Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Wenn nur der Mangel grösser wird…

∞  2 März 2011, 16:37

Älter werden heisst, immer häufiger festzustellen, dass man nicht mehr der gleiche ist.



Wir waren spazieren. Sonnenschein auf der Haut, aber ein giftiger Wind striegelt mich durch und lässt mich vor allem mit klammen Fingern nach Hause kommen. Nun sitze ich wieder vor der Tastatur und schreibe. Das geschieht in aller Regel sehr schnell und flink – nun aber ist jedes Abspreizen der Hand ungelenk: Die Kälte ist mir in die Knochen gefahren, wie es so schön heisst. Ich stelle mir vor, es wäre Rheuma oder ich hätte Arthritis – und für einmal kann ich körperlich fühlen, was es für mich bedeuten würde, ich wäre in einigen dieser Dinge dauerhaft eingeschränkt.
Es gibt für nichts eine Garantie, und nur, weil Hände und Füsse, Herz und Lunge in meinen Jahren in aller Regel funktionieren, wie sie es auch sollen, wird das Wunder, dass sie es tun, nicht kleiner. Denn es gibt keinen Anspruch, der mir solches garantierte. Nur eine Wahrscheinlichkeit und hoffentlich die Gnade eines gesunden weiteren Lebens.
Ich stelle mir die Menschen vor, welche tagtäglich Immobilität und Schmerzen von neuem akzeptieren und annehmen müssen, die Bitterkeit, die sich dabei über die Seele legen kann… Es ist ganz furchtbar, wenn solche Entwicklungen Menschen plötzlich zwingen, ihre liebste Tätigkeit aufzugeben, „obwohl sie noch so jung sind“.
Bald muss ich wieder ins Spital. Wieder Routine, aber ich habe eigentlich mehr Respekt als vor der ersten Prozedur. Aber der Nierenstein muss weg. Ein problemloser Eingriff, reine Routine, tausendfach durchgeführt. Aber es sind Verletzungen, es wird Fremdmaterial eingesetzt (Harnleiterschiene) und später im Körper ein Fremdkörper zerkleinert und abtransportiert. Alles sehr leicht verständlich und ganz offensichtlich ein positiver Vorgang, „damit es mir besser geht“. Aber ich fühle in diesen Monaten auch, wie lange körperliche Eingriffe offensichtlich nachwirken. Ich klage hier nicht, berichte auch nicht von dauerhaften Empfindungen. Ich stelle einfach fest: Ich bin nicht mehr der Gleiche, und ich habe nicht das gleiche Energiedepot, wi e zuvor zur Verfügung. Oder noch nicht. Aber ich werde keine Kolik-Risiken mehr haben und die Gefahr späterer Infektionen wird gebannt. Nichts lässt mich daran zweifeln, dass die Eingriffe sein sollen. Aber sie ziehen etwas von mir ab. Genauer vermag ich es nicht zu beschreiben.
Wir alle haben Beeinträchtigungen, und sei es nur, dass wir uns wünschen, etwas Bestimmtes viel besser zu könnnen, als es unser Talent uns gestattet – oder eben der Körper, oder die Lebensumstände. Je älter wir werden, desto häufiger werden solche Wahrnehmungen – und dass damit auch ein bisschen Trauer verbunden ist, das ist wohl wahr.