Mein Schreiben. Täglich.

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Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Die verteufelte Religion

∞  9 Juli 2012, 17:17

Religionen haben es in unserer Welt schwer. Sie werden als Wurzel allen Übels gesehen – und der autoritäre Anspruch, der mancher Kirche innewohnt, wird gnadenlos seziert, begünstigt durch das entsprechende Fehlverhalten ihrer Repräsentanten.

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Claudia Klinger fragt in ihrem Blog-Artikel Braucht der Mensch Religion? weiter:

Braucht es Religion, damit Menschen einen “Sinn im Dasein” sehen?

Ich glaube, die Fragestellung ist verkehrt: Religionen entstehen gerade, weil Menschen die Frage nach dem Sinn des Daseins stellen. Religion ist ein Versuch des Menschen, die Frage zu beantworten – und sich in den angebotenen Antworten einen Ort der seelischen Geborgenheit zu schaffen. Zu Religion, welcher auch immer, kann man sich stellen, wie man will: Es wird sie immer geben, weil wir Menschen, auf jeden Fall viele unter uns, immer dann, wenn wir eine Wahrheit entdeckt haben, ein Sendungsbewusstsein entwickeln. Fragen wir nach dem Phänomen der Religion, so sollten wir nach dieser Eigenart des Menschen suchen, die in uns allen wohnt. In letzter Konsequenz ist es die Frage: Warum wollen wir andere von unserer Wahrheit überzeugen?

Weil wir selbst auch so lernen, von Kindesbeinen an? Durch Beobachtung und Imitation unserer Eltern, die ersten Autoritäten, denen wir folgen und gefallen wollen – bevor wir uns gerade von ihnen emanzipieren müssen.

Warum diskutieren wir? Warum wollen wir, dass unsere Wahrheit “recht” bekommt?

Philosophische und spirituelle Fragen nach dem Sinn des Lebens lassen sich in letzter Konsequenz nicht beweisen, sie müssen erlebt werden, rituell verinnerlicht, lithurgisch begleitet. Wenn wir uns also Gedanken darüber machen, warum Glaubensgemeinschaften absolutistisch werden, dann heisst es zu beobachten, wie Diskussionen ganz allgemein in sozialen Gruppen ablaufen, sobald ein Thema als existenziell empfunden wird. Wie heftig, leidenschaftlich und dann hässlich kann eine Debatte über Schwangerschaftsabbruch, zum Beispiel, werden? Wie reagieren Eltern, wenn sie erfahren, dass ihr Kind homosexuell ist? Welche Vorstellungen haben wir, wenn wir uns den zukünftigen Partner unserer Kinder vorstellen – und warum? Wir alle haben ein Koordinatensystem, in dem wir uns Antworten zu den verwirrenden Fragen um unsere Existenz zurecht gelegt haben. Wir wollen darin bestätigt werden, geborgen bleiben, und dies in Gemeinschaften bekräftigen können. Und wir wollen diese Sicherheit auch für unsere Liebsten. Entfernen sie sich von uns, widersprechen sie auch unserem Wahrheitsgefüge, stellen sie uns in Frage. Darauf reagiert man nicht nur in Religionen mit autoritär wirkenden Gegenstrategien.

Religion, eine Partei, ein Verein ist niemals schlecht oder gut. Es ist immer der Mensch, der mit der Weite seines Horizonts, der Offenheit seines Herzens und der Gelassenheit seiner Gedanken bestimmt, wie breit das Spektrum jener Meinungen und Überzeugungen ist, die er an sich heran kommen lässt – und dies ist jeweils massgeblich davon abhängig, wie gut man selbst mit offenen Fragen umgehen kann, mit dem Eingeständnis, selbst offene Fragen zu haben. Sind wir ehrlich, werden wir mit dem Blick auf unser eigenes Leben feststellen, dass wir gerade unter diesem Aspekt nicht immer und jederzeit gleich souverän agieren. Wir suchen alle. Wir finden und verwerfen, wir erkennen Dogmen oder verklären sie. Wirklich Sorgen aber mache ich mir um die Menschen dort, wo sie müde geworden sind, nach ihrem ganz persönlichen Sinn zu suchen. Dann bleibt nur der dumpfe Konsum im Auf und Nieder zwischen momentaner Frustration und nächster Kompensation.