Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Irgendwie lutscht sich alles aus

∞  2 Februar 2013, 21:02

istockphoto.com/MisterM




Wie haben wir uns doch über den Herrn zu Guttenberg enerviert und über seinen Umgang mit seinen “eigenen” Plagiaten. Ich mich sogar etwas mehr als andere [1]. Frau Schavan, immerhin amtierende Bildungsministerin, gehörte zu den mässigenden Stimmen, ja, sie hat sogar Verteidigungsstrategien gefahren, über die man nur den Kopf schütteln konnte – gerade so, als wäre sich die Bildungsministerin genau so wenig im Klaren über die Strahlwirkung ihrer Haltung fürs Bildungswesen [2], wie der Herr zu Guttenberg als Oberherr der deutschen Militärakademien.

Und nun? Seit neun (!) Monaten untersucht ein Fachausschuss Schavans Doktorarbeit aus dem letztten Jahrhundert auf Plagiate, oder, sagen wir, auf den Grad der Offensichtlichkeit von Plagiaten. Es wird gestritten über den Grad der Täuschungsabsicht, über gängige Praxis und Erziehzungswissenschaft, die ja eh noch weniger seriös beurteilt werden könne, wie die Geisteswissenschaften. Und so, wie sich diese Verallgemeinerungen, die zu Herabminderungen werden, häufen, so lässt unser Interesse – und unsere Empörung nach. Auch wenn im Falle von Schavan die Plagiatsarbeit wirklich in vergangene Zeiten gehört, so würde nur schon ihr Umgang mit diesem Fettfleck auf dem verschrobenen Kleidungsstück in ihrer Bildungsgarderobe Anlass zu heftigem Stirnrunzeln geben müssen. Doch wie gesagt: Wer mag sich noch empören. Enerviert sind wir wohl alle weiterhin bei solchem Tun. Aber laut ausrufen?
Es lutscht sich alles aus.

Erst ist ein Vorkommnis ein Skandal, dann ein weiterer Betrug, schliesslich eine Unsauberkeit und am Schluss ist der Betreffende einfach nur dumm, sich im Gegensatz zu anderen erwischen zu lassen. Wir gewöhnen uns an jeden Abstrich an der Lauterkeit und glauben so mit jedem Vorfall leichter, dass alle Welt betrügt, keine Moral hat und Rückgrat, zu Fehlern zu stehen, schon gar nicht. Was aber folgt daraus für die Massstäbe, die wir an uns selber legen? Eben.

Und die, welche die giftigen Pflanzen im Garten haben, ziehen die Gartenzäune hoch, statt den Unkrautvertilger da einzusetzen, wo er weh tun könnte: Wie sich die Universitäten in den verschiedenen Debatten um windige Doktorarbeiten um eindeutige Erkenntnisse und eigene Versäumnisse herum winden und Ausflüchte suchen, ist höchst befremdend. Unter dem Strich ist denn auch in diesem Fall die wirklich Schaden leidende Instanz die Institution: Die Reputation der Bildungseinrichtungen leidet enorm, und es ist die Frage, ob diese Institute selbst daran glauben, dass dies am Gehalt der eigenen internen Richtlinien und ihrer Durchsetzbarkeit liegt, oder an der Tatsache, dass lasche Verfahrensweisen publik wurden (siehe oben zum Thema “erwischen lassen”).

In Spanien sind 57% der Jugendlichen ohne Arbeit und mehr als ein Viertel aller Erwachsenen haben auch keinen Job mehr. Dafür verloren 400td Menschen das Eigentum an ihrem Wohnraum. Die Regierung Rajoy aber samt ihrem Chef sieht sich Korruptionsvorwürfen ausgesetzt, die unfassbar erscheinen….

Längst aber haben wir nicht mehr mit dem Finger gen Süden zu zeigen und zu sagen, dass die Leute da in ihrem eigenen Dreck stecken. Denn Beispiele und Tendenzen wie oben beschrieben, führen uns genau in die gleiche Richtung. Die Banker, die zu Zocker werden, haben oft mitteleuropäische oder anglikanische Pässe, und sie haben nicht zuletzt an “denen im Süden” am allerbesten verdient – ohne dass das abgeschlossen wäre… oder glaubt da irgend einer von uns an die Kraft einer Selbstregulierung in einem massgeblich dominant gewordenen System?

Wir empören uns nicht mehr. Und das ist schlimm. Es gibt dafür auch keine Entschuldigung. Es ist und bleibt unser Fehler. Wir können vielleicht im Grossen nichts tun. Wir können aber immer etwas für unsere Haltung. Was sind wir selbst bereit, an Überzeugungen und Prinzipien aufzugeben, dem eigenen Fortkommen “zuliebe”? Was ist mit den Kanten und Leitsätzen underer Prinzipien? Haben sie noch ein Ausrufezeichen am Ende? Einen Punkt. Oder drei? …

___

[1] bei Thinkabout zu Guttenberg: Suchabfrage
[2] bei Thinkabout zu Schavan: Suchabfrage

mycomfor: Suchergebnis zu Plagiat