Weinachten. Mit oder ohne Familie Graus oder Schmaus.

istockphoto.com/mstay: “Kids and Parents”
Es ist wieder mal “Zeit”. Weihnachten als Familienfest, als der absolute Lackmustest dieser sich gesellschaftlich laufend so wandelnden Gemeinschaft steht bevor und soll und will gefeiert werden.
Erwartungen, ob unterschwellig oder offenkundig, werden hoch gefahren oder verzweifelt tief gehalten, im Wissen, dass nichts das Fest so gefährdet wie falsche Vorstellungen, die man doch endlich einmal einfach als unnötig in die Ecke schieben könnte, oder doch nicht?
Ich repetiere hier ein paar Aussagen von Prof. Fritz B. Simon aus dem letzten Nachtcafé-Talk zum Thema Wie viel Familie braucht der Mensch?
• Die Familie ist noch der einzige Ort, wo der Mensch als Ganzes gesehen wird und nicht austauschbar ist.
• Niemand kann aber einen auch so kränken wie die eigene Familie. Wenn Zugehörigkeit identitätsstiftend ist, heisst das, dass jedes andere Familienmitglied an meiner Identität herum schrauben kann.
• Der Selbstwert ist etwas labiles; man steht immer zur Debatte. Es ist hoch riskant, in einer Familie zu leben. Familien sind hoch ambivalente Kisten.
• Familien sind der Ort privater Beziehungen, mit oder ohne Trauschein, wo Sie als Individuum gesehen werden (können).
• Wieviel Zeit muss man zusammen verbringen? Wann geht man auf Distanz?
Urvertrauen entsteht durch gemeinsame Geschichte, durch die Erfahrung, dass man sich verlassen kann. Dann erträgt man auch lange Trennungen und Abwesenheiten. Die Stimme des Blutes aber gibt es nicht, das ist Quatsch.
Und deshalb wohl enthält Weihnachten so viele Möglichkeiten, wie das Leben an sich. Deshalb zeigt sich bei diesem Fest voller Emotionen und Erwartungen mit all dem Druck, einem Bild entsprechen zu müssen oder eines wieder herstellen zu wollen, wie verletzlich oder verletzt wir sind. Familie hat man oder nicht. Fehlen kann uns in beiden Fällen eine ganze Menge. Dass die Familie heil ist, sein muss, sollte, ist ein Mythos, unter dem wir fast mehr leiden als unter konkreten Missstimmungen. Nichts an der Familie begründet ein Gesetz der erzwungenen Harmonie. In eine Familie wird man hinein geboren. Sie tut einem gut oder nicht, man ist ihr selbst ein Segen oder eher das Gegenteil – so könnte gerade ein unverkrampftes Weihnachtsfest einen Weg aufzeigen, wie man auch mit einander umgehen könnte, auf der Spur zu dem, was uns zugeben lässt, dass wir alle uns einen Ort wünschen, wo wir wohl gelitten sind. Nicht weil wir leisten oder Erwartungen erfüllen, sondern weil wir, siehe oben, uns verlassen können. Auf einander und auf uns selbst.
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