Mein Schreiben. Täglich.
Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.
Mir fällt das oft selbst schwer genug...
Wie weit haben Sie es zu Ihrer Buddhanatur?
∞ 13 März 2010, 20:10
Ich habe zu Weihnachten den aktuellen Sprüchekalender des Dalai Lama geschenkt bekommen. Und wieder einmal fällt mir auf, wie oberflächlich wir hier im Westen seine Worte aufnehmen können – und wie banal sie oft klingen mögen.
Doch spätestens jetzt, im dritten Monat, dürfte manchem aufgehen, dass das scheinbar Banale genau so eine besondere Herausforderung darstellt wie die scheinbar frohen Botschaften, für die wir den Buddhismus lieben. Denn dabei geht gerne und sehr gründlich vergessen,dass das, was wir uns im Christentum gerne wegwünschen, nämlich die Betonung des menschlichen Leids und unseres Gefangenseins in diesem Empfinden, DAS zentrale Thema des Buddhismus ist – und zwar so sehr, dass sich ein gläubiger Buddhist, der nach seiner Buddhanatur strebt, alles andere im Sinn hat als die Wiedergeburt…
Buddhismus ist eine ausgleichende, eine tolerante Religion, meinen wir. Ja? Da der Buddhismus keinen Gott, keine monotheistisch personifizierte göttliche Instanz kennt, bezeichnet man den Buddhismus in seiner Grundlehre wohl besser als spirituelle Philosophie, die Weisheiten vermittelt, die wir alle in entsprechender Meditation und Kontemplation sowie in konzentriertem Nachdenken erfahren und überprüfen können.
Interessant ist hier, dass auch der Buddhismus dazu ermahnt, sich innerlich nicht an Freundschaften oder gar Verwandtschaften zu binden. Nicht nur die Nachfolge Jesu, sondern auch jede andere vertiefte Auseinandersetzung mit den wirklichen Essenzen der menschlichen Existenz führen zu Schlüssen wie diesem:
Die Liebe, die wir unserer Familie und unseren Freunden gegenüber empfinden, ist von Unwissenheit, Sehnsucht und Anhaftung geprägt.
Liebe begründet Beziehungen – und fragt früher oder später nach Reaktionen. Sie will Dankbarkeit erzeugen, wünscht sich Gegenliebe, erkennt Ansprüche in den geschaffenen oder durch Gene bedingten Beziehungen. Sie wird nicht frei gegeben, und wenn sie verschenkt wird, so schauen wir ihr nach: Wir geben nicht, ohne dass wir die Reaktion des anderen dafür hernehmen, ob sich die Liebe “lohnt”. Und damit fragen wir am ganz falschen Ort nach. Die eigentliche Prüfung sollte sich nach innen richten: Was ich an Liebe gebe – ist es ohne Anspruch. Kommt es aus dem, was schon da ist und was ich fühlen darf? Ist meine Liebe Mitgefühl, das aus mir ströhmt, ganz ohne Bedingung, ohne Erwartung, weil ich diese Liebe als gegeben erlebe und alle, die mir begegnen, von dieser gleichen Liebe umgeben und durchdrungen sind, wenn sie diese denn erkennen können? Oder habe ich ein anderes Ziel als dieser Liebe nachzuspüren und sie weiter zu geben, in dem ich sie lebe?
Am Tag darauf hiess es:
Wenn unser letztendliches Ziel ist, so viel als möglich für andere zu tun, dann sollten wir jeden Augenblick unseres Lebens darauf verwenden, es zu verwirklichen.
Helfe ich, um mich besser zu fühlen? Liegt in meiner Grundmotivation eine Art Kapitulation? Ich kann nämlich jemand anderen fördern, um mir damit zu bestätigen,dass dies besser ist, als an die eigenen Talente zu glauben, die ja ganz bestimmt kümmerlicher sind. Oder eben nur dann gelten, wenn sie jemand anderem dienen. Die beiden Mönche auf diesem Bild gehen gemeinsam. Und doch wirken sie so, dass sie Beide in aller erster Linie bei sich selber sind. Nein: In nichts sollte ich mein Tun und denken, mein Fühlen und Streben, meine Stimmungen und meine Orientierung von anderen Menschen und deren Reaktionen abhängig machen.
Wo ich mit meiner Liebe hingehe, wenn keine Menschen um mich herum sind, sollte mir keinen Moment Unruhe bescheren. Ich bin schliesslich immer da. Und wenn es stimmt, dass jeder Mensch seine Buddhanatur fördern und entwickeln kann, dann hat der Schöpfer dieses Ziel mit sehr viel persönlicher Arbeit verknüpft – jenseits aller Freundschaften und Anerkennungen, ob sie nun vorhanden sind oder nicht. Die eigentliche Kennung nämlich, die fragt nach der inneren Wahrheit der Dinge. Es ist die Philosophie, die nicht überzeugen will, sondern erfahren lassen. Und Erfahrung bedeutet: Ich stehe tatsächlich im Zentrum. Aber im inneren.