Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Ein spannender Tag

∞  29 Januar 2010, 21:57

Ich habe eine kleine Idee in meinem Kopf – und heute bin ich unterwegs, um heraus zu finden, ob daraus was werden kann. Dafür habe ich den Fotoapparat dabei. Leider habe ich mir einen richtigen Trübetassentag ausgesucht für meinen kleinen Ausflug. Es nieselt feuchte Schneeflusen vom Himmel und ist entsprechend kalt. Die Nase würde auch sonst schon laufen,und als Brillenträger ist man ob solcher Konditionen sowieso hell begeistert.

Aber ich bin gerne unterwegs. Es ist mein freier Nachmittag, und ich habe mir wieder angewöhnt, regelmässig raus zu kommen und längere Strecken zu gehen, möglichst gleichmässig, egal, ob in der Stadt oder über Land. Während ich noch vor kurzem meinte, bei solcher Gelegenheit möglichst alles an Eindrücken aufnehmen zu wollen, bin ich nun dazu übergegangen, ganz bewusst nur auf etwas zu achten und möglichst viel, das daneben mit ins Bewusstsein drängt, auszublenden. Achte ich beim Gehen z.B. auf meinen Atem und gehe ich schon zu Beginn davon aus, dass sich dadurch Neues entdecken lässt, so verrät der Körper mir sehr viel von seiner sonst immer stillen Arbeit, während ich einen Tunnelblick bekomme und die Augen eigentlich nur noch dazu da sind, mich nicht stolpern zu lassen.

Heute nun geht es um ganz kleine Motive, die man an allen möglichen und unmöglichen Orten finden kann – aber ganz sicher auch da, wo man eigentlich meint, schon alles zu kennen. Also gehe ich die Wege mit einer neuen Neugier entlang, und manchmal dürften Menschen, die mich beobachten, sich schon mal beherrschen müssen, um sich wegen mir nicht unverblümt an die Stirn zu tippen. Am Bahnhof falle ich dann wohl endgültig auf, wie ich meine Makro-Linse auf den Billet-Automaten richte oder auf ein abgefetztes Etikett auf einem Sicherungskasten.
Und dann habe ich ein scheinbar unspektakuläres Erlebnis. Aber beurteilen Sie das doch selbst:

Bevor ich hierher kam, wirkte die Gruppe Menschen, über die Geleise betrachtet, wie ein Standbild auf mich: Menschen, die warten, wirken oft verloren, als wüssten sie nicht, wohin mit sich und ihren Gedanken. Sie lehnen gegen die Pfosten des Wartehäuschens, oder hocken zusammen gesunken auf der Bank, und fast immer formen ihre Schulterblätter dabei Bollwerke der Abwehr, sind den Nächsten, die schon ganz weit weg sind, abgewandt, die Schultern ein wenig hochgezogen, die Hälse stecken tief dazwischen, als würden die iPods in den Taschen diese Köpfe an deren Ohrhörerkabeln in die Tiefen des Mantels ziehen wollen… Es sind schon zu Anfang sicher sechs Menschen, die da zusammen auseinander stehen. Es scheint, sie atmen nicht mal. Fünf Minuten später ist alles anders. Während ich neben Ihnen fotografiere, sehe ich irgendwann ein Stirnrunzeln da, eine Kopfbewegung dort. Nach zwei, drei Minuten bin ich nicht mehr interessant. Ich merke, dass ich den Menschen einen Impuls weiter gegeben habe: Sie haben sich gefragt:

Was macht er da?

Darauf geben sie sich eine Antwort – und überprüfen sie anschliessend selbst, indem sie ihre Umgebung danach absuchen. Und plötzlich schauen die Menschen nach links und rechts und hinter sich. Es kommt mir so vor, als würden sie plötzlich ihre Augen benützen. Der Raucher mustert nach dem nächsten Zug seinen Daumennagel, die schwangere Frau streckt sich, der Mann im Lodenmantel faltet seine Zeitung zusammen und inspiziert den Himmel. Überall ist Ruhe und doch ein wenig Leben. Alle warten noch immer, aber es wird viel weniger Zeit vertrödelt.
Ich gehe vergnügt weiter. Was für ein spannender Tag. Dabei wird es noch etwas grauer, die Flusen wirbeln nicht mehr, sie flatschen nun direkt auf die Brillengläser. Ich packe die Kamera weg und folge meiner Atmung die Strasse entlang. Zeit, heim zu kommen.