Teilzeitmänner
Neun von zehn Männern, die auch Väter sind, würden gerne Teilzeit arbeiten, nur einer tut es.
Unter allen Männern, egal ob mit oder ohne Kinder, sind es auch nur 13.6%. Was läuft da falsch?
Ich zweifle zwar die neunzig Prozent schon sehr an, es sei denn, man zählt auch all jene dazu, die einem Teilzeiter schnell mal hinwerfen: “So schön möchte ich es auch haben.”
istockphoto.com/koun
Aber es ist ganz offensichtlich so, dass Männern das eigene Identifikationsbild – und womöglich auch die gesellschaftlichen Realitäten im Weg stehen, wenn sie sich wünschen, den so genannten weichen Zielen eines menschlichen Lebens, ihres Lebens, auch Raum zu schenken.
Den Männern ist die Selbstidentifikation durch den Beweis der eigenen Leistungsfähigkeit tief in die Hirnrinden eingebrannt. Männlich, nicht dumm, gilt der, welcher 200% schuftet und dann noch fragt, was er denn jetzt, bitteschön, mit der letzten Stunde des Tages noch Sinnvolles anfangen könnte. Männer gefallen sich in der Wichtigkeit, mit der sie in Jobs geködert werden, in denen Überstunden zum guten Ton und Überbelastung zur Führungserfahrung gehören. Männer trugen die Leistungsgesellschaft in die Gegenwart, in der sie nun die deutlich geringere Lebenserwartung als ihre Frauen haben (die war vor hundert Jahren noch identisch und es gibt auch keinen biologischen Grund für diese Entwicklung, die in der phyiologischen Eigenart des Mannes angelegt wäre). Der Mann beackert also das Feld, doch irgendwie ist die Erde trocken geworden. Wiederum nach Statistik reicht heute in der Lebenssituation der meisten Familien (und nach allgemein geteilten Ansprüchen) ein Vollzeitjob nicht mehr, um eine Familie durchzubringen. Das ruft ja geradezu nach geteilter Verantwortung – und damit nach Teilzeitmodellen für beide Lebenspartner. In der Schweizer Verfassung wäre übrigens genau diese Teilung vorgesehen, denn sie erhebt den Anspruch der Gleichstellung von Mann und Frau, und dies bedeutet, dass dem Mann noch einiges zu tun bleibt.
Gemeinhin wird von ihm allenfalls erwartet, dass er aktiver mithilft, die immer noch vorhandene Lohndiskriminierung der Frauen von rund 8% zu beseitigen. Aber wie reagiert Frau, Hand aufs Herz, wenn Mann wirklich 100% soziale Kompetenz für 50% der sozialen Familienarbeit und Kinderbetreuung für sich reklamiert – und darin auch noch Talent verrät?
Die Diskussion ist, zugegeben, einigermassen theoretisch, denn es soll nicht wenige Männer geben, die in ihrem privaten Umfeld verschweigen, dass sie, zum Beispiel, auch als Single “nur” 80% arbeiten. Am Freitag haben sie nicht einfach blaue Zeit, nein, dann sind sie “auf Weiterbildung”. Oder so. Männer glauben, als Teilzeiter würden sie zu Mustern ohne Wert, Vorzeigefiguren für ein neues Gesellschaftsmodell, in dem sie jedoch von Karrieren ausgesperrt werden – und ihren Status in der Gesellschaft verlieren. Es braucht tatsächlich die innere Bereitschaft, auf die Karriere und den Touch des absolut Erfolgreichen in der Wahrnehmung des Herrn Jedermanns und der Workahoics zu verzichten (Suchtprobleme, Burnouts etc. sind in ihrer grossen Mehrzahl ein Männerproblem). Mann muss sich aus seiner inneren Nabelschau heraus selbst genügen – so wie manche Hausfrau auch. Er kann wenigstens sagen, er würde privatisieren, wenn er mehr als nur pro forma ums Haus herum lebt – ihr würde man eine solche Formulierung als Scherz abtun – oder noch Schlimmeres.
