Jede Schreibblase hat eine Wirkung
Das Internet abstellen? Es “besser” kontrollieren? Und wie? Eine endlose Diskussion. Derweil bewegen wir uns weiter im Netz. Und haben mehr Eigenverantwortung, als wir vielleicht denken.
Im Zusammenhang mit dem “politisch motivierten” Massenmord in Norwegen wird viel über die notwendigen Konsequenzen diskutiert, und nicht selten wurde die Forderung laut, das Internet müsste stärker überwacht werden, damit solchen Irrlichtern frühzeitig die Glühbirne abgedreht werden könne.
Glauben Sie mir: Wenn Sie die Moderatoren – so es sie denn überhaupt gibt – für Kommentarfunktionen auf News-Portalen befragen, dann werden Sie schnell zu hören bekommen, wie unerhört schwierig es ist, reisserische, im Ansatz fremdenfeindliche Kommentare richtig einzuschätzen und die immer gleiche Grenze “richtig” zu ziehen: Nur schon die Frage, ob ein Kommentar gelöscht werden soll oder nicht, ist nur scheinbar einfach zu beantworten. Denn eine wirre Ausdrucksweise allein darf nicht das Kriterium sein, einen Kommentar zu löschen.
Es ist das gleiche Dilemma wie in jeder Diskussion: Intellektueller Tiefsinn als Kriterium für oder gegen den Lösch-Button ist schnell mal reine Diskriminierung. Und je beachteter eine Plattform ist, um so kritischer ist eine subjektiv gefärbte Selektion.
Eine andere Frage ist die Überwachung extremistischer Auftritte und Verlautbarungen im Netz. Zu erwarten, dass eine Korrekturbehörde das Netz regelmässig scannen und zweifelhafte Inhalte sperren könnte, ist utopisch: Dieses Heer an notwendigen Supervisoren ist nicht zu bezahlen.
Einfacher umzusetzen wäre Folgendes: Jede Web-Seite müsste einen Button mit hinterlegtem Link zu einer Ombudsstelle haben, der es so leichter machen würde, stossende Inhalte zu melden. Dies wäre das gleiche Prinzip, wie es einige Betreiber schon intern für die eigenen Foren anwenden. Ein solches zwingend vorgeschriebenes Verfahren würde noch immer dazu führen, dass 95% der Meldungen nur erfolgten, um missliebigen Internetgängern eins auszuwischen, aber es würde den Aufwand für die Überwachung des Webs vermindern und könnte dazu führen, dass dynamischer und zahlreicher interveniert werden kann – wo es eben nötig ist.
Schwierig bleibt es in jedem Fall. Man stelle sich vor, die politischen Umstände in einem Land verändern sich – wie schnell kann hier jede eingerichtete Überwachung neu und anders instrumentalisiert werden. Es bleibt wohl dabei, dass wir für den Preis einer freien Nutzung des Internets an unsere Selbstverantwortung erinenrt werden müssen:
Danach gilt, dass wir mit jedem Kommentar, mit jedem Blog-Artikel, mit jeder Kolumne und Reportage in einer bestimmten Weise in den Äther hinaus rufen. Und wir sollten dies immer in der Weise tun, wie wir selbst Kritik auch annehmen und bedenken können. Es ist ein Irrtum, zu glauben, auch nur ein Wort, das wir ins Netz entlassen, wäre folgenlos. Erst einmal beschäftigt uns jede Aussage selbst, und wir haben es in der Hand, ob unsere Wut, unser Hass, der Ärger oder das Lob reisserisch, respektlos oder kontrolliert formuliert wird – und entsprechend hat das auch Wirkung, mögen wir auch keine unmittelbaren Reaktionen bekommen, um es auch überprüfen zu können. Noch einmal für uns selbst: Wenn ich jemanden anschreie, mache ich ihn für meine eigene Wut verantwortlich – ohne dass sie kleiner würde. Formuliere ich sie so, dass in ihr eine begründete Anklage liegt, und liegt eine Widerrede für mich zumindest im Bereich des Denkbaren, so bin ich schon nahe daran, eine Diskussion anzubieten.
Und da müssen wir doch wieder hinkommen. Wir nützen diesbezüglich die Möglichkeiten des Internets viel zu wenig. Und wir verlieren allmählich die Fähigkeit zum sachlichen Streiten. Wie wir in den Wald hinein rufen, so tönt es zurück. Dieser alte Spruch gilt erst recht fürs Internet. Wer immer einmal ein Blog betrieben hat, wird bestätigen können, dass man wahrnehmen kann, wie das eigene Schreiben den Tonfall und Stil der Kommentare beeinflusst.
Es ist also nie nebensächlich, WIE wir was sagen. Und das will ich mir als lustvoller Rhetoriker sehr wohl auch selbst wieder fest zu Herzen nehmen.
