Vor dem Sturm(?)
Wir warten seit vier Uhr in der Früh auf den Sturm. Es ist ein wenig unwirklich, wenn man inmitten seiner behüteten Wände sitzt, und medial gehypt im Radio hören kann, dass in Basel eben Dächer abgedeckt werden, und der Sturm bald durchs Mittelland ziehen soll…
Es regnet. Seit Stunden. Heftig, dann wieder kaum. Es ist trüb, und sehr nass, wenn ich nach draussen sehe.
Dennoch: Ich muss mal wieder raus. Eigentlich wollte ich an diesem Freitag einen ausgedehnten Bummel durch die Stadt machen, etwas Weihnachtsstimmung einatmen und die Augen-Blicke direkt in die Seele strömen lassen, in meinen Kirchen sitzen, vielleicht einen Punsch schlürfen…
Stattdessen obsiegte die Vernunft: Ich bleib besser zuhause. Arbeit also im Büro, im dunklen, die Läden bleiben geschlossen. Jetzt aber will ich raus. Ich packe mich warm ein und stiefle los. Wähle den Gang der Hauptstrasse nach, ins Dorf. Warum eigentlich? Es ist der direkteste Weg zurück, wenn der Wind stärker werden sollte. Doch es ist eigentlich nur eines, als ich nun die Nase in den Wind strecke: Zu warm.
Es sind etwa zehn Minuten bis zum Laden. Ich merke, dass ich mir selbst bereits die geplante Schlaufe Fussmarsch gekürzt habe. Tatsächlich luftet es kaum. Aber wenn es so richtig anfängt, dann können zehn Minuten Weg sehr lang werden… Im kleinen Einkaufszentrum steht viel Weihnachtstand vor den Verkaufsläden. Gefährlich lose ruckelt so mancher günstige Einkauf am Haken im Wind, der stärker wird. Ich mache meinen Blitzeinkauf im SPAR und auf geht’s, zurück an die Wärme.
Während der nun heftig blasende und sich mit Regen tränkende Wind an meinen Hosenstössen zu zerren beginnt, beschleunige ich meinen Schritt.
Dies ist nun also tatsächlich mal ein Tag, an dem sich das so genannte Alltagsprogramm von so vielen von uns nach dem Wetter richtet, selbst in der Stadt, die ansonsten an manchen Orten die Nacht zum Tag macht und in der die Menschen oft meinen dürften, sie wären zu den Herren über alle Gezeiten geworden…
Ich werde höchstens nass werden, mehr wird mir nicht geschehen. Autos ziehen vorbei, ich sehe nicht auf. Ich bin eh der einzige Fussgänger auf der Strasse. Ob es auch Schnee geben wird? Erst haben wir gar keinen, und dann werden sie tagelang in den Höhen gegen ihn zu kämpfen haben… Was für eine Gnade, wenn es die Natur gut mit den Menschen meint und nicht zu sehr übertreibt. Den Überschwang lässt – nicht so wie wir.
Ob es eine grosse Gnade ist, in Umständen zu leben, in denen Kapriolen der Natur kaum mehr ihre Spuren hinterlassen mögen – zumindest vorläufig (noch) nicht – weiss ich gar nicht. Ich fühle mich oft entwurzelt, hasse den so praktischen Teer, auf dem ich gehe und staune dann, dass ich wenigstens Vögel hören und sehen kann. Und wie viele! Sie werden auch nächsten Frühling wieder kommen. Und die Meisen werde ich schon bald am Futtertrog sehen.
Dann bin ich auch schon wieder daheim und betrete das Treppenhaus. Komisch: Hier riecht es plötzlich gar nicht mehr so irritierend – es hat geradezu gestunken in den letzten Tagen, undefinierbar abgestanden war die Luft, wie von vergessenem Käse in einem Abfallsack – und jetzt ist wenig mehr davon zu riechen. Es ist, als würde der Wind durch alle Mauern hindurch unmerklich für Durchzug sorgen…
Daheim gibt es Kaffee. Er schmeckt ganz köstlich – und ich schätze seine Wärme sehr.
