitteschön, hört im weltweiten Web wirklich auf den Pups von Hänschen Müller? Es gibt kaum ein Schweizer Blog, das vom persönlichen privaten Engagement eines Einzelnen lebt, das wirklich eine Stimme im Netz hätte.
Die etablierten Medien haben sich längst des Formats bedient und Blogs zu einem Teil ihres Gesamtauftritts gemacht. Und mancher Blogger, der selbst angefangen hat, schreibt heute für diese Medien. Wogegen an ich überhaupt nichts zu sagen ist. Das Problem liegt tiefer – und legt sich gleichzeitig über die Oberfläche:
Woher beziehen wir alle unsere Fakten? Auf was gründen wir unsere Meinungen? Wer entscheidet, was in welcher Zeitung steht? Die verlässlich objektiv ausgelegte und dargestellte Faktenlage gibt es nicht. Es hat sie, ehrlich gesagt, nie gegeben – und besser ist das bestimmt nicht geworden. Wir haben ein weltweites Informationsnetz und eine riesige Fülle an Informationen, bei denen niemand mehr zu sagen weiss, wie viel Desinformation in der Information steckt. Das ist mit dem Internet nicht besser, sondern viel schwieriger und unübersichtlicher geworden, und entsprechend gross ist die Verlockung, über das Internet und alle weiteren Medien zu manipulieren.
Die USA haben Bild“beweise” für das Waffenarsenal von Hussein geliefert – und dabei wurde nicht nur der Wahrheitsgehalt manipuliert, sondern bestimmt auch darauf Einfluss genommen, wie diese Informationen im Netz transportiert wurden. Und indem wir “teilen” per Twitter, Blogs und Facebook, sind wir wohl sehr oft Handlanger einer bestimmten Partei – und nicht immer machen wir das bewusst. Eine Viertelstunde später buchen wir ein Hotel im Netz und prüfen die Bewertungen – und müssten doch annehmen, dass auch sie manipuliert werden. Denken wir das zu Ende, müssen wir sagen: Nicht mal meine Meinung ist frei. Denn wie ist sie entstanden?
Ich hatte mal Staatskunde. Darin habe ich gelernt, dass es drei Staatsgewalten gibt, Legislative, Exekutive und Judikative. Und eine vierte Macht im Staat: Den Journalismus. In der direkten Demokratie höchst zentral. In jeder Staatsform, in welcher Bürgern irgend eine Frage stellen und eine Beurteilung vornehmen können sollen. Heute bin ich mir nicht sicher, ob Journalisten überhaupt noch zwingend mit dieser Ethik je in Berührung kommen? Auch hier trägt das Internet seine Schuld dazu bei: Die Leichtigkeit, mit der Information per Netz hergestellt und transportiert werden kann, hat zu so viel Kostendruck geführt, dass Redaktionen weltweit aus Wirtschaftlichkeit die Bestände ausdünnen müssen. Das führt schon faktisch dazu, dass weniger Fakten beschafft oder verifiziert werden können – und es bedeutet auch, dass sich die Stossrichtung eines Mediums immer mehr dem Investoreninteresse unterzuordnen hat. Und die Öffentlichrechtlichen? Sei modifizieren die Erhebung der Gebühren und ziehen sie von uns allen ein – die Berechtigung dazu liegt in deren “service public”, der zu ihrem Grundauftrag gehört. Sowohl in der Schweiz wie auch in Deutschland sind diese Sender zu einer ausgewogenen Berichterstattung verpflichtet und wären also so was wie die vierte Macht im Staat, getreu der ursprünglichen Absicht und in Korrektur zu den Mechanismen des freien Marktes, unter denen früher oder später jeder aktiv der Demokratie zugeneigte Bürger begraben wird. Doch wie sind denn diese öffentlich rechtlichen Sender in Deutschland aufgestellt, wie werden sie geführt und kontrolliert? Die Diskussionen über ARD und ZDF und zu den dritten Programmen kommen immer mal wieder auf, und der Schock sitzt dann tief, wenn deutlich wird, wie viele Teile der öffentlichen Information vorab gefiltert werden, bevor sie uns in den meist gesehenen Sendungen des deutschen Fernsehens als Nachrichten präsentiert werden.
Der eigentliche Auftrag verkommt in harmlosen Fällen zu einer Art Sendungsbewusstsein, bei der sich Journalisten dazu versteigen, eine Art Lehrer der Nation sein zu wollen – sehr oft aber geht es viel tiefer. Kein Wunder, wenn Teile der Exekutive in Aufsichtsgremien solcher Sender sitzen können, wenn überhaupt Parteienkraft Teil des Medienangebots ist.
Wie also sollen wir uns überhaupt informieren können?
Ich weiss darauf keine Antwort.
Interessant aber sind solche Schritte schon, mit denen einzelne Bürger einen Stachel ausfahren, an dem sich der öffentliche Apparat dann erstaunlicherweise nicht pieksen will:
Die GEZ heisst heute Rundfunkbeitrag, gemeint ist hier die Gebühr, die jeder Wohnungsmieter in Deutschland für das öffentliche Rundfunkangebot zu zahlen hat. Es wird automatisch erhoben, und theoretisch sieht das Gesetz Ordnungsstrafen bis zu einer Mio Euro vor (!), wenn diese Beiträge nicht bezahlt werden. Interessant aber ist, was geschieht, wenn Bürger die Bezahlung des Rundfunkbeitrags verweigern, weil sie damit argumentieren, dass dieser Rundfunk seinem Grundauftrag einer ausgewogenen Berichterstattung nicht nachkommt: Es geschieht nämlich – nichts. Es sieht so aus, dass die Rundfunkanstalten in keinem Fall riskieren wollen, dass in einer gerichtlichen Auseinandersetzung öffentlich festgestellt wird, wie sie es denn z.B. mit Paragraph 11 des Rundfunkstaatsvertrags tatsächlich halten.
Portale wie die Propagandaschau propagieren genau das: Die Beitragsverweigerung – mit der Hoffnung auf eine Debatte, die den öffentlichen Rundfunk nicht zerstören soll, sondern ihm die Bedeutung und Aufgabe wirklich zusprechen soll, für die er nach den schönen Buchstaben des Gesetzes und der Grundlagen der Demokratie eigentlich vorgesehen wäre.
![]()
