Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Morgen-Meditation

∞  17 Februar 2007, 15:49

Mein beruflicher Abstecher nach Frankfurt hat mir Begegnungen mit Kollegen aus anderen Kulturkreisen geschenkt. Der eine kommt aus Istanbul, der andere ist Perser. Ihre Kultur lässt sie viel mehr in Bildern sprechen und denken, als wir uns das gewohnt sind.

Was uns vielleicht süss erscheint, übertrieben, exaltiert, ist umgekehrt einfach reines Gefühl, Poesie, und nicht Kitsch. Dieses Wort ist wohl gar nicht bekannt oder seine Bedeutung wäre schwer zu erklären…

Ich denke auch an meinen indischen Freund, der seine Ausbildung in klassischem Gesang genau so ernsthaft betreibt wie den Aufbau seiner Firma. Dafür braucht er nicht mal eine besondere spirituelle Hinwendung zu seiner (hinduistischen) Religion. Es ist einfach der Stolz und die Freude an den eigenen Wurzeln.
Dagegen erscheint es mir manchmal, als wären wir selbst Bäume, die versuchten, ihren Wurzeln davon zu rennen. Wir hängen uns in den Wind, bereit, uns entwurzeln, forttragen zu lassen. Ist das das Los überheblicher, dominanter Kulturen, die sich im Konsumwahn verloren haben? Ein Schicksal, das diesen anderen Kulturen ja nicht einfach erspart bleibt:
Wo Wohlstand Einzug hält und gar dem Reichtum Platz macht, wo Sorglosigkeit im Alltag um sich greift, geht immer auch die Sorge zu den Wurzeln verloren.
Ohne Bedrohung, ohne Mahnung, die eigenen Fundamente zu pflegen und in ihnen zu ruhen, verlieren wir uns so leicht…

Dafür ist es Mode, Gedankengut und Spiritualität in anderen Kulturen zu entlehnen…

Darum lasse ich hier die Worte eines Mannes folgen, der verschiedene Kulturen in sich verbunden hat, der als in Guadeloupe geborener Franzose in Europa so oft kein Gehör fand, verkannt und verstossen und erst spät wieder gehört wurde.

Zu mir könnte er jeden Morgen sprechen:


Nicht etwa,
dass ein Mann nicht traurig sein kann,
aber wenn er sich bei Tagesanbruch erhebt,
und behutsam mit einem alten Baum Zwiesprache pflegt,
sieht er,
das Kinn auf den letzten, verglimmenden Stern gestützt,
in der Tiefe des nüchternen Himmels
grosse lautere Dinge,
die sich in Freude verwandeln.

Saint-John Perse