Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Abschied in den Frieden -V-

∞  8 Juli 2013, 22:39

Es ist nichts wie im Kino: Mutter ist gestorben, aber es regnet nicht. Es ist ein wunderbarer, milder, aber herzenswarmer Sommertag, und wir sitzen unter Platanen am See und essen was Leichtes zu Mittag. Mein Bruder und ich, uns in der Begleitung unserer Mutter näher gekommen als je, versuchen zu fassen, was wir erlebt haben und verarbeiten müssen.

Oder soll ich sagen: Dürfen? Ja. Denn ich weiss nicht, ob es möglich ist, jemanden friedlicher zu verabschieden, und in einem kontinuierlichen Prozess zu begleiten, als es uns hier geschenkt war. Wir haben auch Beide früh genug einen Weg gefunden, Mutters Willen zu diesem Prozess anzunehmen. Die Irritation, in die Entscheidung, eine Behandlung abzulehnen, nicht einbezogen worden zu sein, ist frühzeitig der Erkenntnis gewichen, dass sie uns damit ausdrücklich auch die Möglichkeit liess, gegen alles Pflichtgefühl zum Beistand Abstand zu nehmen, wäre es zu viel für uns geworden. Das Gegenteil war der Fall, vielleicht auch gerade deswegen, weil sie uns jedes Mitentscheiden nahm – das wir ja gar nicht hätten leisten können – und nun sind wir es, die sehr viel mit aus diesem Erleben nehmen.

Verwirrend und auch schön: Das Sterben, und vor allem der Tod bleibt ein Mysterium. Wir wissen nicht, was uns selbst erwartet, auch jetzt nicht. Aber wir wissen, dass man auch diesen letzten Weg sehr bewusst gehen kann. Mutter hat uns in Haltung und Durchleben aller Phasen einer Bewusstseinserweiterung und -trübung eine Ahnung geschenkt, und einen Zugang ermöglicht, der uns helfen wird, das Leben bewusster und freier im Augenblick zu geniessen – und dem Sterben, das auch uns erwartet, gleichwohl Beachtung zu schenken, Respekt zu zollen, ohne Angst haben zu müssen. Und vor allem hat die Verbindung zwischen Sterbender, Begleitern und Pflegepersonal so viel Segen gebracht, dass das gegenseitige Dankesagen heute gar nicht mehr enden wollte. Was für eine wunderbare Begleitung durch das Personal!

Derweil haben wir Dich ein letztes Mal besucht, Mutter, aber dieser Besuch heute am Totenbett war gar nicht mehr so wichtig: Als Abschluss, ja, Bewusstseinsvertiefung, dass Du gegangen bist, als wächsern entspanntes friedvolles Zeugnis Deines Übertritts in die Schmetterlingswelt:

Was die Raupe Ende der Welt nennt,
nennt der Rest der Welt Schmetterling.
Laotse

Wir sitzen also am See, die Sonne scheint uns warm auf die Nasenspitze, und wir lächeln selbst so entspannt, wie schon lange nicht mehr. Es gibt keinen endgültigeren Abschied, der hier doch auch etwas Leichtes hat, und das Ziel der Reise ist jenes, von dem uns wenig erzählt werden kann. Und doch ist es der Ort, an den wir alle hin müssen. Und vielleicht im Grunde auch wollen. Dürfen.

Wir haben unsere Zeit. Als Raupe und als Schmetterling.

Es ist Sommer. Endlich. Und gerade wir werden ihn noch geniessen können, worüber sich ein bestimmter Schmetterling mit uns ganz besonders freuen und entsprechend lebendig übermütig über die Blütenkelche tanzen wird.