Vom Umgang mit einer Silbermedaille
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Von der Kunst, als Zweiter glücklich sein zu können.
Er hat sich diesen Titel eines Olympiasiegers so sehr gewünscht, versteht sich Roger Federer doch immer auch als Sportler der Schweiz. Vielleicht zu sehr, vielleicht verkrampft er dabei um eine Spur. In den Ohren gelegen haben dürften ihm zudem die Journalisten, die ihm vorrechnen konnten, dass ihm dieser Titel noch fehle. Als wenn er das nicht wüsste. Wie gross muss da die nervliche Anspannung im Halbfinal gegen Del Potro gewesen sein, unbedingt mti einem Sieg diese Medaille sicher zu stellen. Wie man heute sah, hat er dabei viel körperliche und vor allem mentale Kraft gelassen, und die Erlösung, eine Medaille auf sicher zu haben, kam vielleicht zu früh. Vor allem aber hat er heute gegen einen phantastisch spielenden Murray verloren – und es tat der ganzen Siegeszeremonie gut, dass Federer sich seien Enttäuschung nicht anmerken liess und seine Silbermedaille sogar küsste. Diese Geste macht deutlich: Ich habe die Medaille. Und dass dieser Seriensieger sich in einer solchen Situation mit dem zweiten Platz anfreunden kann, mag man erwarten können – aber selbstverständlich ist es nicht.
Und doch kommt genau das in den Interviews nach dem Match auch zum Ausdruck. Federer sagt von sich selbst, er wäre ein sehr positiver Mensch. Und tatsächlich, das macht ihn erst recht zu dieser ganz besonderen allseits respektierten Ikone aus Fleisch und Blut, der wirklich von allen respektiert wird. Ich bin sehr stolz, aus dem gleichen Land zu stammen wie er.
Man betrachte sich nur mal die Fussballer, welche die Unsitte entwickeln, nach einem verlorenen Finale die Silbermedaille nicht mal umzuhängen sondern sie gleich in der Hosentasche verschwinden zu lassen, als wäre sie eine Schande. Das ist – nicht zuletzt – auch eine Missachtung vor der Leistung des Gegners. Dass es Sportreporter gibt, die dafür auch noch Verständnis aufbringen, ist nun definitiv ein Zeichen, dass sich auch hier unsere Gesellschaft verändert hat – die Vergötterung des Siegers kennt keine Grenzen mehr, die Missachtung aller übrigen scheinbar auch nicht.
Da setzte gestern eine andere Athletin einen wunderbaren Kontrapunkt: Die Schweizerin Nicola Spirig sah in einem langen Zielsprint wie die sichere Siegerin im Triathlon aus, als die Schwedin Lisa Norden immer näher kam und aufschloss und sich mit der Schweizerin ins Ziel warf. Wäre das Rennen einen Meter später zu Ende gewesen, die Schwedin wäre vorn statt eine lächerliche Hundertstelsekunde hinten gewesen. Und das stand auch noch erst nach quälend langen Minuten fest. Dennoch sah man danach, auch bei der Siegerehrung, eine glücklich strahlende Lisa Norden. Das ist wunderbar. Das ist Sport – und das ist eine Einladung an uns alle, die Platzierten wieder mehr zu ehren. Sie leisten Wunderbares – auch in der Achtung eines Verdikts, eines Resultates, und in der Tatsache, dass ein zweiter Platz ein Sieg sein kann. Ich werde zukünftig bei Triathlon-Wettkämpfen nachfragen: War Lisa Norden dabei? Wie ist es ihr gelaufen? Und wenn sie ein grosses Rennen gewinnt, dann werde ich mich ganz wahnsinnig mit ihr freuen!
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