Wawrinka und die Rückmeldung des Glücks
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Es geschieht gar Wunderliches in Melbourne, Australien. Einer der besten Tennisspieler der Welt, der im eigenen Land bis vor kurzem kaum zur Kenntnis genommen wurde, weil aus der kleineren französischen Sprachregion stammend und weil im eigenen Land nur der zweitbeste seiner Sportart, erfährt im reifen Alter seiner Sportkarriere plötzlich, was er alles kann – und dass es auch wahrgenommen wird, bemerkt, und anerkannt. Und plötzlich ist auch auf dem Platz alles anders: Nun verlieren die Gegner gegen ihn so, wie er früher jeweils die Segel streichen musste, und kaum ein Beobachter vergisst deswegen, auf die Stärken von Stan als Grund hinzuweisen, und das ist auch richtig so:
Nun glaubt der Romand an sich und hat sein Spiel so stabilisiert, dass die Gegner oft ratlos wirken, kaum mehr ein Konzept finden, ihn zu dominieren, während er auf hohem Niveau durchspielt. Symptomatisch, wie er die letzten Partien gewann: Djokovic verschlug hinter einander zwei leichte Volleys – es waren die letzten Punkte des Spiels. Da war jemand mürbe gespielt worden und hatte das Denken begonnen, statt einfach weiter zu spielen. Und Berdych? Die Nr. 7 der Welt musste das einzige Break der Partie mit einem einfachen Fehler zugestehen – und servierte in den Tiebreaks zwei und drei gleich drei Doppelfehler.
Interessant: Früher unterliefen Wawrinka gerne zum Ende der Partien solche Fehler, und wir alle haben ein mentales Problem ausgemacht. Es schien irgendwie typisch: Gut gespielt, aber am Ende die Partie im Kopf verloren. Wer ganz offensichtlich hartnäckig weiter arbeitete und kämpfte, wer an sich glaubte und an den Schritt nach vorn im reifen Tennisalter, war Wawrinka allein. Er überwand eine private Krisensituation mit der Familie und machte doch gleichzeitig auch sich selber klar, dass diese letzten Jahre seiner Karriere eine Chance waren, der er alles unterordnen wollte. Seine letzte Trainerwahl war das Tüpfelchen auf dem i. Mit Magnus Norman bekam er den Mann, der ihn genau da abholte, wo Wawrinka wartete, und ruhig, besonnen aber mit Überzeugung die kleinen Dinge markant verbesserungsfähig machte. Da passt einfach ganz viel zusammen, und nun sind die charakterlichen Eigenschaften dieses bescheidenen ruhigen Romands plötzlich seine grossen Stärken. Und während Federer noch seinen ständigen Antipoden Nadal vor der Brust hat, steht Wawrinka erstmals im Endspiel eines Grand Slams – und könnte da Federer den Traum vom 18. Titel zerstören – oder Nadal nach einem Dutzend Niederlagen erstmals besiegen. Aussenseiter ist er eh – aber ich glaube, dass der Reifeprozess bei ihm sehr weit fortgeschritten ist, dass noch selten ein Aufsteiger so fokussiert ins Endspiel gehen konnte: Wawrinka bringt immerhin schon die Erfahrung ganz grosser emotionaler Momente mit, und vor allem deren Verarbeitung. Vielleicht ist es wie mit der Binsenwahrheit aller Tennisspieler: Wenn sie sich über Netzroller zu ihren Ungunsten beklagen, dann kann man ihnen entgegnen: Im Laufe Deiner Tennisjahre gleicht sich das aus. Wenn das auch für Wawrinka gilt, könnte die Erfolgsgeschichte noch weiter gehen – und diese Woche einfach seine Woche bleiben.
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