Zu einem baldigen Abschied
Wenn ein Abschied nochmals aufzeigen kann, was für ein Glück man doch mit einander hatte, dann fällt er leichter. Hoffe ich.
Es ist mehr als fünfundzwanzig Jahre her, dass ich ihn zum ersten Mal traf: Wir waren gemeinsam zur Schulung in der Zentrale eingeladen. Er, der neue Verkaufsleiter, ich der noch sehr junge Spross der Schweizer Niederlassung. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch, und ich bin meinem Kollegen bis heute dankbar für den Respekt auf Vorschuss, den er mir entgegen brachte, denn in Sachen Berufserfahrung war ich verglichen mit ihm ein Nonvaleur.
Seine sehr ruhige, gesetzte, immer verbindlich wirkende Art war mir stets ein Vorbild. Ich habe nie mehr im Verkauf einen Menschen getroffen, dem ich so vorbehaltlos eine Beteuerung über die Güte eines Produkts geglaubt hätte wie ihm. Weil er solche Auslobungen auch nie übertrieb und wirklich überzeugt war von dem, was er sagte. Und was ich immer wieder an meinem Kollegen ganz besonders bewundere, ist das Engagement, das ihn die Belange der Firma so entschieden und in “Ich-Relation” vertreten lässt, als wäre es sein eigener Betrieb.
Damals war uns eine Textilproduktion noch ein einziges grosses Geheimnis, und wenn wir auch “Bürolisten” geblieben sind, so wussten wir wohl stets den Vorteil zu nutzen, dass unser Arbeitgeber in der praxisnahen Schulung von uns Frontmännern einen Kompetenzvorteil für das tägliche Kundengespräch erkannte. Fünfundzwanzig Jahre später ist dieser mein Kollege ein Verkaufsleiter vor dem Ruhestand. Er hat für die Basismärkte der Firma die solide Marktposition ausgebaut und tief verankert, sein Wort gilt wie kein anderes etwas bei seinen Kunden – und er hat englisch gelernt und mit unzähligen Kontakten und Streifzügen durch Fernost als Einkäufer für ein Handelssortiment die Basis für uns alle gelegt, so dass wir stets aus dem Vollen schöpfen konnten, wenn es darum ging, in Vielfalt und Tiefe der Sortimentsgestaltung die entscheidende Differenz zum Wettbewerb zu schaffen.
Ich habe diesen Mann nie unausgeglichen erlebt. Selbst unser Gelächter war feinsinnig, und das war gar nicht so selten. Der Markt und die Atmosphäre der Kundengespräche hat sich massiv verändert. Er ist mit der Zeit gegangen, hat sich angepasst, ohne von seinem Stil und seinen Prinzipien zu lassen. So ist er nicht zum Fossil geworden, aber zu einem Standbild einer Verkäufergeneration, die nicht nachwächst. Alles ist der Veränderung anheim gestellt, ich weiss. Dennoch ist es schade, dass ich diesen Ansprechpartner verlieren werde. Schön daran ist, dass ihn ein sehr lebendiger Ruhestand erwarten wird – und dass er sich darauf freuen kann. Jetzt soll er seine wirklich ganz persönlichen Prioritäten setzen können, und wenn er zukünftig “wir” sagt, dann soll er “ich” meinen – oder “ich und meine Frau”.
Ich werde ihn übernächste Woche nochmals in Deutschland besuchen, einen alten Kollegen, im neuen Werk. Nicht zur Schulung diesmal, sondern zu einem Schwatz – und zu einem sehr genüsslichen Abendessen. Wir werden Abschied feiern. Und wahrscheinlich werden wir es ohne die Floskeln tun, dass wir uns unbedingt wieder sehen müssen. Wir wissen, wie das läuft. Das Geschäftsleben ist sehr schnelllebig und hat je länger je mehr ein extrem kurzzeitig ausgeprägtes Gedächtnis. Aber wir werden sagen:
“Schön war’s und dankeschön. Es war ein Glück, Sie an meiner Seite zu haben. Lang mögen Sie leben.”
Ja, wir sind beim Sie geblieben. Irgendwie war das nie das Thema. Auch dies gehört zur Art tiefen Respekts, den wir immer für einander hatten.
Es hat einfach gepasst.
