Abschied in den Frieden -VI- Die Zeit bleibt stehen
Merkwürdig, was mit uns geschieht – und ich höre von uns allen, die direkt von einem Verlustgefühl, von Trauer betroffen sind: Die Zeit bleibt stehen.
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Simple Hour Glass
Meine Frau wartet scheinbar ewig auf eine Antwort auf ein Mail – um dann zu merken, dass sie ihr eigenes erst gestern geschrieben hat. Mir scheint es ewig her zu sein, als wir Mutter noch nach ihren Wünschen für die Beerdigung fragen konnten – dabei war das vor einer guten Woche. Alltagskram soll mir, bitteschön, gestohlen bleiben. Noch muss ich alles von mir schieben, was mich an Geschäftliches erinnern will. Mir fehlt die Kraft, nein, wohl eher der Sinn, mich damit zu beschäftigen. Es ist nicht die Zeit, aus der Leere zu fliehen. Sie sackt erst so richtig und ich lasse mich fallen. In gewisser Weise habe ich den Gipfel erklommen und keine neuen Ziele vor mir, keinen Fixpunkt, den ich zuvor ansteuerte, mochte ich auch gehörigen Respekt vor ihm haben.
Es ist alles gut und in Ordnung. Die Arbeit für die Trauerfeier und der ganze Brimborium stören mich zwar, aber selbst meine so konsequente Mutter wünschte sich nun mal deutlich mehr von all den Ritualen, als man vermuten würde, kennt man ihren linearen Weg auf ihre letzte Haltestelle zu.
Aber es ist nicht die Zeit, Prinzipienfechtereien zu betreiben. Es ist nicht meine Veranstaltung, nicht mein Wille, und Respekt bedeutet in diesem Fall, Diener der Vorstellungen und Wünsche einer Person zu sein, der genau diese Gewissheit, dass ich mithelfen werde, es so zu gestalten, Sicherheit gab. Warum auch immer.
Ich werde manche Begegnung nicht suchen, aber es wird sie geben. Und ich werde bemüht sein, etwas von dem Essenziellen weiter zu vermitteln, was wir erfahren haben – obwohl ich weiss, wie sinnlos das sein wird. Und schon bin ich selbstgerecht, ich weiss. Aber ich möchte herzlich gerne einfach an diesen Rasenflecken heran treten können, ganz für mich allein, mit meinem eigenen Wissen und erinnern, und auf alles verzichten, was die Mensche so brauchen, um trauern zu können.
Aber sie waren nicht dabei und versprechen sich doch Halt und Antwort oder Ahnungen auf die immer weiter brennende und doch so konsequent verdrängte Frage: Wer sind wir, was werden wir, wohin gehen wir? Jede Kultur hat ihre Riten, und ist eine solche Kultur jenseits aller Spiritualität angekommen, so werden eben auch Abschieds-Wegleitungen und Behördengänge zu Gebrauchsanweisungen einer Welt der Symbole – gerade so, wie wir Piktogrammen folgen, um Pipi machen zu können.
Verzeihung. Das war nun böse. Aber ich bin müde. Ich möchte allein sein. Allein mit Freunden. Ich möchte erzählen oder still sein dürfen. Geborgen ohne jede hohle Phrase, getragen vom Gedenken, das diese Arbeit weiter führen darf:
Gehen lassen. Erinnerungen jede Bitterkeit verlieren lassen – und jede Verklärung (dafür ist eine Beerdigung und so mancher Satz vor ihr und an ihr ziemlich ungeeignet). Begreifen, dass das, was war, in seiner Summe ein Teil von mir war und bleiben wird – und mein Leben weiter gestalten. Den Moment fühlen. Und in ihm bleiben.
Eben: Die Zeit wieder fühlen, sie wieder zum Laufen bringen. Dem Stillstand ein ruhevolles Gleiten folgen lassen. Klarsichtig bleiben für all den Quatsch, der mich scheinbar so notwendigerweise absorbiert. Aber genau dafür wird die Zeit viel zu früh wieder durch die Sanduhren rinnen. Wie will ich es denn nun haben, verflixt nochmal?
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