Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Es ist womöglich woanders noch besser?

∞  28 April 2013, 22:20

Im Zweifelsfall muss es wohl das noch Grössere sein. Der Ehrgeizige wagt sich hoch auf die Leiter, um die noch höheren Kirschen ernten zu können.

Man kann noch so sehr Fussballbegeisterter sein, oder gar Fan, sich nah genug an der Szene glauben – verstehen wird man nicht, was in den Köpfen so mancher Spieler vorgeht:

Borussia Dortmund rockt die Champions League und knüpft an Zeiten an, die noch vor acht Jahren auf ewig Geschichte zu sein schienen. Das Stadion ist bei jedem Spiel in der Bundesliga mit achtzigtausend Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllt, die Fans sind wohl die stimmungsvollsten in ganz Europa, und das Team hat einen charismatischen Trainer mit ausgeprägtem Sachverstand, der seine Spieler Fussball spielen lässt und sie doch dazu bringt, für genau diese Spiellust noch mehr zu laufen und noch disziplinierter zu verteidigen. Und alle diese Spieler können sich mit ihrem Können vor zwei Jahren vergleichen und konstatieren, dass sie extrem besser geworden sind. Jeder Einzelne traut sich im Spiel auch eine kreative Idee zu, spielt positiv und optimistisch vorwärts und wird dabei durch die Solidarität seiner zehn Mitspieler getragen. Die Mannschaft lebt Fussball als Team, und darin eingeschlossen sind die Ersatzspieler, eine Gemeinschaft von zwanzig, fünfundzwanzig ausserordentlich talentierten Fussballern. Sie haben zweimal die deutsche Meisterschaft gewonnen, den Cup, und nun stehen sie vor dem Einzug ins Finale der Champions League, wo man dem Rivalen Bayern München mit einem einzigen Sieg die Bundesligasaison der Rekorde zum Wert von Altpapier degradieren könnte.

Die Spieler haben mit die besten Trainingsbedingungen weltweit und einen Chef, der sie auch menschlich weiter bringt und ihnen den Umgang mit Widerwärtigkeiten vorlebt, Tag für Tag. Ein Fussballer auf dem Zenit seinen Könnens und seiner Fitness will spielen, regelmässig, und er will Einfluss aufs Spiel haben und Titel gewinnen können. Alle diese Dinge sind bei Dortmund erfüllt. Und was geschieht? Der Japaner Kagawa, unter Klopp in Deutschland zum ersten herausragenden japanischen Fussballprofi der Bundesliga geworden, wollte letzte Saison nach Manchester United. Dort hat er zwar tatsächlich auch öfters gespielt, die Mannschaft wird auch Meister, aber seine Rolle ist bei weitem nicht so wichtig wie sie es bei Dortmund war. Die Bindung zu den Mitspielern ist nichts, was sich nur erarbeiten lässt. Es braucht dafür auch Chemie. Konstellationen, die einfach passen.

Der Pole Lewandowski wurde bei Dortmund zu einem der Top-Stürmer von Europa. Im Gegensatz zu Mario Götze war bei Lewandowski dessen Entwicklung nicht unbedingt abzusehen, aber beide sind zu absoluten Leistungsträgern geworden. Und beide wollen weg aus Dortmund. Götze zu Bayern ist schon Fakt, Lewandowski könnte den gleichen Weg gehen.

Was ist es, was diese Spieler dazu veranlasst, den positiven Lauf ihrer ausserordentlichen Karriere mit den Unsicherheiten eines Clubwechsels zu gefährden? Was ist das Gen, dieses immer noch Mehr ausserhalb der aktuellen Gegebenheiten zu suchen und sich innerlich aus dieser Gemeinschaft auszuklinken? Vielleicht ist einfach der Mythos der absoluten Gigantenvereine, der hoch verschuldeten Real Madrid, Barcelona und Manchester United, zu gross, ist die Überzeugungskraft von Bayern München mit der internationalen Strahlkraft noch zu mächtig: Klopp hat sie gelehrt, gross zu denken, und nun reicht das Denken über den BVB hinaus.

Glück muss das den Spielern nicht unbedingt bringen, schaden muss es dem Verein auch nicht unbedingt. In entstandene Lücken können andere hinein wachsen. In der B-Elf am letzten Samstag, die gegen Düsseldorf 2:1 gewann, schoss mit Nuri Sahin ein ebenfalls herausragendes Talent ein wunderbares Tor. Er hat die Erfahrung schon hinter sich: Er wechselte vor zwei Jahren zu Real, konnte sich nicht durchsetzen, wurde auch in Liverpool nicht glücklich, und ist nun, leihweise, zurück in Dortmund. Seit einem halben Jahr. Das Selbstvertrauen ist trotz der alten Nestwärme so angeknackt, dass er noch immer nur Ergänzungsspieler der ersten Elf ist – aber er hat die Freude zurück bekommen am Spiel, er spürt Nestwärme. Wie viele Millionen sie wert ist, vermag keiner allgemein zu sagen. Es ist eine persönliche Frage, aber eine, die man sich leisten kann, wenn man dafür nur entscheiden muss, ob einem 2 Mio Euro Netto-Jahresgehalt pro Jahr reichen, oder ob es tatsächlich 3.5 Mio sein müssen?

Aber wir sollten nicht den Kopf schütteln, denn genau so funktioniert unsere Welt, und immer wieder stelle ich fest, wie bezeichnend und spannend die Verfolgung von Sport genau aus diesem Grund ist, als Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen:

Die Rangliste mit den bestverdienenden Fussballern ist der Nadelstich im Ego und im Gierdepot eines jeden Profis. Mehr verdienen ist mehr wert sein. Ein absoluter Blödsinn, aber wir haben keine anderen für uns zählenden Indikatoren mehr, die uns was anderes beweisen können.