Vom Schreiben - nicht nur in Tagebüchern (Titeländerung)
Ich weiss noch, wie ich dick auf die erste Seite jeweils das Wort TAGEBUCH gesetzt habe. Das schien mir wie ein Siegel zu sein. Ich sagte mir: Wer das findet und weiter liest, hat mich nichts, wirklich gar nichts zu fragen. Denn er betritt unerlaubtes Gebiet. Dann spekulierte ich manchmal in Gedanken noch weiter, dass, würde es gelesen werden und allenfalls überraschen oder Widerspruch wecken, mir das am Ende nur helfen würde, zu mir selbst zu stehen. Und doch, auch wenn ich in einem Umfeld lebe, in dem ich weiss, dass ein solches Buch respektiert würde, auch wenn man, wie Maria sagt, online schreiben könnte oder auf jeden Fall “hinter Passwörtern” – schreibt man so frei Tagebuch, wie man allenfalls denkt? Ich glaube nein. Da ist schon mal das Problem, dass zwischen dem gedachten Gedanken und dem Versuch, ihn in Worten zu bändigen, Zeit vergeht. Die Korrektive der Erziehung, von Scham oder Skrupeln, vom Schönbild der eigenen Befindlichkeiten, sie greifen doch trotzdem, oder? Jedes Reden mit sich selbst kämpft doch auch schon gegen die Verstellung an.
Und doch glaube ich, dass Dirks Ansatz etwas ganz wichtiges enthält, das jedem Tagebuchschreiber wirklich gut täte:
Mein Tagebuch ist für mich, da lasse ich alles raus, erlaube mir, ungerecht zu sein und unsympathisch. Ich schreibe da nicht für das Erinnern (fast nie lese ich es wieder), sondern zum Selbstgespräch. Aufschreibend wird mir vieles klarer. Ich tadle mich, lobe mich, entdecke Unbekanntes an mir selbst und stoße manchmal auf Möglichkeiten, die mir ohne Schreiben nicht aufgefallen wären.
Dirk beschreibt weiter, was daraus folgen kann, auch in der Auseinandersetzung mit den Personen, denen man begegnet ist. Ich glaube aber, dass genau dieses erste, der Mut zur Reflexion mit sich selbst, das scheinbar so egozentrische hartnäckige bei sich selbst Verweilen oft fehlt. Wir haben den Mut dazu nicht. Dabei glaube ich, dass ein wenig Praxis schon dazu ausreichen könnte, den ungeheuren Wert dieses Tuns zu erkennen.
Natürlich habe ich schon geschrieben: “Ich war ungerecht. Kratzbürstig und mürrisch.”
Aber ich habe das davor oder den Nachsatz ausgelassen: “Und ich finde, ich hatte allen Grund. Warum musste er oder sie auch…” usw.
Ich setze schreibend allzu oft die Selbstkontrolle ein, bevor ich die Verarbeitung überhaupt begonnen habe.
Worin ich mich finden kann: Dirk schreibt, dass er kaum je wieder in seinen Tagebüchern liest. Auch hier glaube ich, geht das den meisten ähnlich: So lange die Dinge zumindest noch an einem nagen, liest man sich nicht ins Gesicht. Entscheidend, wichtig, vielleicht hilfreich, auf jeden Fall Tatsache war eigentlich das Gespräch, die Auseinandersetzung beim Schreiben selbst. Danach geht das Leben weiter. Und wenn die Sache ausgestanden ist, mag sie vielleicht nicht mehr interessant sein.
Beim Blog ist das ein wenig anders. Ich entdecke in ihm eher einen Text aus früheren Zeiten, der tatsächlich etwas Besonderes für mich hat. Aber ich beschäftige mich hier ja auch nicht regelmässig wirklich mit Einträgen die den Charakter eines Tagebuchs hätten. Es geht hier um das, was darüber hinaus lappt und auch andere Menschen interessieren kann. Teilweise. Und manchmal weist mich jemand auf einen eigenen Text hin, und ich sage dann: Hoppla. Das war ja gar nicht so dumm gedacht. Oder auch das Gegenteil. Ich gebe es zu.
Literarisch ist auch mein Tagebuchschreiben, so ich es denn mal versuchte, wohl nie gewesen. Hingegen bin ich überzeugt, dass ich einige meiner besten Texte briefeschreibend verfasst habe. Und zwar durchaus in der schnöden Form des scheinbar so unverbindlichen und oberflächlichen Mails, das ich ein ganz wunderbares Instrument finde, um Kontakte zu pflegen.
Und tatsächlich: Im Tagebuchschreiben stellt sich bei mir immer recht schnell der Verdacht ein, ziemlich allgemein zu sein. Ich spüre und ahne: Was Du erlebst, fühlst, ja denkst, ist anderen auch nahe. Ich misstraue mir vielleicht, weil ich mich als Beweis eines Musters sehe, und suche den Schritt ins Leben, welcher mich dann wieder einzigartig macht: Und das ist erst mein Umgang mit diesem allgemein bekannten Gefühl, dem Problem, dem Gedanken.
Mir gefällt, aus Dirks wunderbaren Gedanken, auch der Satz, der etwas wunderbar Ermutigendes hat:
Es macht mich nicht groß, es macht mich klein, reiht mich ein – und das, nicht das Plündern der Tagebücher, befähigt (ein kleines Bisschen) zum Versuch, etwas mitzuteilen. Ich muss mir nur, mit meinen Schwächen, auch ein wenig sympathisch werden.
Und dann, liebe Leserinnen und Leser, ist es wunderbar, einen Brief zu schreiben. Und diese Öffnung, diese Annäherung mit sich und zu sich selbst, mit jemandem zu teilen. Freunde helfen einem ja durchaus dabei, sich selbst ein wenig sympathischer zu werden. Dazu gehört, dass man die Fehler sehen darf, aber auch die Stärken. Dass man sich gegenseitig helfen kann, die Möbel im Seelenstübchen ein wenig zurecht zu rücken und den Bullerofen zu heizen.
Auch übers Schreiben lässt sich mit anderen Schreibenden wunderbar Briefe austauschen, finde ich. Egal, ob die Worte in einem selbst gerade sprudeln oder man immer wieder in schwarze Löcher greift: Es tut gut, jemanden an einem Schirm zu wissen, der wirklich sagen kann: Ich kenne das.
Schriftsteller, die keine Tagebücher schreiben, mag es gehen. Welche, die keine Briefe schreiben, hoffentlich nicht…
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