Das Grinsen gilt uns
In diesen Minuten finden an der Leichtathletik-WM in Berlin die Halbfinal-Läufe im 100m-Lauf der Männer statt. SF DRS zeigte eben zur Vorschau Bilder aus den Vorläufen. Man sieht einen lächelnden Usain Bolt, der während des Laufs nach links und rechts blickt, mit entspanntem breitem Grinsen, wie ein Jogger, der Nordic Walker bemitleidet und sie hinter sich zurück lässt.
Jeder von uns muss selbst beurteilen, wie er das findet. Er würde seine Show zelebrieren, heisst es. Ich für mich habe genug von diesen sich prodzuzierenden Sprintraketen, die sich den Ruhm und die Bewunderung der Massen holen – und dabei alle Regeln brechen. Keine andere Disziplin ist so sehr vom Doping durchseucht wie jene, die das ganze Prestige der Leichtathletik in sich vereint. Was ja nicht weiter verwundert. Kein einziger schnellster Mann der Welt ist seit langer Zeit mehr ohne Doping so schnell gelaufen. Es ist ja auch gar nicht möglich. Wir wissen es alle.
Wenn man, wie ich es mehr als einmal tat, im Stadion des Leichtathletik-Meetings im Zürcher Letzigrund sitzt und die stählern trainierten und kraftstrotzend getunten Körper sieht, die Geschmeidigkeit der Bewegung selbst als Laie erkennen kann, selbst wenn die Läufer nur traben, kann sich der Ästhetik und Ausstrahlung des menschlichen Körpers kaum entziehen.
Aber bitte: Macht einen Zirkus draus. Da fragt auch niemand, ob der Artist Aufputschmittel schluckt. Du hoffst nur, dass er nach dem Salto das Seil trifft oder das Trapez zu greifen kriegt. Wie, ist egal.
Wenn Usain Bolt grinst, liegt darin aber keine Show, in der alle wissen, welchen Part sie spielen. Sein Lächeln bleibt immer ein Grinsen, eine Verhöhnung für jene, die an fairen Sport glauben – und wenn möglich auch noch dafür trainieren. Dass man nicht mehr glauben mag, dass auch nur einer davon an einer WM noch auf der Bahn steht, ist wahrscheinlich die Voraussetzung dafür, dass sich – doch – einmal etwas ändert. Oder aber, dass man sich eingesteht, dass der Arzt zum Team gehört, und damit sein Köfferchen auch. Punkt.
Wenn aber der Sport nicht das Abbild der Gesellschaft sein soll, und diejenigen, die an der Spitze stehen, dies garantiert ohne Pillen schaffen, abgekoppelt von einer Berufswelt, in der alle möglichen Mittelchen konsumiert werden, dann ist es höchste Zeit, dass wir, die Gesellschaft, die Dopinglabors fragen:
Was braucht ihr, um mindestens auf Augenhöhe mit den Dopern zu kommen?
Und dann? Dann müsste man zuhören, den Bleistift spitzen – aber nicht, um zu streichen, sondern um zu notieren – und das Geld dafür frei zu geben.
Da dies nicht zu erwarten ist, bleibt Doping in jedem medial beachteten Spitzensport eine Realität. Und so hoffe ich persönlich, dass es mehr Usain Bolts geben wird, welche die Show so sehr überreizen wie er.
Irgendwann werden sie so überheblich, dass sie unvorsichtig werden. Erfolg macht sehr oft auch sehr überheblich und damit unglaublich dumm. Und dann wird man beim Tricksen erwischt. Und wir Zuschauer gucken wieder mal in den Spiegel, in den wir gar nicht blicken wollten. Es wird uns allen Recht geschehen.
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