Wissen, wofür
Wenn Sie sich selbst da nicht so sicher sind, so will ich sie mit diesem Satz unter der schwebenden Bank nicht in eine Depression stürzen – oder am Ende noch Schuld sein, wenn Sie morgen gar nicht erst aufstehen. ..
Wenn die Alltagspflichten diese Frage scheinbar überflüssig machen und man schlicht sein Tagwerk in Angriff nimmt, ist das nicht immer wirklich Sinn genug, nicht wahr? Nun, diese Struktur, das Wissen, für andere mit Teil der Lebensbewältigung zu sein, kann helfen. Es lässt einen durch den Tag kommen. Vorwärts machen. Nur nicht zuviel nachstudieren. Vielleicht aber denken wir auch zuviel nach, gefangen in der täglichen Sorge nach ein bisschen Sicherheit. Für uns. Und andere. Die vor allem. Für sie muss doch vorhanden sein, was uns fehlte. Und was folgt?
Die heutige Generation jener, welche sich darin üben, Ihre Unzufriedenheit zu demonstrieren, sind nicht zuletzt die Menschen, die es besser haben als ihre Eltern, die genau dafür geschuftet haben – ohne so viel zu erwarten: Selbstverwirklichung? Ein Wort für Lebensfremde? Für die oberen Zehntausend?
Nein. Sinnfragen stellen sich unabhängig vom Lohnzettel, vom Familientisch und dem Haushaltsbudget. Nach dem Sinn fragen bedeutet, zu fragen, was ich selbst, ich ganz persönlich bin – oder werden soll? Manchmal kommt es mir vor, als würden wir diese Frage im Zusammenhang mit der Berufswahl stellen – und dann für den Rest des Lebens vergessen. Wir setzen uns kaum mal hin und lassen die Fragen zu: Wer bin ich? Wer werde ich? Will ich mich so, wie ich glaube zu sein?
Nein, das alles fragen wir schon gar nicht. Wir beschäftigen uns höchstens damit, wie wir gesehen werden – als ob wir darüber wirklich die Kontrolle hätten. Und so sitzen wir, wenn es still wird um uns, auf einer Bank, die keine Bodenhaftung besitzt, sondern zu schweben beginnt. Es sitzt sich nicht bequem mit innerem Aufruhr, und es verspricht auch kein Glück, wenn wir die Bank, auf der uns Fragen kommen würden, weil sie uns Zeit dafür lässt und der Körper zur Ruhe kommt, entfernen lassen. Wenn uns die Ruhebank fehlt, wird uns irgendwann schwindelig und wir kommen ins Taumeln.
Dem Leben einen Sinn geben? Ist das nicht schon die falsche Frage? Wir sind ungefragt auf die Welt geschubst worden. Das lässt es zumindest logisch erscheinen, dass, wenn er denn da ist, dieser Sinn, er unserem Leben nicht gegeben werden muss. Er ist schon da. Wenn es diesen Sinn aber gibt, wenn unser Leben Wert besitzt, dann ist es unmöglich, dass dieser Wert erst geschaffen werden muss durch Arbeit, Beruf, Stellung, Familie, Ehe, Kinder. Denn alle diese Aufgaben haben ein Ende. Ob wir darin erfolgreich sind, messen wir zudem an Rückmeldungen, Wertschätzung, Fortkommen, Dankbarkeit, erwiderter Liebe. Aber wir werden pensioniert. Die Kinder nabeln sich ab und ziehen aus, und nicht immer tun sie das, indem sie gleichzeitig ihre Dankbarkeit beteuern. Es gibt Brüche, die absehbar sind, wie das Ende der Erwerbstätigkeit. Und es gibt ganz viele Um-Brüche und Knacks, die uns ereilen, ohne dass wir sie je erwartet haben. Und wenn sie da sind, müssen wir sagen: Wie konnte ich eigentlich denken, nur mir könnte so was nicht geschehen?
Wie, wenn dies alles, was uns widerfährt, was uns umtreibt, was uns nicht schlafenlässt oder es uns schwer macht, zu erwachen, Lebenserfahrungen sind, die uns wie Gleichnisse einen Sinn lehren wollen, den wir für uns ganz allein lernen dürfen, der uns gehört, uns lebendig macht und unsere Wahrheit enthält? Mensch werden, bedeutet, allem Lieben seinen Weg lassen zu können, nichts festhalten zu müssen, auch das Leben nicht – und es so ganz neu zu erfahren.
Jeden Tag, der mit dem Aufstehen beginnt.
Welchen Sinn sie für sich auch finden oder schon haben – er begleitet Sie allein bis ans Ende des Lebens. Und womöglich darüber hinaus. Nach dem Sinn zu fragen, manchmal auch daran zu (ver-)zweifeln, ist in keiner Weise falsch, nur weil man mit Konsum oder Alltagsstress alles überdecken könnte. Denn es locken die Momente, in denen eine Bank auf festem Grund zum Sitzen einlädt, und man keine Ausrede braucht, um sich tatsächlich zu setzen. Um dann zu merken: Hierher gehöre ich. Hier und jetzt.
Womöglich gibt es auch in ihrem Leben immer mehr solche Momente, die wie Sitzecken und Wiesen sind, auf denen man unter schattigen Bäumen ruht und seinem Herzschlag lauschen kann. Er hat nie ausgesetzt. Gott sei Dank. Auch nicht in den tausenden von Stunden, in denen wir dem eigenen Körper und Geist keine Liebe geschenkt haben. Stattdessen haben wir sie von anderen erwartet. Als würden wir einen Beweis brauchen, dass es uns gibt. Und geben soll.
