Mein Schreiben. Täglich.

Teilen Sie mit mir unbeschwerte und schwere Gedanken in Prosa oder Lyrik und versuchen Sie, Grau in Blau zu verwandeln - unter welchem Himmel auch immer.

Mir fällt das oft selbst schwer genug...


Verträge schliessen – gerade weil man sich verträgt

∞  21 Juli 2011, 23:24

Die grösste Weisheit einer aufrichtigen Beziehung und jeder noch so gearteten Partnerschaft liegt darin, dass man sich nicht scheut, Verträge zu schliessen, auch und gerade da, wo man glaubt, man würde sie nie brauchen.


Braucht die grosse Liebe keine Versicherungen? Ist ein Ehevertrag, der Geld verteilt, statt es in eine gemeinsame Schatulle zu legen, ein Gegenbeweis zur behaupteten Liebe? Kann es ein Paar ernst meinen, wenn es, z.B., eine Gütertrennung vereinbart hat?

Oh ja, und wie! Gerade in der Vorsorge, wichtige Dinge im Sinne beider Parteien dann zu regeln, wenn man sich nur Gutes wünscht, kann sicherstellen, dass im Streitfall nicht über jeden Buchstaben gestritten wird, weil es eben glasklare Fakten gibt.

Wer aber gütlich redlich treulich in allem auf den guten Willen des Anderen baute, erlebt die harte Realität in einer Weise, die man niemandem wünschen muss – auch und gerade, wenn man sich liebt: Niemand mag denken, es könnte so kommen – aber es gehört schon sehr viel Naivität dazu, zu meinen, es könnte einem selbst ganz bestimmt nicht geschehen, was 50% der Paare früher oder später erlebt…

Wir haben immer wieder Kopfschütteln dafür geerntet, dass wir es selbst anders hielten. Unsere Sicht, dass gerade das gute Einvernehmen mit einschliesst, dass man für einander für jeden Fall sorgt, auch für denjenigen, bei dem man später blind vor Bitterkeit sein könnte, wurde nicht verstanden. Aber Romantik hat in der Regelung der materiellen Existenz nichts zu suchen. Hier besteht die umarmende Geborgenheit im Faktum, dass man einander eine Sicherheit anbietet, die unabhängig ist vom eigenen Wohlwollen. Wenn sich die Wege trennen, hat man einen gemeinsamen Weg hinter sich – und dieser Weg muss an der Gabelung nach Möglichkeit in zwei Richtungen für zwei Menschen weiterhin Sicherheit bedeuten können. Dafür sollte man so viel wie möglich bedenken.

Wer es nicht tut, wendet keinerlei Unglück ab, nur weil er es nicht herbeidenkt. Das gilt für Testamente genauso wie für Partnerschaftsverträge.

Zu dieser Nüchternheit gehört sehr wohl auch die Einsicht, dass man keinen zukünftigen Streitfall im voraus in jedem Fall schlüssig mit Worten umschreiben und gültig regeln kann. Jede Vereinbarung bietet immer Möglichkeit zum Widerspruch, zur Deutung und – nach wie vor – zum Streit. Aber genau deswegen sollte man in friedlichen und ruhigen Zeiten möglichst viel dafür tun, dass der Sinn und Geist des gemeinsamen Willens verbindlich bleibt, über Trennungen und Schmerzen hinaus.

Auch ein Neuanfang wird so immer einfacher möglich sein, weil die gemeinsame Gedankenarbeit diese beidseitige Enttäuschung nicht ausgeklammert hat, dafür aber Lösungen in einem Zeitpunkt suchte, als Beide sich bewusst waren, dass ein Auseinanderdriften der eigenen Hoffnungen und Träume zur Realität auch immer mit beiden Menschen einer Verbindung zu tun hat. Mit dir und mir.

Wenn man mit diesem Wissen, mit dieser Art von Reife für einander vorsorgen kann, dann ist dies ein sehr schöner und liebevoller Prozess. Auch wenn es dabei um Zahlen geht, um Aufteilen statt Teilen, um Wegskizzen für ein einzelnes Paar Schuhe statt für ein Tandem.