Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Distanz bringt Segen

∞  29 März 2007, 22:49

Aber…

Aber ich würde es gerne tun.
Aber ich traue es mir nicht zu.
Aber…
Ich bin ein “Aber-Mensch”.
Kann ziemlich langweilig sein mit einem Typen, der sich die negativen Antworten immer gleich selbst gibt.

Ich lese bei mir selbst. Alte Aufzeichnungen, in diesem Fall vom Oktober 2004.

Manchmal getraue ich mich nicht, Altes wieder zu lesen, weil ich so eine Ahnung habe, dass das, was mich heute umtreibt, sich nicht allzu sehr von früheren Leidenszeiten unterscheidet… Das kann ziemlich beschämend sein. Und einem den Saft rauben, und zwar bis dass der Grund austrocknet.

Aber das muss nicht geschehen. Wenn man genügend Selbstdarstellungs-manie in sich hat, gibt es ein egomanisches Mittel, damit umzugehen: In schreibender Weise, zum Beispiel. Eine Katze, die sich ständig in den Schwanz zu beissen versucht, ist ein bisschen erträglicher anzusehen, wenn sie sich dabei stets wieder ein wenig anders zu gebärden versucht. Und so mache ich mir, ja einfach mir selbst, mein Suchen ein bisschen ansehnlicher, in dem ich mich dabei selbst beobachte und darüber schreibe.

Ermüdend wäre das trotzdem zu sehr, bestünde da nicht die mit allen Menschenwürmern (oder den meisten) geteilte Erfahrung, dass es für uns alle eine echte Mühsal ist, sich selbst auf die Schliche zu kommen und ausgetretene Denkpfade zu verlassen. Und doch kann es gelingen. Gerade durch die Beobachtung, die ich beim Schreiben versuche:

Sehen Sie sich einmal selber zu. Gerade jetzt. Beobachten Sie sich, wie sie hier sitzen, bei mir lesen. Bleiben Sie danach dort, wo sie eben angekommen sind, ein bisschen auf Distanz eben, und schauen Sie sich weiter zu, wenn Sie dann vielleicht aufstehen und sich einen Kaffee holen. Beobachten Sie, wie Ihre Hände die Zuckerdose öffnen, nur so zum Beispiel.
Sie werden aus dem Schauen nicht herauskommen, obwohl Ihr Leben doch so gleichförmig scheint und gerade jetzt, wie meist sonst auch, scheinbar nichts passiert. Wie falsch das ist! Und welche Ruhe darin liegt, sich diese Zeit zum Hinsehen zu nehmen. Und welche Freude, dass längst nicht alles enteckt ist, nicht mal zu meinen Füssen, und schon gar nicht in mir.

Haben Sie es ein paar Mal geübt, werden Sie feststellen, dass dies auch völlig wertfrei geschehen kann. Sie werden mit einem tiefen Ausatmen feststellen, dass dieser Beobachter in Ihnen nicht so leicht wertet, sondern eine ganz einfache Neugier entwickeln kann für Sie. Und schon sind Sie sich ein bisschen näher, obwohl Sie doch dafür Distanz geschaffen haben, um überhaupt beobachten zu können. Menschliche Güte für Sie selbst – sie ist wohltuend und absolut naheliegend.

Sehen Sie, DAS finde ich aufregend an einem Leben. An jedem. Auch an Ihrem wie an meinem. Es ist zu entdecken. Und zwar ohne eine conditio, eine Bedingung, die erst noch eintreten müsste und von der wir eilfertig sagen, dass sie eh’ nie eintreffen werde.

Der Tisch ist stets gedeckt, wenn es uns gelingt, bei uns zu Besuch zu kommen.