Wir Völker - im Wollen vereint?
Massenanlässe bringen es, gerade im Vorfeld, mit sich, dass die Medien meist alle eine ähnliche Melodie spielen. Das kann schon mal die Realitäten verzerren, oder tut es gar immer. Was von den Spielen nachhaltig bleibt, ist noch offen.


In diesem Blog wird viel gegen die Menschenrechtsverletzungen und gegen die Zensur in China angeschrieben. In diesen Wochen bin ich nun nur eine Stimme unter vielen. Das ist schön, aber auch nur eine direkte Reaktion vieler persönlicher Erfahrungen von westlichen Medienschaffenden in Peking. Mit der Eröffnungsfeier heute, die ein gigantisches Massenspektakel werden wird, perfekt organisierte und inthronisierte Demonstration einer vorgeführten Volksidentität (wie jedesmal bei Olympia), wird der Anlass an sich in den Vordergrund rücken – und damit die Sportler, deren Karrierehöhepunkt das werden soll.
Und das ist auch in Ordnung so. Aufschrei? Nicht angebracht. Den Chinesen ist der gleiche Stolz für ihr Land zu gönnen, wie wir ihn auch aufbringen können, wenn der Anlass dazu gegeben scheint. Im Milliardenvolk der Chinesen gibt es hunderte von Millionen Menschen, die sich durch die westliche Kritik missverstanden fühlen. Sie sind stolz auf die Entwicklung des Landes und freuen sich auf die Spiele, mit denen die TV-Bilder einer perfekten Organisation und Gastfreundschaft in die Welt hinaus getragen werden.
Die Mentalität wie die Geschichte der Chinesen ist sehr verschieden von der unseren, aber Gast zu sein in diesem Land kann eine ganz wunderbare Erfahrung sein. Ich werde unsere Reiseführer nie vergessen, deren Fürsorge und Freundlichkeit, der nie nachlassende Wille, dem Gast seine Wünsche zu erfüllen, mögen die nun verstanden werden oder nicht. Die Wissbegierde und die perfekten Fremdsprachenkenntnisse, der Einblick in eine Kultur der Sprache mit Silben, die je nach Tonalität etwas ganz anderes bezeichnen, der Stolz aller Dienstleister, einen perfekten Job zu machen, das breite Lachen in so manchem Gesicht genau so wie die stille Melancholie in alten Gesichtern, denen doch die Bitterkeit fehlte.
China war ein Moloch, und dieser Moloch hat sich bewegt und schiebt sich weiter. Aber die Menschen, die ihm angehören, wollen prinzipiell dasselbe wie wir. Und genau das ist ja auch ein Teil unserer Angst.
Es wird daher nicht nur für China eine Herausforderung sein, sich demokratischeren Strukturen zu öffnen – oder aber zumindest die sich klaffend öffnende Schere zwischen arm und reich wieder etwas zu schliessen und das demographische Problem zu lösen (massive Überalterung der Bevölkerung ist absehbar). Es wird auch für uns unabdingbar sein, sich mit den chinesischen Befindlichkeiten auseinander zu setzen und ihnen gerecht zu werden.
Olympia mag dafür kein gutes Beispiel werden oder sein. Ein Grund mehr, sich in der Zukunft damit sehr viel intensiver zu beschäftigen. Wir werden gar nicht anders können. Und dabei nicht vergessen, dass dazu immer die Kritik am eigenen Verhalten gehört: Das chinesische Kalkül bei Olympia verbindet sich sehr wohl mit den westlichen Spekulationen für mehr wirtschaftliche Prosperität im direkten Kontakt.
Es wird viele Bilder von lachenden Menschen geben, manch erlebtes Symbol der Völkerverständigung. So was macht immer auch Hoffnung, und man sollte das auch nicht zynisch zerreden. Denn das Grundbedürfnis des Menschen nach einer Eintracht im Zusammenleben ist nicht zu verlachen. Schätzt man es zu gering ein, so fällt das irgendwann auf die Herrschenden (die es immer gibt) zurück. Wenn die Bilder nur noch Erinnerung sind, wird Bilanz gezogen, der Alltag neu oder alt gelebt, so manche Hoffnung wird sich zerschlagen und anderes wird sich wider Erwarten verändern.
Der Erfolg oder Misserfolg wird in vielen Bilanzen errechnet werden, von denen viele ganz sicher zu unterschiedlichen Schlüssen führen werden. Ob die Welt näher zusammen rückt oder wir uns einander entfremden, ob wir weiter die Welt schneller zerstören werden als dass wir sie regenerieren liessen – das entscheidet sich nicht an Olympia. Der Anlass an sich ist nur im politischen Sinne nachhaltig, ein Schwungrad, das sich wirtschaftlich und gesellschaftlich nutzen lässt, wenn hinter den Fassaden tatsächliche Kräfte wirken.
Die Welt schaut nach Peking. Die Welt schaut auf sich. Auch dieses Mal.
Wir haben keine andere.
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[Bilder: kultur-online.net + Brief/Rundmail von Amnesty International ]
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