Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Verletzter Stolz will immer aufbegehren

∞  1 Juni 2008, 00:24

Dies ist nicht wirlich ein Beitrag über Fussball. Sondern einer über die Macht des verletzten Stolzes. Und damit ein Versuch, einem Antihelden gerecht zu werden.

Marco Streller ist das, was man einen langen Lulatsch nennen kann. Der Stürmer des FC Basel ist sehr gross und schlank, ein Schlaks. Grosse Spieler wie er oder sogar ein Jan Koller aus Tschechien (2m02) bewegen sich nicht nur im Tennis oft im Vergleich mit ihren Antipoden ungelenk, wirken in ihren Aktionen eckig. Sie fallen also auf und müssen sich daher quer durch ihre Karriere bestimmt schneller als andere Häme gefallen lassen, wenn es mal nicht so läuft.

Fussballspieler ganz allgemein sind zudem naturgemäss meist eher jung (Streller etwa 25). Da kann die Strategie gegen zuviel Kritik durchaus vorwärts gerichtet sein, und so ist Marco S. kein stiller Vertreter seiner Zunft. Basler kommen in der Schweiz im allgemeinen besser an als Zürcher, es sei denn, sie sind (zu) erfolgreich (Zürcher sind auch unbeliebt, wenn sie keinen Erfolg haben). Dann kann man es nicht nur in St. Gallen schwer haben, wo nicht nur die Fussballer jung und nicht so erfolgreich sind (soeben in die 2. Liga abgestiegen), sondern auch das Publikum: Zuweilen kann man schon den Eindruck gewinnen, dass in St. Gallen noch etwas mehr als anderswo Animositäten im Stadion ausgelebt werden wie wenn man bzw. kind sich auf einem Pausenplatz befände.

Die Schweiz spielt also ihr letztes Vorbereitungsspiel vor der Heim-EM in der neuen AFG-Arena in St. Gallen vor ausverkauften Rängen in Rot-Weiss. Streller bereitet das erste Tor von Alex Frei uneigennützig und mustergültig vor. Nicht nur Frei, der an diesem Abend zum Rekordtorschützen der Schweiz avanciert, wird frenetisch gefeiert: Wie es sein soll, wenn man sich Mut für eine kommende Herkules-Aufgabe machen will, wird jeder Spieler beklatscht, wenn er ein- oder ausgewechselt wird. Nur einmal tönen Pfiffe durchs Stadion; sie gelten Streller, als dieser nach knapp 60 Minuten vom Platz geht.

Streller ist Stürmer beim neuen Schweizer Meister FC Basel. Er hat manchmal eine laute Klappe, und er gehörte vor allem zu den versagenden Penaltyschützen gegen die Ukraine 2006, im Achtelfinal der WM in Deutschland. Den züngelnden Streller mit den nervös unstet hin und her springenden Augen hat die ganze Schweiz aufgesogen als Hinterkopfbild, unauslöschbares Mahnmal einer Peinlichkeit. Vergessen haben wir, dass eben dieser Streller ein paar Monate zuvor gegen die Türkei die Nerven behielt, als er in Istanbul auf den Torhüter zulief und treffen musste, um der Schweiz den nötigen letzten Atem zu geben, um in jenem Skandalspiel zu bestehen. Streller traf – und schaffte damit die Voraussetzungen für seine spätere eigene Tragödie. Die er mit anderen teilte.

Vergessen ist auch der Respekt gegenüber einem Spieler, der sich in einem Nati-Trainingslager das Schienbein brach und sich zurück kämpfte, vergessen auch der Respekt vor seiner Leistung in der Schlussphase der Meisterschaft, als er abermals verletzt kaum wieder auf dem Platz sofort der Stabilisator und Garant für Tore war und einem Valentin Stocker ein kongenialer Partner war, so dass nicht wenige den 19-jährigen allen Ernstes an die EM mitnehmen wollten.

Es scheint Strellers Schicksal zu sein, dass dieser manchmal etwas unreif und schnodderig wirkende Spieler für Trainer sehr wohl sichtbare sehr wertvolle Arbeit verrichtet, die andere dazu nutzen können, um zu glänzen, während Streller selbst immer ein wenig der schwarze Peter bleibt.

Stellen Sie sich vor, sie bereiten sich mit 22 Kameraden mit dieser Geschichte auf die Europameisterschaft im eigenen Land vor. Und das ganze Land holt an diesem Abend tief Luft und feiert die Vorfreude auf das Ereignis. Alle machen sich gegenseitig Mut, jeder soll Selbstvertrauen tanken. Nur Ihr Befinden scheint den Zuschauern egal. Im allgemeinen Jubel werden Sie selbst ausgepfiffen.

Ich habe schon sehr viel weniger gebraucht, um in meinem Stolz zutiefst getroffen zu werden und zu sagen: Ohne mich!
Streller ist auch zu diesem Schluss gekommen. Für die Zeit nach der EM. Die will er sich nicht nehmen lassen, die hat er sich verdient. Und in Basel werden sie ihn nicht auspfeifen. Da wird er Teil des Teams sein. Oder sogar mehr. Denn in Basel ist er so was wie das Maskottchen der Stadt.

Es wäre schön gewesen, er hätte mit diesem Bewusstsein den Frust ausgehalten und keine Unruhe im Umfeld ausgelöst. Jetzt darf endlos debattiert werden. So dachte ich zuerst. Aber: Streller ist ein sensibler Spieler. Er kam bei Stuttgart nicht zurecht, hat unter Trainer Gross aber sofort wieder Fuss gefasst. Er braucht Vertrauen, Support, Kredit. Und dann ackert er für die Mannschaft. Er läuft nicht so viel wie Frei. Aber er steckt garantiert mehr Tritte ein, bindet Gegenspieler und schafft damit Räume, durch die andere durchstossen können.

Die Truppe ist im Begriff, sich zu finden. Sie wird hoffentlich mit dem Publikum zusammen zur Konklusion kommen: Jetzt erst recht alle zusammen für einen und alle.

Nur so kann die Schweiz bestehen. Mit Marco streller. Danach wird Hitzfeld die richtige Lösung finden. Dieser Mann hat schon ganz andere Egos gepflegt.

Zum Schluss an Sie die Frage, auch wenn es nur ganz im Stillen ist: Wie hätten Sie reagiert, steckten Sie in Strellers Haut?


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