Wir können diese Bestandesaufnahmen beklagen und “die Gesellschaft” bemäkeln. Wir können uns aber auch an der Nase nehmen und uns bewusst machen, wie viele Widerstände gegen die augenscheinlich doch so positiven Effekte einer Veränderung zu mehr Teilzeitarbeit in uns selbst und unserem ganz eigenen Mikrokosmus schlummern. Längst herrscht wenigstens in Sachen Ungerechtigkeit Gleichberechtigung: Der sozial kompetente Mann kriegt sein Bein nicht so richtig in die Familie. Dass er, möchte er das tatsächlich, irgendwie verdächtig erscheint, wird dadurch nicht besser, dass Teilzeitmänner im Verhältnis weniger verdienen als Vollzeitbeschäftigte – in Relation sind es satte 16%. Dabei müsste es umgekehrt sein:
Nach entsprechenden Erhebungen leisten Teilzeitbeschäftigte in qualifizierten Jobs im Verhältnis mehr als Berufskollegen in Vollzeit. Wenn das nicht ein betriebswirtschaftlicher Anreiz für Unternehmen wäre, ihre Beschäftigungsmodelle anzupassen. Nur: Das braucht Zeit und Energie und das entsprechende Weltbild. Und das hat der männliche Chef mit sechzig Arbeitsstunden wahrscheinlich gerade nicht – vermutet der werdende Vater oder teilende Ehemann, der darum lieber die Klappe hält.
Selbst bin ich seit etlichen Jahren Hardcore-Teilzeitarbeiter. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der bewusste Entscheid, mir dank mehr Zeit eine Qualität in meinen Arbeitsprozessen zu schaffen, die mir täglich den Blick über die Schuhspitzen hinaus gestattet, unbezahlbar ist. Nur: Das wusste ich schon, bevor ich mich dazu entschied, und unfair an meinem Zeugnis ist, dass ich es mir als Teil eines Teams ohne Kinder mit absolut kongruenten Zielen unter uns Partnern auch leisten konnte. Es galt nur, mit der Möglichkeit fertig zu werden, nicht wirklich zurück kehren und so nicht länger eine eigene Firma führen zu können. Alle diese gehauchten Fahnen des Respekts würden verloren gehen – dafür erkannte ich schnell, dass ich mir eine Art Status aus dem Faktum schuf, dass ich mir “das leistete”, was andere gerne auch hätten: Mehr Zeit. Ich überlistete dabei mich selbt und mein Geltungs-Ego:
Ich machte aus meiner Teilzeitprivatisierung einfach den Erfolg, “es” nicht nötig zu haben. Und es dauerte recht lange, bis ich von dem Gaul wieder runter stieg und solche Sperenzchen auch vor mir selbst lassen konnte. Es gibt einfach verschiedene Bedürfnisse in einem gestreckten Leben, und im Galopp erreicht man gewisse Ziele nicht leichter als im Schritt, im Gegenteil. Mehr Luft und freiere Vorstellungen davon, wie ein Leben, das eigene wie das benachbarte, auszusehen hat, würden schon mächtig helfen.
Übrigens, für die Leistungsfanatiker unter uns: Ich habe nie mehr gearbeitet, als seit meiner Teil“pensionierung”, nur kriege ich für Vieles davon keinen Lohn. Also, kein Geld.
Und sehen Sie: Dass ich es nötig fand, das hier nun auch noch zu erwähnen, obwohl das Alle wissen, die es irgendwie interessieren mag, zeigt uns und mir: Ich habe mich längst noch nicht emanzipiert von diesem Kittel- und Frachdenken. Aber immerhin: Ich lebe so, wie ich es will. Und ich habe ein geschäftliches und privates Umfeld, das mich unterstützt und das, was es dafür bekommt, gerne nimmt. Glück wird in kleinen Zellen geschaffen – oder zumindest begünstigt.
![]()
Markus Theunert: Es braucht Mut, Teilzeit zu arbeiten
und als Organisation:
männer.ch
![]()
