Die fehlende Ordnung im islamischen Haus der Schweiz
Schweizer Muslime werden in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen – und schon gar nicht ausgewogen im Verhältnis ihrer zahlenmässigen Präsenz. Nur so ist es möglich, dass im Bewusstsein der Schweizer vor allem Statements islamischer Exponenten aus dem Ausland haften bleiben, ohne dass die Schweizer Positionen der hiesigen Muslime dazu klar würden. So erhalten extreme bis zumindest stark konservative Positionen in den Medien überproportional starkes Gewicht.
Es ist möglich, dass es auch die einzigen sind, über welche die Medien rapportieren, ohne dass sich die Exponenten dahinter besonders darum bemühen müssten. Hier besteht ein Informationsauftrag, der ausgewogener wahr genommen werden muss.
Allerdings gibt es dabei auch eine grosse Schwierigkeit: Wie kann es gelingen, gerade die grosse Gruppe weltlicher Muslime, für welche die Religionszugehörigkeit ein Stück kulturelle Identität aber keine Glaubensgrundlage ist, zu motivieren, sich mehr öffentlich zu äussern? Woran liegt es, dass dies nicht schon geschieht? Gibt es in den muslimischen Familien- und Gemeinschaftssituationen eine Drucksituation, welche eigene weltliche Positionen, auch noch öffentlich geäussert, illoyal erscheinen lässt? Gibt es die Angst, dass das Aufbrechen der tatsächlich sehr ausgeprägt heterogenen Zusammensetzung der muslimischen Bevölkerungsgruppe den Muslimen als Ganzes eher schaden statt nützen könnte?
In der Sternstunde Philosophie sprach Hisham Maizar von der Notwendigkeit, mehr Ordnung im islamischen Haus in der Schweiz herzustellen: Die Vielfalt der Gruppierungen und Vereinigungen ist immens, der Begriff “Dachorganisation” in diesem Zusammenhang eher eine Wunschvorstellung. Der Schweizer Journalist Beat Stauffer hat schon im Juli 2007 in einem Artikel in der NZZ darauf hingewiesen, dass die Gemeinschaft der Muslime eher ein Traum denn eine Realität ist:
Es gibt mehr als 300 verschiedenen Moscheevereine, islamischen Stiftungen und Verbände in der Schweiz. Wahrhaft orientalische Verhältnisse einer verwirrenden Vielfalt, welche auch zu zwei statt einem Dachverband führen. Die Namen dieser Organisationen drücken den Wunsch nach mehr Einheit deutlich aus:
Die Koordinationsstelle Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS)
und die
Föderation islamischer Dachverbände Schweiz (FIDS).
Im Artikel werden die charismatischen Persönlichkeiten hinter diesen Organisationen skizziert – auch sie stehen offensichtlich in einem Konkurrenzverhältnis. Der iranische Entwicklungssoziologe und Dozent der Uni Bern, Farhad Afshar (KIOS) und der in Palästina geborene Mediziner Hisham Maizar mit Arztpraxis in der Ostschweiz (FIDS). Ihr Auftreten zumindest ist grundverschieden: Schon mal nassforsch und virulent anklagend der eine, eher pragmatisch und die kleinen Schritte anstrebend der andere.
In der Sternstunde Philosophie- wurde die Zahl der wirklich konservativen Kräfte in der Schweiz als sehr gering betrachtet. Maizar hat mit seinem moderaten Kurs denn auch schnell rund 150 Vereinigungen für seine Organisation gewinnen können. Grosse kantonale Dachverbände aus Zürich, Basel und Bern sind aber weiterhin der KIOS angeschlossen. Beat Stauffer schien auch zu beobachten, dass die meisten islamischen Vereine in der Schweiz “eine eher konservative Auffassung des Islam” vertreten würden, während Maizar diese als “eher moderat” bezeichnet und meint, sie hätten begriffen, dass sie in der Schweiz und nicht in ihrer Heimat lebten. Die Sympathisanten islamistischer Gruppierungen würden hier “nie dominant werden” – aber ganz offensichtlich sind sie unter den Muslimen aus arabischen Ländern recht zahlreich vorhanden. Säkulare Muslime warnen denn auch durchaus vor wahhabitischen Einflüssen über diese Kanäle. Diese Warnungen aber sind Wortmeldungen ganz vereinzelt sich äussernder Intellektueller. Wenn davon ausgegangen wird, dass rund 80% der Schweizer Muslime so weltlich ausgerichtet leben, wie es für den Grossteil der Schweizer gilt, so steht die eine einzige Organisation säkularer Muslime, das FFI (Forum für einen Fortschrittlichen Islam), welche es in der Schweiz gibt, im krassen Missverhältnis zu den 300 religiösen Verbänden des Landes…
Die Chance zu einer Veränderung mit mehr Verständigung bietet sich dort, wo auf regionaler Ebene der Dialog unter den Muslimen funktioniert (auch mit den Nichtmuslimen?). Laut Beat Stauffer gibt es dafür Beispiele. Die grosse Frage bleibt nur: Wo sind die Wortmeldungen der “modernen” Muslime, und wie vermögen Sie sich zu organisieren? Wie viel auch politischen Willen gibt es hierzu überhaupt?
Wir werden dabei nicht einfach von aussen zuschauen können. Wir haben vielmehr die Aufgabe, mit der selbst neu belebten Werte-Debatte klare Zeichen zu setzen, welche Prinzipien für Bürger aller Religionen und Überzeugungen unverrückbar und gleichberechtigt und gleich verpflichtend gelten sollen. Dass wir dabei uns neu bewusst werden, dass wir diese Überzeugungen auch selbst leben müssen, leben dürfen, wird auch nicht zu unserem Schaden sein.
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Muslimische Organisationen in der Schweiz im Netz:
KIOS bei Inforel.ch (eine eigene Web-Seite der KIOS habe ich nicht gefunden)
FIDS – auch rudimentär, aber immerhin…
Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich
Basler Muslimkommission, zur Zeit eine Baustelle. Mehr bei inforel.ch
Islamischer Kantonalverband Bern mit einem ganz aktuellen Beitrag über die aktuell bevorstehende Aktion eines Friedensgrusses
Verband Aargauer Muslime
Stiftung Islamische Gemeinschaft Zürich
Forum für einen fortschrittlichen Islam
Ahmadiya Muslim Gemeinde Schweiz
Föderation der alevitischen Gemeinden in der Schweiz
Portrait von Beat Stauffer über Farhad Afshar, erschienen u.a. auf
onlinereports.ch
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