Gedanken über die Liebe, Zürich, das Opernhaus
Ich habe den Abend gestern sehr genossen. Mein musikalisches Wissen reicht nicht aus, um die Leistung des Ensembles am Opernhaus Zürich von gestern Abend zu beurteilen, aber ich kann meine Eindrücke in allgemeiner Form wiedergeben.
Das Opernhaus als Klang- und Gesellschaftskörper
Es ist eigentlich ein sehr überschaubares Theater, die Bühne relativ klein, Parkett und Emporen überschaubar – und alles so auf die Bühne ausgerichtet, dass intim wirken kann, was doch immer auch gesellschaftliche Etikette bleibt: Die Anordnung des Publikums lädt geradezu ein zum Beobachten und Herumschweifen mit den Blicken, so dass man sich an entsprechende Filmschinken erinnert, in denen gewissen klatschbasigen Damen keine neue Begleitung von gesellschaftlicher Relevanz (oder dem Fehlen eben genau dieser) verborgen blieb, was dann auch gleich entsprechend zu kommentieren war.
Nun, dies war auch ein gesellschaftlicher Anlass für mich, aber er fand in einer sehr entspannten Atmosphäre statt, und das Interesse an sich fremder Menschen an einander beschränkte sich bald einmal nicht mehr allein auf Small-Talk-verträgliche Belanglosigkeiten.
Es wurde ein im besten Sinn traditioneller Opernabend mit einem Bühnenbild und Kostümen, die nur dezent modern wirken mussten, so dass die Geschichte der Kameliendame in der gesellschaftlichen Konvention des 19. Jahrhunderts beheimatet blieb und doch leicht zu erkennen war, wo die Parallelen zu heute liegen können – ich denke dabei nur einmal an die Art fürsorglich-egoistischer Assoziationen bis zur konkreten Einflussnahme von Eltern auf die Partnerwahl ihrer Kinder – neee, werte Leser, das ist durchaus nicht ausgestorbene alte Kamelle, oder kennen Sie selbst nur glückliche Schwiegertöchter und –söhne?
Und warum denn immer aktuell sein wollen, wenn das Gefühl unerfüllter oder gelebter Liebe im Saal hängt und die Klangwolken wie für die Ewigkeit gedacht im Raum stehen und Du denkst: Diese bedingungslose Liebe, dieses reine Gefühl – es ist doch mehr als eine Utopie, es ist doch unser aller Sehnen.
Berührung
Ich hatte ein paar Tränchen in den Augenwinkeln, ich gebe es zu. Gesang, Gefühl, künstlerische Kreativität, mit so viel Empathie für das Menschsein vorgetragen und interpretiert, lässt mich immer fragen:
Warum werden heute keine solchen Stücke mehr geschrieben? Warum sollten sie heute nicht mehr möglich sein? Warum ist der Glaube an die alles erfüllende Liebe heute nur noch ein müdes Lächeln wert?
Auch in diesem Stück scheitert sie, diese Liebe. Aber sie wird versucht, und es gibt dazu keine Alternative.
Der Abend war mild, der Wein auf der Terrasse, mit Blick über Bellevue, Grossmünster und Bürkliplatz erhebend und das Gefühl in der Brust ganz stark: Du lebst in einer der schönsten Städte der Welt, umgeben von Menschen, die Dir gut gesonnen sind und für Dich starke positive Gefühle hegen – und Du realisierst es und fühlst die Dankbarkeit in Dir aufsteigen, die daraus ein richtiges kleines wundervolles Glück werden lässt.
