Vom Ausdruck, und was ihm voraus geht
Der Mensch sollte alle seine Werke zunächst einmal in seinem Herzen erwägen, bevor er sie ausführt.Hildegard von Bingen
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Hildegard von Bingen
Ja! Aber wenn dann die Gedanken immer konkreter sich um dieses Werk, dieses Projekt zu drehen beginnen, dann braucht es manchmal auch den Anstoss, vielleicht auch ein bisschen Mut, dass man es beginnt und damit sichtbar werden lässt, was in einem selbst schon Gestalt angenommen hat. Es ist gut, eine Idee in sich zu prüfen und sie entsprechend reifen zu lassen, weil man sich dabei die Überzeugung und die Kraft holt, das Gedachte, Empfundene und still Entwickelte auch in eine Form zu bringen. Ein Blog als Werk zu bezeichnen, ist sicher ein bisschen hochtrabend, aber das Wort passt auch auf ein solches Projekt sehr gut:
Ein Blog ist schnell begonnen, der technische Aufwand für eine Grundkonzeption ist minimal und es gibt die Ausführung ab Stange. Das verführt zu Schnellschüssen – und ist der Anfang vom Ende, weil dann ganz bestimmt die Ausdauer, das Feuer und die inhaltliche Tiefe fehlt, um ein solches Gefäss dauerhaft mit neuem Material zu füllen. Hingegen kann es auch ein Teil der echten Freude und Lust sein, dass einem Blog auch die ständige Entwicklung, die Möglichkeit zur Anpassung und Veränderung innewohnt – ein Blog ist geradezu darauf angelegt, mit dem Betreiber zu wachsen und seine Form zu finden. Dennoch wird man merken, dass der Samen zu Beginn gesund sein muss: “Mal eben so” – das wird nichts Ganzes.
Mit Thinkabout hatte ich das Glück, meinen immer wiederkehrenden Schreibimpulsen endlich eine Form geben zu können, ein Zuhause. Und ich fühle, dass mir das mit Lookabout wohl ganz ähnlich gehen wird. Der grösste Segen, die tiefe innere Freude besteht bei Blogs eigentlich aus dem “Zwischendrin”: Nach dem Eintrag ist vor dem Eintrag – ob schreibend oder fotografierend – ich schaffe mir einen Antrieb, meiner Lust nach Ausdruck immer neuen Raum zu geben. Es ist also, ich gebe es zu, ein ganz gehöriger Ego-Trip. Dem Künstler wird er verziehen. Er autorisiert seine Beschäftigung mit seinem Leben durch ein Grundmass an Anerkennung – oder er setzt es voraus. Der Blogger tut’s einfach, ohne jemandem weh zu tun, mit wenig finanziellem Aufwand, solange er seine Zeit gratis einrechnet.
Manchmal wünschte ich mir natürlich, vom Schreiben und Fotografieren leben zu können. Aber was wäre das für ein Leben, wenn die Angst, Ansprüchen nicht zu genügen, den eignen Ausdruck behindern, ja verhindern würde?
Ich habe vor Menschen, die ohne alle Kompromisse alles auf ihre kreativen Talente setzen, einen sehr grossen Respekt. Es ist eine sehr harte Schule, mit den im Herzen zuvor erwogenen Werken, sind sie dann real erschaffen worden, nicht gefallen zu können, keine Beachtung zu finden. Und hinter so manchem heute erfolgreichen Künstler steht eine Geschichte von Jahrzehnten in der scheinbar ewigen Versenkung in der Nichtbeachtung. Und eine Legion von Künstlerkollegen, die tatsächlich nie aus diesen Tiefen aufsteigen.
Und trotzdem sind sie alle ein Teil der Bedeutung der Kunst: Sie suchen nach dem Leben, sie haben vielleicht nichts, aber immer die eigenen Fragen im Herzen, die sie erwägen, drehen, wenden, um sie dann mit ihrer Kreativität für uns zu übersetzen.