Vom Lauf, Momentum, vom Denken und vom Zweifeln, und...
Nichts macht den Sport so interessant für allgemeine Betrachtungen wie seine immer wieder entstehenden speziellen Drucksituationen, in denen so deutlich wird, dass nicht unbedingt derjenige mit den grössten Möglichkeiten gewinnt, sondern der Teilnehmer mit dem stärksten Kopf.
Nächsten Samstag ist die letzte Runde in der laufenden Bundesliga-Saison in Deutschland. Und nichts daran ist so spannend wie der Abstiegskampf. Es gibt keine grössere nervliche Belastung als ein Fussballspiel, in dem gegen die Relegation in die gefühlte Bedeutungslosigkeit mit entsprechenden finanziellen Konsequenzen angekämpft werden muss. Da sind die Beine schwer wie Bleiklumpen, die Muskeln verkrampfen und jeder einfache Pass kann zur Herausforderung werden.
Dabei war doch Borussia Mönchengladbach schon abgestiegen. Sie wechselten den Trainer, als wirklich nichts mehr ging und es Zeit war, für die zweite Liga zu planen und dafür einen neuen Übungsleiter mit entsprechendem Verständnis für einen gründlichen Neuaufbau einzustellen. Doch Lucien Favre fand sofort den Draht zu den Spielern und zündete ein Feuer – um es gleichzeitig in einem System zu kanalisieren, in dem einfache Aufgaben bisher überforderten Profis wieder Sicherheit gaben. Profis, die nichts mehr verlieren konnten, weil sie schon am Boden lagen. Und nun? Die Mannschaft hat in elf Spielen neunzehn Punkte geholt (in der ganzen Vorrunde waren es in siebzehn Spielen zwölf) und steht plötzlcih auf Platz 16 der Tabelle. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit, gerade noch rechtzeitig, hat man es in der Hand, gar nicht absteigen zu müssen, mindestens die Barrage zu erreichen und sich dort in der ersten Bundesliga zu halten.
Und was bedeutet das nun für den nächsten Samstag?
Eigentlich nur Gutes:
Die Spieler haben einen Lauf.
Sie haben drei Mal in Folge zu null gespielt und gewonnen – und strotzen vor Selbstvertrauen.
Sie sind sich in Gladbach gewohnt, gegen den Abstieg zu spielen. In Frankfurt und Wolfsburg sieht das ein wenig anders aus.
Alles Vorteile, alles Pluspunkte.
Wenn man da nicht auch sagen könnte:
Wenn sie es jetzt doch nicht schaffen und im letzten Spiel verlieren, ist alle Mühe vielleicht umsonst und sie steigen doch ab.
Dann wäre der Knacks um so brutaler und es könnte sehr, sehr schwer werden, wieder aufzustehen.
Der Neuaufbau wäre plötzlich wieder sehr schwer anzuschieben.
Zum ersten Mal seit vielen Wochen haben die Spieler nächsten Samstag wieder etwas zu verlieren. Sehr viel sogar.
Favre mahnt selbst, sie hätten noch überhaupt nichts gewonnen und müssten in Hamburg unbedingt gewinnen. Wenn die Spieler ins Denken kommen, wird daraus gerade jetzt sehr schnell plötzlich doch ein Grübeln. Und schon sind die Beine wieder so schwer wie bei der Konkurrenz… Die Gladbacher könnten plötzlich wieder im gleichen mentalen Strudel versinken wie die Konkurrenten.
Es sind diese Konstellationen, in denen so deutlich wird, wie viel das Selbstvertrauen und das richtige Selbstverständnis bezüglich der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten ausmacht.
Und Denken ist nicht immer gut. Vor allem “was, wenn?” ist verboten. Streng verboten.
Die Mannschaft mit dem grössten Vertrauen der Spieler in sich selbst und ins eigene Team wird es schaffen. Und vielleicht muss man am Ende das Glück bemühen. Das scheinbare oder tatsächliche… Ein Ball an den Pfosten, um fünf Zentimeter zu weit links liefert vielleicht die finale Antwort – und auch keine. Ein Torschuss wird nur den Fokus der Diskussion und Nachbetrachtung bestimmen.
Gerade die Tatsache aber, dass es immer auch Unwägbarkeiten sind, die zu den eigenen Gunsten kippen, oder eben nicht, sollten im Erfolg und in der Niederlage ein wenig Demut fördern: Es geht darum, möglichst das zu leisten, was man kann. Ob und wie gut es gelingt, dafür gibt es Gründe. Viele Gründe. Nur einen Teil kann man für sich selbst heraus arbeiten und das nächste Mal entsprechend zu beeinflussen versuchen. Mehr ist nicht zu tun. Im ganzen Leben nicht.
